
Heiko Kleibrink | Zwischen Fred Astaire und Formel 1
Michael Schumacher zieht die Schuhe aus. Nicht wegen einer speziellen Tanztechnik, nicht weil der Boden rutschig wäre, sondern weil er Angst hat, Corinna auf die Füße zu treten. Heiko Kleibrink hat in seiner Trainerkarriere viele Männer erlebt, die beim Hochzeitstanz versehentlich dort landen, wo eigentlich die Schuhe ihrer Partnerin stehen. Dass jemand vorsorglich seine eigenen auszieht, ist ihm bis dahin noch nicht begegnet.
Folge 146 | 31. Oktober 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Es ist 1995, der Formel-1-Weltmeister und seine spätere Frau möchten sich auf ihre Hochzeit vorbereiten, ein normaler Tanzkurs kommt wegen des damaligen Rummels um Schumacher nicht infrage. Also wird eine Tanzschule für einen ganzen Tag gemietet, der Bodyguard bleibt vor der Tür, Mittagessen muss geliefert werden. Heiko Kleibrink unterrichtet zwei Menschen, die in seiner Welt zunächst genauso Anfänger sind wie jedes andere Paar. Michael Schumacher will allerdings schon bald mehr. Nachdem die Hochzeitstänze sitzen, möchte er noch Rock’n’Roll lernen. „Da hat man schon gemerkt, was er für ein Typ Mensch ist“, erinnert sich Heiko Kleibrink.

Einer, der sich nicht damit zufriedengibt, etwas gerade eben zu können. In der Pause sprechen die beiden Sportler über ihre Karrieren. Michael Schumacher fragt nach Preisgeldern im Tanzsport. Heiko Kleibrink erklärt ihm, dass er damit im besten Fall Fahrtkosten und Hotel bezahlt habe; übrig bleibe praktisch nichts. Michael Schumacher kann das kaum nachvollziehen. „Heiko, aber warum machst du das dann?“ Warum betreibt jemand professionell einen Sport, für den er am Ende noch eigenes Geld mitbringen muss?
Heiko Kleibrinks Antwort ist so schlicht, dass sie sein gesamtes Berufsleben erklärt: „Tanzen ist meine Leidenschaft. Ich kann mir gar keinen anderen Sport vorstellen.“ Diese Leidenschaft beginnt lange bevor Meistertitel, Fernsehshows und prominente Privatschüler hinzukommen. Eine seiner frühesten Erinnerungen führt ins Wohnzimmer der Großeltern. Bei Familienfeiern wird Musik aufgelegt und getanzt.
Der kleine Heiko stellt seine Füße auf die seines Großvaters und lässt sich durch den Raum tragen.
„Ich musste also nicht selber tanzen, sondern wurde getanzt.“ Später beobachtet er während eines Urlaubs seine Eltern in einer Hotelbar bei Livemusik. Wieder zu Hause verkündet er, dass er Tanzen lernen möchte. Mit neun Jahren landet er in der Tanzschule Breuer in Köln. In der Schule ist er damit ziemlich allein. Die anderen spielen Fußball, Basketball oder Volleyball; Kleibrink ist „der Tänzer“. Er macht daraus keine heimliche Freizeitbeschäftigung.
Im Gegenteil: Hut, Trenchcoat, Krawatte – zeitweise geht er so zur Schule, weil Fred Astaire längst mehr als ein Filmstar für ihn ist. Im Kinderzimmer hängen nicht die üblichen Popidole, sondern Fred Astaire, Ginger Rogers und Gene Kelly. Sonntagnachmittags schaut Heiko Kleibrink die alten Hollywoodfilme, begeistert von jener Leichtigkeit, mit der Astaire und Rogers über die Leinwand schweben. Dass hinter dieser Leichtigkeit Arbeit steckt, wird früh sein eigenes Thema.
Ein Profitänzer namens Michael Schneider sieht ihn in der Kindertanzgruppe und geht zu Tanzschulchef Karl Breuer: „Da ist ein Tänzer!“ Der Junge habe Talent, er dürfe dort nicht „versauern“, sondern müsse in die Turniergruppe. Heiko Kleibrink wechselt, ist jünger und kleiner als viele andere und beginnt eine Laufbahn, in der Tanzen irgendwann nahezu jeden Gedanken besetzt. Parallel spielt er Klarinette, bewegt sich in Richtung „Jugend musiziert“ und Jugendorchester. Sein Musiklehrer merkt allerdings, dass ein Stück nach einer Woche kaum besser geworden ist.
Als Heiko Kleibrink erklärt, dass er gleichzeitig intensiv tanzt, stellt der Lehrer die entscheidende Frage:
Was willst du wirklich? Beides mit derselben Konsequenz funktioniert nicht. Heiko Kleibrink entscheidet sich fürs Tanzen. Die Musik verliert er damit nicht; sie steckt von nun an im anderen Beruf. Auch nach dem Abitur lässt ihn die Sorge vor einem verletzungsbedingten Karriereende nicht ganz los. Er beginnt in Köln Jura zu studieren, während er bereits Profisportler ist.
Erst als die ersten Meistertitel kommen und ihm klar wird, dass er selbst im Falle einer Verletzung als Trainer weiterarbeiten könnte, beendet er das Studium. „Jetzt konzentriere ich mich hundert Prozent nur noch aufs Tanzen.“ Die Entscheidung gibt seiner Karriere zusätzlichen Schub. Doch zuvor steht er beinahe vor dem Ausstieg. Im Amateurbereich fühlt er sich zunehmend fremd. In den Umkleiden und zwischen Turnierrunden sprechen andere Tänzer über Kinofilme, Sänger und Alltag. Kleibrink interessiert das kaum. „Bei mir im Kopf ging’s nur ums Tanzen, rund um die Uhr, Tag und Nacht.“
Sein Trainer Karl Breuer weist ihn auf eine Welt hin, von deren Existenz er kaum etwas weiß: die Professionals. Anfang 1994 meldet er sich als Profi an. Beim ersten Profiturnier in England erlebt er, wonach er offenbar gesucht hat. Zwischen den Runden reden die Tänzer tatsächlich über – Tanzen. „Das war dann meine Welt.“ 1997 gewinnt Heiko Kleibrink erstmals die deutsche Profimeisterschaft im Standardtanz. Für Außenstehende wäre das ein Karrierehöhepunkt, für ihn wirkt der Titel fast logisch.
Er hatte sich Jahr für Jahr nach vorn gearbeitet und beschreibt den Sieg als „Lohn der Arbeit“.
Überraschender trifft ihn im selben Jahr die internationale Bühne: Bei seiner ersten Kür-Weltmeisterschaft wird er auf Anhieb Vizeweltmeister. Insgesamt dreimal landet er bei einer WM auf Platz zwei. Was heute nach einer beeindruckenden Bilanz klingt, fühlt sich damals anders an. Wer einmal Silber gewonnen hat, fährt im nächsten Jahr nicht mit dem Ziel los, wieder Zweiter zu werden. „Nächstes Jahr Gold.“ Heiko Kleibrink versucht alles.
Neue Kür, neue Themen, neue Musik. Für eine Choreografie zu „Schindlers Liste“ lässt er die Musik eigens von einem Streichquartett einspielen. Es reicht wieder nicht. In jener „goldenen Ära“ des Standardtanzes trifft er auf ein italienisches Paar, an dem er nicht vorbeikommt. „Man versucht alles und trainiert ein Jahr, und dann reicht es wieder nur zu Silber.“ Verbittert spricht Heiko Kleibrink darüber nicht. Die Konkurrenten seien fantastische Tänzer und große Künstler gewesen. Wer gegen jemanden auf diesem Niveau verliere, könne nur versuchen, besser zu werden. Einen entscheidenden Anteil an seinen Erfolgen hat sein Mentor Rudi Trautz.
Das Verhältnis beschreibt Heiko Kleibrink beinahe als Vater-Sohn-Beziehung. Monat für Monat fährt er nach Augsburg, wohnt bei Rudi Trautz und dessen Familie, trainiert Technik und Kraft, geht mit ihm joggen, reist gemeinsam zu Turnieren. Was Rudi Trautz vorgibt, wird zu Hause weitergearbeitet. Heiko Kleibrink übertrifft später sogar dessen langjährigen Titelrekord und gewinnt acht deutsche Profimeisterschaften in Folge. Die enge Bindung bleibt wichtiger als der Rekord. Rudi Trautz stirbt während der Corona-Zeit; Heiko Kleibrink spricht über ihn noch immer mit jener Dankbarkeit, die zeigt, dass Trainerkarrieren nicht nur aus Übungen und Ergebnislisten bestehen.
Auch Heiko Kleibrink selbst arbeitet heute so.
Wenn er ein Tanzpaar beobachtet, „blinken“ in seinem Kopf nach eigener Beschreibung manchmal dreißig Probleme gleichzeitig auf. Seine Aufgabe bestehe gerade nicht darin, alle dreißig aufzuzählen. Er sortiert: Was ist der größte Fehler? Was muss zuerst verändert werden? Eine Aufgabe, dann die nächste. Ein guter Trainer müsse nicht bloß erkennen, dass etwas falsch sei. „Das wissen die Tänzer selber.“ Entscheidend sei, die Ursache zu finden und eine Übung anzubieten, mit der das Paar selbst weiterarbeiten kann. Bei Achtzehnjährigen umfasst diese Entwicklungsarbeit längst mehr als Fußtechnik.
Heiko Kleibrink spricht mit jungen Paaren darüber, wie sie miteinander trainieren, Kritik formulieren und Konflikte lösen können. Wer stundenlang gemeinsam arbeitet, kann den anderen nicht nur körperlich, sondern auch „seelisch verletzen“. Deshalb versteht er sich inzwischen als Entwicklungshelfer für eine Karriere und für ein Team. Gerade Paartanz legt Beziehungsmuster gnadenlos offen. „Du folgst mir nicht“ ist für Heiko Kleibrink ein klassischer Vorwurf von Führenden. Die Antwort könnte ebenso gut lauten: „Du hast auch nicht richtig geführt.“
Aus einer technischen Frage wird schnell ein Konflikt darüber, wer schuld ist. Heiko Kleibrink wird zum Mediator. Dass ein Tanzkurs eine Ehe gefährden könne, gehört in Köln zwar zum alten Tanzschulhumor, doch er hat tatsächlich Paare erlebt, die lieber mit dem Tanzen aufhörten, bevor sie sich über Führung und Folgen endgültig zerstritten. Gleichzeitig hält er genau dieses Zusammenspiel für die große Stärke des Paartanzes: Zwei Menschen sollen schließlich so miteinander funktionieren, dass auf der Fläche eine Einheit entsteht. Heiko Kleibrink selbst konnte diese Einheit auch einem Millionenpublikum zeigen.
Am 13. Dezember 1997 tritt er bei „Wetten, dass..?“ in Mannheim auf.
Die Kandidaten sollen mit verbundenen Augen allein anhand seiner Schritte erkennen, welchen Tanz er gerade tanzt, während nur Heiko Kleibrink und seine Partnerin die Musik über Kopfhörer hören. Eine Generalprobe kann er aus Zeitgründen nicht absolvieren; ein anderes Paar springt ein – und die Kandidaten erkennen keinen einzigen Tanz. Kurz vor der Livesendung erfährt Heiko Kleibrink davon. Dann beginnt die Wette. Slowfox klingt anders als Tango: hier schleifende Füße, dort gesetzte, stakkatoartige Schritte. Die Kandidaten erraten jeden Tanz.
Hinter der Bühne begegnet Heiko Kleibrink Janet Jackson, Pierce Brosnan, den Spice Girls und weiteren Stars. Zu Janet Jackson traut er sich nicht. Sechs oder sieben Bodyguards wirken auf den ohnehin schüchternen Tänzer abschreckend. Mit Pierce Brosnan schafft er immerhin ein Foto. Dass man solch einen Auftritt heute vermutlich auf allen Kanälen vermarkten würde, kommt ihm damals kaum in den Sinn. Sogar ein Sponsor fragt hinterher, warum Heiko Kleibrink nicht vorher Bescheid gesagt habe.
Seine Antwort steckt zwischen den Zeilen: Er war Tänzer, keine eigene PR-Abteilung. Noch stärker als Fernsehen verändert 2003 ein anderes Ereignis sein Leben. Sein Sohn Simon wird geboren. Bis dahin glaubt Heiko Kleibrink, Tanzen sei „mein Ein und Alles“. Plötzlich rutscht der Sport auf Platz zwei. „Ich weiß nicht, ob das Hormone sind oder so“, sagt er mit trockenem Humor über diesen unerwarteten Prioritätenwechsel. Hochleistungssport und Familienleben lassen sich für ihn nicht dauerhaft auf demselben Niveau betreiben.
2006 verabschiedet er sich im Kölner Gürzenich mit einem Medley aus seiner aktiven Karriere.
Rund 700 Freunde, Wegbegleiter und Fans sind dabei. Für das Publikum ist es ein Geschenk, für ihn emotional fast zu viel. Wochen und Monate knabbert er an diesem Abend. Rückblickend glaubt er sogar, ein stilles Auslaufen der Karriere wäre mental leichter gewesen. Ganz verschwunden ist das Tanzen ohnehin nie.
Heute reist Heiko Kleibrink als Trainer und Wertungsrichter durch Deutschland und die Welt, ist Präsident des Deutschen Tanztrainerverbandes der Professionals und sorgt sich um ein Problem, das weit über seinen Sport hinausreicht: Vereine verlieren Mitglieder, Nachwuchs und Ehrenamtliche. Gleichzeitig sitzt er zu Hause in Köln-Dünnwald gern im Strandkorb, Cappuccino in der Hand, Blick in Richtung Wildpark. Handwerklich, sagt er, könne er „alles außer tanzen“ – also im Grunde nichts.
Wenn ein Schuppen aufgebaut oder gestrichen werden muss, übernimmt das seine Frau Iris. Der Mann, der unter Tausenden Passanten einen Tänzer am Gang erkennt und dessen Kopf auf der Trainingsfläche dreißig Fehler gleichzeitig registriert, kann zu Hause erstaunlich gut die Füße hochlegen. Nur eines würde ihn tatsächlich aus der Ruhe bringen: wenn Tanzen plötzlich verboten wäre. „Dann würde ich in eine große Depression fallen.“
Nach mehr als fünf Jahrzehnten lässt sich die Frage Michael Schumachers deshalb noch immer genauso beantworten wie damals in der leeren Tanzschule: Warum macht jemand das alles – Training, Reisen, Silbermedaillen, Geld hineinstecken, Rückschläge, Abschiedsschmerz? Weil es die eine Sache ist, bei der Heiko Kleibrink nie überlegen musste, ob sie zu seinem Leben gehört.