
Justus Münster | Der Mann, der bleibt, wenn das Leben aus den Fugen gerät
Vielleicht waren für den Sommer längst die Koffer gedanklich gepackt. Vielleicht ging es beim Frühstück noch darum, welche Strecke man in den Urlaub nimmt, was mit muss, wer die Blumen gießt. Wenig später stehen Rettungskräfte in der Wohnung. Sie haben reanimiert, Medikamente gegeben, getan, was medizinisch möglich war. Vergeblich. Ein Mensch ist gestorben, plötzlich und unerwartet, und für die Angehörigen hat sich innerhalb weniger Minuten nicht nur der Tagesablauf verändert, sondern die gesamte Vorstellung von Zukunft.
Folge 25 | 15. Juni 2024
Im Gespräch mit André Puchta
Pfarrer Justus Münster beschreibt diesen Moment mit einem Satz, der keine seelsorgerische Verzierung braucht: „Der freie Fall ist bodenlos.“ Kein Geländer, kein Halt, kein Boden. Genau dann beginnt seine Arbeit. Pfarrer Justus Münster ist Beauftragter der evangelischen Kirche für die Notfallseelsorge in Berlin und Teil eines Systems, das gerufen wird, wenn Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst feststellen: Medizinische Versorgung und Ermittlungsarbeit reichen hier nicht aus.

Da ist jemand, der gerade erfahren hat, dass der Partner tot ist. Eltern müssen begreifen, dass ihr Kind nicht zurückkommt. Zeugen haben einen schweren Unfall gesehen. Eine Polizistin hat eine Todesnachricht überbracht, ein Straßenbahnfahrer einen sogenannten Fahrgastunfall erlebt, Ersthelfende tragen Bilder mit sich herum, die sich nicht einfach abschalten lassen. Pfarrer Justus Münster und seine Kolleginnen und Kollegen beseitigen diese Situationen nicht. Sie versprechen auch nicht, dass bald alles wieder gut wird.
„Wir müssen nicht gucken, wie es weitergeht in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren“, sagt er. „Wir schauen erst mal, wie du den ersten Tag überstehst.“ Notfallseelsorge ist damit eine ziemlich radikale Form des Dableibens. Wer in einer akuten Krise keine Worte findet, bekommt nicht zwangsläufig welche geliefert. Manchmal sitzt jemand einfach daneben. Pfarrer Justus Münster spricht vom Aushalten:
„Ich bin jetzt mit dir da, für dich da. Ich halte das jetzt aus.“
Diese Form der Hilfe gibt es in Berlin seit 1995. Damals kündigten die beiden Berliner Bischöfe gemeinsam mit Polizeipräsident und Landesbranddirektor beinahe experimentell an, man wolle die Notfallseelsorge zunächst zwölf Monate ausprobieren. Zu einer grundsätzlichen Debatte über ihren Nutzen kam es kaum. Polizei und Feuerwehr merkten schnell, dass nach einem Einsatz oft Menschen zurückbleiben, für die niemand mehr zuständig zu sein scheint.
Heute arbeiten unter dem Dach der Berliner Notfallseelsorge und Krisenintervention nach Pfarrer Justus Münsters Angaben rund 160 überwiegend ehrenamtliche Frauen und Männer aus Kirchen und Hilfsorganisationen zusammen, darunter evangelische und katholische Kirche, Johanniter, Malteser, Arbeiter-Samariter-Bund, Deutsches Rotes Kreuz, DLRG und die muslimische Notfallseelsorge. Die religiöse oder weltanschauliche Überzeugung der Betroffenen spielt für den Anspruch auf Begleitung keine Rolle.
Wer keinen Pfarrer möchte, muss auch keinen bekommen. Pfarrer Justus Münster erzählt das pragmatisch: Wenn jemand mit seinem Pfarrersein nichts anfangen könne, werde eben eine Kollegin oder ein Kollege aus einer anderen Organisation gerufen. Alarmiert wird ohnehin nicht privat. Es gibt keine öffentliche Notfallseelsorge-Nummer für Menschen, die selbst einen Einsatz bestellen möchten. Feuerwehr, Polizei oder Verkehrsbetriebe melden den Bedarf über ihre Leitstellen, danach wird möglichst jemand geschickt, der geografisch nicht am anderen Ende Berlins sitzt.
Am häufigsten geht es nicht um spektakuläre Großschadenslagen, sondern um die Katastrophe hinter einer Wohnungstür:
eine erfolglose Reanimation im häuslichen Bereich. „Eben war die Welt in Ordnung, jetzt ist sie es nicht mehr.“ Danach folgen unter anderem Todesnachrichten und die Betreuung von Augenzeugen oder Ersthelfenden. Was objektiv wie ein ähnlicher Anlass aussieht, kann Menschen vollkommen unterschiedlich treffen. Pfarrer Justus Münster hält deshalb wenig von einer starren Vorstellung davon, wann etwas für jemanden „schlimm genug“ ist.
Der eine geht nach vorne, kämpft, organisiert; der andere erstarrt. Manche lehnen Hilfe zunächst ab, andere reagieren kaum und hoffen trotzdem, dass der Mensch neben ihnen nicht aufsteht. Für Notfallseelsorgende bedeutet das, die eigene Vorstellung davon zurückzustellen, wie Trauer, Schock oder Angst auszusehen haben. Auch Religion wird nicht übergestülpt. Sie kann aber plötzlich eine konkrete Funktion bekommen.
Nach einem unerwarteten Tod in einer Wohnung kann Pfarrer Justus Münster eine Kerze anzünden, ein Fenster öffnen, ein Gebet anbieten oder Angehörige ermutigen, den Verstorbenen noch einmal zu berühren. Nicht als frommes Pflichtprogramm, sondern weil Begreifen in den ersten Minuten oft etwas Körperliches ist. Der Mensch wird kälter, verändert sich, reagiert nicht mehr. „Es wird alles anders“, sagt er. Selten wurde dieser Satz in Berlin brutaler Wirklichkeit als am 19. Dezember 2016.
Um 20.02 Uhr fährt ein Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.
Menschen werden getötet und verletzt, zahllose andere erleben die Tat unmittelbar. Als im Gespräch die Uhrzeit und die ersten Abläufe dieses Abends rekonstruiert werden, muss Pfarrer Justus Münster kurz innehalten. „Jetzt muss ich selber durchatmen“, sagt er, bekommt Gänsehaut und ist gedanklich sofort wieder auf dem Platz.
Rund eine Stunde nach dem Anschlag seien etwa zwanzig Kräfte der Notfallseelsorge und Krisenintervention vor Ort gewesen. Sie begleiten Betroffene, Angehörige, Augenzeugen und Helfende bis tief in die Nacht, schicken erschöpfte Kräfte nach Hause, halten andere für Menschen bereit, die später noch kommen. In den folgenden Tagen geht die Begleitung weiter, ebenso an Jahrestagen. Der Anschlag legt zugleich Schwächen offen.
Pfarrer Justus Münster schildert, dass seine Teams vor Ort zunächst nicht offiziell darüber informiert worden seien, dass von einem terroristischen Anschlag ausgegangen wurde; die Bestätigung erreichte sie über Kollegen, die Medienberichte beobachteten. Auch die Nachsorge für Einsatzkräfte sei damals nicht ausreichend organisiert gewesen.
Aus diesen Erfahrungen entstanden nach seiner Darstellung neue Strukturen: bei der Berliner Polizei ein Einsatznachsorgeteam, außerdem eine zentrale Anlaufstelle für Angehörige und Betroffene von Großschadenslagen und terroristischer Gewalt sowie weitere Regelungen zur psychosozialen Notfallversorgung. Pfarrer Justus Münster sagt nicht, Berlin sei damit fertig.
Strukturen, die auf dem Papier existieren, müssten trainiert, finanziert und gepflegt werden, bevor die nächste Lage eintritt.
Dass Notfallseelsorge überhaupt Geld kostet, ist von außen leicht zu übersehen, weil ein großer Teil der Arbeit ehrenamtlich geleistet wird. Doch Ausbildung, Ausrüstung, Koordination, Supervision und hauptamtliche Stellen müssen bezahlt werden. Lange trugen die beteiligten Organisationen diese Kosten im Wesentlichen selbst. Nach dem Breitscheidplatz-Anschlag drängten sie stärker auf eine Beteiligung des Landes Berlin; inzwischen gibt es eine Förderung, die Pfarrer Justus Münster weiterhin nicht für ausreichend hält.
Seine Arbeit zeigt außerdem, wie weit Krisen über diejenigen hinausreichen, die unmittelbar betroffen sind. Als 2022 viele Menschen aus der Ukraine am Berliner Hauptbahnhof und am Zentralen Omnibusbahnhof ankamen, stellten die Notfallseelsorgenden schnell fest, dass sie nicht jedem Geflüchteten sofort ein Gespräch anbieten sollten. Diese Menschen waren vielfach noch unterwegs, noch nicht an einem Ort angekommen, an dem Verarbeitung überhaupt beginnen konnte.
Auffällig belastet waren dagegen jene, die ihnen halfen. Ehrenamtliche hörten Geschichten von Krieg, Verlust und Flucht, manchmal Stunde um Stunde. Pfarrer Justus Münster und seine Kollegen bauten deshalb eine „Hilfe für Helferinnen und Helfer“ auf. Auch Dolmetschende nimmt er in den Blick. Wer traumatische Geschichten übersetzt, hört sie schließlich ebenfalls. Professionelles Helfen bedeutet für ihn deshalb nicht nur, auf das offensichtliche Opfer zu schauen, sondern auch auf Menschen in der zweiten Reihe, denen fremdes Leid „unter die Haut“ geht.
Dasselbe gilt für seine eigene Berufsgruppe.
„Seelsorge ist nicht nur kopflastig, sondern vor allen Dingen auch herzlastig.“ Wer ständig anderen Halt geben soll, darf nicht so tun, als bliebe er selbst unberührt. Pfarrer Justus Münster nimmt Supervision und „Seelsorge für Seelsorger“ in Anspruch, verbringt Zeit mit seiner Familie, macht Musik und läuft. 21 Kilometer Berliner Halbmarathon hat er hinter sich gebracht.
Das Joggen ist dabei weniger heroischer Ausgleich als eine seiner persönlichen Kraftquellen. Diesen Begriff verwendet Pfarrer Justus Münster auch für Menschen in Krisen. Eigentlich wüssten die meisten, was ihnen guttut: Musik, Bewegung, Familie, Paddeln, Freunde, Natur. Nur seien diese Zugänge in einer Notsituation manchmal „verschüttet“. Dann könne Begleitung auch heißen, gemeinsam wiederzufinden, was vorher schon getragen hat.
Wer sich bei Pfarrer Justus Münster bewirbt, bekommt deshalb keine Anleitung, wie man möglichst unerschütterlich wird. Gesucht werden Menschen mit „empathischer Grundeinstellung“, denen die Not anderer nicht egal ist und die zugleich genügend Standfestigkeit besitzen, um nicht selbst sofort wegzubrechen. Den Rest könne man ausbilden. Vielleicht ist das die unspektakulärste und zugleich treffendste Beschreibung dieses Berufs. Notfallseelsorger kommen nicht mit der Antwort auf den Tod, den Unfall oder den Anschlag.
Sie kommen, weil jemand in einer Wohnung, an einer Unfallstelle oder vor einer gerade ausgesprochenen Todesnachricht für ein paar Minuten keinen Boden mehr spürt. Dann setzt sich jemand daneben. Nicht für die nächsten zwanzig Jahre. Erst einmal für diesen Abend. Für diese Nacht. Für den ersten Tag.