Brigitte Oelke | Die Frau hinter der Killer Queen

Brigitte Oelke steht seit mehr als drei Jahrzehnten auf Musicalbühnen. Sie war Killer Queen, Evita, Sally Bowles, Norma Desmond und der Tod. Wer dahinter eine Karriere voller Glamour vermutet, hört von Castings auf eigene Kosten, acht Vorstellungen pro Woche, Selbstzweifeln – und einem Kompliment von Brian May, das bis heute nachwirkt.

Folge 121 | 27. August 2026
Im Gespräch mit André Puchta

Kurz bevor sich der Vorhang hebt, kann selbst eine Frau wie Brigitte Oelke ziemlich grundsätzlich werden. Als sie vor rund 25 Jahren in Münster die Evita spielte, kam dieser Moment nahezu jeden Abend. Das Orchester setzte gleich ein, sie würde für die kommenden Stunden eine der anspruchsvollsten Rollen des Musiktheaters tragen – und in ihrem Kopf lief ein erstaunlich unheroischer Monolog. „Was mache ich hier? Wieso bin ich hier? Bin ich so bescheuert? Ich schaffe das nicht.“

Von außen sah man davon offenbar wenig. Kollegen fragten Brigitte Oelke damals, wie sie nur so ruhig bleiben könne. „Äußerlich ja“, sagt sie. „Aber nicht wirklich.“ Genau diese Diskrepanz ist eine brauchbare Beschreibung für einen Beruf, der vom Publikum häufig über sein Ergebnis wahrgenommen wird: Licht an, Musik, große Stimmen, Applaus, Verbeugung. Davor liegen Ausbildung, Konkurrenz, Wiederholungen, körperliche Belastung, kurzfristige Ausfälle, Castings und die permanente Frage, ob nach der aktuellen Produktion überhaupt schon die nächste wartet.

Brigitte Oelke kennt dieses Leben seit mehr als drei Jahrzehnten. Zweifel gehören noch immer dazu. Auf die Frage, wann sie erstmals ernsthaft an ihrem Beruf gezweifelt habe, antwortet sie nicht mit einer Geschichte aus den schwierigen Anfangsjahren. „Jedes Jahr zweifle ich dran.“ Das klingt ernüchternd und gleichzeitig erstaunlich gesund. Denn Brigitte Oelke weiß inzwischen, dass eine Absage nicht automatisch etwas über Qualität aussagt.

In einem Ensemble müssen Typen, Stimmen, Alter, Körperlichkeit und Rollenprofile zusammenpassen.

Man kann zwanzig Auditions machen und trotzdem ohne Engagement dastehen. Einer jungen Kollegin, die nach ersten beruflichen Erfahrungen in ein Loch gefallen war, sagte sie deshalb einen Satz, der wenig Trost enthält und gerade deshalb ehrlich ist: „Willkommen im Showbusiness.“

Brigitte Oelke selbst hat früh gelernt, dass der Bühnenberuf mit romantischen Vorstellungen wenig zu tun hat. Aufgewachsen ist sie in der Schweiz, in einem musikalischen Haushalt. Ihre Mutter leitete das Kindertheater St. Gallen und sang selbst, die Schwester wurde Konzertpianistin. Musik gehörte zum Familienleben. Mit sieben sang Brigitte Oelke bereits „Du kannst nicht immer 17 sein“. Weil ihre ältere Schwester größer war, stand die kleine Brigitte auf einer Kiste, damit beide dasselbe Mikrofon benutzen konnten.

Dass daraus einmal ein Beruf werden könnte, lag nahe. Trotzdem bestand ihre Mutter zunächst auf etwas „Anständigem“. Brigitte Oelke machte eine kaufmännische Lehre. Der Hintergrund war durchaus persönlich. Ihre Mutter hatte selbst nicht frei wählen können, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollte, und musste zunächst eine Ausbildung absolvieren. Bei den Töchtern wollte sie Sicherheit und Möglichkeit miteinander verbinden.

Brigitte Oelke ist ihr dafür heute nicht böse. Zehnfingersystem, Büroorganisation, Rechnungen schreiben – manches davon erwies sich für ein Künstlerleben als überraschend nützlich. Danach zog es sie weg. Eigentlich wollte sie nach England. Schuld daran war Queen. Als Jugendliche verehrte Brigitte Oelke die Band und besonders Brian May. Ihr Moped bekam den Namen Harold, nach Brian Harold May, und einen Union Jack auf den Tank.

Statt Großbritannien wurde es durch Zufall Los Angeles.

Mit 19 ging Brigitte Oelke als Au-pair nach Kalifornien. Sie wechselte dort mehrfach die Familie, nahm Sprachkurse und Tanzunterricht und stellte fest, dass sie ihre Musicalausbildung eigentlich am liebsten in den USA absolvieren würde. Später besuchte sie auch New York und war von der Stadt begeistert. Den erforderlichen Sprachtest bestand sie, Bewerbungsunterlagen waren vorbereitet. Dann kam ihr damaliger Freund dazwischen.

Brigitte Oelke blieb in Europa. Solche Entscheidungen erscheinen im Rückblick gern als Weggabelungen, an denen sich angeblich das gesamte Leben entscheidet. Brigitte Oelkes Karriere taugt allerdings schlecht für die Vorstellung, es gebe nur einen richtigen Weg. Sie absolvierte ihre Ausbildung schließlich an der Stage School in Hamburg und fand genau jene Mischung, die ihr musikalisch entsprach: Rock, Soul, Musical. Klassischer Gesang wäre stimmlich durchaus möglich gewesen.

Eine Lehrerin riet ihr sogar dazu. Doch Brigitte Oelke spürte ihre Leidenschaft woanders. „Mein Herz war eigentlich nie so in der Klassik.“ Dass Leidenschaft allein nicht reicht, merkt jeder Musicaldarsteller schnell. Acht Vorstellungen pro Woche sind möglich. Dienstag bis Sonntag wird gespielt, Feiertage und Silvester inklusive. Freunde haben meistens dann Zeit, wenn im Theater gerade der Vorhang hochgeht. Als Brigitte Oelke ein Jahr lang in Zürich „Tell“ spielte, freute sie sich zunächst darauf, alte Schulfreundinnen häufiger sehen zu können.

Die Theorie war hervorragend. Die Praxis weniger.

Die Freunde waren tagsüber bei der Arbeit, Brigitte Oelke abends auf der Bühne. Montag blieb frei – und nach acht Vorstellungen wollte sie dann gelegentlich vor allem eines: ihre Ruhe. Der Beruf verlangt deshalb mehr als eine gute Stimme. Wer ihn lange ausüben will, braucht auch die Fähigkeit, den eigenen Körper lesen zu können. An Vorstellungstagen prüft Brigitte Oelke morgens erst einmal: Ist die Stimme da? Ein trockener Husten kann plötzlich relevant werden.

Dann heißt es trinken, inhalieren, gurgeln, essen und vor allem nicht sofort in Panik geraten. Vor der Vorstellung folgen je nach Rolle Stimm- oder Sprechübungen und das gemeinsame Einsingen. Manchmal hilft trotzdem nur Erfahrung.
Ein Kollege verlor während einer Aufführung einmal völlig den Faden. Kurz vor einer Szene fragte er Brigitte Oelke noch, wie diese eigentlich beginne. Die Musik lief bereits. Auf der Bühne erzählte er schließlich irgendeinen Text, Brigitte Oelke reagierte darauf – und merkte mitten im Satz, dass sie gerade seine nächste Textzeile gesprochen hatte.

Dann stand er da. Sie stand da. Und für einen Moment wusste offenbar keiner so genau, wem eigentlich welcher Satz gehörte. Später erfuhr Brigitte Oelke, dass der Kollege starke Magenschmerzen gehabt hatte. Für das Publikum war davon kaum etwas zu bemerken. Für sie wurde es zu einer jener Live-Theater-Erfahrungen, bei denen Professionalität vor allem bedeutet, irgendwie weiterzumachen.

„Das Tolle bei live ist halt wirklich, dass es immer anders ist.“

Keine Vorstellung lässt sich exakt wiederholen. Menschen sind nicht jeden Abend in derselben Verfassung. Technik kann ausfallen. Ein Text fehlt. Jemand ist krank. Eine Kollegin reagiert anders als am Vorabend. Genau diese Unmittelbarkeit reizt Brigitte Oelke bis heute. Sie hat gelernt, Fehler nicht zum Weltuntergang zu erklären. Auch ihren Gesangsschülern vermittelt sie das. „Mach einfach. Wenn es schief ist, dann ist es schief.“ Künstler müssten die Möglichkeit haben, Fehler zu machen. Andernfalls werde aus Entwicklung schnell Selbstkontrolle.

Das bedeutet nicht, dass Brigitte Oelke Kritik egal wäre. Sie erinnert sich an Rezensionen, die sie nachvollziehen konnte, obwohl sie sich ungerecht behandelt fühlte, weil bestimmte Entscheidungen aus der Regie gekommen waren. Auf der Bühne stand aber ihr Name, also landete auch die Kritik bei ihr. Mit den Jahren entstand mehr Distanz. Kritiker, sagt sie, schrieben manchmal auch „für Kritiker“. Ihre eigenen Maßstäbe können ohnehin streng genug sein.

Nach einer Show kommt es vor, dass Brigitte Oelke selbst unzufrieden in der Garderobe sitzt, während Zuschauer begeistert erzählen, es sei ein besonders guter Abend gewesen. Umgekehrt kann sie sich großartig fühlen und anschließend Hinweise bekommen, was noch besser werden könnte. „Auf das Gefühl kann man sich nicht wirklich verlassen.“ Auch der körperliche Zustand nach einer Vorstellung kann überraschend sein.

Nach einem mehrstündigen Konzert saß Brigitte Oelke einmal hinterher da und weinte, obwohl die Show gut gelaufen war.

Sie wollte nur noch nach Hause. Ihr Mann erkannte, dass ihr offenbar Salz fehlte, besorgte ihr etwas zu essen – und kurze Zeit später ging es besser. Bei anstrengenden Rollen schwitzt sie über Stunden, trägt schwere Kostüme, teilweise alte Pelzmäntel aus Theaterfundus, wechselt Kleidung in kürzester Zeit und verbraucht enorme Energie. Die Bühne kann also auch ganz banal aus Elektrolyten bestehen.

Eine Rolle brachte Brigitte Oelke sogar aus einem persönlichen Tief heraus. Als sie 2003 Sally Bowles in „Cabaret“ spielen sollte, war sie erschöpft. Beruflich lief eigentlich vieles gut, genau das machte die eigene Lustlosigkeit noch schwerer verständlich. „Eigentlich habe ich doch alles, was ist denn los mit mir?“, fragte sie sich. Beim Konzeptionsgespräch erklärte der Regisseur, was Sally Bowles unbedingt brauche: Lebenslust, Lebenshunger, Leidenschaft.

Brigitte Oelke dachte nur: ausgerechnet jetzt. Also machte sie etwas, das für sie eher untypisch war. Sie stürzte sich ins Nachtleben. Feierte, ging aus, versuchte zu verstehen, aus welcher Energie Sally Bowles lebt. Eines Morgens kam sie ziemlich müde zur Probe. Der Regisseur war begeistert: So frei habe sie die Rolle noch nie gespielt. Brigitte Oelke erzählt die Geschichte mit der nötigen Distanz. Dauerhaft Party zu machen wurde selbstverständlich nicht zum Schauspielkonzept.

Aber die Figur führte sie zurück zu einer Energie, die ihr privat gerade fehlte.

Rollen können etwas hinterlassen. Bei Mama Rose aus „Gypsy“ faszinierte sie etwa die Kompromisslosigkeit einer Frau, die zugleich zutiefst problematische Züge besitzt. Brigitte Oelke würde nicht übernehmen wollen, wie diese Figur über andere hinweggeht. Wohl aber manchmal etwas von der Fähigkeit, sich durchzusetzen. Im „Jedermann“ spielte sie sogar den Tod. Dort reizte sie dessen Klarheit. Am Ende kann niemand Besitz mitnehmen. Kein Erfolg, kein Gegenstand, kein Status bleibt als Gepäckstück übrig.

Die persönlichste Verbindung zwischen Brigitte Oelke und einer Rolle entstand allerdings bei „We Will Rock You“. Die Killer Queen war für sie nicht irgendein Engagement. Queen hatte ihre Jugend begleitet. Ihr Kinderzimmer war voller Poster gewesen, Freddie Mercury wollte sie als Teenager gefühlt heiraten. Als sie erstmals hörte, dass ausgerechnet aus Queen-Songs ein Musical entstehen sollte, war ihre Reaktion zunächst fast empört. An diese Musik dürfe man doch nicht einfach herangehen.

Dann sah sie die Show in London. Ein Tänzer hatte ihr zuvor gesagt, die Killer Queen sei genau ihre Rolle. Brigitte Oelke war skeptisch, ließ sich überzeugen, sah die Produktion – und wusste anschließend: „Das ist meine Rolle.“
Für das Casting bereitete sie sich akribisch vor. Drei Runden später hatte sie den Zuschlag. Fast zehn Jahre spielte sie die Killer Queen an unterschiedlichen Orten. Und irgendwann stand tatsächlich Brian May vor ihr. Schon vor einer Premiere begegnete sie ihrem Jugendidol im Treppenhaus.

Brigitte Oelke war nervös und sagte es ihm. May beruhigte sie:

Sie solle keine Angst haben, sie würden die Darsteller unterstützen. Später machte er ihr ein Kompliment, das ihr bis heute wichtig ist. Er sagte ihr, er finde es großartig, dass sie ihre Musik verstehe. Für jemanden, der Queen als Jugendliche nicht bloß gehört, sondern „eingesaugt“ hatte, war das mehr als routinierte Premierenhöflichkeit. Inzwischen misst Brigitte Oelke Erfolg ohnehin anders als früher. Damals spielte Anerkennung eine größere Rolle.

Es schaffen. Beweisen, dass der unsichere Beruf funktionieren kann. Vielleicht auch den Eltern zeigen: Seht her, es ging doch. Heute spricht sie eher über Ruhe, Zufriedenheit und darüber, gute Rollen spielen zu können, ohne dafür alles andere aufzuschieben. Sie hat Kollegen und Freunde verloren, manche bereits mit 40. Das verändert die Bedeutung des Wortes „später“. Freunde treffen. Familie besuchen. Eine Auszeit nehmen. Nicht jeden Tag als Prüfung behandeln. Ihr Anspruch ist bescheidener geworden, ohne kleiner zu sein.

„Wenn ich 20, 30 Prozent von dem, was ich mir vornehme, jeden Tag schaffe, dann kann ich mir eigentlich schon auf die Schulter klopfen.“ Perfektion klingt nach mehr. Nach mehr als drei Jahrzehnten auf der Bühne weiß Brigitte Oelke allerdings ziemlich genau, was Perfektion kostet. Erfolg ist deshalb heute nicht mehr der Abend, an dem jeder Ton sitzt und alle aufspringen. Sondern der nächste Morgen, an dem die Stimme noch da ist, die Lust ebenfalls – und sie sich wieder entscheidet, weiterzumachen.

© Copyright. Alle Rechte vorbehalten.
Impressum

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.