
ISAAK | Die CDs unter dem Kopfkissen
Isaak Guderian ist sechs Jahre alt, als er sich heimlich in das Zimmer seines acht Jahre älteren Bruders schleicht, sich an dessen Schlagzeug setzt und offenbar ernsthaft davon ausgeht, niemand im Haus werde etwas bemerken. Ein Sechsjähriger am Schlagzeug ist allerdings ungefähr so unauffällig wie ein Presslufthammer im Kinderzimmer. Natürlich hört es die ganze Familie. Statt ihm das Instrument dauerhaft zu verbieten, erkennen die Eltern offenbar, dass da mehr ist als bloße kindliche Neugier.
Folge 126 | 7. September 2026
Im Gespräch mit André Puchta
ISAAK beginnt Schlagzeug zu spielen, später bringt er sich Gitarre, Klavier und Ukulele bei. Musik ist in seinem Elternhaus grundsätzlich willkommen – nur nicht unbedingt jede. Er wächst in einer stark christlich geprägten Familie auf, der Vater leitet in der Gemeinde den musikalischen Bereich und steht selbst auf der Bühne. „Weltliche Musik“ dagegen ist für den Sohn lange nur eingeschränkt vorgesehen. ISAAK entwickelt deshalb eine Strategie, die irgendwo zwischen theologischer Recherche und jugendlichem Schmuggel liegt.

Bei Musikern sucht er nach irgendeiner Verbindung zum Christentum; lässt sich eine finden, steigt die Chance auf elterliche Genehmigung. Für den Rest gibt es gebrannte CDs von Freunden. Linkin Park, Limp Bizkit, Avenged Sevenfold, Sum 41 und andere Vertreter jener Rock- und Nu-Metal-Welt, die für ihn eine völlig andere Energie besitzen als die Musik zu Hause. Die CDs versteckt er unter dem Kopfkissen und hört sie auf dem Discman mit Kopfhörern.
Andere Jugendliche verstecken dort womöglich Dinge, die Eltern noch wesentlich nervöser machen würden; bei ISAAK ist es zunächst Rockmusik. Was ihn daran fasziniert, ist weniger ein bestimmtes Genre als eine Haltung. Dieses „Ihr könnt mich alle mal, ich mache mein Ding“ findet er später stärker im Hip-Hop wieder. Irgendwann hört er ohnehin auf, Musik nach Schubladen zu sortieren. Entscheidend wird für ihn Authentizität: Wenn er das Gefühl hat, jemand meine wirklich ernst, was er singt oder rappt, spielt die Sprache oder Stilrichtung kaum noch eine Rolle.
Dass diese Suche nach Echtheit Jahre später zu einem wesentlichen Teil seiner eigenen Wirkung werden würde, konnte der Junge aus Minden nicht wissen.
Zunächst steht er im kirchlichen Umfeld auf Bühnen, begleitet Bands am Schlagzeug und beginnt irgendwann selbst zu singen. Mit zwölf kommt eine zweite Bühne hinzu: die Straße. Den Anstoß gibt ausgerechnet ein Familienurlaub. Seine Eltern interessieren sich für alte Städte und Architektur, eine Leidenschaft, deren Faszination sich einem Zwölfjährigen nicht automatisch erschließt.
Beim Frühstück wird der nächste Besichtigungstag geplant, ISAAK protestiert, und sein Vater macht eher scherzhaft den Vorschlag, der Sohn könne doch seine Gitarre mitnehmen und Straßenmusik machen. Für ISAAK ist das keine ironische Bemerkung, sondern ein Angebot zur sofortigen Flucht vor dem vermutlich langweiligsten Tag seines jungen Lebens. Er setzt sich in die Innenstadt und spielt. Zunächst traut er sich noch nicht einmal zu singen. Gitarre reicht. Nach vielleicht zwanzig Minuten, vielleicht einer Dreiviertelstunde – so genau weiß er es nicht mehr – liegen ungefähr dreißig Euro vor ihm.
Für einen Jungen, der kein Taschengeld bekommt, ist das ein kleines Vermögen und vor allem eine erstaunliche Erkenntnis: Menschen geben ihm Geld dafür, dass er etwas tut, was ihm Spaß macht. Von da an will er wissen, wie weit sich das treiben lässt. Selbstvertrauen bedeutet bei ihm allerdings nicht, dass er sich schon früh für einen außergewöhnlichen Sänger hält. Im Gegenteil. Als erstmals eine Webcam verfügbar ist, die Bild und Ton gleichzeitig aufnehmen kann, filmt er sich beim Singen und Gitarrespielen.
Die Idee: YouTube. Nach dem Anhören lautet sein eigenes Urteil sinngemäß: bloß nicht hochladen, das klingt furchtbar.
Er macht trotzdem weiter. Einerseits, weil Musik ihm zu viel Freude bereitet, andererseits, weil andere Menschen ihm immer wieder positive Rückmeldungen geben. ISAAK räumt heute ein, dass er sich in manchen frühen Jahren wahrscheinlich besser fand, als er tatsächlich war. Erst ungefähr im späten Jugendalter verändert sich sein musikalisches Verständnis so grundlegend, dass er selbst beginnt zu mögen, was er hört.
Davor stehen bereits Bühnen, Straßenmusik und erste Castingerfahrungen. Sein Weg verläuft nicht über die klassische Vorstellung eines sauber aufgebauten Musikerlebens, sondern über Ausprobieren, Scheitern, Weitermachen und die hartnäckige Suche nach einer Variante, die funktioniert. Mit achtzehn bricht er nach eigener Aussage die Schule ab. Auch später beschreibt er genau diese Haltung als einen seiner entscheidenden Antriebe: Wenn etwas nicht funktioniert, kann die Antwort nicht dauerhaft lauten, dass es eben schwierig sei.
Dann muss ein anderer Weg her. Am 16. Februar 2024 führt einer dieser Wege nach Berlin-Adlershof. Beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest gewinnt ISAAK mit „Always on the Run“ sowohl bei Jury als auch Publikum und fährt für Deutschland nach Malmö. Die eigentliche emotionale Explosion erlebt er nach eigener Aussage nicht beim ESC-Finale, sondern bereits bei der Verkündung in Deutschland. Wochen und Monate Arbeit hängen an diesem Abend.
Für ihn existieren zwei Möglichkeiten: gewinnen – oder im Wesentlichen wieder dort stehen, wo er vorher war.
Die freundliche Fernsehformel, alle Teilnehmenden seien Gewinner, lässt er nicht gelten. Natürlich bringt ein Fernsehauftritt Aufmerksamkeit, aber der Unterschied zwischen Vorentscheid und ESC ist gewaltig. Als sein Name fällt, ist das wichtigste Gefühl deshalb nicht Triumph, sondern Erleichterung. In Malmö selbst erlebt er die Ausgangslage fast entspannter. Er weiß, dass er das Ergebnis nicht kontrollieren kann. Seine Aufgabe besteht darin, den bestmöglichen Auftritt zu liefern. Mehr nicht.
Selbst die Vorstellung von rund 200 Millionen Menschen vor den Bildschirmen beeindruckt ihn während der Performance weniger, als man vermuten würde. Er hat zuvor bereits vor zehntausenden Menschen gespielt. Bei einem Auftritt vor ungefähr 60.000 Zuschauern habe er Menschen irgendwann nur noch bis zum Horizont gesehen; eine Menge dieser Größe kann das Gehirn ohnehin kaum als einzelne Personen erfassen. Ob hinter den Kameras nun zwei Millionen oder sehr viel mehr zuschauen, verändert für ihn den unmittelbaren Moment kaum. Im Saal stehen rund 11.000 Menschen, und für die singt er.
Die größere Sorge ist wesentlich banaler: krank werden, Stimme verlieren, nicht auftreten können. Ausgerechnet eine Woche vor Malmö erwischt ihn ein Infekt. ISAAK interpretiert das rückblickend als perfektes Timing: krank werden, auskurieren, Antikörper bilden, weiter. Beim ESC erreicht er schließlich Platz zwölf und damit ein Ergebnis, das für einen deutschen Beitrag nach mehreren schwierigen Jahren auffällt. Danach sitzt er vor Journalisten und hat wenig Energie für die übliche Hochglanzversion eines Künstlerinterviews.
Zwei Wochen Termine, Proben, Gespräche und permanentes Weitergereichtwerden liegen hinter ihm. Er sagt offen, dass er müde ist und Kopfschmerzen hat – und beantwortet trotzdem die Fragen. Diese Direktheit wirkt nicht kalkuliert. ISAAK scheint generell wenig Talent dafür zu besitzen, sich eine besonders mediengerechte Persönlichkeit überzustreifen. Das zeigt sich auch darin, wie er auf den ESC zurückblickt. Er wäre nicht grundsätzlich gegen eine zweite Teilnahme. Im Gegenteil, die Tür sei offen, sagt er, Gespräche und Überlegungen gebe es.
Dass bei einem zweiten Versuch das Ergebnis von 2024 zum Vergleich würde, schreckt ihn weniger als erwartet.
Sein pragmatisches Argument: Entweder man tritt vor ungefähr 200 Millionen Menschen auf oder man tut es nicht. Selbst ein letzter Platz ändert nichts daran, dass man seine Musik auf einer gigantischen Bühne präsentieren konnte. Das klingt beinahe absurd rational für ein Geschäft, das permanent aus Emotionen besteht.
Genau diese Mischung prägt ISAAK: große Gefühle in der Musik, erstaunlich nüchterne Rechnungen beim Beruf. Denn hinter dem ESC liegt eine Realität, die mit rotem Teppich wenig zu tun hat. Streaming hat Musik für ihn stärker zum Konsumgut gemacht. Für einen überschaubaren monatlichen Betrag steht nahezu die gesamte Musikgeschichte zur Verfügung, während bei vielen Hörern kaum noch eine Vorstellung davon existiert, was beim Künstler ankommt.
Eine Million Streams, erzählt er, hätten ihm ungefähr 3.000 Euro gebracht. Wer diese Zahl hört und automatisch Reichtum vermutet, liegt weit daneben. Gleichzeitig konkurrieren Musiker mit einer kaum überschaubaren Zahl neuer Veröffentlichungen, müssen TikTok, Instagram und andere Plattformen bedienen und sollen permanent sichtbar bleiben. Bei Konzerten kommt ein weiteres Problem hinzu.
ISAAK hat selbst erlebt, dass sich geplante Tourneen nicht so verkaufen, wie er gehofft hatte. Sein erster Reflex war nicht, Konjunktur, Publikum oder Markt verantwortlich zu machen. „Ist meine Schuld“, dachte er. Auch wenn Menschen um ihn herum erklärten, dass derzeit viele Künstler dieselbe Erfahrung machten, verglich er sich vor allem mit jenen, deren Hallen weiterhin voll waren. Daraus entsteht nun eine Idee, die viel über seine Arbeitsweise erzählt: Warum eine Tour zunächst mit festen Hallen planen und später feststellen, dass die Dimension nicht passt?
ISAAK überlegt, lediglich Städte anzukündigen und Tickets zu verkaufen, bevor die konkreten Spielorte gebucht werden.
Nach mehreren Monaten ließe sich sehen, wie groß die tatsächliche Nachfrage ist. 200 verkaufte Tickets in München? Dann kann eine Halle für 400 Menschen sinnvoll sein. Dreißig Tickets in einer anderen Stadt? Dann vielleicht ein Café für sechzig Personen. Da ISAAK ein Konzert notfalls allein bestreiten kann, ohne große Band und aufwendige Produktion, ließe sich die Tour an das Publikum anpassen statt das Publikum an eine vorher kalkulierte Hallengröße.
Das ist dieselbe Logik wie bei dem Zwölfjährigen mit der Gitarre: schauen, was da ist, anfangen und herausfinden, was funktioniert. Dass ISAAK bei all dem öffentlich auch über Politik und gesellschaftliche Stimmung spricht, gehört zu seinem Selbstverständnis, allerdings mit einer wichtigen Einschränkung. Ein Künstler müsse nicht so tun, als sei er Politiker. Nur weil Menschen zuhören, entstehe daraus noch keine Kompetenz für jede Frage.
Zwischen Politik und Haltung unterscheidet er klar. Demokratie, Meinungsfreiheit oder die Akzeptanz homosexueller Menschen sind für ihn keine tagespolitischen Expertenthemen, sondern grundlegende Positionen, zu denen er sich äußern möchte. Andere seiner politischen Einschätzungen formuliert er ebenso deutlich, ohne daraus den Anspruch abzuleiten, Lösungen für das Land zu besitzen.
Wenn ihm die permanenten Debatten zu viel werden, hilft ein Rat eines Freundes: sich vorstellen, man sei ein Alien und beobachte die Menschheit von außen. „Ach, guck an, was die Menschen da schon wieder machen.“ Ein bisschen Distanz, bevor man am Zustand der Welt verzweifelt. In zwanzig Jahren möchte ISAAK seinen Erfolg ohnehin nicht an Chartpositionen oder Zuschauerzahlen messen.
Auf die Frage, woran er erkennen würde, dass er als Mensch glücklich geblieben ist, kommt eine Antwort, die erstaunlich weit entfernt vom Musikgeschäft liegt: „Glück bedeutet nicht, Glück zu bekommen, sondern Glück zu geben.“ Wenn er dann noch ein Umfeld habe, das er mit dem, was er sagt, tut und ist, bereichern könne, habe er alles richtig gemacht. Für jemanden, dessen Karriere einst mit versteckten CDs, einem heimlich gespielten Schlagzeug und dreißig Euro Straßenmusik begann, ist das wahrscheinlich eine passendere Bilanz als jede Streamingzahl.