Dr. Frauke Petry | Freiheit ist kein Naturgesetz

Von einem Leuchtturm auf Hiddensee schaut Frauke Petry als Kind über die Ostsee Richtung Westen. Jedes Jahr verbringt ihre Familie mehrere Wochen an der Küste, fährt mit dem Boot zwischen den Inseln, angelt, badet, später lernt sie surfen. Geboren ist Dr. Frauke Petry in Dresden, aufgewachsen in Schwarzheide in der DDR, emotional aber, wie sie sagt, an der Ostsee. Der Blick vom Leuchtturm bekommt in ihrer Erinnerung eine Bedeutung, die weit über Ferien hinausgeht.

Folge 125 | 25. August 2026
Im Gespräch mit André Puchta

Irgendwo dort draußen liegt ein Teil Deutschlands, den sie nicht einfach besuchen kann. Zu Hause wiederum lernt sie früh, dass Freiheit sehr unterschiedliche Räume haben kann. Im Elternhaus darf gefragt und diskutiert werden, in der Schule besser nicht alles. Bestimmte Begriffe sind tabu, politische Äußerungen werden vorsichtig behandelt. Ihre Eltern gehören nicht zur SED, die Familie ist kirchlich gebunden. Dr. Frauke Petry erzählt, ihr Vater sei vom DDR-Staat als Gegner eingestuft und die Familie von zahlreichen inoffiziellen Mitarbeitern beobachtet worden; erfahren habe sie das alles erst später. Als Kind nimmt sie vor allem die alltäglichen Zeichen wahr.

Die Eltern verweigern sich beispielsweise der vollständigen Pionieruniform. Die Tochter darf an den Veranstaltungen teilnehmen, trägt aber statt des offiziellen Hemdes eine schlichte weiße Bluse. Kein spektakulärer Widerstand, eher eine kleine Grenzziehung: Bis hierhin machen wir mit, weiter nicht. Dr. Frauke Petry beschreibt ihre Eltern nicht als Fundamentaloppositionelle, sondern als Menschen, die wussten, welche Konsequenzen offener Widerstand haben konnte. Zuhause entstand dadurch ein privater Raum, der sich anders anfühlte als die Öffentlichkeit. Dass man zwischen dem unterscheiden muss, was gesagt wird, und dem, was tatsächlich geschieht, habe sie früh gelernt.

Als ihr Vater 1989 bei einer Reise in der Bundesrepublik bleibt, ist Frauke Petry dreizehn und weiß vorher, was geplant ist. Es ist nach ihrer Erinnerung bereits sein dritter Versuch. Ihr Vater habe ihr oft gesagt, sie werde den Kölner Dom eines Tages sehen, bei ihm selbst sei er sich nicht sicher. Nun ist er im Westen und die Familie zunächst getrennt. In der Schule wird Frauke Petry gefragt, ob sie von der Flucht gewusst habe. Sie sagt nein, um ihre Mutter zu schützen. Acht Monate später ist die Familie wieder zusammen, zunächst im Raum Dortmund, später in Bergkamen. Der Wechsel in den Westen fühlt sich für die Jugendliche trotzdem nicht sofort wie Ankommen an. An ihrer ersten Schule wird sie auf ihre Herkunft reduziert.

Auch auf einem Amt bekommt die Familie einen Satz zu hören, der sich festsetzt:

Man habe nichts gegen sie persönlich, aber müssten denn alle hierherkommen? Frauke Petry wechselt die Schule. Dort kennt zunächst niemand ihre Akte, niemand klebt ihr sofort das Etikett „DDR“ auf. Sie findet Freunde. Noch wichtiger wird die Musik. Seit dem fünften Lebensjahr spielt sie Klavier, später absolviert sie eine Ausbildung zur nebenberuflichen Kirchenmusikerin. Über Musik findet sie Menschen, mit denen sie etwas teilt, das nichts mit Ost und West zu tun hat. Sie nennt Musik bis heute emotionale Heimat, Therapie und Hobby zugleich. Es ist eine bemerkenswerte Konstante in einem Leben, das später vor allem mit Politik verbunden werden wird.

Nach dem Abitur studiert Dr. Frauke Petry Chemie, verbringt mehrere Jahre in England und promoviert. Naturwissenschaften faszinieren sie auch deshalb, weil dort Regeln gelten, die nicht verhandelbar sind. Reaktionskinetik und Thermodynamik interessieren sich nicht für Mehrheiten. Eine chemische Reaktion lässt sich unter definierten Bedingungen berechnen. Politik, sagt Dr. Frauke Petry, sei deshalb eindeutig komplizierter. Menschen reagieren nicht wie Moleküle. Gruppendynamiken lassen sich nicht zuverlässig vorhersagen, Macht verändert Verhalten, Entscheidungen können an wenigen Personen hängen. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb sie politische Vorgänge bis heute gern mit naturwissenschaftlichen Bildern beschreibt und im selben Moment deren Grenzen betont.

Wer versucht, eine Gesellschaft wie ein Labor zu steuern, übersieht für sie gerade das Entscheidende: Menschen verhalten sich nicht exakt so, wie eine Theorie es erwartet. Bevor die Politik ihr Leben übernimmt, wird Dr. Frauke Petry Unternehmerin. Diese Erfahrung prägt ihren Blick auf Staat und Wirtschaft mindestens ebenso sehr wie die DDR-Kindheit. Regulierung, Steuern, Marktmechanismen, Verantwortung und die Frage, wer die Folgen einer Entscheidung trägt, werden später zu politischen Kernthemen. In die Politik hineinzuplanen, hatte sie trotzdem nicht vor.

Ihr Großvater habe seinen Enkelinnen sogar geraten: „Tretet nie in eine Partei ein.“

Ende 2012 begegnet Dr. Frauke Petry dem Kreis um Bernd Lucke und findet einige der diskutierten Fragen interessant. Sie glaubt nach eigener Aussage zunächst nicht daran, dass daraus etwas Großes wird. Genau das reizt sie offenbar: ausprobieren, gründen, gestalten. 2013 gehört sie zu den Gründungsmitgliedern der Alternative für Deutschland und arbeitet am frühen Programm mit. Die Partei wird öffentlich vor allem mit Kritik an der Eurorettung verbunden, innerhalb der jungen Organisation treffen jedoch von Anfang an unterschiedliche politische Vorstellungen aufeinander. Dr. Frauke Petry beschreibt rückblickend drei Strömungen: eine freiheitlich-marktwirtschaftliche, eine konservative und eine stärker sozialpatriotische beziehungsweise national orientierte.

Dass diese Gruppen zwar gemeinsam gegen etwas antreten konnten, aber keine stabile Einigkeit darüber entwickelten, wohin sie wollten, bezeichnet sie heute als „Geburtsfehler“. Damals hält sie die Differenzen noch für normal. Es folgen Jahre eines politischen Aufstiegs, der schneller verläuft, als sie selbst erwartet hatte. Dr. Frauke Petry wird eine der bekanntesten Figuren der Partei, übernimmt Führungsverantwortung und erlebt, wie sich Verhalten in ihrer Umgebung mit wachsender Macht verändert. Menschen orientierten sich häufig weniger an der Person als an deren Position, sagt sie. Plötzlich wird mehr gelacht, aufmerksamer zugehört, Zustimmung leichter verteilt. Dr. Frauke Petry versucht, sich Menschen zu erhalten, die widersprechen. Familie und einige enge Mitstreiter bilden für sie ein Korrektiv.

An Politik reizt sie nach eigener Darstellung ohnehin weniger die Rede von der Bühne als das Gespräch danach, die Diskussion, der Widerspruch.

Gleichzeitig verschärfen sich die innerparteilichen Machtkämpfe. 2015 übernimmt sie die Parteiführung von Bernd Lucke. Spätestens in den folgenden zwei Jahren wird deutlich, dass die unterschiedlichen Lager nicht einfach nebeneinander bestehen werden. Dr. Frauke Petry möchte die Partei nach eigener Darstellung auf einen Kurs bringen, der Regierungsbeteiligung grundsätzlich möglich macht. Andere Kräfte lehnen genau diese Richtung ab. 2017 versucht sie, die Partei vor eine inhaltliche Entscheidung zu stellen. Sie verzichtet auf die Spitzenkandidatur, verliert zunehmend Einfluss auf die Kampagne und erlebt, wie politische Kommunikation innerhalb der eigenen Partei abbricht. Nach der Bundestagswahl zieht sie zwar ins Parlament ein, erklärt aber unmittelbar, der AfD-Fraktion nicht beizutreten, und verlässt wenige Tage später auch die Partei.

Es ist ein ungewöhnlicher Moment: Eine Politikerin erreicht parlamentarisch einen Höhepunkt und gibt gleichzeitig freiwillig den organisatorischen Machtapparat auf, der sie dorthin gebracht hat. Dr. Frauke Petry sagt heute, es sei ihr damals nicht um den Posten gegangen, sondern um eine politische Klärung, die nicht erfolgt sei. Wer diese Entscheidung richtig verstehen will, muss ihr nicht zwangsläufig politisch zustimmen. Interessanter ist vielleicht, wie sie Macht beschreibt. Sie habe erlebt, dass Parteiapparate Verhaltensweisen erzeugen können, die mit jenen Regeln wenig zu tun haben, die man seinen Kindern über Ehrlichkeit und Anstand beibringt. Macht werde zum eigenen System. Dr. Frauke Petry selbst gibt zu, für klassisches politisches Theater nicht besonders geeignet zu sein. Gute Miene zum bösen Spiel falle ihr schwer.

Was sie denkt, sehe man häufig in ihrem Gesicht, weshalb Fotografen im Laufe der Jahre reichlich Material mit wenig schmeichelhaften Grimassen gesammelt hätten. Lügen könne sie schlecht. Für Politiker sei das womöglich unpraktisch, für Wähler vielleicht weniger. Nach dem AfD-Austritt gründet sie die Blaue Partei. Das Projekt scheitert. Dr. Frauke Petry erklärt es heute auch mit falschem Timing. Viele frühere AfD-Wähler seien von ihrem Austritt enttäuscht gewesen; sie selbst habe Entwicklungen zu einem Zeitpunkt anders bewertet, als ihre potenzielle Wählerschaft. Die Partei komme „zu früh“. Dass sie dieses Scheitern heute so nüchtern beschreibt, passt zu ihrem Selbstbild. Ein politisches Projekt kann beendet werden, ohne dass politisches Interesse endet. Nun versucht sie es erneut.

Mit „Team Freiheit“ gründet Dr. Frauke Petry gemeinsam mit Thomas Kemmerich ein neues politisches Projekt, dessen Kern ein deutlich kleinerer Staat sein soll.

Weniger Regulierung, weniger Bürokratie, weniger staatliche Ausgaben, geringere Steuern und mehr Eigenverantwortung gehören zu den Positionen, die sie im Gespräch vertritt. Den Sozialstaat möchte sie grundsätzlich umbauen, staatliche Förderung und Subventionen reduzieren, beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk kürzen und stärker auf Marktmechanismen setzen. Das sind politische Forderungen, keine naturwissenschaftlichen Gewissheiten, auch wenn Dr. Frauke Petry sie mit großer Überzeugung formuliert. Gerade darin zeigt sich die Chemikerin vielleicht weniger als in einzelnen Analogien: Sie sucht nach einem Grundprinzip, von dem sich möglichst viele Entscheidungen ableiten lassen.

Bei ihr lautet es Freiheit. Der Staat soll aus ihrer Sicht nur dort handeln, wo er tatsächlich gebraucht wird, und ansonsten Raum lassen. Dass sie Freiheit so stark gewichtet, führt Dr. Frauke Petry selbst teilweise auf ihre DDR-Erfahrung zurück. Die „Antenne für Freiheitsbeschränkung“ sei ihr aus dieser Zeit geblieben. Zugleich betont sie, die heutige Bundesrepublik nicht mit der DDR gleichzusetzen. Wenn ihr bestimmte politische Entwicklungen dennoch „DDR-Vibes“ bereiten, meint sie damit nach eigener Darstellung die Richtung staatlicher Kontrolle, nicht die Gleichheit der Systeme. Persönlich fühlt sie sich frei, wenn sie entscheiden und auch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen tragen darf. Und erstaunlich oft dann, wenn sie aufs Meer blickt. Da ist wieder die Ostsee, dieses alte Bild aus der Kindheit.

Vielleicht erklärt das Meer ihren Freiheitsbegriff besser als manches Parteiprogramm:

Weite, Bewegung, kein Zaun am Horizont. Gleichzeitig besteht ihr Leben aus Verpflichtungen. Kinder, Familie, Politik, unternehmerische Tätigkeiten, Garten, Musik. Langeweile kennt sie kaum. Die letzte klare Erinnerung daran stammt aus der Kindheit, als sie mit ungefähr zwölf Jahren auf dem Fahrrad durch die Siedlung fuhr und niemand Zeit hatte. Heute sind ihre Tage so gefüllt, dass selbst die Frage nach einem politikfreien Tag schwierig wird. Solche Tage erzwingt manchmal nur eine Migräne. Ihre Kinder sorgen dafür, dass sie trotzdem geerdet bleibt. Niemand korrigiert eine öffentliche Person so zuverlässig wie die eigene Familie. Besonders die Geburt ihrer ersten Tochter 2002 beschreibt Dr. Frauke Petry als Moment, in dem ihr Leben und dessen Endlichkeit auf neue Weise bewusst wurden.

Schüchtern habe sie das vielleicht nicht gemacht, aber ehrfürchtig. Schüchtern sei sie ohnehin nie gewesen. Eher frech, manchmal zu schnell im Unterbrechen, gelegentlich ungeduldig. Nüchtern dagegen sei sie fast immer. Nach politischen Erfolgen fällt es ihr schwer, sich lange im Jubel aufzuhalten. Nach dem Einzug in den sächsischen Landtag habe sie ihre Mitstreiter gebremst: Jetzt beginne die Arbeit erst. Es ist derselbe Impuls, der sich durch ihre Biografie zieht. Erfolg ist kein Endpunkt, Scheitern ebenfalls nicht. Vielleicht gründet Dr. Frauke Petry deshalb noch einmal eine Partei, obwohl sie genau weiß, was Parteipolitik mit Menschen machen kann. Vielleicht ist es Beharrlichkeit, vielleicht Überzeugung, vielleicht jene Gründungsenergie, die sie selbst beschreibt. Sicher ist nur: Der Rat ihres Großvaters hat nicht besonders lange gehalten. Und der Blick vom Leuchtturm offenbar umso länger.

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