
Christiane Will | Das Pferd, das ihr den Spiegel vorhielt
Christiane Will steht 1998 in Köln auf dem Siegerpodest, die Goldmedaille hängt um ihren Hals, die Nationalhymne läuft, und eigentlich müsste dies der Moment sein, in dem alles aufgeht. Fünfzehn Jahre Leistungssport, Training, Verzicht, Schmerzen und ein Ziel, das kaum größer sein könnte: Weltmeisterin. Im deutschen Doppelvierer hat sie die 2.000 Meter hinter sich gebracht, am Ende eines solchen Rennens, erzählt sie, bestehe die Gedankenwelt ohnehin fast nur noch aus Schmerz und dem Wunsch, dass es endlich vorbei sein möge. Dann ist es vorbei. Gold.
Folge 144 | 26.10.2026
Im Gespräch mit André Puchta
„Alles unterhalb der Goldmedaille wäre eine Niederlage gewesen.“ Christiane Will ist erleichtert, überwältigt, glücklich – und bemerkt noch auf dem Podest etwas, das nicht in dieses perfekte Bild gehört. „Da war auch schon zu spüren eine Leere.“ Dazu die Frage: „Ja, und jetzt?“ Sie hatte jahrelang auf diesen Punkt hingearbeitet und erlebt nun, dass die ersehnte „vollkommene Fülle“ ausbleibt. Im Leistungssport gibt es darauf eine praktische Antwort: nächstes Ziel, Olympia. Für Christiane Will wird die Frage sehr viel größer. Ihr Leben ist zu diesem Zeitpunkt darauf trainiert, immer das nächste Hindernis zu nehmen. Erfolg entsteht durch Leistung, Glück durch das Erreichen eines Ziels, Anerkennung durch das Überschreiten von Grenzen.

„Zuckerbrot und Peitsche“ nennt sie dieses System rückblickend. Sie habe Bedürfnisse nach Ruhe, Erholung und liebevollen Beziehungen dem sportlichen Ziel untergeordnet, viel Kampf, Isolation und Schmerz akzeptiert, um jene kurzen Momente zu erleben, in denen wieder etwas geschafft war. Das Modell funktioniert beeindruckend gut, solange die nächste Ziellinie existiert. Schwieriger wird es, wenn sie fehlt. Nach dem Sport tauscht Christiane Will das Rudern zunächst gegen eine andere Welt aus, die ebenfalls Leistung belohnt. Sie wird Juristin, arbeitet in einer renommierten Kanzlei in Potsdam und betreibt den Beruf nach eigener Beschreibung ähnlich exzessiv wie zuvor den Leistungssport. Von außen stimmt weiterhin alles: Weltmeistertitel, angesehener Beruf, gutes Einkommen, Freunde, eine schöne Wohnung.
„Alles war wunderbar“, sagt sie, bevor sie einen Satz hinterherschiebt, der die gesamte Bilanz umdreht: „Und mir ging es aber nicht gut – gar nicht gut.“ Sie ist getrieben, unruhig, von Angst begleitet. „Ich war nicht satt. Ich war nicht gestillt, ich war nie genährt. Und ich war auch sehr einsam.“ Die Frau, die gelernt hatte, einen Körper über Schmerzgrenzen zu treiben, erkennt zunächst nicht einmal, dass ihr gesamtes Nervensystem weiterhin unter Hochspannung steht. Dieser Zustand ist kein Alarmzeichen für sie, sondern Normalität. Dann taucht an einem schlechten Tag eine Frage auf, die nichts mit Leistung, Karriere oder einem neuen Ziel zu tun hat: „Wie wäre es denn gut, Süße?“ Nicht: Was hast du falsch gemacht? Nicht: Was musst du als Nächstes erreichen? Sondern schlicht: Wie wäre es gut?
Christiane Will sieht vor ihrem inneren Auge ein weißes Pferd auf einer grünen Wiese mit rotem Halfter.
Das Problem an dieser Eingebung: Sie kann kaum reiten. Als Kind hatte sie gelegentlich Stunden bekommen, ihr Vater war mit ihr auf einen Ponyhof gefahren, doch für eine ernsthafte Beschäftigung mit Pferden fehlten Geld und Zeit. Nun blättert sie in einer Verkaufszeitung – das Internet spielt dabei noch keine Rolle –, entdeckt ein Pferd und entscheidet: „Oh, der ist schön, den will ich.“ Sie fährt hin und kauft ihn. Sasano ist ein Araberwallach, kurz zuvor noch Hengst, ehemaliges Rennpferd aus Polen, erfolgreich auf der Rennbahn und damit ausgerechnet das Tier, das besser zu ihrer eigenen Geschichte kaum passen könnte. Hochleistung trifft Hochleistung. Christiane Will hat keine Ahnung, wie präzise diese Gemeinsamkeit werden wird. Sasano ist austrainiert, temperamentvoll und „auf Hochspannung“. Will ebenfalls. „Ich wusste gar nicht, dass ich unter Hochspannung stehe.“
Beide besitzen enorme Energie, beiden fehlt die Fähigkeit, herunterzufahren. Christiane Will hatte sich ihr neues Leben romantischer vorgestellt: Pferd kaufen, gemütlich durch die Brandenburger Wälder reiten, Natur genießen. Stattdessen herrscht, wie sie sagt, regelmäßig „Kamikaze“. Mit einem hochsensiblen ehemaligen Rennpferd durch den Wald zu gehen, ohne selbst sicher im Sattel und innerlich reguliert zu sein, beschreibt sie als „Porsche fahren ohne Führerschein“. Sasano hält ihr damit einen Spiegel vor, den kein Titel und kein beruflicher Erfolg ihr zuvor hingehalten hatte. Was sie bei ihm für ein Problem hält – Unruhe, Anspannung, fehlende Gelassenheit –, trägt sie selbst in sich. Hilfe findet sie schließlich bei Monty Roberts, dem international bekannten Pferdetrainer, der später ihr Mentor wird. Zunächst besitzt Christiane Will lediglich eine Pferdezeitschrift mit Bildern, anhand derer sie das sogenannte Join-up ausprobiert. Zeitung in der Hand, Pferd auf der Wiese, Technik nach Bildern.
Was folgt, erlebt sie fast wie Zauberei:
Aus dem nervösen, angespannten Tier wird ein Pferd, das ihr ohne Strick folgt und sich sichtbar entspannt. Später lernt sie Roberts persönlich kennen. Auf die Frage, was er ihr über Kommunikation beigebracht habe, antwortet sie ohne Zögern: „Alles, was wirklich von Bedeutung ist.“ Entscheidend sei nicht gewesen, Gefühle zu unterdrücken. Roberts habe ihr beigebracht, zunächst wahrzunehmen, was in ihr geschieht, und dann bewusst zu entscheiden, wie sie sich verhält. Angst darf vorhanden sein. Unsicherheit ebenfalls. Ein Pferd, sagt Christiane Will, nehme solche Zustände ohnehin unmittelbar wahr. Entscheidend sei, ob der Mensch dadurch „konfus, wuschig, unreguliert“ werde oder trotz Angst klar und berechenbar bleibe. Ihre Metapher dafür kommt aus der Herde: Auch eine Leitstute könne Angst vor einem Raubtier haben. Die anderen Pferde folgen ihr trotzdem, wenn ihre Entscheidung klar ist: „Wir flüchten, und zwar in diese Richtung, jetzt.“
Für Christiane Will verändert dieser Gedanke weit mehr als den Umgang mit Pferden. Früher habe sie gewartet, bis die äußeren Umstände endlich so seien, dass sie sich entspannen könne: Das Pferd muss funktionieren, der Wettbewerb gewonnen, der Beruf erfolgreich, das Problem gelöst sein. Nun lernt sie, ihren eigenen Zustand nicht länger vollständig von außen steuern zu lassen. Sie verlässt das bisherige Lebenskonzept, zieht aus dem städtischen Umfeld aufs Land und beginnt buchstäblich umzusatteln. Mit Sasano hütet sie Schafherden, sammelt unversorgte Lämmer ein und transportiert mitunter drei oder vier von ihnen in Satteltaschen von der Weide zum Stall, wo sie mit der Flasche aufgezogen werden. Die frühere Weltmeisterin, die einen hochoptimierten sportlichen Alltag kannte, sitzt nun auf einem Pferd, aus dessen Taschen Lämmer schauen. Der neue Rhythmus ist nicht weniger anspruchsvoll, folgt aber anderen Maßstäben. Aus diesen Erfahrungen entwickelt sich schließlich ihre heutige Arbeit. Christiane Will ist Juristin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Reitlehrerin und arbeitet als „Pferdefrau“ mit Menschen und Pferden.
Dabei geht es ihr ausdrücklich nicht darum, jedem Menschen möglichst schnell einen Sattel unterzuschieben.
Ein großer Teil der Arbeit findet am Boden statt. Bevor ein Pferd einen Menschen tragen soll, müsse dieser überhaupt verstehen, mit welchem Wesen er es zu tun hat. Christiane Will wehrt sich sowohl gegen die Vorstellung, man müsse einem Pferd zeigen, „wer der Boss ist“, als auch gegen die romantische Erwartung, jedes Pferd wolle automatisch der beste Freund des Menschen sein. Ein Pferd sei „ein völlig eigenständiges Wesen, was nichts von mir braucht“. Beziehung entstehe erst, wenn ein Mensch lerne, dessen Signale wahrzunehmen, ohne sofort menschliche Geschichten darüberzustülpen. Dreht sich ein Pferd weg oder gähnt, muss das für Will nicht Langeweile bedeuten. Es könne auf Spannung reagieren, die der Mensch selbst noch gar nicht bemerkt hat. „Das Pferd zeigt uns, was wirklich los ist mit uns durch sein Verhalten.“ Das macht diese Tiere in ihrer Arbeit wertvoll – und verlangt gleichzeitig fachliche Grenzen.
Christiane Will warnt ausdrücklich davor, pferdegestützte Therapie als Allheilmittel zu betrachten. Bei schweren psychischen Diagnosen brauche es fachärztliche Einschätzung und Begleitung; ein Pferd ersetze keine notwendige medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Besonders bei Kindern beobachtet sie, wie fremd unmittelbares Erleben teilweise geworden sei. Bildschirm, Wohnung, Auto, Schule, eng getakteter Alltag – Will beschreibt eine zunehmende Distanz zu Natur, Wetter und Tieren. Bei ihr begegnen Kinder Regen, Wind, Schlamm und einem mehrere hundert Kilogramm schweren Lebewesen, das sich nicht wegwischen, pausieren oder nach den eigenen Erwartungen programmieren lässt. Manche seien anfangs bereits von der Nähe zu einem Pferd überfordert. Gerade diese reale Begegnung betrachtet sie als Chance.
Pferde interessieren sich weder für Weltmeistertitel noch für berufliche Reputation.
Sie reagieren auf den Menschen, der in diesem Moment vor ihnen steht. Christiane Will hat lange gebraucht, um den Unterschied zwischen dem zu verstehen, was sie erreicht hatte, und dem, was sie tatsächlich brauchte. Heute definiert sie selbst Glück anders als zu Zeiten des Leistungssports. Eigentlich, sagt sie, sei Glück gar nicht mehr das entscheidende Lebensziel. Das wichtigere Wort lautet „Frieden“: mit sich selbst verbunden sein, mit anderen Menschen und Lebewesen, und einen Moment nicht permanent anders haben wollen, als er gerade ist.
Gefragt, was sie jener Christiane sagen würde, die nach dem Ende der Ruderkarriere nicht wusste, wie ihr Leben weitergehen soll, braucht sie keinen langen therapeutischen Vortrag. Zwei Wörter genügen: „Alles ist gut.“ Und würde die jüngere Christiane das glauben? Will ist überzeugt, dass sie es tief in sich bereits gewusst hätte. „Der Weg ist, wo dein Herz aufgeht“, sagt sie am Ende. Auf dem Siegerpodest in Köln hatte sie gelernt, dass Gold allein diese Frage nicht beantwortet. Jahre später stand die Antwort auf vier Beinen auf einer grünen Wiese.