Johanna Debes | Das Bodenständigste, was man machen kann: hinschauen

In der Mitte des Raumes steht ein kleiner Thron. Ein paar Tücher machen ihn feierlicher, davor sitzen Frauen auf Kissen im Halbkreis, Blumen liegen bereit, jede hat einen Gegenstand mitgebracht, den sie gerade mit ihrer Weiblichkeit verbindet. Dann setzt sich Johanna Debes als Erste auf diesen Thron. Sie wartet, bis sie bereit ist, öffnet langsam die Beine und bittet die anderen um etwas, das zugleich denkbar simpel und für viele vollkommen ungewohnt ist: schauen.

Folge 145 | 30. Oktober 2026
Im Gespräch mit André Puchta

Nicht bewerten, nicht vergleichen, nicht berühren. Den Blick nicht zwischen Gesicht und Körper hin- und herspringen lassen, sondern einfach die Vulva betrachten – „mit weichem, wertschätzendem Blick“. Danach ist eine andere Frau an der Reihe. Und noch eine. Manche weinen, manche erzählen plötzlich Dinge, die offenbar lange keinen Platz hatten, manche lachen, manche, die sich anfangs am stärksten gesträubt haben, wollen später kaum noch vom Thron herunter. Das Format heißt Vulva-Watching. Wer den Begriff zum ersten Mal hört, dürfte ziemlich schnell entscheiden, ob er neugierig wird oder innerlich einen Schritt zurücktritt.

Johanna Debes kennt beide Reaktionen. Frauen reagierten häufig interessiert, Männer eher irritiert: Warum treffen sich Frauen, um ihre Genitalien anzuschauen? Debes beantwortet das gern mit einem Perspektivwechsel. Männer begegnen anderen männlichen Körpern in Umkleiden, Saunen oder am Urinal vergleichsweise selbstverständlich.

Gerade heterosexuelle Frauen dagegen sehen, so ihre Beobachtung, oft kaum eine andere Vulva als die eigene – und manche nicht einmal die besonders häufig. In ihren Kursen treffe sie Frauen, die sich selbst noch nie mit einem Spiegel betrachtet hätten, abgesehen vielleicht von einem kurzen Kontrollblick nach einer Geburt. Für Johanna Debes ist das keine Nebensache.

Wenn ein Körperteil sprachlich häufig als „da unten“ verschwindet, wenn man ihn kaum kennt und fast nur in zwei Zusammenhängen betrachtet – Sexualität oder Medizin –, dann sei es wenig erstaunlich, wenn sich dort Scham festsetzt. „Es ist ja eigentlich das Bodenständigste, was man machen kann: hinschauen“, sagt sie über den Vorwurf, Vulva-Watching könne esoterisch sein.

Dieser Satz beschreibt ihre Arbeit besser als jede spektakuläre Überschrift. Johanna Debes möchte etwas sichtbar machen, worüber gleichzeitig ständig gesprochen und erstaunlich wenig gewusst wird. Sexualität ist für sie nicht bloß eine Frage von Erregung, sondern von Körperwahrnehmung, Sprache, Grenzen, Selbstwert und der Fähigkeit, überhaupt zu bemerken, was sich gut oder falsch anfühlt.

Sie bezeichnet sich als Gesundheitspraktikerin für Sexualität und Weiblichkeit und als sexologische Bodyworkerin.

Den Unterschied zur Sexarbeit erklärt sie bewusst, weil sie regelmäßig mit falschen Zuschreibungen konfrontiert wird. Ihre Arbeit versteht sie vor allem pädagogisch: Frauen sollen nicht von ihr Lust „bekommen“, sondern lernen, den eigenen Körper wahrzunehmen, Empfindungen einzuordnen, Grenzen zu erkennen und eigene Wünsche zu formulieren. Wann kann ich entspannen? Welche Berührung fühlt sich angenehm an? Wo ist Schmerz, wo Taubheit, wo Spannung? Was möchte ich eigentlich?

Dass solche Fragen für viele Erwachsene keineswegs selbstverständlich zu beantworten sind, ist der Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Johanna Debes beschäftigt sich schon lange mit Themen, die andere lieber in geschlossene Schubladen legen. Sie ist Schauspielerin, hat auf der Bühne und vor der Kamera gearbeitet und entwickelte eigene künstlerische Projekte über Sexualität, Tod und Berührung.

In einem Solotheaterstück spielte sie auch in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen – gerade dort erlebte sie, wie wichtig ein Thema sein kann, das Menschen mit Behinderung gesellschaftlich noch immer häufig abgesprochen wird.

Ein weiteres Projekt widmete sich 2019 der „Berührungsbiografie“.

Das Ensemble beschäftigte sich damit, welche Berührungen Menschen im Laufe ihres Lebens erfahren, vermissen oder mit bestimmten Beziehungen verbinden. Nach Aufführungen blieben Zuschauer teilweise noch zwei Stunden im Theater und sprachen miteinander. Wenige Monate später begann die Corona-Pandemie und machte ausgerechnet körperliche Nähe zu einem gesellschaftlichen Risikofaktor.

Rückblickend wirkt die Beschäftigung mit Berührung deshalb beinahe prophetisch, für Johanna Debes war sie vor allem konsequent. „Ich habe mich immer gerne mit Themen beschäftigt, die aus der Dunkelheit ins Licht müssen.“ Sexualität, weiblicher Zyklus, Wechseljahre, Tod:

Es sind Bereiche, in denen Körper und gesellschaftliche Erwartungen aufeinandertreffen – und in denen Sprache entscheidet, ob etwas überhaupt besprechbar wird. Debes freut sich deshalb schon darüber, wenn jemand „Vulva“ sagt statt auszuweichen. Selbst anatomische Begriffe betrachtet sie kritisch. Ein „Eingang“ suggeriere bereits, dass dort zwingend etwas hinein müsse.

„Nein. Muss nicht.“ Ihre Sensibilität für solche Zuschreibungen kommt nicht nur aus Fortbildungen. Als Schauspielerin lernte sie früh, wie stark Menschen über Rollen wahrgenommen werden. In Typisierungsworkshops wird ein Gesicht, eine Haltung, ein Körper sofort in Kategorien übersetzt. Heute erlebt sie, wie ihre Arbeit mit Sexualität wiederum Projektionen auslöst.

„Sie macht da irgendwas mit Sex“ – und schon entsteht im Kopf mancher Menschen eine Geschichte, die mit ihrer tatsächlichen Arbeit wenig zu tun hat. Auf Social Media kommen sexistische Kommentare hinzu; Beiträge über weibliche Sexualität würden eingeschränkt oder gesperrt, obwohl sie nach ihrer Darstellung oftmals nicht explizit seien. Dass ausgerechnet Aufklärung über einen Teil des menschlichen Körpers sprachlich um Hindernisse herumarbeiten muss, erlebt Johanna Debes als Widerspruch. Die entscheidende Wendung ihres eigenen beruflichen Weges erlebt sie in einem Frauenkreis bei einer Sexualtherapeutin und einer sexologischen Bodyworkerin.

Dort führen Teilnehmerinnen gegenseitig ein sogenanntes Vulva-Mapping durch:

eine achtsame Erkundung durch Berührung, begleitet von ständiger Kommunikation darüber, was angenehm, unangenehm, schmerzhaft oder kaum spürbar ist. Johanna Debes erinnert sich vor allem an ein Gefühl. „Wahnsinn, das ist Friedensarbeit.“ Nicht die aufgeladene Berliner Sexpositiv-Szene interessiert sie in diesem Moment, sondern die Erfahrung einer absichtslosen, respektvollen Berührung unter Frauen. Daraus entsteht ihr Wunsch, solche Räume selbst anzubieten. Vulva-Watching ist einer davon. Der Ablauf besitzt bewusst Regeln.

Es gibt keine feste Reihenfolge, niemand wird aufgerufen, keine Frau soll beweisen, wie mutig oder frei sie ist. Johanna Debes beginnt selbst, zeigt die eigene Verletzlichkeit und bespricht Vertraulichkeit. Namen und persönliche Geschichten sollen den Raum nicht verlassen. Bei bekannten Traumatisierungen oder Missbrauchserfahrungen bittet sie Teilnehmerinnen vorher um Kontakt und möchte wissen, ob professionelle Begleitung vorhanden ist und wie stabil die jeweilige Situation ist. Gerade diese Vorsicht ist wichtig, weil Johanna Debes ihre Arbeit nicht als grenzenlose Befreiungsübung verkauft. Sie weiß, dass Körpererfahrungen Erinnerungen und Emotionen auslösen können.

Gleichzeitig erlebt sie, wie viel Druck durch Vergleich und Unwissen entsteht. Bei einem Yoga-Retreat kündigt sie einmal spontan an, am Abend Vulva-Watching anzubieten. „Sechzehn Augenpaare“ schauen sie an, als habe sie gerade einen kollektiven Fallschirmsprung ohne Fallschirm vorgeschlagen. Die Botschaft in den Blicken: Kannst du gern machen, ich ganz bestimmt nicht. Am Ende nehmen alle teil. Besonders Frauen, die zunächst viel Scham verspüren, erlebten den Moment danach mitunter als kraftvoll, erzählt Johanna Debes. Scham interpretiert sie deshalb nicht nur als Hindernis, sondern manchmal als Hinweis darauf, dass darunter etwas lange zurückgehalten wurde.

Ihre Arbeit richtet sich gegen einen anderen Mechanismus, der längst auch Sexualität erreicht hat:

Leistung. Besserer Sex, intensivere Orgasmen, mehr Lust, mehr Technik – selbst Befreiung kann zur nächsten Selbstoptimierungsaufgabe werden. Debes will genau die entgegengesetzte Richtung einschlagen: „vom Kopf in den Körper“. Kein Orgasmusziel, kein vorgegebenes Ideal, sondern die Frage, was heute passt. Denn Körper verändern sich. Nach einer Geburt kann Berührung anders empfunden werden, während der Perimenopause ebenfalls. Beziehungen scheiterten ihrer Wahrnehmung nach nicht selten daran, dass Paare solche Veränderungen kaum benennen könnten.

Man kennt die Routine, aber nicht die Sprache für etwas Neues. Für Johanna Debes beginnt sexuelle Aufklärung deshalb dort, wo der klassische Biologieunterricht häufig endet. Fortpflanzung zu erklären bedeute noch nicht, Menschen dabei zu helfen, den eigenen Körper, Lust, Grenzen und Kommunikation zu verstehen. Ihre eigene Beziehung zum Körper beginnt früh.

Als Kind geht sie vor der Schule joggen, trägt dabei ein Herzfrequenzmessgerät und experimentiert damit, wie sich Atmung auf den Puls auswirkt. Gesundheit, Körper und die Verbindung zwischen Denken und körperlicher Reaktion faszinieren sie. Später wird die Schauspielausbildung zu einem anderen Labor. Schauspieler sollen auf eine große emotionale Bandbreite zugreifen können.

Für Johanna Debes ist das nicht selbstverständlich. In ihrem Umfeld hatte sie früh gelernt, dass Wut für ein Mädchen besser nicht zu laut sichtbar wird. Im Gesangsunterricht soll sie irgendwann „belten“, also kraftvoll und laut singen. Ihr wird schwarz vor Augen, sie beginnt zu weinen. „So laut werden zu dürfen, das war in meinem System als gefährlich abgespeichert.“ Jahre später kann sie darüber sprechen, lachen – und laut werden.

Für ihre heutige Arbeit ist genau diese Erfahrung wichtig: Gefühle sitzen nicht nur im Kopf.

Sie zeigen sich in Haltung, Stimme, Atmung, Spannung. Das verbindet für Johanna Debes Schauspiel und Bodywork. In der Schauspielerei verkörpert man bewusst Gefühle und Glaubenssätze einer Figur; in der Körperarbeit untersucht sie mit Frauen, was sie selbst längst verkörpern, ohne es noch zu bemerken.

Auch ihr privates Leben folgt keiner geraden Linie. Sie lebt zeitweise in Brasilien und beschreibt dort insbesondere das Theater Oficina als prägend, weil Körperlichkeit, Nacktheit, Erotik und künstlerische Freiheit selbstverständlicher miteinander verbunden wurden. Während der Pandemie kehrt sie an den Ort ihrer Kindheit zurück, holt Freunde mit ihren Kindern aus Berlin dorthin und merkt, dass sie bleiben möchte. Sie wird Mutter und baut nach eigener Schilderung eine Mehrgenerationengemeinschaft auf, in der sechs Kinder „wie in Bullerbü“ aufwachsen.

Gleichzeitig führt sie einen großen Hof, arbeitet selbstständig in einem Themenfeld, das auf Plattformen regelmäßig zensiert oder eingeschränkt wird, und bildet sich weiter zu Wechseljahren und Perimenopause fort. Wenn sie über Mut spricht, klingt das deshalb weniger nach heroischem Neuanfang als nach Beharrlichkeit.

Weiterzumachen, obwohl die Arbeit schwer zu kommunizieren und wirtschaftlich nicht der bequemste Weg ist, betrachtet sie selbst als eine ihrer mutigeren Entscheidungen.

Fragt man Johanna Debes schließlich, welchen Satz sie der zwanzigjährigen Schauspielerin von damals mitgeben würde, landet sie wieder bei der Rolle. „Keine Rolle spielen. Trau dich, dich so zu zeigen, so wahrhaftig wie du bist.“ Für eine Frau, die beruflich einmal gelernt hat, Rollen möglichst überzeugend zu verkörpern, ist das eine bemerkenswerte Pointe.

Heute arbeitet sie daran, dass Frauen weniger spielen müssen – nicht die sexuell befreite Frau, nicht die perfekte Partnerin, nicht die immer lustvolle, nicht die schamlose. Sondern zunächst überhaupt wahrnehmen dürfen, was da ist. Der kleine Thron in ihrem Workshop ist deshalb weniger Bühne, als der erste Eindruck vermuten lässt. Dort muss niemand etwas darstellen. Im Gegenteil. Es geht um etwas, das Johanna Debes für erstaunlich radikal hält: hinsehen, ohne sofort eine Rolle daraus zu machen.

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