
Kevin Hartung | Was haben dich Kinder über das Leben gelehrt?
Kevin Hartung arbeitet als Rettungssanitäter und gründete den Verein PädCare. Ein schüchterner Junge auf einer Kinderstation zeigte ihm, weshalb medizinische Versorgung manchmal mit einem Pflaster für ein Kuscheltier beginnt – und warum Zeit im Gesundheitssystem nicht bloß eine Rechengröße sein darf.
Folge 82 | 25. März 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Die Mutter musste ihren Sohn erst anstupsen. Der Junge war sechs oder sieben Jahre alt, lag nach einem Zeckenbiss mit Lähmungserscheinungen auf einer Kinderstation und hatte sich seit seiner Aufnahme kaum geöffnet. Schon das Blutdruckmessen wurde zur Belastungsprobe. Sobald jemand das Zimmer betrat, war die Anspannung da. Sie blieb, selbst wenn der Ablauf längst bekannt war.

An jenem Tag fasste sich der Junge schließlich ein Herz und stellte Kevin Hartung eine Frage, die mit seiner eigenen Behandlung zunächst wenig zu tun zu haben schien: Ob er vielleicht seine Kuscheltiere versorgen könne. Kevin Hartung sagte zu. Gemeinsam untersuchten sie die kleinen Patienten. Gebrochene Arme und Beine wurden diagnostiziert, Verbände angelegt, Pflaster verteilt.
Fünf oder zehn Minuten dauerte die improvisierte Sprechstunde. Kevin Hartung gab dem Jungen zusätzliches Material, damit er die Behandlung später selbst fortsetzen konnte. Medizinisch hatte sich an dessen Situation nichts geändert, in der Beziehung zwischen Patient und Pfleger dagegen fast alles. „Ab dem Zeitpunkt waren wir ein super Team“, erzählt Kevin Hartung. Wenn er das Zimmer betrat, wich die Anspannung. Der Junge freute sich, hatte keine Angst mehr und ließ die notwendigen pflegerischen Maßnahmen zu.
Aus dieser unscheinbaren Begegnung entstand später PädCare.
Doch zunächst stand da nur ein junger Mann in seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger, der begriffen hatte, dass ein Kind nicht allein mit Medikamenten, Messwerten und fachlich korrekten Handgriffen erreicht wird. Der Teddy war kein niedliches Beiwerk. Er war der Zugang zu einem Jungen, der zuvor kaum Vertrauen fassen konnte.
Kevin Hartung ist 31 Jahre alt, arbeitet als Rettungssanitäter und kennt den medizinischen Ausnahmezustand aus unterschiedlichen Perspektiven. Als Kind begeisterten ihn vorbeifahrende Rettungswagen und Sirenen. Die Menschen darin waren für ihn Helden. Mit 14 trat er der Jugendgruppe einer Hilfsorganisation in seinem Heimatort bei. Dort konnte er sich, wie er sagt, „entwickeln und entfalten“. Aus der frühen Faszination wurde ein Beruf, der deutlich weniger aus permanentem Blaulicht besteht, als das Fernsehen vermuten lässt.
„Unser Tag schaut nicht so aus, dass wir zwölf Stunden lang Leben retten“, sagt Kevin Hartung. An manchen Tagen erkläre die Besatzung vor allem, dass ein Besuch beim Hausarzt ausreiche oder auf eine kleine Schnittwunde tatsächlich ein Pflaster gehöre. Der Satz nimmt dem Rettungsdienst nichts von seiner Bedeutung. Er korrigiert lediglich das Bild vom pausenlosen dramatischen Einsatz. Zur Arbeit gehören medizinische Notfälle ebenso wie Fehleinschätzungen, Bagatellen, überforderte Menschen und die Aufgabe, in wenigen Minuten herauszufinden, wer wirklich in eine Klinik muss.
Die Belastung bleibt erheblich. Kevin Hartung arbeitet in einem Schichtmodell mit zwei Tagdiensten, zwei Nachtdiensten und anschließend vier freien Tagen.
Auf dem Papier klingt das großzügig. In der Praxis braucht er häufig zwei dieser Tage, um nach den Nächten wieder in einen normalen Rhythmus zu finden. Ein weiterer Tag bleibt tatsächlich frei, der letzte endet früh, weil am nächsten Morgen gegen halb sechs der Wecker klingelt. Vier freie Tage, sagt Kevin Hartung, seien deshalb keine vier freien Tage.
Als Held möchte er trotzdem nicht gefeiert werden. Ihm wären kleinere, praktischere Zeichen der Anerkennung lieber. Wenn eine Rettungswagenbesatzung nach stundenlangen Einsätzen endlich in einem Supermarkt etwas zu essen holen will, könne schon eine lange Kassenschlange zum Problem werden. Der nächste Alarm kommt möglicherweise, bevor das Essen bezahlt ist. Dann werden die Einkäufe zurückgelegt und der Rettungswagen fährt los.
Wertschätzung könnte in diesem Moment bedeuten, die Einsatzkräfte einfach kurz vorzulassen. Keine Dankesrede, kein Transparent, sondern eine warme Mahlzeit, bevor der Melder wieder piept. Die Kinderkrankenpflege wählte Kevin Hartung erst, nachdem er bereits längere Zeit im Rettungsdienst gearbeitet hatte. Kindernotfälle hatte er schon immer als besonders empfunden. Ein Teil der Unsicherheit, die viele Rettungskräfte dabei spüren, entstehe aus fehlendem Wissen.
2019 begann er deshalb die zusätzliche Ausbildung. Er lernte nicht nur, dass bei Kindern andere Krankheitsbilder, Dosierungen und körperliche Besonderheiten berücksichtigt werden müssen. Er verstand auch, wie stark die emotionale Situation die Behandlung bestimmt. Ein Kind kommt selten allein in einen medizinischen Notfall. Eltern oder andere Bezugspersonen stehen daneben, häufig selbst voller Angst.
Mitunter sei es schwieriger, sie zu beruhigen als das Kind, um das es eigentlich geht. Ihre Nervosität überträgt sich. Kevin Hartung muss deshalb beide Seiten erreichen. Er versucht, ruhig und vertrauenswürdig zu vermitteln, dass die Fachkräfte wissen, was sie tun. Gelingt das nicht, könne es als letztes Mittel notwendig sein, die Eltern kurz aus dem Raum zu bitten. Nicht als Bestrafung, sondern damit die eigene Angst die Behandlung des Kindes nicht weiter erschwert.
Gerade hier zeigt sich, weshalb Kevin Hartung die Kinderkrankenpflege schließlich wieder verließ.
Der Arbeitsdruck und die damaligen Bedingungen veränderten sein Verhalten. Er bemerkte, dass er Patientinnen, Patienten und Angehörigen nicht mehr mit der Empathie begegnete, die er von sich selbst erwartete. „Ich kann nicht so arbeiten und nicht das leisten, was ich gerne leisten würde“, lautete seine Konsequenz. Kevin Hartung ging zunächst zurück in den Rettungsdienst.
Diesen Schritt beschreibt er nicht als Abkehr vom Beruf, sondern als Frage der Verantwortung. Beschäftigte, die längst keine Kraft oder Motivation mehr hätten und ihren Frust an Patientinnen und Patienten ausließen, seien ein Problem. Er selbst wollte nicht an diesen Punkt gelangen. „Ich glaube, manchmal besitze ich vielleicht sogar ein bisschen zu viel Empathie“, sagt er. Das könne gut und schlecht sein. In seinem Fall bedeutete es, rechtzeitig zu erkennen, wann die Bedingungen begannen, seinem eigenen Anspruch zu widersprechen.
Der Verein PädCare entstand kurz zuvor aus jener Begegnung mit dem schüchternen Jungen und seinen verletzten Kuscheltieren. Es war Dezember, Weihnachten stand bevor. Kevin Hartung wollte allen rund 60 Kindern der Station ein Kuscheltier schenken, obwohl er das Geld dafür nicht hatte. Ohne ausgearbeiteten Finanzplan stellte er die Idee in seine Instagram-Story und bat um Unterstützung.
Innerhalb von zwei Tagen war die benötigte Summe zusammen. Nun lag der Gedanke nahe, aus der einmaligen Aktion etwas Regelmäßiges zu machen. Von einer Vereinsgründung hatte Kevin Hartung zunächst wenig Ahnung. Er musste sich einarbeiten, Unterstützer suchen und Strukturen schaffen. Dann bekam PädCare einen ungewöhnlich großen Startvorrat: Eine Hilfsinitiative aus Erding überließ dem jungen Verein 18.000 neue Kuscheltiere, die aus Verkaufs- und Treueaktionen übrig geblieben waren und andernfalls entsorgt worden wären.
Darunter befanden sich Figuren aus dem Disney-Film „Die Eiskönigin“.
Wo eben noch Geld, Erfahrung und Material gefehlt hatten, standen plötzlich Tausende potenzielle Begleiter für kranke Kinder bereit. Anfangs lagerte Kevin Hartung vieles in seiner eigenen Wohnung. Inzwischen besitzt der Verein ein Lager, bei ihm zu Hause sitzt nur noch Teddy Paddy. Aus der privaten Weihnachtsaktion wurde eine Organisation, die Kliniken, Rettungsdienste und andere medizinische Einrichtungen mit Kuscheltieren, Schatzkisten oder Tonieboxen unterstützt.
Übergaben finden persönlich statt. Kevin Hartung und seine Mitstreiter wollen wissen, was gebraucht wird, Rückmeldungen erhalten und den Kontakt zu den Einrichtungen nicht auf einen Versandkarton reduzieren. Hinter dem freundlichen Bild der Teddys steckt erheblicher organisatorischer Aufwand. Gebrauchte Kuscheltiere kommen für Intensivstationen oder onkologische Bereiche aus hygienischen Gründen nicht infrage. Die eigens produzierten PädCare-Teddys müssen bestimmte Anforderungen erfüllen.
Eine Bestellung ist nach Kevin Hartungs Angaben erst ab 2.000 Stück möglich und kostet ungefähr 16.000 Euro. Was einem Kind später Trost spendet, beginnt für den Verein mit Finanzierung, Lagerung, Herstellungsvorgaben und Spendensuche. Ein Teddy kann den Personalmangel nicht lösen. Er ersetzt weder Pflegekräfte noch Zeit. Kevin Hartung verwechselt die Arbeit seines Vereins deshalb nicht mit einer grundlegenden Reform des Gesundheitssystems.
Er benennt vielmehr jene Lücke, die zwischen medizinisch notwendiger Behandlung und kindgerechter Versorgung entsteht. Bei einem Erwachsenen kann eine Blutentnahme wenige Minuten dauern. Bei einem schreienden, sich bewegenden Baby werden möglicherweise zwei Pflegekräfte benötigt, eine halbe Stunde, 45 Minuten oder noch länger. Die Klinik kann anschließend jedoch nicht abrechnen, wie viel Zeit und Personal nötig waren. Sie rechnet eine Blutentnahme ab.
„Die Kinder werden irgendwie gesehen wie kleine Erwachsene.“
Genau dieser Gedanke müsse verschwinden. Abläufe lassen sich standardisieren, Kinder nicht. „Nicht das Kind soll auf die Behandlung angepasst werden“, fordert er. Die Behandlung müsse sich am jeweiligen Kind orientieren. Manchmal bedeutet das, einen Verband zunächst spielerisch zu zeigen. Manchmal braucht es vorsichtige Annäherung. Und manchmal muss zuerst ein Teddy versorgt werden.
Zu dieser Haltung gehört Ehrlichkeit. Einem Kind vor einer Spritze oder Blutentnahme zu versprechen, es werde überhaupt nicht wehtun, hält Kevin Hartung für falsch. Das Kind bemerkt sofort, wenn die Aussage nicht stimmt. Die Folge reicht über diesen einen Stich hinaus: Es verliert womöglich das Vertrauen in Menschen mit Klinikkleidung. „Kinder sind unfassbar klug und bekommen mehr mit, als wir denken“, sagt Kevin Hartung. Deshalb dürfe nicht nur über sie gesprochen werden. Selbst Babys erklärt er, was als Nächstes geschieht.
Seine Kritik ist dennoch keine pauschale Abrechnung. Beim Thema Bezahlung widerspricht Kevin Hartung dem Reflex, im Gesundheitswesen grundsätzlich alles schlechtzureden. Er könne von seinem Gehalt leben, auch wenn es möglicherweise nicht vollständig der Verantwortung und Belastung entspreche. „Es ist nicht alles scheiße im Gesundheitswesen“, sagt er. Gerade diese Nüchternheit macht seine Einwände glaubwürdig. Er liebt die Sinnhaftigkeit seiner Arbeit und benennt gleichzeitig die Bedingungen, unter denen sie beschädigt werden kann.
Mit PädCare setzt Kevin Hartung auch auf Prävention. In Kindergärten bringen die Ehrenamtlichen Blutdruckmanschetten, Stethoskope, Fieberthermometer und einen Rettungswagen mit. Die Kinder dürfen ausprobieren, einander abhören und Fragen stellen. Ein Jahr später erinnern sich viele von ihnen an die Notrufnummer 112, die sie beim ersten Besuch noch nicht kannten. Medizinische Geräte verlieren einen Teil ihres Schreckens, wenn sie nicht erst in einer angespannten Behandlungssituation auftauchen.
Nach belastenden Diensten hilft Kevin Hartung ein bewusstes Ritual.
Wenn er die Dienstkleidung auszieht und in den Abwurf wirft, legt er gedanklich auch den Arbeitstag ab. Bleibt ein Fall trotzdem hängen, spricht er mit seiner festen Schichtkollegin, die zugleich seine beste Freundin ist, mit seiner Mutter oder anderen vertrauten Menschen. Er geht spazieren, inzwischen auch laufen. Reicht das nicht, steht ein professionelles Kriseninterventionsteam zur Verfügung. Stärke bedeutet für ihn nicht, jede Erfahrung allein tragen zu müssen.
Die Wirkung von PädCare bleibt häufig unsichtbar. Kevin Hartung möchte keine dramatischen Bilder kranker Kinder einsetzen, um Aufmerksamkeit oder Spenden zu gewinnen. Er zeigt lieber die guten Seiten der Arbeit und nimmt damit in Kauf, dass ein emotional wirksames Motiv fehlt. „Keiner, der uns Geld spendet, sieht am Ende das Kind, das den Teddy bekommt“, sagt er. Die Unterstützer müssen sich diesen Moment vorstellen.
Vielleicht genügt dafür das Bild vom Anfang: ein schüchterner Junge, der beim Blutdruckmessen in Anspannung geriet, eine Mutter, die ihn vorsichtig zum Fragen ermutigte, und einige Kuscheltiere mit gebrochenen Armen und Beinen. Kevin Hartung versprach dem Kind nicht, dass alles schmerzfrei sein würde. Er nahm seine Welt ernst und behandelte zunächst die Patienten, die ihm am wichtigsten waren. Danach waren die beiden, wie Kevin Hartung sagt, „ein super Team“.