Lady Susan | Mehr als Lack und Leder: Was Dominanz und Peitsche mit Vertrauen zu tun haben

Lady Susan führt in Berlin-Wedding ein Dominastudio. Mehr als hundert Peitschen, ein 94-jähriger Gast und ein Mann im Tigerkostüm gehören zu ihrem Berufsalltag. Entscheidend sind für sie jedoch Empathie, klare Grenzen – und die Freiheit, einen ungewöhnlichen Weg selbst zu wählen.

Folge 4 | 15. September 2022
Im Gespräch mit André Puchta

Lady Susan wollte niemanden provozieren. Sie wollte lediglich ein Formular. Also griff sie zum Telefon, rief beim Finanzamt an und erklärte der Mitarbeiterin: „Ich möchte mich gerne als Domina im Kleingewerbe anmelden.“ Am anderen Ende wurde aufgelegt. Beim nächsten Versuch wiederholte sich das Spiel. Insgesamt fünf Anläufe habe es gebraucht, bis sie glaubhaft machen konnte, dass hier keine Scherztelefonistin am Werk war, sondern eine Frau, die ihren Beruf ordnungsgemäß versteuern wollte. „Leute, ich möchte euch nicht veräppeln“, stellte sie schließlich klar.

Das Formular kam, später auch die Steuernummer. Seitdem läuft die Kommunikation mit der Behörde nach ihrer Darstellung reibungslos. Lady Susan reicht ihre Unterlagen ein, liefert Zahlen und zahlt pünktlich. Das Bild von der unberechenbaren Frau mit der Peitsche bekommt gleich zu Beginn einen ziemlich deutschen Gegenentwurf: Gewerbeanmeldung, Steuerbescheid, vollständige Dokumentation.

Seit 2010 arbeitet Lady Susan professionell als Domina. Zuvor hatte sie einen Beruf gelernt, dessen Klischees kaum weiter von ihrem heutigen Arbeitsplatz entfernt sein könnten: Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte. Sie mochte diese Tätigkeit durchaus, gute und schlechte Tage habe es dort wie überall gegeben. Dass sie einmal ein eigenes Studio eröffnen würde, konnte sie sich damals nicht vorstellen. „Das sind einfach Geschichten, die das Leben schreibt und die man sich vorher gar nicht ausdenken kann“, sagt sie.

Im Rückblick findet sie trotzdem frühe Hinweise auf ihre spätere Berufswahl.

Schon im Kindergarten habe sie zwei gute Freunde gehabt, die ihr die Taschen trugen und kleine Aufgaben für sie erledigten. Lady Susan nennt sie heute mit hörbarem Vergnügen ihre „Kindergartensklaven“. Im Alter von 17 Jahren bekam sie dann eine erste, erstaunlich konkrete Berufsberatung von ihrer besten Freundin: „Du bist ganz schön dominant. Du weißt schon, dass man das auch beruflich machen kann?“ Lady Susan wusste damals noch nicht recht, was damit gemeint war. Der Satz blieb dennoch hängen.

Der eigentliche Wendepunkt kam nach dem Ende einer längeren Beziehung. Sie saß am Computer, suchte im Internet und entdeckte einen SM-Club in ihrer Nähe. Viel passendes Zubehör besaß sie nicht. Also zog sie ihr einziges schwarzes Minikleid und schwarze Stiefel an und ging los. Die Umgebung hätte fremd und abschreckend wirken können. Stattdessen geschah das Gegenteil. „Es war tatsächlich, als käme ich nach Hause“, erinnert sie sich. Keine aufwendig geplante Selbstfindung, kein jahrelanger Karriereplan, sondern Neugier, ein schwarzes Kleid und das überraschende Gefühl, am richtigen Ort gelandet zu sein.

Auch ihr Umfeld reagierte weniger dramatisch, als sie erwartet hatte. Freunde und Familie nahmen den Berufswechsel gelassen auf. Lady Susan vermutet, dass dabei eine Rolle spielte, wie klar sie ihre Tätigkeit abgrenzt. Sie bietet keine sexuellen Kontakte an, bleibt während der Sessions angezogen und versteht ihre Arbeit nicht als Variante klassischer Prostitution. Viele Vorurteile begegnen ihr dennoch. Manche glaubten, eine Domina könne nichts anderes, als eine Peitsche zu schwingen. Ihre Antwort darauf ist so einfach wie selbstbewusst: „Ich kann andere Dinge, aber ich will nichts anderes beruflich machen.“ Andere stellen sich eine arrogante, abgehobene und luxusverwöhnte Frau vor. Wer sie trifft, sagt sie, merke schnell, dass diese Inszenierung nicht ihrer Persönlichkeit entspricht.

Diese Selbstbestimmtheit verteidigt Lady Susan auch grundsätzlich.

Zwang lehnt sie entschieden ab. Entscheidet sich eine erwachsene Frau jedoch freiwillig für diese Arbeit, sieht sie keinen Grund, ihr daraus einen gesellschaftlichen Vorwurf zu machen. „Wenn eine Frau für sich selber entscheidet: Ich habe da Bock drauf, ich will das machen, dann lasst sie doch ihren Weg gehen.“ Es ist einer der Sätze, in denen der Beruf hinter der Person zurücktritt. Lady Susan fordert keine Begeisterung für ihre Arbeit, sondern Respekt vor einer eigenverantwortlichen Entscheidung.

Ihr Studio im Berliner Stadtteil Wedding misst rund 120 Quadratmeter. Es gibt einen Loungebereich mit Sofa und Kaffeevollautomat, aber auch Streckbank, Käfige, zwei sogenannte Black Boxes und eine gemauerte Zelle im Keller. In den schwarzen Kisten sehen die Gäste nichts und hören nur wenig; Luftlöcher, fügt Lady Susan pragmatisch hinzu, seien selbstverständlich vorhanden. „Ansonsten viel zu viel Papierkram“, scherzt sie. An einer Wand hängen Peitschen, weitere lagern in Schubladen. Wie viele es genau sind, kann sie nicht sagen. Weit über hundert dürften es sein.

Die Instrumente unterscheiden sich nicht nur in Länge und Material, sondern auch in ihrer Wirkung. Manche Gäste wünschen sich vor allem ein lautes Klatschen, ohne anschließend deutliche Spuren zu sehen. Andere suchen einen stechenden oder dumpfen Schmerz. Lady Susan tastet sich an die jeweilige Grenze heran. Dabei gehe es nicht allein um das körperlich Erträgliche, sondern vor allem um die Lust ihres Gegenübers. „Ich schlage denjenigen ja nicht, weil ich ihn nicht leiden kann“, sagt sie, „sondern weil es mir Spaß macht und weil es ihm Spaß macht.“ Niemand werde zu ihr geschickt, alle Gäste kämen freiwillig und seien erwachsen.

Bevor eine Session beginnt, gibt es ein Gespräch – telefonisch, per E-Mail und später persönlich. Wünsche werden geklärt, Grenzen abgesteckt und Kandidaten aussortiert.

Lady Susan spricht offen davon, dass dieser Teil ihrer Arbeit viel Zeit beansprucht. Manche Interessenten hätten ihre Informationen nicht gelesen, andere erwarteten, in einer halben Stunde sämtliche Geräte des Studios ausprobieren zu können. „Ich mache keine Geräterallyes“, stellt sie klar. Eine Session brauche Zeit, damit der Gast nicht nur körperlich, sondern auch gedanklich begreife, was gerade mit ihm geschieht. Ihre eigenen Tabus seien nicht verhandelbar. Bleibende Schäden zuzufügen, komme nicht infrage.

Ein Codewort verwendet Lady Susan nach eigener Aussage nicht. Sie entscheidet, wann Schluss ist – körperlich oder mental. Der Gast solle die Verantwortung abgeben können, statt ständig darüber nachzudenken, ob er bereits an seiner Grenze angekommen sei. Diese Arbeitsweise verlangt ein besonders weitreichendes Vertrauen in ihre Beobachtung und Erfahrung. Für Lady Susan gehört genau diese Verantwortung zum Kern ihrer Rolle: Sie muss wahrnehmen, wie sich der Mensch vor ihr verändert, und rechtzeitig reagieren.

Ihre Gäste kommen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen. Unter ihnen seien auch Politiker und Menschen, die als prominent gelten könnten. Namen nennt sie selbstverständlich nicht. „Das sind alles Menschen“, sagt sie. Frauen besuchen sie ebenfalls, allerdings deutlich seltener. Sie vermutet, dass Männer schneller denken: Das möchte ich ausprobieren, also mache ich es. Frauen beschäftigten sich länger mit der Frage, was sie dort erwartet und wie sie sich verhalten sollen.

Das Mindestalter liegt bei 18 Jahren, eine feste Obergrenze gibt es nicht. Ihr ältester Gast war zum Zeitpunkt des Gesprächs 94 Jahre alt. Ganz regelmäßig komme er nicht, weil er die Wintermonate lieber in Australien verbringe. Schon diese beiläufige Information zerlegt mehrere Vorstellungen vom Alter gleichzeitig. Lady Susan sieht keinen Grund, einem Menschen allein wegen seines Geburtsjahres eine gewünschte Erfahrung zu verwehren. Einen besonderen Haftungsausschluss lässt sie ältere Gäste nicht unterschreiben. Ein Herzinfarkt oder Schlaganfall könne schließlich jeden Menschen ohne Vorwarnung treffen. Restrisiken gehören für sie zum Leben, nicht nur zu ihrem Studio.

Manche Begegnungen bleiben wegen ihrer ungewöhnlichen Dramaturgie in Erinnerung.

Ein Kunde erschien im Tigerkostüm und wollte zwei Stunden lang eine Raubkatze spielen. Lady Susan übernahm die Rolle der Dompteuse. Das Szenario hatte sie zuvor noch nicht erlebt. Gerade deshalb fand sie es interessant: „Oh cool, das hast du noch nicht gehabt. Das machen wir mal.“ In anderen Fällen buchen mehrere Gäste eine gemeinsame Veranstaltung, sehen und hören einander und spornen sich gelegentlich gegenseitig an: Noch fünf Schläge, das schaffst du. Wer lieber allein bleibt, kann viele Stunden in der Zelle verbringen, während Lady Susan in den oberen Räumen weitere Termine wahrnimmt. Im Hintergrund läuft auf Wunsch Mozart, Rammstein oder sogar Schlagerradio. Dominanz schließt musikalische Flexibilität offenbar nicht aus.

Die Arbeit endet nicht mit der Session. Lady Susan beantwortet Anfragen, pflegt ihre Internetseite und soziale Netzwerke, wirbt auf einschlägigen Plattformen und lässt sich bei Google bewerten. In Foren tauschen sich Gäste über ihre Erfahrungen aus. Bei einem großen Reisebewertungsportal wollte sie sich ebenfalls eintragen, wurde dort jedoch nicht aufgenommen. Nach zwölf Jahren in der Branche, sagt sie, sei sie in Berlin schlicht bekannt. Überheblich solle das nicht klingen, eher wie das nüchterne Ergebnis kontinuierlicher Arbeit.

Dazu gehört auch, für die eigene Sicherheit zu sorgen. Eine hundertprozentige Garantie gebe es nie. Lady Susan verlässt sich auf Vorgespräche und ihr Bauchgefühl. Bemerkt sie früh, dass jemand nicht zu ihr passt, beendet sie das Treffen. Einmal weigerte sich ein Gast zu bezahlen und anschließend zu gehen. Er bestand darauf, zunächst zu bekommen, was er verlangte. Lady Susan rief die Polizei. Auch in einem Raum, in dem Macht bewusst inszeniert und übertragen wird, gelten außerhalb des vereinbarten Spiels gewöhnliche Regeln.

Während der Corona-Pandemie musste das Studio zeitweise schließen.

Für Lady Susan war das nicht nur wirtschaftlich schwierig. Sie empfand das erzwungene Sitzen auf der heimischen Couch als persönliche Katastrophe. „Ich mache das, weil ich da Bock drauf habe und nicht, weil ich nichts anderes könnte.“ Finanzielle Hilfen habe sie in Berlin schnell und unkompliziert erhalten, weil ihr Gewerbe korrekt angemeldet gewesen sei. In diesem Moment zahlten sich jene fünf Anrufe beim Finanzamt noch einmal aus.

Leicht verdientes Geld sei ihr Beruf ohnehin nicht. Lady Susan spricht von 50 bis 55 Arbeitsstunden pro Woche. Neben den Terminen stehen Kommunikation, Organisation, Werbung, Reinigung und Vorbereitung. Zwei Praktikantinnen lernten bei ihr die Grundlagen dessen, was sie augenzwinkernd „Erwachsenenerziehung“ nennt: Wie fixiert man einen Menschen sicher? Wie werden Peitschen eingesetzt? Was kann man tun – und was sollte man unbedingt lassen? Techniken lassen sich vermitteln. Die eigentliche Dominanz dagegen, sagt Lady Susan, könne man weder lernen noch überzeugend spielen. Ebenso wichtig sei Empathie. Wer mit sehr unterschiedlichen Menschen, Bedürfnissen und Grenzen nicht umgehen könne, sei in diesem Beruf falsch.

Für die kommenden Jahre wünscht sie sich keine grundlegende Veränderung. Sie möchte dort bleiben, wo sie ist: mit mehr Gästen, mehr Spaß und vermutlich noch mehr Peitschen. Einen größeren Plan hat sie allerdings doch. Lady Susan würde gerne das erste deutsche Altersheim für Menschen mit besonderen Vorlieben eröffnen. Der 94-jährige Gast wäre zumindest ein überzeugender Hinweis darauf, dass die Zielgruppe existiert. Ob das Finanzamt bei der Anmeldung eines solchen Hauses wieder auflegt, ist offen. Lady Susan würde vermutlich einfach noch einmal anrufen.

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