Anneliese Hackmann | Neun Leben reichen manchmal nicht aus: Warum Katzen Menschen besser erziehen als umgekehrt

Anneliese Hackmann hat aus einem privaten Interesse ein internationales Lebenswerk gemacht. Mit 90 Jahren verhandelt sie über Zuchtstandards, berät Anwälte und reist zu Ausstellungen rund um den Globus. Wer ihre Warmherzigkeit mit Nachgiebigkeit verwechselt, sollte die Geschichte von jenem Kater kennen, der sie provozierte.

Folge 98 | 28. Mai 2026
Im Gespräch mit André Puchta

Der Kater hatte offenbar beschlossen, dass auf diesem Richtertisch nur einer das Sagen haben würde. Er fauchte Anneliese Hackmann an. Für eine Frau, die in ihrem Leben vermutlich Zehntausende Katzen berührt, begutachtet und beruhigt hat, war das eine seltene Erfahrung. Anneliese Hackmann reagierte nicht mit Rückzug, sondern in der Sprache ihres Gegenübers.

„Ich habe zurückgefaucht“, erzählt sie. Der Kater sei vor Schreck beinahe vom Tisch gefallen, sein Halter noch entsetzter gewesen als das Tier. Mit Widerwort hatte der Kater offenbar gerechnet, mit Widerfauchen nicht.

Die kleine Szene erzählt viel über Anneliese Hackmann. Sie kann fürsorglich sein und bestimmt, geduldig und schlagfertig, freundlich und vollkommen unbeeindruckt von Hierarchien – gleichgültig, ob ihr ein preisgekröntes Tier, ein Funktionär oder eine Behörde gegenübersitzt. Seit vier Jahrzehnten führt sie den Verein Deutsche Edelkatze, 1988 gründete sie in Rio de Janeiro die World Cat Federation.

Nach ihren Angaben gehören der Dachorganisation inzwischen mehr als 300 Vereine auf allen Kontinenten an. 1994 rief sie zudem den World Cat Congress ins Leben, in dem internationale Verbände über Gesundheit, Zuchtstandards und gemeinsame Regeln beraten. Anneliese Hackmann bezeichnet sich mit trockenem Humor als „das einzige noch lebende Exemplar“ unter den damaligen Gründern.

Über dieses Geflecht aus Vereinen, Ländern, Ausstellungen und Interessen spricht sie so beiläufig, als müsse sie noch einige Punkte auf einer Einkaufsliste erledigen.

Ein Verband in Katar sollte hinzukommen, wegen der dortigen Sicherheitslage sei sie aber nicht hingeflogen. Wenn sich die Situation beruhige, werde man das eben nachholen. Von Südpol bis Nordpol sei die Organisation vertreten, sagt Anneliese Hackmann. In ihrer Welt bedeutet internationale Katzenarbeit auch, mit Botschaften zu sprechen, zwischen russischen, chinesischen und anderen Mitgliedsverbänden zu vermitteln und Konflikte auszuhalten, die mitunter weniger geschmeidig verlaufen als ein Perserfell.

Mehrfach wurde sie nach eigener Aussage gefragt, ob sie nicht in die Politik gehen wolle. Ihre Antwort fällt eindeutig aus: „Ich habe Politik genug.“ Schon die Arbeit in der World Cat Federation verlange diplomatisches Geschick, Verhandlungen und den Umgang mit unterschiedlichen nationalen Vorstellungen. Das reiche ihr „fast und ganz“. Wer Katzenvereine für harmlose Freizeitgemeinschaften hält, unterschätzt offenbar sowohl die Leidenschaft ihrer Mitglieder als auch die Reichweite der Entscheidungen, die dort getroffen werden.

Anneliese Hackmanns erster eigener Zugang zu Katzen war allerdings frei von Verbandsordnungen, Stammbäumen und Pokalen. Ihre früheste bewusste Erinnerung führt in die Kriegsjahre. Die Familie war ausgebombt worden und lebte nicht mehr in ihrer ursprünglichen Wohnung, als das Mädchen eine grau getigerte Hauskatze bekam. Das Tier hatte eine weiße Schwanzspitze und erhielt deshalb den Namen „Rückstrahler“.

In einer Kindheit, in der Wohnungen verloren gingen und Lebensmittel getauscht werden mussten, wurde eine Katze zur Gefährtin.

Ein weißer Perserkater namens Johnny gehörte ebenfalls zur Familie; Fleisch gegen Milch, erinnert sich Anneliese Hackmann, war damals ein denkbarer Tausch, wenn es darum ging, Menschen und Tiere zu versorgen.

Dass aus dieser frühen Nähe einmal ein internationaler Wirkungskreis entstehen würde, war nicht geplant. Anneliese Hackmann lernte zunächst im Verkauf, legte ihre Prüfungen ab und arbeitete später als Mannequin. Sie reiste zu Modenschauen und präsentierte „schicke Sachen“, wie sie es knapp zusammenfasst. Erst als sie selbst Katzen züchtete, trat sie einem Verband bei, übernahm Aufgaben in Komitees und begann, genauer hinzuschauen.

Dabei fiel ihr auf, dass Fachinformationen nicht immer so fachlich waren, wie sie vorgaben. In Büchern stimmten Angaben zur Tragezeit von Katzen nicht. Ihr erster eigener Artikel beschäftigte sich mit Katzenflöhen und löste nach ihrer Erinnerung einen kleinen Skandal aus. Manche hielten das Thema offenbar für wenig vornehm. Anneliese Hackmann sah es anders: Katzen müssten keine Flöhe haben, man könne etwas dagegen tun – also müsse darüber geschrieben werden.

Aus solchen Korrekturen entstand nach und nach eine Funktion, die weit über die Organisation schöner Tierschauen hinausging. Anneliese Hackmann arbeitete an Fragen rund um Impfstoffe mit, gründete Tierschutzvereine mit und nahm Mitte der 1990er-Jahre an Sitzungen zur Weiterentwicklung des europäischen Tierschutzrechts teil.

In Straßburg berieten Vertreterinnen und Vertreter aus der Hunde-, Katzen- und Kleintierwelt über Regelungen, später war Anneliese Hackmann auch in Brüssel dabei, als Entscheidungen verabschiedet wurden. Ihr Maßstab dafür ist bis heute erstaunlich klar:

„Eine gute Katze ist nur eine gesunde Katze.“

Der Satz wirkt selbstverständlich, trifft jedoch einen Konflikt, der die Rassezucht bis heute begleitet. Schönheit, Seltenheit und Ausstellungswert dürfen nicht wichtiger werden als das Wohlergehen des Tieres. Anneliese Hackmann spricht über saubere Augen und Ohren, geeignete Wohnverhältnisse, Temperament und Pflege. Zu viele Tiere auf engem Raum lehnt sie ab. Züchterinnen und Züchter müssten den Kontakt zu Käufern möglichst lange aufrechterhalten und darauf achten, dass eine Katze gut versorgt werde. Auch der Verkauf im Schaufenster eines Tiergeschäfts widerspricht ihrer Vorstellung: „Das kann nicht gut gehen.“

Nicht jede Katze passt zudem zu jedem Menschen. Eine lebhafte Siamkatze verlangt anderes als ein ruhiger Perser, eine große Maine Coon anderes als eine Rexkatze, die Anneliese Hackmann für besonders intelligent hält. Wer nur nach Fellfarbe oder aktueller Beliebtheit auswählt, greift möglicherweise daneben. Anneliese Hackmann empfiehlt außerdem, Katzen nach Möglichkeit nicht allein zu halten:

„Zwei Katzen ist immer besser.“ Verantwortungsvolle Zucht beginnt für sie deshalb nicht mit einem Stammbaum und endet nicht mit der Übergabe eines Tieres. Sie verlangt Beratung, Menschenkenntnis und gelegentlich die Bereitschaft, jemandem von einer bestimmten Rasse abzuraten.

Auch Katzenrichter werden in dieser Welt nicht durch bloße Tierliebe qualifiziert. Am Anfang steht die Arbeit als Steward: Katzen zum Richtertisch bringen, sie sicher aufsetzen, den Tisch desinfizieren und die Abläufe kennenlernen. Danach folgen Ausbildung und mehrere Prüfungen. Wer in internationalen Ringformaten richtet, muss sämtliche Rassegruppen beherrschen; andere können zunächst Lizenzen für bestimmte Fell- und Rassekategorien erwerben.

Mindestens eine Fremdsprache gehört ebenfalls zu den Voraussetzungen.

Englisch ist meist die gemeinsame Grundlage einer Szene, in der ein Richtertisch in Bangkok, Rio de Janeiro oder Europa nach vergleichbaren Standards funktionieren soll.

Früher kamen zu manchen Ausstellungen, die Anneliese Hackmann begleitete, rund 800 Katzen. Heute seien es häufig noch 200 oder 300. Ein Richter könne an einem Tag 40 oder 50 Tiere begutachten, bei zusätzlichen Wettbewerben erheblich mehr. Wie viele Katzen sie in ihrem Leben in den Händen gehalten hat, kann Anneliese Hackmann nicht einmal annähernd beziffern. Sicher ist nur, dass viele von ihnen auf sie anders reagieren als auf ihre Besitzer.

Tiere, die vorher eine ganze Halle „zusammengemauzt“ hätten, würden auf ihrem Tisch ruhig. Anneliese Hackmann legt die Hände auf, spricht mit ihnen und wartet. Manche Katzen küssen sie, lecken ihre Nase oder beginnen, ihr die Haare zu waschen. Beobachter aus Russland hätten gelegentlich vermutet, sie verhexe die Tiere. Anneliese Hackmann weist das zurück. Sie behandele sie einfach normal.

Normal bedeutet für sie allerdings nicht teilnahmslos. Katzenausstellungen sind laut, ungewohnt und für Tiere potenziell belastend. Weil Katzen ein empfindliches Gehör besitzen, will Anneliese Hackmann dafür sorgen, dass der Geräuschpegel stärker berücksichtigt wird. Ein Tier ist für sie kein Ausstellungsstück, das unter allen Umständen funktionieren muss. Auch die Flut putziger Katzenvideos in sozialen Netzwerken betrachtet sie mit Distanz. Solange ein Tier freiwillig mitmacht und sich wohlfühlt, hat sie nichts gegen ein amüsantes Bild. „Aber ich würde niemals eine Katze zu irgendwas zwingen.“

Ihre Bekanntheit in der Szene hatte zeitweise kuriose Ausmaße.

„Früher konnte ich auf einer Ausstellung nicht mal zur Toilette gehen ohne Bodyguard“, erzählt sie. Besucher hielten sie an der Kleidung fest, weil sie noch eine Frage hatten. Heute seien Menschen durch das Internet besser informiert, während das Interesse in Teilen Europas etwas nachgelassen habe.

In Asien, besonders in Ländern wie Thailand, wachse der Markt dagegen stark. Dort würden Katzen nach Anneliese Hackmanns Einschätzung teilweise zu viel zu hohen Preisen verkauft. Auch das gehört zur Realität einer internationalen Liebhaberszene: Wo Begeisterung wächst, entstehen Geschäft, Prestige und Konkurrenz.

Anneliese Hackmann selbst misst den Wert einer Katze nicht an Pokalen. Bei der sogenannten CatOlympia, einer internationalen Wertung, werden die Besten der Besten gekürt. Sie reiste zum Zeitpunkt des Gesprächs weiterhin zu solchen Veranstaltungen und plante bereits den nächsten Aufenthalt in Bangkok. Trotzdem sagt sie: „Ich liebe alle Katzen, egal, ob die jetzt den hunderttausendsten Preis gewonnen haben oder nicht.“ Anhänglichkeit und ein gutes Wesen seien ihr wichtiger als eine Platzierung.

Über Menschen hat sie im Lauf der Jahrzehnte ebenfalls einige Urteile revidiert. Früher glaubte sie, Katze und Halter ähnelten einander. Dann stand sie bei einer Prämierung mit einer ausgesprochen schlanken Siamkatze auf der Bühne und erwartete einen ebenso schmalen Besitzer. Stattdessen erschien, wie sie wenig diplomatisch und sehr anschaulich erzählt, eine „richtig dicke, runde Frau“. Seitdem sei sie von dieser Theorie geheilt. Katzen seien Individuen, ihre Menschen ebenfalls. Bei Hunden und Haltern könne man über die Ähnlichkeit vielleicht noch einmal sprechen.

So unterhaltsam Anneliese Hackmann erzählt, so wenig sentimental geht sie mit der eigenen Situation um.

In ihrer Wohnung lebt inzwischen keine Katze mehr. Ihre früheren Tiere seien fast alle etwa 20 Jahre alt geworden. Nach dem Tod der letzten Katze habe sie sich bewusst gegen eine neue entschieden. „Jetzt will ich auch keine haben, die mich dann überlebt – nachher, Gott weiß, wo sie ist.“

Gerade diese Entscheidung zeigt, dass ihre Tierliebe nicht beim eigenen Bedürfnis nach Gesellschaft endet. Verantwortung bedeutet für sie auch, einen Wunsch nicht zu erfüllen, wenn die Zukunft des Tieres ungewiss sein könnte. Auf Nähe verzichten muss sie deshalb nicht. Bei Ausstellungen begegnet sie weiterhin genügend Katzen, sie berät Vereine, bildet Richter aus und hilft Menschen, die Fragen zur Haltung oder zu einem geplanten Kauf haben. Dafür müsse niemand Mitglied ihres Vereins sein.

Wer ein Problem habe, könne sich im Essener Büro melden. „Wir sind bereit, denen zu helfen“, sagt sie. Mit 90 hat Anneliese Hackmann wenig Interesse daran, ihr Lebenswerk feierlich zu bestaunen. Schon die ausgedehnten Geburtstagsfeiern, die eine Woche vor ihrem Ehrentag begannen und sich bis in den Januar zogen, waren ihr irgendwann zu viel. Sie blickt lieber auf den nächsten Verband, die nächste Regelung und die nächste Ausstellung.

Am Ende ihres ersten Podcast-Gesprächs zieht sie dennoch ein freundliches Fazit. Es habe ihr gefallen, sagt sie, es sei ganz gut gewesen. Dann setzt sie eine Grenze, so bestimmt wie am Richtertisch: „Aber jetzt reicht es auch, denke ich.“ Der Satz meint nur das Gespräch. Für die Katzenwelt gilt er offenkundig noch lange nicht.

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