Friedel Geratsch | „So wie der Flieger runtergeht, werden wir auch wieder runtergehen“

Friedel Geratsch schrieb mit Geier Sturzflug einen der bekanntesten Songs der Neuen Deutschen Welle. „Bruttosozialprodukt“ wurde 1983 Nummer eins in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Doch seine Geschichte beginnt lange vor Hitparade und Fernsehshows – mit einfachen Verhältnissen, abgebrochenen Ausbildungen, Arbeitslosigkeit, Straßenmusik und der ziemlich frühen Erkenntnis, dass Erfolg vor allem eines ist: endlich.

Folge 122 | 28. August 2026
Im Gespräch mit André Puchta

Irgendwann saß Friedel Geratsch in einem Flugzeug nach München. Unter ihm öffnete sich die Wolkendecke, irgendwo weit unten zog die Landschaft vorbei. Geier Sturzflug war zu diesem Zeitpunkt erfolgreich. Sehr erfolgreich sogar. „Bruttosozialprodukt“ lief im Radio, Fernsehauftritte folgten, plötzlich wurden aus kleinen Kneipen größere Hallen. Friedel Geratsch schaute aus dem Fenster und dachte:

So wie dieser Flieger gleich wieder runtergeht, werden auch wir irgendwann wieder runtergehen. Er war damals 31 Jahre alt. Vielleicht ist das wichtig. Denn während andere den ersten großen Erfolg möglicherweise für den Beginn einer neuen Normalität halten, rechnete Friedel Geratsch bereits mit seinem Ende. „Der Erfolg wird irgendwann zu Ende sein, und das geht schneller, als man denkt.“ Er sollte recht behalten.

Aber anders als viele Geschichten über Ruhm und Absturz ist seine keine Tragödie. Friedel Geratsch sitzt heute da und sagt, er komme wunderbar damit zurecht. Weil die Musik für ihn nie nur ein Mittel zum Erfolg war. Sie war der Grund, überhaupt durchzuhalten. Friedel Geratsch wurde 1951 geboren und wuchs im Ruhrgebiet in einfachen Verhältnissen auf.

Vier Menschen lebten zeitweise in einem Zimmer. Warmes Wasser gab es nicht. Wer zur Toilette musste, ging in den Keller, durch den Keller hindurch, wieder hinaus über den Hof zum Plumpsklo. Wenn Friedel Geratsch heute Debatten über Wohlstand, Wachstum und Unzufriedenheit hört, denkt er auch an diese Zeit.

Nicht, um heutige Probleme kleinzureden, aber um Relationen herzustellen.

„Wenn man sich heute umguckt, wie gut es uns eigentlich geht, dann finde ich, kann man auch mal ein bisschen zurückgehen und sagen: nicht über alles jammern.“ Dass ausgerechnet der Mann so spricht, dessen größter Hit das Bruttosozialprodukt zum Thema machte, ist eine hübsche Pointe.

Denn „Bruttosozialprodukt“ war nie die Hymne auf Wirtschaftswachstum, für die man den Refrain beim flüchtigen Hören halten könnte. Friedel Geratsch verarbeitete darin Erlebnisse aus seiner Arbeitswelt. Die Menschen, die im Lied vorkommen, habe es tatsächlich gegeben.

Er schrieb über Druck, Arbeit, Hierarchien und jene absurde Idee, dass immer mehr Leistung automatisch zu einem besseren Leben führen müsse. Nur eben nicht als Vortrag, sondern mit Humor. Das war seine Methode. Schon früh. Mit 13 oder 14 wusste Friedel Geratsch ziemlich genau, was er einmal werden wollte. Beatmusiker. Sein Vater fragte nach den Zukunftsplänen. Friedel Geratsch antwortete ehrlich.

Der Vater reagierte sinngemäß: Lern erst mal einen anständigen Beruf. Kurz darauf entdeckte er in der Zeitung eine Anzeige von Siemens und Halske. Besichtigung einer Lehrwerkstatt. Fernmeldemonteure. Friedel Geratsch ging hin, machte eine Aufnahmeprüfung und bezeichnet das Bestehen heute als „den größten Fehler meines Lebens“. Denn handwerklich, sagt er selbst, sei er vollkommen unbegabt.

Zwei Jahre später wurde der Mutter nahegelegt, der Sohn solle vielleicht lieber etwas anderes machen.

Die Lehre wurde beendet. Dann begann Friedel Geratsch eine Ausbildung zum Verkäufer. Die lag ihm deutlich mehr. Später arbeitete er im Elektrogroßhandel. Dort erlebte er einiges von dem, was Jahre später in seinen Liedern wieder auftauchen sollte.

Chefs, die durchs Haus liefen und Mitarbeiter anschrien. Arbeitsdruck. Unangenehme Umgangsformen. Friedel Geratsch hatte zusätzlich gesundheitliche Probleme mit den Atemwegen und fiel häufig aus. Irgendwann verlor er seine Stelle. Offiziell wegen Arbeitsmangels. Er selbst vermutet, dass seine Fehlzeiten dabei zumindest nicht geholfen haben.

Zunächst glaubte er, die Welt gehe unter, dann stellte er fest: Sie tat es nicht. Das Leben ging weiter. Und zum ersten Mal konnte er sich auf die Musik konzentrieren. Finanziell wurde es allerdings eng. Nach einem Jahr lief das Arbeitslosengeld aus. Friedel Geratsch nahm Gelegenheitsjobs an.

„Ich habe jede Drecksarbeit gemacht“, sagt er. Zeitweise fehlte ihm sogar das Geld für eine Krankenversicherung. Dann lernte er einen anderen Musiker kennen, der in Bochum studierte. Gemeinsam machten sie Straßenmusik. Schrieben Lieder. Darunter bereits Ende der 1970er-Jahre jenes Stück, das später sein Leben verändern sollte. „Bruttosozialprodukt“.

1978 erschien es erstmals auf einem Sampler. 1979 folgte ein eigenes Album. Als der musikalische Partner stärker durch sein Studium gebunden war, gründete Friedel Geratsch Geier Sturzflug. Der große Erfolg kam nicht sofort. Die Band spielte jahrelang überall dort, wo sie auftreten durfte. Friedel Geratsch formuliert das weniger romantisch: „In jedem Drecksloch.“ Dann kam ein Produzent ins Spiel, der an den Song glaubte. Peter Kent.

Andere Plattenfirmen hatten „Bruttosozialprodukt“ abgelehnt.

Schon der Titel sei problematisch gewesen. Das könne man doch gar nicht singen. Kent sah das anders und überzeugte Ariola. Kurz darauf war Geier Sturzflug auf Platz eins. Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich und der Schweiz. Friedel Geratsch erfuhr davon nicht bei einer glamourösen Plattenparty. Die Band war in einer kleinen Kneipe und bereitete einen Auftritt vor. Das Equipment bauten sie noch selbst auf. Der Wirt kam zu ihnen und sagte, das Management sei am Telefon. Friedel Geratsch ging ran.

Die neuen Charts seien da. Am Montag sei man Nummer eins. Seine Reaktion: „Ja, toll, schön.“ Dann musste er auf die Bühne. Im Nachhinein wirkt das fast grotesk. Ein Nummer-eins-Hit, und Friedel Geratsch begriff zunächst kaum, was das eigentlich bedeutete. Er habe erst viel später verstanden, wie außergewöhnlich so etwas ist.

Die praktische Konsequenz war zunächst vor allem ein Organisationsproblem. Viele Auftritte waren längst gebucht. Für Clubs, Jugendzentren und kleine Säle. Plötzlich wollten deutlich mehr Menschen kommen. Also telefonierte das Management herum und fragte, ob sich Veranstaltungen in größere Hallen verlegen ließen. Fast alle Veranstalter machten mit. Einer nicht. Der beschwerte sich öffentlich.

Aus ursprünglich vereinbarten kleinen Gagen wurden plötzlich hohe Summen, aus Sicht dieses Veranstalters offenbar Beleg dafür, dass die Band „kein Herz für alte Freunde“ habe. Die Meldung ging durch die Presse. Sogar bis in den „Playboy“. Friedel Geratsch erinnert sich bis heute daran, dass praktisch niemand bei der Band nachfragte, wie die Geschichte tatsächlich aussah.

Er ärgerte sich zunächst, dann dachte er sich: Nun wissen wenigstens alle, was wir kosten.

Auch das ist Friedel Geratsch. Er kann sich aufregen und dann irgendwann die Pointe darin entdecken. Vielleicht half ihm dabei, dass er den Erfolg nicht mit 18 erlebte. Er war 31, kannte Arbeitslosigkeit und finanzielle Unsicherheit. Eine gescheiterte Beziehung.

Kurz vor dem Durchbruch hatte er zeitweise nicht einmal eine eigene Wohnung. Nach der Trennung von seiner Frau nahm er zwei Reisetaschen und seine Gitarre. Den Rest ließ er zurück. Er kam in einem Studentenwohnheim unter, weil ein Zimmer vorübergehend frei war. Dort schrieb er unter anderem an „Besuchen Sie Europa, solange es noch steht“. Auch die Vertragsverhandlungen mit Peter Kent führte er vom Gemeinschaftstelefon.

Friedel Geratsch rief abends kurz in München an und sagte dann sinngemäß: Ruf du mich bitte zurück, damit nicht er die Telefonrechnung bezahlen musste. So sah Popstar-Werdung einmal aus. Während der Vertragsverhandlungen hatte die Band durchaus Forderungen. Einzelzimmer. Zugfahrten. Bezahlte Reisen.

Friedel Geratsch vermutet noch heute, dass man bei der Plattenfirma über manche dieser Wünsche eher gelächelt haben dürfte, aber gerade diese Erfahrungen prägten seinen Umgang mit Geld. Als der Erfolg kam, erinnerte er seine Mitmusiker daran: „Die Mark ist nur 50 Pfennig wert.“ Die Steuer kommt schließlich noch. Dass Erfolg nicht automatisch Gelassenheit bedeutet, wusste Friedel Geratsch allerdings auch auf andere Weise.

Er sagt offen, dass er alkoholkrank ist. Heute trocken. Damals nicht.

Zwanzig Jahre habe er getrunken. Auch vor Fernsehauftritten. „Ich glaube ja nicht, dass ich nur einmal nüchtern auf der Bühne gewesen wäre oder im Fernsehen.“ Es ist ein harter Satz, gerade weil er so beiläufig fällt.

ZDF-Hitparade, Shows, öffentliche Auftritte – vieles, was das Publikum als gute Laune wahrnahm, fand für ihn unter Alkoholeinfluss statt. Friedel Geratsch macht daraus keine Heldengeschichte, auch keine dramatische Beichte. Er sagt es als Teil seiner Biografie. Darin steckt sogar ein Gegenbild zu jener unbekümmerten Neuen Deutschen Welle, die in der Erinnerung gern als einzige große Party erscheint. Für Friedel Geratsch war diese Zeit Erfolg, aber nicht nur Leichtigkeit. Er war ohnehin nie die klassische Rampensau. „Ich war schüchtern, aber nicht nüchtern“, sagt er. Eine perfekte Antwort für einen Podcast mit diesem Namen.

Die Musik begann für ihn lange vor Geier Sturzflug. Mit 14 lernte er ein paar Akkorde. Seine Mutter musste sich die ersten Übungsversuche anhören. Sein Vater irgendwann nicht mehr. Der schickte ihn sinngemäß nach draußen. Friedel Geratsch setzte sich mit seiner Gitarre auf eine Bank in der Nähe einer Schule.

Zwei Jugendliche kamen vorbei. Sie wollten gerade eine Band gründen. Ob er mitmachen wolle? So entstand seine erste Gruppe. The Fame. Friedel Geratsch konnte damals kaum Englisch, aber immerhin erklärte man ihm, dass der Name irgendetwas mit Ruhm zu tun habe. Der sollte später tatsächlich kommen. Zwischen dieser ersten Band und Geier Sturzflug lagen weitere Projekte.

Friedels Feierabendshow. Schotterblau. 1979 schließlich Geier Sturzflug.

Friedel Geratsch bezeichnet sich bis heute als „professionellen Dilettanten“. Für ihn ist das kein Schimpfwort. Im Gegenteil. Er glaubt, dass gerade aus dieser Unbefangenheit Ideen entstehen, auf die ausgebildete Musiker vielleicht gar nicht kämen. Heute spielt er bei Aufnahmen sogar Keyboard. Obwohl er, wie er selbst sagt, eigentlich gar nicht Keyboard spielen kann. Er sucht Akkorde. Probiert herum. Wenn es gut klingt, bleibt es. Diese Methode zieht sich durch sein gesamtes Songwriting. Er denkt nicht komplizierter als nötig.

„Pure Lust am Leben“ entstand beispielsweise aus einer Zeile: „Eins kann mir keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben.“ Nur erschien ihm das als Refrain etwas kurz. Also wiederholte er den Anfang. „Eins kann mir keiner, eins kann mir keiner, eins kann mir keiner nehmen …“ Der Text entstand später unterwegs im Bandbus. Friedel Geratsch brauchte Papier.

Der Saxophonist hatte gerade den „Spiegel“ ausgelesen. Auf einer Werbeseite war viel weiße Fläche. Dort schrieb Friedel Geratsch den Text hinein. Das Original besitzt er nach eigener Aussage noch heute. Der Song sollte ursprünglich nur B-Seite werden. Die Aufnahme fand nachts statt. Als Friedel Geratsch morgens aus dem Studio kam, war ihm allerdings klar: Wenn wir das nach München schicken, wird daraus die A-Seite. Genau so kam es.

Noch heute schreibt er auf ähnliche Weise, nur die Technik hat sich geändert. Friedel Geratsch schläft nach eigener Aussage häufig nur drei Stunden. Ab halb vier liegt er wach. Damit seine Frau nicht gestört wird, tippt er unter der Bettdecke Texte ins Smartphone. Später geht er in sein kleines Studio und nimmt die Ideen auf. Allein 2025 seien auf diese Weise knapp hundert Songs entstanden.

Manche veröffentlicht er, andere bewusst nicht, weil er keine Lust auf die Reaktion im Netz hat.

Friedel Geratsch glaubt, dass gesellschaftskritische Lieder heute schneller Empörung auslösen könnten als früher. Einige Stücke behält er deshalb lieber für sich. „Ich habe keine Lust darauf, mir den Shitstorm einzuhandeln.“ Die Ironie daran: Gerade mit Kritik wurde er berühmt.

„Bruttosozialprodukt“ war Gesellschaftsbeobachtung. „Besuchen Sie Europa, solange es noch steht“ griff die Angst vor Krieg auf. Ein Lied, das heute, mehr als vier Jahrzehnte später, fast unangenehm aktuell klingt. Friedel Geratsch bezeichnet es als „Pfeifen im Wald“. Damals war die Bedrohung durch den Kalten Krieg real. Die Band verpackte die Angst in einen eingängigen Song. Dafür bekam sie Kritik.

Sogar aus der linken und alternativen Szene. Das Lied verharmlose Krieg, hieß es teilweise. Friedel Geratsch sieht es genau andersherum. Humor war eine Möglichkeit, mit Angst umzugehen. Auch Dieter Thomas Heck war nicht begeistert. Mit ihm hatte Geier Sturzflug ohnehin eine komplizierte Geschichte. In der ZDF-Hitparade veränderte Friedel Geratsch bei „Bruttosozialprodukt“ Teile des Textes. Ein kleiner Skandal.

Bei „Besuchen Sie Europa“ wollte Heck den Titel nach Friedel Geratschs Erinnerung nicht einmal selbst ansagen, weil ihm die Verbindung von ernstem Thema und dieser Musik missfiel. Jahre später trafen sie sich wieder. Heck versprach, Geier Sturzflug noch einmal in eine Sendung zu holen. Friedel Geratsch glaubte zunächst nicht recht daran, doch Heck hielt Wort. Nach der Aufzeichnung lud er die Beteiligten zum Essen und Trinken ein.

Beim Abschied ging Friedel Geratsch zu ihm. „Dieter, Hut ab. Du hast Wort gehalten.“

Dann fügte er einen Satz hinzu, der viel über seinen Blick aufs Älterwerden erzählt: „Die Jugend kennt nur Schwarz-Weiß. Die Farben kommen erst mit dem Alter.“ Friedel Geratsch selbst sieht heute ebenfalls mehr Farben. Auch beim Erfolg. Auch bei der Musikindustrie.

Die Neue Deutsche Welle hält er rückblickend weniger für eine geschlossene Bewegung als für ein Etikett, das später auf sehr unterschiedliche Künstler geklebt wurde. Natürlich habe es Szenen und Verbindungen gegeben. Bands begannen, deutsch zu singen. New-Wave-Einflüsse kamen hinzu, aber vieles entstand unabhängig voneinander. Friedel Geratsch vermisst aus dieser Zeit vor allem die Neugier des Publikums. Früher konnte eine unbekannte Band auftreten und Songs spielen, die niemand kannte. Menschen hörten zu. So konnte man sich live ein Publikum erspielen. Heute erlebt er etwas anderes.

„Sobald man versucht, ein neues Lied zu spielen, gehen die Leute zum Bierstand und sagen: kenne ich nicht.“ Coverbands und Tribute-Shows funktionieren. Bekanntes funktioniert. Neues hat es schwer. Friedel Geratsch gründete mit 64 noch einmal eine Band. Garage 3. Ein Trio mit Cigar-Box-Gitarren und Blues-Einflüssen. Später baute er sich aus alten Samsonite-Koffern sogar eine Art Schlagzeug und trat allein auf. Irgendwann hörte er damit auf, da er das Gefühl bekam, dass niemand mehr wirklich zuhört. Also produziert er heute für sich. Und vielleicht ist das die reinste Form seiner Leidenschaft. Musik, weil Musik sein muss.

Ein aktuelles Album trägt den Titel „Comeback – die letzte Runde“. Das klingt zunächst nach Abschied, ist aber ein Witz. Sein Hund heißt Comeback. Wenn Friedel Geratsch abends noch einmal mit ihm rausgeht, ruft er: „Comeback, komm, wir gehen die letzte Runde.“ Die nächste Platte ist bereits geplant. Ihr Titel: „Die Party geht weiter.“

Das passt zu einem Mann, der mittlerweile weiß, wie endlich alles ist.

Friedel Geratsch spricht offen über das Älterwerden. Über Krankheiten. Über den Tod von Weggefährten. Über die Tatsache, dass ehemalige Bandmitglieder verschwinden. Über Hände, die durch Arthrose nicht mehr alles können. Und über die Vorstellung, irgendwann vielleicht keine Musik mehr machen zu können. Gerade deshalb macht er jetzt so viel.

Vielleicht, sagt er selbst, lenke er sich damit sogar vom Tod ab. Vielleicht produziert er auch deshalb so viele Lieder, damit er sie sich irgendwann anhören kann, wenn es nicht mehr geht. „Ach guck mal, das hast du auch gemacht. Kann ich mich gar nicht mehr dran erinnern.“ Es ist gleichzeitig traurig und ziemlich komisch. Ganz Friedel Geratsch. Solange er Musik machen könne, sagt er, verfalle er nicht in Depression. „Das Leben ist schön.“ Jeder Morgen sei für ihn beinahe wie eine Geburt für einen einzigen neuen Tag.

Und dieser Tag müsse genutzt werden. Er ärgert sich durchaus. Er denkt über Politik, Gesellschaft und Weltlage nach. Aber irgendwann stellt er sich selbst die Frage: Warum ärgerst du dich über Dinge, die du nicht ändern kannst? Dann versucht er, den Blick wieder auf das zu richten, was gut ist. Auf seine Frau. Den Hund. Die Musik. Die nächste Textzeile. Mit Mitte 70 schreibt Friedel Geratsch nun sogar über etwas, das er vorher noch nie erlebt hat. Altwerden. Eine Zeile seines neuen Liedes lautet sinngemäß: Jung zu sein kenne ich. Aber alt werde ich zum ersten Mal.

Darin steckt mehr Friedel Geratsch als in jeder Rückschau auf die Neue Deutsche Welle.

Er war der Junge aus einfachen Verhältnissen, der Musiker werden wollte. Der Verkäufer. Der Arbeitslose. Der Straßenmusiker. Der Mann ohne eigene Wohnung. Der Nummer-eins-Sänger. Der alkoholkranke Fernsehstar. Der trockene Musiker. Der Mann, der nachts unter der Bettdecke Texte ins Handy tippt. Und natürlich wird man ihn trotzdem immer wieder auf diesen einen Refrain ansprechen.

Ob er es bereut, Deutschland aufgefordert zu haben, wieder in die Hände zu spucken? Keineswegs. Er ist dem Lied dankbar, nur mit dem ewigen Wachstum hat er es heute nicht mehr so. Das ist ohnehin die schönere Pointe seiner Karriere. „Bruttosozialprodukt“ machte ihn berühmt, aber die pure Lust am Leben hat länger gehalten.

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