
Andreas Lorenz | Ecken statt Kantenlosigkeit: Warum Menschen Echtheit bewundern
Flirttrainer Andreas Lorenz über Zittern am Tresen, fünf Jahre am Existenzminimum und die Frage, warum ein gutes Kennenlernen weniger mit perfekten Sprüchen als mit Respekt vor einem Nein zu tun hat. „Hey Mädels, darf man euch Gesellschaft leisten?“ Der Satz war heraus, doch für Andreas Lorenz fühlte es sich an, als wäre mit ihm auch die Zeit stehen geblieben. Vor ihm saßen zwei junge Frauen, hinter ihm beobachteten drei Freunde, ob er sich gerade blamieren würde. Andreas Lorenz stotterte, zitterte und spürte sein Herz irgendwo in Richtung Hose verschwinden. Eine der beiden Frauen bat ihn schließlich, sich zu ihnen zu setzen. Er bekam sogar ihre Handynummer. Später sagte sie ihm ab.
Folge 3 | 15. August 2022
Im Gespräch mit André Puchta
Eine große Verführungsgeschichte ist das nicht. Andreas Lorenz selbst vermutet bis heute, die beiden hätten ihn eher aus Mitleid aufgenommen. Gerade deshalb taugt die Szene als Anfang seiner beruflichen Biografie. Der Mann, der später anderen beibringen sollte, fremde Menschen anzusprechen, war zunächst vor allem mit der eigenen Angst beschäftigt. Er kannte die Unsicherheit, die gedanklichen Generalproben und die ernüchternde Erfahrung, als guter Freund geschätzt zu werden, während sich die Frau in einen anderen verliebte. Heute nennt man diesen Zustand „Friendzone“. Damals suchte Andreas Lorenz schlicht nach einer Erklärung: Warum fanden Frauen andere Männer interessant – und ihn nicht?

Die vermeintliche Antwort entdeckte er mit 17 Jahren an einem Kiosk in Straubing. Andreas Lorenz besuchte dort eine private Wirtschaftsschule und musste nach Unterrichtsschluss Zeit überbrücken, bis sein Zug in das Dorf fuhr, in dem seine Eltern lebten. Bücher gehörten nicht zu seinen Leidenschaften. Trotzdem fiel ihm ein Ratgeber über das Verführen auf. Er kaufte ihn heimlich, damit die Schulkameraden nichts bemerkten, und las ihn wie eine Gebrauchsanweisung für ein Leben, zu dem ihm bislang der Zugang gefehlt hatte. Das Buch habe ihm zum ersten Mal das Gefühl gegeben, „dass ein Mann wie ich es schaffen kann, eine tolle Frau in sein Leben zu ziehen“. Vor allem gab es ihm Hoffnung.
Was Andreas Lorenz heute verkauft, ist im Kern eine professionell weiterentwickelte Version dieser Hoffnung. Seine Kundschaft besteht nach seiner Beschreibung nicht aus gesellschaftlichen Außenseitern, sondern häufig aus intelligenten, beruflich erfolgreichen Männern, die viel nachdenken und wenig riskieren. Der jüngste Teilnehmer seines Coachings war 18, der älteste 63 Jahre alt. Bürokaufleute kommen ebenso wie Manager, Unternehmer oder Soldaten. Viele hätten Karriere gemacht und irgendwann festgestellt, dass sie für Partnerschaft kaum Zeit eingeplant hatten. Sie suchen bei ihm nicht die schnelle Nummer, sondern eine Beziehung. Das ist Andreas Lorenz wichtig.
Wer bei ihm lernen möchte, möglichst viele One-Night-Stands zu sammeln, sei an der falschen Adresse.
Wirkliches Glück beginne für ihn dort, wo Menschen sich aufeinander einlassen, Vertrauen entwickeln und auch ihre Ängste miteinander teilen können. „Wenn wirklich Liebe im Raum ist, entsteht eine viel tiefere, emotionale Verbindung“, sagt er. Hinter dem Berufsbild des Flirttrainers steht bei ihm weniger der lässige Verführer als der überzeugte Beziehungsmensch. Sein Weg dorthin führte zunächst in die Krankenpflege. Nach Praktika als Koch und Einzelhandelskaufmann absolvierte Andreas Lorenz ein Freiwilliges Soziales Jahr in Regensburg. Die Arbeit mit Menschen gefiel ihm, weil er helfen und zugleich seine eigenen sozialen Fähigkeiten verbessern konnte. Später begann er in München eine Ausbildung zum Krankenpfleger.
Der Beruf hatte wenig mit den klassischen Statussymbolen zu tun, die in Umfragen regelmäßig als attraktiv gelten. Für Andreas Lorenz war jedoch entscheidend, dass er mit Menschen reden, zuhören und lernen musste, wie Nähe entsteht. München wurde zu seinem privaten Trainingsgelände. Zwischen Stachus und Odeonsplatz sprach er beinahe täglich Frauen an. Was für andere ein Einkaufsbummel war, betrachtete er als Übung in Wirkung, Körpersprache und Überwindung. Von Montag bis Freitag trainierte er im Alltag, am Wochenende im Club, unter der Woche zusätzlich auf Datingplattformen. „Ich habe nichts anderes gemacht“, sagt er rückblickend. Aus Unsicherheit wurde ein beinahe systematisches Forschungsprojekt am eigenen Sozialverhalten.
Andreas Lorenz behauptet nicht, dass jeder Ort unter allen Umständen gleich geeignet sei. Eine Frau nachts um drei auf einer dunklen Straße anzusprechen, könne bedrohlich wirken. Tagsüber, in einer belebten Umgebung, sei ein Gespräch leichter und vermittle mehr Sicherheit. Entscheidend sei, von Beginn an erkennen zu lassen, dass keine Gefahr ausgehe, und Grenzen zu akzeptieren. Diese Einschränkung ist wesentlich, weil die Idee des offensiven Ansprechens schnell in ein übergriffiges Missverständnis kippen kann. Andreas Lorenz formuliert deshalb keinen Anspruch auf Aufmerksamkeit. Er spricht von einem Angebot.
2014 zog er nach Berlin. Ein Freund war bereits in die Hauptstadt gegangen, gemeinsam wollten sie das Coaching professioneller aufbauen.
Andreas Lorenz mochte die Offenheit und Toleranz der Stadt und plante zunächst, höchstens drei Jahre zu bleiben. Aus den drei Jahren wurden deutlich mehr. Auf die hübsche Zusammenfassung, er sei für einen Mann nach Berlin gezogen und wegen einer Frau geblieben, antwortet er lachend: „So ist es.“ Beruflich war diese Zeit weniger romantisch. Vier oder fünf Jahre lang lebte Andreas Lorenz nach eigener Aussage immer wieder am Existenzminimum. Die Frage, wie er im kommenden Monat seine Miete bezahlen sollte, gehörte zum Alltag.
Um sich Wissen für das eigene Unternehmen anzueignen, arbeitete er in einem Marketingpraktikum für 400 Euro bei einer Vollzeitstelle. Zusätzlich betreute er sein noch junges Geschäft. Am Wochenende stieg er morgens um fünf in den Zug, fuhr etwa nach Köln, gab dort mehrere Stunden Coaching und reiste wieder zurück, weil er sich kein Hotel leisten konnte. „Wenn du liebst, was du tust, zieht dich das durch die tiefsten Täler“, sagt Andreas Lorenz. Das klingt nach einem Satz aus einem Gründerratgeber, für ihn war es jedoch praktische Notwendigkeit. Leidenschaft allein reiche trotzdem nicht. Man brauche Durchhaltevermögen und vor allem eine Strategie. Ein Geschäftsmodell funktioniere dann, wenn es ein konkretes Problem löse, für dessen Lösung Menschen zu zahlen bereit seien.
Inzwischen hat Andreas Lorenz eine GmbH gegründet und beschäftigt ein kleines Team. Mitarbeitende betreuen unter anderem seinen Blog, die Organisation und erste Analysegespräche mit Interessenten. Die Coachings führte er zum Zeitpunkt des Gesprächs noch überwiegend selbst durch. Bevor jemand mit ihm durch eine Fußgängerzone zieht, steht eine Bestandsaufnahme. Was glaubt der Teilnehmer selbst, was ihn zurückhält? Fehlt ihm der Mut zur Kontaktaufnahme, hält er sich grundsätzlich für nicht liebenswert oder versucht er, Zuneigung durch Geld und Großzügigkeit zu erkaufen? Andreas Lorenz spricht von Verhaltensmustern, Stärken und „positiven Referenzerfahrungen“. Wer Angst vor dem Ansprechen hat, soll in einer begleiteten Alltagssituation erleben, dass ein Gespräch weder automatisch in einer Demütigung noch in einer Katastrophe endet. Sein Versprechen klingt kühn:
Den entscheidenden Knoten könne man mitunter an einem einzigen Praxistag lösen.
„Wenn wir das Negative durch ein positives Erlebnis ersetzen, wird unser Gehirn neu konditioniert“, erklärt er. Die weitere Arbeit sei dann Optimierung: Signale besser erkennen, Gespräche führen, das eigene Auftreten schärfen. Andreas Lorenz greift dabei Begriffe aus der Psychologie auf, zieht zugleich aber eine notwendige Grenze. „Ich bin kein Psychologe“, sagt er. Menschen mit einer Depression, einer sozialen Phobie oder anderen ernsthaften psychischen Erkrankungen lehnt er als Coachingkunden ab, weil er ihnen nicht fachgerecht helfen könne.
Auch den klassischen „Korb“ hat Andreas Lorenz aus seinem Wortschatz gestrichen. „Für mich existiert ein Korb nicht“, sagt er. Eine Absage bedeute nicht, dass eine Frau ihn als gesamten Menschen ablehne. Vielleicht habe sie einen Partner, keine Zeit, kein Interesse oder schlicht einen anderen Geschmack. Er mache ein Angebot: Nimmt sie es an, könne man sich kennenlernen. Nimmt sie es nicht an, bleibe es dabei. Nur wenn eine Frau schreiend vor ihm davonlaufe, würde er womöglich doch von einem Korb sprechen.
Diese Umdeutung beseitigt das Nein nicht. Sie soll verhindern, dass ein Mann daraus ein vernichtendes Urteil über den eigenen Wert konstruiert. Ablehnung wird bei Andreas Lorenz nicht bekämpft, sondern entpersonalisiert. Für Menschen, die jede Reaktion analysieren und sich bereits vor dem ersten Wort ihr Scheitern ausmalen, kann das entlastend wirken. Es birgt allerdings nur dann eine hilfreiche Botschaft, wenn das Gegenüber tatsächlich frei entscheiden darf und ein Nein nicht als Einladung zu einem weiteren Versuch missverstanden wird.
Beim Online-Dating verfolgt Andreas Lorenz einen ähnlichen Ansatz.
Profile sollten nicht wie Wunschzettel klingen. Wer schreibt, er suche eine liebe und herzliche Frau zum Kuscheln, wirke schnell bedürftig. Interessanter sei die Frage: Wer ist dieser Mensch, was prägt sein Leben und welche Werte möchte er teilen? Wer Hunde liebe und sich keine Beziehung ohne Tier vorstellen könne, solle sich ruhig mit seinem Hund zeigen. Das Bild ist dann nicht bloß Dekoration, sondern eine Information über das gemeinsame Leben, das möglich wäre.
Andreas Lorenz setzt auf Qualität statt Masse. Hundert beliebige Likes seien weniger wert als zehn Kontakte, aus denen mehrere echte Gespräche und Verabredungen entstünden. Ob jemand besser im Supermarkt, auf der Straße, im Club oder über eine App Menschen kennenlernt, macht er von den persönlichen Stärken abhängig. Wer hervorragend schreibt, sollte sein Profil verbessern und diese Fähigkeit nutzen. Wer Nachrichten hasst, aber im direkten Gespräch aufblüht, sei im Alltag besser aufgehoben. „Von gut zu sehr gut zu kommen, ist viel leichter als von schlecht zu gut“, sagt er.
Seine Sprache und die meisten Beispiele kreisen um Männer, die Frauen kennenlernen möchten. Frauen nehmen seine Angebote ebenfalls wahr, queere Klienten nach seiner Aussage eher selten. Das Grundprinzip unterscheide sich für ihn nicht wesentlich: Es gehe darum, offen auf jemanden zuzugehen, dessen Reaktion wahrzunehmen und die eigenen Möglichkeiten realistisch einzuschätzen. Dass er selbst nicht zuverlässig erkenne, wer homosexuell sein könnte, räumt er ohne Umschweife ein. Seine queeren Kunden hätten dafür meist das geschultere Auge.
Andreas Lorenz betrachtet eine erfüllte Partnerschaft als einen von drei wesentlichen Lebensbereichen neben Gesundheit und Berufung beziehungsweise Karriere.
Das ist seine persönliche Überzeugung, keine allgemeingültige Wahrheit. Allein könne ein Mensch durchaus glücklich sein, sagt er, doch eine tiefe Verbindung zu einem Partner sei für ihn etwas Besonderes und nicht beliebig zu ersetzen. Für seine eigene Zukunft wünscht er sich deshalb Gesundheit, beruflich noch mehr Menschen zu erreichen und privat eine Familie mit seiner Freundin zu gründen. Er spricht über sie nicht wie über den erfolgreichen Abschluss einer Flirtstrategie, sondern mit Dankbarkeit: Sie sei eine großartige Frau, und er sei jeden Tag froh, dass sie in sein Leben getreten ist.
Das Vokabular rund um Dating ist bei Andreas Lorenz nicht frei von Widersprüchen. Sein Buch trägt das Erobern bereits im Titel, im Gespräch ist er jedoch dort am überzeugendsten, wo er gerade nicht von Siegen spricht. Eine Frau ist bei ihm im besten Fall kein Preis, ein Mann kein Bewerber vor einem Tribunal und eine Absage kein Urteil über ein ganzes Leben. Damals, bei seinem ersten Versuch, saßen zwei Frauen am Tresen, drei Freunde schauten zu und für einen verängstigten Jugendlichen blieb die Zeit stehen. Heute würde Andreas Lorenz vermutlich sagen: Er hatte kein Recht auf Erfolg, aber die Freiheit, ein respektvolles Angebot zu machen. Die beiden Frauen hatten dieselbe Freiheit, darauf zu antworten.