Christian Oberfuchshuber | Applaus für andere: Warum Größe beim Teilen beginnt

Christian Oberfuchshuber bringt Fernsehstudios in Stimmung, bevor die Kameras laufen. Als beim Finale von „Germany’s Next Topmodel“ eine Bombendrohung einging, wurde aus dem Unterhalter derjenige, dem 15.000 Menschen folgen sollten. Als Christian Oberfuchshuber an diesem Abend die Bühne betritt, soll er keine Stimmung machen. Er soll verhindern, dass sie kippt. Im Mannheimer Saal sitzen rund 15.000 Menschen, das Finale von „Germany’s Next Topmodel“ läuft, dann geht eine Bombendrohung ein. Die Veranstaltung muss abgebrochen, die Halle geräumt werden.

Folge 5 | 15. Oktober 2022
Im Gespräch mit André Puchta

Hinter den Kulissen stellt sich die Frage, wer einer solchen Menge die Nachricht überbringen kann, ohne Unruhe oder sogar Panik auszulösen. Nach Christian Oberfuchshubers Erinnerung war den Verantwortlichen schnell klar: „Wenn das jetzt irgendjemand löst, dann macht das der Christian.“ Das Publikum kennt ihn bereits. Er hat die Menschen begrüßt, ihnen den Ablauf erklärt, mit ihnen gescherzt und sie durch den Abend geführt. Nun bittet er sie ruhig, die Halle zu verlassen. Christian Oberfuchshuber gehört schließlich zu den Letzten, die gehen.

Es ist der Moment, in dem sichtbar wird, dass sein Beruf deutlich mehr verlangt als ein paar flotte Sprüche und die Aufforderung zum Klatschen. Christian Oberfuchshuber ist Warm-upper, jener Mann, der vor Fernsehaufzeichnungen und großen Shows die Verbindung zwischen Bühne und Publikum herstellt. Er erklärt, überbrückt Wartezeiten, reagiert auf Pannen, nimmt den Menschen die Scheu und sorgt dafür, dass aus mehreren Hundert Einzelpersonen im besten Fall ein gemeinsames Publikum wird. „Ich bin immer grundsätzlich im Studio der Aller­erste, der mit den Zuschauern spricht“, sagt er.

Diese Beziehung kann wenige Minuten später den Unterschied zwischen einem zähen Fernsehabend und einer lebendigen Sendung ausmachen. Im Ernstfall kann sie sogar helfen, eine Halle geordnet zu räumen. Wer den Beruf auf animierten Beifall reduziert, unterschätzt sein Handwerk. „Die Leute werden ja zu nichts gezwungen“, stellt Christian Oberfuchshuber klar. Er gibt Signale, klatscht zu Beginn selbst, führt durch Übergänge und hilft einem Publikum, das noch nicht weiß, wie es sich in einem Fernsehstudio verhalten soll. Wenn die Zuschauer erst einmal aufgetaut sind, lässt er sie laufen. Applaus auf Kommando allein wäre ihm zu wenig. Er will eine Atmosphäre schaffen, in der Reaktionen entstehen können, ohne mechanisch zu wirken.

Dass vieles davon leicht aussieht, hält er für das größte Missverständnis seines Berufs. Wer am Biertisch seine Freunde unterhält oder in geselliger Runde zuverlässig Pointen liefert, könne noch lange keinen Saal über mehrere Stunden tragen. „Das hat alles Hand und Fuß“, sagt Christian Oberfuchshuber über sein Programm. Das Publikum müsse beobachtet, die Stimmung eingeschätzt, die Energie dosiert werden. Ein missglückter Scherz in einer Gruppe von fünf Freunden ist schnell vergessen. Vor 1.000 Menschen wird er zu einer ziemlich einsamen Erfahrung.

Christian Oberfuchshuber kennt genügend Interessenten, die glaubten, sie könnten seinen Job ebenfalls erledigen.

Für einen Fernsehbeitrag veranstaltete er mit RTL sogar ein Warm-up-Casting. Fünf Bewerber traten an, der Gewinner durfte gemeinsam mit ihm vor etwa 10.000 Menschen bei einer Preisverleihung in Oberhausen auf die Bühne. Anschließend habe der Mann eingeräumt, wie schwer es sei, ein großes Publikum dauerhaft bei Laune zu halten. Christian Oberfuchshuber überrascht diese Erkenntnis nicht. Auch einem Maurer, Koch oder Bäcker sehe man im Idealfall nicht an, wie viel Übung in jedem Handgriff steckt. Erst beim eigenen Versuch zeigt sich, was hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit liegt.

Die Voraussetzungen für seinen Beruf beschreibt er ohne falsche Bescheidenheit. Man müsse „sehr extrovertiert sein“, spontan reagieren, auf Menschen zugehen und vermutlich auch „eine gewisse Profilneurose“ besitzen. Christian Oberfuchshuber hatte dafür schon früh brauchbare Anlagen. In einem kleinen Ort in Oberbayern war er nach eigener Aussage der Klassenclown, drehte mit einem Schulfreund Sketche und unterhielt, wer sich unterhalten ließ. Beruflich schwankte er als Kind zwischen Busfahrer und Pfarrer. Am Bus faszinierten ihn das Anfahren und die Türen, an der Sonntagsmesse erkannte er vor allem eines: „Das war ja auch immer eine große Bühne.“

Mit 15 besuchte er erstmals ein Fernsehstudio und sah eine Late-Night-Show von Thomas Gottschalk. Besonders aufmerksam beobachtete er den Mann, der vor der Sendung das Publikum aufwärmte. Der Gedanke lag für den Jugendlichen überraschend nahe: Das könnte ich auch. Zunächst führte sein Weg jedoch ins Hotel. Christian Oberfuchshuber ließ sich zum Hotelfachmann ausbilden und arbeitete anschließend noch mehrere Jahre in der Branche. Die Rezeption machte er zu seiner ersten regelmäßigen Bühne. In dem Kurhotel blieben viele Gäste länger, also organisierte das Team Spieleabende, bei denen Christian Oberfuchshuber beispielsweise die „Montagsmaler“ moderierte. Selbst beim Ein- und Auschecken durfte es gern ein etwas größeres Hallo sein.

Den entscheidenden Schubs in Richtung Fernsehen gab ihm eine Sendung, die er liebte: „Der Preis ist heiß“.

Christian Oberfuchshuber nahm als Kandidat teil und verließ das Studio nicht mit leeren Händen. Zunächst gewann er italienische Weine im Wert von 1.000 D-Mark, später räumte er einen Hauptpreis von rund 34.000 D-Mark ab. Dazu gehörten ein Auto, ein Faxgerät, ein Anrufbeantworter und ein Fernglas. Das Fernglas liegt Jahrzehnte später noch auf seiner Fensterbank. Gegenüber befindet sich eine Turnhalle mit großer Fensterfront. Wenn abends nichts im Fernsehen laufe, erklärt Christian Oberfuchshuber mit jener Unschuld, die eine Pointe erst verdächtig macht, könne er damit den Basketballern zusehen.

Der Auftritt als Kandidat bestärkte ihn darin, es beim Fernsehen ernsthaft zu versuchen. Seine erste Chance kam nicht, weil eine Produktion sehnsüchtig auf ihn gewartet hatte, sondern weil kurzfristig niemand anderes verfügbar war. Für eine ZDF-Sitcom wurde dringend ein Warm-upper gesucht. Eine Castingagentur schlug Christian Oberfuchshuber vor und fügte ehrlicherweise hinzu, dass er so etwas noch nie gemacht habe. Zunächst lehnte die Produktion ab, einen Tag später fehlte ihr weiterhin eine Alternative. Oberfuchshuber bereitete sich akribisch vor, fuhr ins Studio und war „so aufgeregt wie noch nie“ in seinem Leben. Nach der ersten Hälfte kam ein Verantwortlicher zu ihm und erklärte, alle seien zufrieden und wollten in der folgenden Woche erneut mit ihm arbeiten. Die Notlösung hatte geliefert.

Danach lernte Christian Oberfuchshuber das deutsche Unterhaltungsfernsehen in einer Intensität kennen, die selbst für begeisterte Zuschauer anstrengend geklungen hätte. Er arbeitete für Talkshows von Ilona Christen, Bärbel Schäfer und Arabella Kiesbauer, begleitete zwölf Jahre lang „Britt“ und erlebte die Hochphase jener Sendungen, in denen Vaterschaftstests, Lügendetektoren und komplizierte Dorfbeziehungen zuverlässig für Nachschub sorgten. Zeitweise wurden vier Folgen am Tag produziert. In besonders harten Wochen kam er nach eigener Erinnerung auf zwölf bis 14 Talkshows.

Bei einer solchen Taktung geraten gelegentlich nicht nur Familienverhältnisse durcheinander.

Vor einer Sendung mit Carmen Nebel kündigte Christian Oberfuchshuber im Eifer des Gefechts statt Helmut Lotti versehentlich Lotti Huber an. Ein leichtes Raunen ging durch das Publikum, dessen Ursache ihm zunächst verborgen blieb. Erst nach der Aufzeichnung machte ihn jemand darauf aufmerksam, dass die bereits verstorbene Schauspielerin und Diseuse an diesem Abend überraschenderweise gar nicht aufgetreten war. Christian Oberfuchshuber reagierte mit jenem kurzen Entsetzen, das bei ihm sofort wieder Material für die nächste Geschichte liefert.

Heute gehören Produktionen wie „The Voice of Germany“, der „ZDF-Fernsehgarten“, „Der Quiz-Champion“, Sendungen mit Kai Pflaume und große Konzertveranstaltungen zu seinem Arbeitsalltag. Da er in Berlin lebt, die Studios aber häufig in Köln, München oder Hamburg liegen, beginnt ein Arbeitstag oft gegen fünf oder sechs Uhr morgens. Dann fährt er zum Bahnhof, reist quer durch die Republik, kommt mittags oder am frühen Nachmittag im Studio an, begleitet Proben und Aufzeichnung und beendet den Abend nicht selten nach 23 Uhr. Manche Shows sind nach zwei Stunden vorbei, andere ziehen sich über sechs oder sieben Stunden. „Da kommst du dann schon auf dem Zahnfleisch daher“, sagt er. Im Zug schläft er, sieht Filme oder telefoniert. Das frühe Aufstehen werde trotzdem wohl nicht mehr seine Leidenschaft.

Erstaunlicherweise sind große Hallen für ihn oft leichter zu bespielen als kleine Gruppen. Wo Tausende gemeinsam reagieren, entsteht schnell ein Gemeinschaftsgefühl. Bei zehn, 20 oder 30 Zuschauern fällt jeder Einzelne sofort auf und hält sich eher zurück. „Bei den kleinen Shows muss man mehr ackern als bei den großen“, sagt Christian Oberfuchshuber. Besonders gern spricht er ältere Frauen im Publikum an, vorzugsweise Damen mit Namen wie Hildegard, Marianne oder Inge. Sie hätten Lebenserfahrung, einen besonderen Humor und gäben zuverlässig Konter. Für einen Warm-upper ist ein Gegenüber, das zurückschießt, wertvoller als hundert höflich lächelnde Gesichter.

Auch optisch sorgt Christian Oberfuchshuber dafür, dass man ihn nicht mit der Studiodekoration verwechselt.

Während viele Kollegen in schwarzen Hemden oder schlichten T-Shirts auftreten, trägt er auffällig bunte Anzüge. Im Kollegenkreis werde regelmäßig gerätselt, welches Modell er diesmal aus dem Schrank gezogen habe. In München kommt während des Oktoberfests auch die Lederhose zum Einsatz. Ein Dirndl scheitere bislang, wie er erklärt, an der unzureichenden Ausfüllung im oberen Bereich. Dass mit zunehmendem Alter möglicherweise Hilfe von allein naht, nimmt er dankbar als Zukunftsperspektive entgegen.

Nicht jeder im Publikum mag seine Art. Christian Oberfuchshuber erhält freundliche Nachrichten, aber auch Mails von Menschen, die ihn „scheiße“ finden und deshalb nie wieder ins Studio kommen wollen. Damit kann er leben. „Es ist auch nicht mein Anspruch, jedem zu gefallen“, sagt er. Die Zuschauer seien schließlich wegen der Sendung da und nicht seinetwegen. Gleichzeitig weiß er, dass manche inzwischen gerade auf ihn gespannt sind. Wer ihn mehrfach erlebt hat, kennt seine Sprüche, seine Anzüge und jene Mischung aus Frechheit und Verlässlichkeit, die einen Saal durch ungeplante Umbaupausen tragen kann.

Wie fragil ein Leben als freiberuflicher Unterhalter ist, zeigte die Corona-Pandemie. Innerhalb kürzester Zeit verwandelte sich sein übervoller Kalender in eine Abfolge von Absagen. Rund zehn Wochen saß Christian Oberfuchshuber ohne Arbeit zu Hause. Nachdem die Wohnung vollständig entrümpelt war, erfand er sich seine eigene Beschäftigung: eine tägliche Web-Talkshow, für die er prominente Weggefährten per Video zuschaltete, Interviews führte, kleine Spiele veranstaltete und anschließend alles selbst schnitt und veröffentlichte. Mehr als 60 Folgen entstanden.

Gleichzeitig schlossen sich die Warm-upper zusammen und schrieben an Sender und Produktionsfirmen.

Fernsehshows wurden weiterhin hergestellt, allerdings ohne Studiopublikum – und damit ohne jene Menschen, die normalerweise den Saal vorbereiteten. Nach Christian Oberfuchshubers Schilderung reagierte die Geschäftsleitung von ProSiebenSat.1 innerhalb weniger Stunden und sagte Unterstützung zu. Solange die entsprechenden Sendungen produziert würden, sollten die Warm-upper trotz ihres fehlenden Einsatzes weiterbezahlt werden. Für eine Berufsgruppe, deren Arbeit häufig erst auffällt, wenn sie fehlt, war das mehr als eine finanzielle Hilfe. Es war die Anerkennung, dass auch der Mann vor dem ersten Applaus Teil der Produktion ist.

Viele seiner früheren Fernsehhelden sind inzwischen Kollegen oder persönliche Bekannte: Jürgen von der Lippe, Harald Schmidt, Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder. Wenn Christian Oberfuchshuber nach einer Sendung mit ihnen beim Essen sitzt oder Hella von Sinnen ein Glückwunschvideo zu seiner Hochzeit schickt, muss er sich manchmal selbst daran erinnern, dass genau dies einmal sein Wunsch war. Moderator einer eigenen Sendung zu werden, schließt er nicht aus. Eine Gameshow würde ihn reizen. Gleichzeitig gefällt ihm seine gegenwärtige Freiheit: von Produktion zu Produktion zu wechseln, sein eigenes Programm zu spielen und keinen Quotendruck tragen zu müssen.

Christian Oberfuchshubers will gesehen werden, ohne zwingend die Hauptperson des Abends sein zu müssen. Er bringt Menschen zum Lachen, damit andere ihre Sendung beginnen können. Er trägt bunte Anzüge, steht aber meist außerhalb des späteren Fernsehbildes. Und als in Mannheim plötzlich nicht mehr Unterhaltung, sondern Ruhe gefragt war, reichte die zuvor aufgebaute Nähe aus, damit 15.000 Menschen ihm zuhörten. Sein Motto lautet: „Lieber Beifall als Abfall.“ An jenem Abend bestand sein Erfolg allerdings nicht darin, dass das Publikum klatschte. Es stand auf und folgte ihm nach draußen.

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