
Andreas Neumann | Als die Lehrer plötzlich zuhörten
Andreas Neumann war in der Schule kein Klassenclown. Nicht einmal annähernd. Er saß da, hörte zu und sagte möglichst wenig, weil er Angst hatte, etwas Falsches zu sagen. Eine seiner seltenen Wortmeldungen wurde vom Lehrer prompt zum Ereignis erklärt: Andreas Neumann meldet sich, jetzt muss etwas Bedeutendes kommen. Es kam etwas Bedeutendes, zumindest für den Schüler. „Herr Lehrer, darf ich bitte auf die Toilette?“
Folge 127 | 9. September 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Mehr öffentliche Beteiligung war über Jahre kaum zu erwarten. Erst bei der Abschlussfeier änderte sich die Lage gründlich. Andreas Neumann stellte sich vor Lehrer, Mitschüler und Eltern und parodierte eine halbe Stunde lang. Plötzlich sprach aus dem stillen Schüler nicht nur Andreas Neumann, sondern ein kleines Ensemble aus bekannten Stimmen. Lehrer und Mitschüler standen mit offenen Mündern da. „In den letzten fünf, sechs Jahren hast du nie so viel gesprochen wie in dieser halben Stunde“, bekam er anschließend zu hören.

Diese Szene erklärt seinen späteren Beruf besser als jede Definition von Parodie. Andreas Neumann musste offenbar nie besonders laut sein, um Menschen genau wahrzunehmen. Er hörte hin. Auf Tonfall, Dialekt, Pausen, Gesten, Sprachmelodie und jene kleinen Eigentümlichkeiten, aus denen eine Persönlichkeit besteht. Schon als Kind machte er nach, was er im Fernsehen sah. Nicht aus Karriereplanung, sondern weil es ihm selbstverständlich erschien.
Wenn ihn eine Figur interessierte, probierte er ihre Stimme aus und stellte erstaunt fest, dass es funktionierte.
Die Ansage einer Lottofee konnte er in der dritten Klasse auswendig, Jürgen von Mangers Ruhrpottfigur Adolf Tegtmeier faszinierte ihn bereits mit elf Jahren, und mit zwölf stand Andreas Neumann selbst als Parodist auf der Bühne. Eine besondere Begabung habe er darin damals nicht erkannt. Es ging eben. Andere sahen das ähnlich unspektakulär, allerdings aus einem anderen Grund: Wirklich ernst genommen wurde sein Berufswunsch zunächst kaum. In der Berufsorientierung der Schule gab es vieles, nur die Kategorie „Ich werde Parodist“ fehlte.
Dass ausgerechnet sein Vater ebenfalls parodistische Erfahrung hatte, wusste der Sohn lange nicht. Er fand es eher zufällig heraus, indem er als Kind in Schränken stöberte, während die Eltern unterwegs waren. Sein Vater übte zu dieser Zeit längst einen anderen Beruf aus, und die künstlerische Familiengeschichte lag gewissermaßen zwischen den Dingen verborgen. Andreas Neumann wählte zunächst ebenfalls einen Beruf, der vernünftiger klang und trotzdem Raum für Gestaltung ließ: Er machte eine Ausbildung zum Schauwerbegestalter bei einem Herrenausstatter.
Schaufenster dekorieren, zeichnen, Stoffe kombinieren, Anzüge präsentieren, Krawatten und Schleifen binden – das klingt zunächst weit entfernt von Heinz Rühmann oder Theo Lingen, hat aber mit Bühne mehr zu tun, als man denkt. Andreas Neumann saß gern im Schaufenster und beobachtete draußen die Menschen. Er lernte, wie Kleidung wirkt, wie eine Hose sitzen muss und dass Hosenträger unter einem Bühnenkostüm durchaus eine dramaturgische Funktion erfüllen können, wenn sie dafür sorgen, dass der Anzug dort bleibt, wo er hingehört.
Auch Parodie besteht schließlich nicht nur aus Stimmbändern.
Bei Andreas Neumann entstehen Stimme, Körperhaltung, Mimik und Bewegung fast gleichzeitig. Er stellt sich nicht vor einen Spiegel und zerlegt den Menschen in einzelne Bestandteile. Wenn eine Figur funktioniert, „fühlt“ er sie. Wenn nicht, helfen auch technische Überlegungen wenig. Er könnte deshalb nach eigener Aussage kaum ein Seminar anbieten, in dem man lernt, einen bestimmten Laut korrekt zu formen.
Die Methode ist Beobachtung, Erinnerung und eine Art inneres Umschalten. Dabei interessieren ihn vor allem Persönlichkeiten, die selbst etwas Unverwechselbares mitbringen. Heinz Rühmann, Hans Moser, Theo Lingen, Jürgen von Manger, Marcel Reich-Ranicki, Inge Meysel oder Ekel Alfred gehören zu seinem Repertoire, weil schon wenige Silben, eine Bewegung oder ein Tonfall genügen, um ein Bild entstehen zu lassen. Bei Rühmann reicht für Andreas Neumann manchmal ein charakteristisches „Bitte“, bei Theo Lingen eine bestimmte gedehnte Betonung, bei Tegtmeier ohnehin ein halber Satz.
Moderne Schauspieler oder Politiker reizen ihn dagegen deutlich weniger. Viele seien für sein Empfinden zu austauschbar, zu wenig markant. Politiker parodiert er ohnehin nicht gern. Er interessiert sich stärker für Menschen, die bewusst komisch waren oder deren künstlerische Persönlichkeit ihn fasziniert. Diese Sympathie ist für seine Arbeit entscheidend. Andreas Neumann möchte nicht bloßstellen. Wenn er jemanden nicht schätzt, lässt er die Figur lieber weg, selbst wenn die Stimme hervorragend funktionieren würde.
Nachher komme sie noch besonders gut an und er müsse sie ständig spielen, sagt er. Seine Parodien sollen liebevoll sein. Das ist kein Nebensatz, sondern ein Prinzip. Am deutlichsten zeigt es sich bei Heinz Erhardt, dessen Stimme Andreas Neumanns Karriere seit Jahrzehnten begleitet. Anfang der Achtziger sieht er die Filme, die im Fernsehen wiederholt werden, und beschäftigt sich zunehmend mit Erhardts Sprache, Gestik und Humor.
Was ihn dabei besonders interessiert, sind nicht nur die Wortspiele, sondern die Herzlichkeit.
Bei Erhardt sei „nichts Böses“ in den Gesten. Die Pointen können klug sein und Tiefgang besitzen, trotzdem bleibt das große Ziel, Menschen fröhlicher zu machen. Andreas Neumann übernahm lange Originaltexte und begann erst viel später, eigene Texte in dieser Figur zu schreiben. Von hundert Versuchen seien vielleicht fünfzehn übrig geblieben, die er selbst für gut genug hielt. Dass Zuschauer sie teilweise für unbekannte Originale halten, ist für einen Parodisten ein beachtliches Kompliment. Noch stärker wiegt die Reaktion von Erhardts Familie.
Als Kinder und Enkel einen Auftritt Andreas Neumanns besuchten, flossen zunächst Tränen. Heinz Erhardts Tochter Grit Berthold sagte ihm später sinngemäß, sie habe beim Zuhören geglaubt, ihr Vater sei wieder da. Ein anderes Mal schaute sie eine Aufnahme Andreas Neumanns an. Als er das etwas albern fand und das Gespräch wichtiger nahm als den Film, schob sie ihn beiseite: Sie wolle „Papi gucken“. Andreas Neumann nennt solche Momente schön und gefährlich zugleich. Sie machen glücklich, erzeugen aber Verantwortung.
Denn wer die Stimme eines Verstorbenen so überzeugend zurückholt, bewegt sich nicht mehr nur im Bereich der Unterhaltung. Für Angehörige können wenige Laute Erinnerungen öffnen, die Jahrzehnte alt sind. Ähnlich prägend war seine Begegnung mit Jürgen von Manger. Als Jugendlicher ist Andreas Neumann mit seinen Eltern auf Langeoog, wo von Manger gastiert. Nach der Vorstellung wartet er auf sein Idol, traut sich zunächst kaum, ihn anzusprechen, beginnt dann in dessen Tonfall und bittet um ein Autogramm.
Von Manger schaut zu ihm herunter und antwortet sinngemäß: Junge, den kannst du besser als ich. Fast zwanzig Jahre später steht Andreas Neumann auf genau jener Bühne auf Langeoog, auf der er damals sein Vorbild gesehen hatte. Er erzählt erstmals öffentlich von der Begegnung und sitzt danach in seinem Hotelzimmer mit Tränen in den Augen. Sein Gedanke ist bemerkenswert für jemanden, der beruflich davon lebt, diese Künstler wieder hörbar zu machen: Er wäre viel lieber wieder in der ersten Reihe gesessen, während Jürgen von Manger auf der Bühne steht. Verehrung und Parodie schließen sich bei ihm nicht aus, im Gegenteil.
Er imitiert nicht, um sich über diese Menschen zu stellen, sondern weil er etwas an ihnen bewahren möchte.
Dass er damit nebenbei ein Stück deutscher Unterhaltungsgeschichte lebendig hält, klingt ihm selbst schon fast zu feierlich. Andreas Neumann denkt darüber wenig nach. Er möchte einen schönen Abend machen, Menschen zum Lachen bringen und sie für ein oder zwei Stunden von Zahnschmerzen, schlechten Nachrichten oder anderen Sorgen ablenken. Gerade darin liegt vermutlich ein Teil der Wirkung.
Während sich öffentliche Debatten beschleunigen und Aufmerksamkeit in immer kürzeren Einheiten gemessen wird, arbeitet er mit Figuren aus einer Zeit, in der Jürgen von Manger zwanzig Minuten lang an einer Geschichte bauen konnte. Heute beobachtet Andreas Neumann häufiger, dass Zuschauer während einer Vorstellung auf ihr Smartphone schauen und anschließend womöglich die Pointe verpasst haben. Früher reagierte er darauf schärfer, inzwischen sagt er freundlich, er wolle natürlich nicht in eine offenbar sehr wichtige Nachricht hineinreden und warte gern.
Das Publikum versteht gewöhnlich. Humor brauche Aufmerksamkeit, davon ist er überzeugt. Nicht alles müsse schneller, lauter und härter werden. Zugleich lebt Andreas Neumann selbst durchaus in der Gegenwart. Kleine Heinz-Erhardt-Clips funktionieren überraschend gut auf TikTok, künstliche Intelligenz beobachtet er ohne große Angst.
Eine KI kann Stimmen imitieren, aber sie steht nicht auf der Bühne, reagiert nicht spontan auf einen Saal und verändert keinen Text in dem Moment, in dem sich die Stimmung dreht.
Bei der künstlichen Wiederbelebung verstorbener Stimmen wird er zurückhaltender.
Respekt müsse bleiben, egal ob der Künstler noch lebt oder nicht. Schlechte neue Texte würden schließlich auch durch eine perfekt erzeugte Stimme nicht besser. Zu Hause sucht Andreas Neumann den Gegenpol zur technischen Gegenwart ohnehin freiwillig. Viele Dinge sind gebraucht, eine elektrische Kaffeemühle ist älter als er selbst und funktioniert noch immer, während ein neueres Gerät kaum ein halbes Jahr überlebt habe. Alte Filme gefallen ihm auch deshalb, weil niemand ständig auf ein Handy schaut und Computer keine Rolle spielen.
Er nennt das seine „heile Welt“, ohne daraus ein politisches Programm zu machen. Er weiß, dass morgen weitergeht, aber er darf sich zu Hause eine Umgebung schaffen, in der er sich wohlfühlt. Wenn er nicht auftritt, zeichnet er gern und hört instrumentale Musik, etwa Martin Böttcher oder Bert Kaempfert. Dann muss er nicht sprechen. Außerdem hat er eine Biografie über den Schauspieler Siegfried Schürenberg geschrieben, den er zunächst nur verehrte, später persönlich kennenlernte und dessen Frau ihm nach dessen Tod Fotos und Erinnerungen anvertraute.
Auch darin steckt dasselbe Motiv: Menschen, Stimmen und Geschichten sollen nicht einfach verschwinden.
Auf der Bühne braucht Andreas Neumann dagegen die ständige Verwandlung. Drei bis vier Auftritte pro Woche sind für ihn keine Belastung, sondern offenbar ein Grundbedürfnis. Nach einer längeren Urlaubspause werde es zu Hause mit ihm schwierig, erzählt er. Er braucht diese Figuren, diesen Wechsel, das Publikum. Dabei ist er selten wirklich zufrieden. Funktioniert ein Programm nicht so, wie er möchte, verändert er Texte und Abläufe, bis es besser wird. Sitzt ein Saal still da, weiß er nie sicher, ob die Menschen ergriffen sind oder schlicht nichts lustig finden.
Stehen plötzlich fünfzehn Zuschauer auf und gehen, kann das an ihm liegen – oder, wie bei einem Auftritt in einem Kurort, daran, dass die Klinik zu einer bestimmten Uhrzeit schließt und die Gäste rechtzeitig zurückmüssen. Andreas Neumann macht weiter, solange noch einer zuhört. Der Junge, der sich früher kaum meldete, hat inzwischen seit rund 45 Jahren beruflich gesprochen, nur selten mit derselben Stimme länger als ein paar Minuten.
Wer Andreas Neumann hinter all diesen Figuren sucht, landet deshalb nicht bei einer einzelnen perfekten Imitation. Man findet ihn eher in der Art, wie er mit seinen Vorbildern umgeht: neugierig, genau, liebevoll und mit einem Respekt, der selbst dann bleibt, wenn der Saal lacht. Auf Langeoog, nach Jahrzehnten auf der Bühne, wusste er jedenfalls ganz genau, welcher Platz ihm in diesem Moment lieber gewesen wäre: nicht im Scheinwerferlicht, sondern unten in der ersten Reihe, mit großen Augen, während der echte Jürgen von Manger spricht.