
Helga Molling | Die Frau, die nie aufhörte, nach vorn zu schauen
Helga Molling verbrachte mehr als ein halbes Jahrhundert am Friedrichstadt-Palast. Ihre Geschichte handelt von harter Arbeit hinter dem Revueglanz, acht Eisbären, der Staatssicherheit – und vom Respekt vor dem Können anderer. Der wichtigste Satz in Helga Mollings Berufsleben dauerte kaum länger als ein Takt: „So, die nehmen wir. Das ist gut, das reicht uns.“ Sie stand allein auf der riesigen Bühne des alten Friedrichstadt-Palasts am Schiffbauerdamm, unten im Saal saßen Direktion, Ballettmeisterin und jene Menschen, die über ihre Zukunft entscheiden würden. Ein paar Schritte waren ihr gezeigt worden, eine Haltung, ein Blick in den dunklen Zuschauerraum. Dann fiel die Entscheidung. Kein langes Zittern, kein wochenlanges Warten. Helga Molling ging, wie sie erzählt, „ohne Herzklopfen, Gott sei Dank“ in die Garderobe – und fand dort bereits das Versprechen eines anderen Lebens: die Kostüme, den besonderen Geruch, die Atmosphäre. „Ach, das war dann ein Leben.“
Folge 1 | 15. Juni 2022
Im Gespräch mit André Puchta
Das war 1964. Helga Molling, 1940 in Dresden geboren und nach dem Krieg in Chemnitz aufgewachsen, hatte zunächst in einem Volkskunstensemble getanzt, später Ballettunterricht genommen und an der Staatlichen Ballettschule ihre Prüfung abgelegt. Sie selbst macht daraus keine Heldinnenerzählung. Ihr knappes Fazit lautet: „Dann bin ich da hängen geblieben.“ Hinter diesem beiläufigen Satz verbergen sich rund 15 Jahre als Tänzerin, anschließend der Wechsel ins Büro und später in die Gästebetreuung – insgesamt mehr als ein halbes Jahrhundert Friedrichstadt-Palast. Aus einem Engagement wurde eine Lebensgemeinschaft mit einem Haus, das sich veränderte, umzog, politische Systeme überdauerte und für Helga Molling dennoch immer ein vertrauter Ort blieb.

Das Glitzern auf der Bühne hatte einen nüchternen Unterbau.
Um zehn Uhr begann das Training, danach wurde einstudiert, umbesetzt und nachgearbeitet, weil jemand krank war oder eine Nummer verändert werden musste. Ge-gen zwei Uhr endete der erste Teil des Arbeitstages, am Abend folgte die Vorstellung. Frei war nur der Montag, von Dienstag bis Sonntag wurde gespielt, an den Wochenenden häufig zweimal. „Das war manchmal sehr hart“, sagt Helga Molling, ohne den Satz mit Klage zu beschweren. Die Arbeit war körperlich, streng getaktet und ließ wenig Platz für jene romantische Vorstellung, Tänzerinnen würden hauptsächlich in Federkostümen durch Scheinwerferkegel schweben.
In ihren ersten Jahren entstand nahezu jeden Monat ein neues Programm. Später liefen die Produktionen zwei oder drei Monate, was aus heutiger Sicht noch immer nach einem atemlosen Rhythmus klingt. Für Manfred Krug wurde eine ganze Revue gebaut, internationale Gäste wie Helena Vondráčková oder Jiří Korn standen im Haus. Helga Molling spricht darüber nicht wie jemand, der prominente Namen sammelt. Auffällig ist vielmehr, wie oft sie „wir“ sagt. „Wir hatten immer tolle, großartige Menschen um uns herum“, erinnert sie sich. Die Stars waren Teil des Programms, entscheidend blieb für sie die Truppe: Tänzerinnen, Musiker, Artisten, Kostümbildner und all jene, die dafür sorgten, dass am Abend alles leicht aussah, obwohl es tagsüber hart erarbeitet worden war.
Auch die private Wirklichkeit passte nicht ohne Weiteres zum Bühnenluxus. In den letzten Jahren als Tänzerin ver-diente Helga Molling nach eigener Erinnerung rund 550 Mark, zuvor deutlich weniger. Mieten und Grundnahrungsmittel seien erschwinglich gewesen, doch Kühlschrank, Teppich oder Wohnungseinrichtung konnten zum finanziellen Kraftakt werden. Ratenzahlung, erzählt sie, habe es nicht gegeben. Also wurde in der Familie gefragt: „Omi, brauchst du noch den Stuhl? Kann ich nicht diesen kleinen Schrank haben?“ Der Satz ist komisch und präzise zugleich. Er beschreibt eine Zeit, in der die große Illusion allabendlich auf der Bühne entstand, während man sich das eigene Zuhause mit Geduld, Improvisation und gebrauchten Möbeln zusammensetzte. „So haben wir uns das Leben eben schön gemacht“, sagt Helga Molling.
Schönheit folgte damals ohnehin anderen Regeln als heute.
Die Mindestgröße für Tänzerinnen lag bei 1,65 Meter; Helga Molling erreichte sie gerade so. „Wir waren sehr feminine Figuren. Wir hatten eine Taille und ein bisschen Hüfte“, sagt sie. Die heutigen Tänzerinnen erlebt sie als deutlich größer, schmaler und gerader gewachsen. Wenn sie ihnen in ihren hohen Kopfbedeckungen und aufwendigen Kostümen begegnet, reicht sie ihnen, wie sie amüsiert feststellt, „gerade mal bis an die Schulter“. Sie fühle sich dann „wie ein Zwerg“. Das klingt nicht nach kulturkritischer Klage über heutige Körperbilder, sondern nach ehrlichem Staunen darüber, wie sichtbar sich Generationen verändern können.
Leichter geworden sind vor allem die Materialien. Die Kostüme ihrer Zeit waren prachtvoll, aber schwer: dicke Stoffe, Unterröcke, Perlen, Steine, Stickereien. Für eine Reihe von 24 Tänzerinnen musste jedes einzelne Kostüm gefertigt und verziert werden. Helga Molling diente dem Kostümbildner häufig als eine Art lebendes Modell. „Dann wurde eben an mir abgesteckt und umgesteckt“, erzählt sie. Was nach einer Nebenrolle klingt, bedeutete zusätzliche Nachmittage im Palast. Sie spricht trotzdem von etwas „sehr, sehr Angenehmem und Schönem“. Vielleicht liegt darin eines der Geheimnisse ihrer langen Beziehung zu diesem Haus: Sie unterschied nicht streng zwischen großer Bühne und kleiner Aufgabe. Beides gehörte für sie zum selben Handwerk.
Mit der Truppe reiste sie in die Sowjetunion, nach Polen, in die Tschechoslowakei und nach Ungarn. Gastspiele im Westen waren nicht vorgesehen, doch innerhalb des sozialistischen Auslands erlebte das Ensemble große Aufmerksamkeit. „Wir wurden verwöhnt, man hat uns geliebt“, sagt Helga Molling. Die Programme wurden für die jeweiligen Länder angepasst, Solisten sangen in der Landessprache; umgekehrt trugen internationale Gäste ihre Lieder in Berlin auf Deutsch vor. Heute dominiere Englisch, stellt sie trocken fest: „Daran müssen wir uns gewöhnen. Andere Zeit.“ Der Satz enthält weder Abwehr noch Verklärung, eher jene pragmatische Beweglichkeit, mit der sie auch viele andere Veränderungen betrachtet.
Zu den Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne gehörten zeitweise allerdings nicht nur Menschen.
Während der Winterpause des Zirkus wurden Artisten und Tiernummern im Palast engagiert. Zur Eröffnung des neuen Hauses kamen acht große Eisbären, außerdem erinnert sich Helga Molling an schwarze Panther, Hunde und – ausdrücklich nicht zu vergessen – Pudel. Wer Revue ausschließlich mit Tanz, Federn und langen Beinen verbindet, unterschätzt die organisatorische Nähe, in die ein Bühnenbetrieb Menschen und Raubtiere bringen kann. Helga Molling erzählt diese Begegnungen ohne Sensationslust. Eisbären gehörten eben ebenso zur Geschichte des Hauses wie Manfred Krug und die tägliche Ballettstange.
Ihre Geradlinigkeit zeigte sich besonders dort, wo der Bühnenalltag politisch wurde. Die Staatssicherheit versuchte, Helga Molling als Informantin zu gewinnen. Schon die Idee war schlecht auf ihre Persönlichkeit abgestimmt. Noch am selben Abend erzählte sie der Truppe davon: Da sei jemand gewesen, der von ihr Informationen haben wollte. „Das funktioniert nicht mit mir“, sagt sie. Und weiter: „Entweder ich sage, was ist, und das ist die Wahrheit, oder dann lasse ich es ganz weg.“ Eine heimliche Zuträgerin, die ihre Anwerbung umgehend im Kollegenkreis bekannt gibt, war offenkundig nicht besonders brauchbar.
Bespitzelt wurde sie dennoch. Nach der deutschen Einheit sah sie in den Unterlagen, dass ausgerechnet ein Freund aus dem Kollegenkreis über sie berichtet hatte. Helga Molling verschweigt den Schmerz darüber nicht, weigert sich aber, Jahrzehnte später ein Urteil zu fällen, dessen Vorgeschichte sie nicht kennt. „Man weiß auch nicht, warum er gefragt wurde oder warum das gesagt wurde“, erklärt sie. Groll habe sie nicht gehegt. Das ist keine Verharmlosung des Systems, sondern ihre persönliche Entscheidung, sich von dessen Nachwirkungen nicht auch noch den Rest ihres Lebens bestimmen zu lassen.
Ähnlich konkret bleibt sie, wenn es um ihre homosexuellen Kollegen geht.
Im Friedrichstadt-Palast, sagt Helga Molling, sei deren sexuelle Orientierung „überhaupt kein Thema“ gewesen. Sie habe von Anfang an einen wunderbaren Freundeskreis gehabt, niemand habe gefragt, niemand sei diskriminiert worden. Das ist ihre Erfahrung in diesem besonderen Umfeld, keine pauschale Bilanz des Lebens in der DDR. Gerade deshalb ist sie interessant: Während gesellschaftlich vieles normiert, kontrolliert und beobachtet wurde, entstand innerhalb der Truppe offenbar ein Raum, in dem andere Maßstäbe galten. Entscheidend war nicht, wen jemand liebte, sondern ob er seinen Teil zur gemeinsamen Arbeit beitrug.
Nach dem Ende ihrer aktiven Tanzzeit in der Spielzeit 1979/80 wechselte Helga Molling ins Büro und später in den Gästeservice. Sie kannte den Saal, die Plätze und die Eigenheiten des Hauses. Manche Anrufe verlangten dennoch Improvisation. Kurz vor Vorstellungsbeginn meldete sich ein Paar: „Wir sind hier in der Friedrichstraße, hier ist überhaupt kein Palast.“ Helga Molling fragte, in welcher Friedrichstraße die beiden stünden. Die Antwort: in Spandau. Selbst mit der S-Bahn war die Vorstellung nicht mehr zu erreichen. Die Geschichte ist komisch, doch Helga Molling erzählt sie nicht auf Kosten der verirrten Gäste. Es habe ihr leidgetan, zumal die letzten Karten knapp gewesen seien.
Ihre Pointe endet nicht beim Irrtum, sondern beim Mitgefühl.
Nach ihrem Abschied vom Palast begann sie zu reisen, Freunde und Familie zu besuchen und Gäste bei sich zu bewirten. Die Pandemie bremste diese Beweglichkeit zeitweise aus, nicht aber ihren Alltag. „Langeweile habe ich nicht“, sagt sie. Menschen aus dem Palast sind geblieben, ebenso Freundschaften, die längst nicht mehr an einen Dienstplan gebunden sind. Als sie gefragt wird, was junge Menschen für ihren eigenen Weg brauchen, nennt sie zuerst den Traum, dann Disziplin und den Respekt vor dem Können anderer. Man müsse hinhören, hinsehen, lernen und sich etwas abschauen. „Man kann doch nicht einfach voraussetzen: Ich kann das alles, ich weiß das alles, mir müsste keiner mehr was erzählen. Das geht nicht. Wir lernen immer.“
Auf die Frage nach einem Wunsch für die kommenden Jahrzehnte nennt Helga Molling keine ferne Reise, keine späte Premiere und keinen weiteren großen Auftritt. Sie wünscht sich Gesundheit, Fröhlichkeit und ihre lieben Menschen um sich herum. „Es ist ein schönes Leben“, sagt sie. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe einer Biografie, die mit einem knappen Urteil aus dem dunklen Zuschauerraum begann: Helga Molling wurde genommen. Und dann blieb sie.