Laith Al-Deen | Weil sonst keiner singen wollte

Eigentlich wollte Laith Al-Deen Gitarrist werden. Am liebsten in einer Metalband, mit einem Bein auf der Monitorbox, Nebelmaschine im Rücken und vermutlich einer Frisur, die im Wind eines Ventilators die nötige Dramatik entwickelt. Dass Deutschland stattdessen seit einem Vierteljahrhundert eine der markantesten Stimmen des deutschsprachigen Pop kennt, verdankt sich zunächst einem ziemlich banalen Problem: In seiner ersten Band wollte niemand singen.

Folge 125 | 6. September 2026
Im Gespräch mit André Puchta

Da waren ein Bassist, ein weiterer Gitarrist, später ein Schlagzeuger und irgendwann ein Keyboarder, aber keiner verspürte besondere Lust, den Job am Mikrofon zu übernehmen. Also tat Laith Al-Deen es vorübergehend. Aus dem Provisorium wurde ein Beruf. Dass er heute darüber lachen kann, passt zu einem Künstler, dessen Karriere zwar mit großen Gefühlen verbunden wird, dessen Blick darauf aber erstaunlich frei von Pathos geblieben ist. Selbst sein Name liefert seit Jahrzehnten zuverlässig Material. Ein Hotelgast machte aus ihm einmal „Light Aldent“, der Mathelehrer nannte ihn „Fondue“, und bei einem Festival in München wurde er am Backstage-Eingang kurzerhand zu „Leffedin“. Laith Al-Deen kann darüber lachen.

Seinen Namen korrekt auszusprechen, war ohnehin nie die größte Hürde seiner Laufbahn. Schwieriger war es anfangs, überhaupt gehört zu werden. Geboren in Karlsruhe als Sohn eines irakischen Vaters und einer deutschen Mutter, verbrachte er einen Teil seiner frühen Kindheit in den USA und wuchs später in Mannheim auf. Rassistische Erfahrungen verbindet er mit seiner Schulzeit nach eigener Erinnerung kaum. Er hatte einen guten Klassenverband, kleinere Neckereien wegen des Namens verschwanden schnell. Erst später stellte er fest, dass ein Name wie Laith Al-Deen in Deutschland durchaus praktische Folgen haben konnte. Als junger Musiker auf Wohnungssuche trafen zwei Dinge aufeinander, die bei Vermietern nicht unbedingt Vertrauen auslösten: ein ungewöhnlicher Familienname und ein Beruf ohne erkennbar geregeltes Einkommen.

Musiker, Laith Al-Deen – für manche offenbar keine Kombination, bei der die Wohnungsschlüssel sofort über den Tisch rutschten. Dass sein Leben einmal von ausverkauften Konzerten und erfolgreichen Alben geprägt sein würde, war damals alles andere als absehbar. Vor der Musik kam der Zivildienst. Laith Al-Deen arbeitete in der ambulanten Altenpflege, bekam ein Auto, begann früh am Morgen und lernte Menschen kennen, deren Alltag mit dem eines Neunzehn- oder Zwanzigjährigen kaum etwas gemeinsam hatte. Bei einem älteren Ehepaar wurde aus der Pflege irgendwann ein sonntägliches Ritual. Um halb acht morgens kam er dorthin, half dem Mann beim Rasieren und Waschen und frühstückte anschließend mit beiden. Für jemanden in einem Alter, in dem Samstagnächte normalerweise nicht um sieben Uhr morgens enden sollten, war das eine bemerkenswerte Form der Wochenendgestaltung.

Trotzdem fuhr Laith Al-Deen gern hin.

Die Gespräche wurden vertrauter, aus einer beruflichen Begegnung entstand Nähe, und selbst nach dem Zivildienst besuchte er das Paar noch. Beide starben später etwa zur gleichen Zeit. Solche Erfahrungen trägt er bis heute mit sich. Er lernte alte Menschen kennen, die ihr Herz auf der Zunge trugen, manchmal so ungefiltert, dass man am liebsten gleich wieder gegangen wäre, und gleichzeitig verstand er besser, was Einsamkeit bedeutet, wenn nach fünfzig gemeinsamen Jahren der Partner stirbt, die Kinder selten kommen und ein großes Haus plötzlich ziemlich leer werden kann. Später arbeitete er rund anderthalb Jahre im Mannheimer Klinikum im Hol- und Bringedienst.

Patienten mussten über lange Wege zu Untersuchungen gebracht werden, manche im Rollstuhl, andere schlicht orientierungslos in einem großen Krankenhaus. Laith Al-Deen sprach unterwegs mit ihnen und stellte fest, wie viel Unsicherheit sich manchmal mit drei oder vier Sätzen beseitigen lässt: Wo muss ich hin? Was passiert dort? Wie lange dauert es ungefähr? Wann komme ich zurück? Aus dieser Zeit nimmt er einen Gedanken mit, der Jahrzehnte später immer noch in seinem Gespräch auftaucht: Kommunikation ist eines der größten Probleme der Menschheit. Viel Verwirrung entsteht nicht daraus, dass Antworten kompliziert wären, sondern weil sie niemand verständlich ausspricht. Währenddessen blieb die Musik. Sein Vater, promovierter Maschinenbauer, liebte Musik, konnte mit der Berufsperspektive des Sohnes aber wenig anfangen.

Planbarkeit, Sicherheit und ein nachvollziehbarer Karriereweg hatten für ihn einen hohen Wert. Die Mutter unterstützte Laiths Al-Deens Pläne stärker. Rückblickend ist der Sänger seinem Vater für dessen Zweifel beinahe dankbar. Wäre zu Hause jeder sofort begeistert gewesen, hätte er sich womöglich weniger angestrengt. Widerstand kann eben ebenfalls Energie liefern. Im August 2000 erschien „Bilder von dir“. Heute gehört der Song zu jenen Titeln, bei denen bereits wenige Takte reichen, um bei Menschen Erinnerungen zu öffnen, doch der Anfang verlief keineswegs selbstverständlich.

Radiosender lehnten das Stück teilweise mit dem Hinweis ab, deutschsprachige Musik dieser Art sei Schlager.

Den entscheidenden Schub lieferte ausgerechnet „Big Brother“. Das damals neue Fernsehphänomen nutzte „Bilder von dir“ für Rückblicke auf die vergangenen Folgen, Laith Al-Deen trat schließlich in einer Liveshow auf, und plötzlich begann sich etwas zu bewegen. Das Fernsehen brachte den Stein ins Rollen, das Radio zog nach. Der Song wurde so präsent, dass die Plattenfirma zeitweise Schwierigkeiten hatte, überhaupt eine zweite Single durchzubekommen.

Erfolg kann offenbar selbst zum Hindernis werden. „Bilder von dir“ blieb. Für Laith Al-Deen allerdings nicht immer gleich angenehm. Einige Jahre spielte er den Titel eher pflichtbewusst als begeistert. Erst in jüngerer Zeit merkte er wieder, was das Lied im Publikum auslöst. Menschen beginnen nicht nur mitzusingen, sie springen gedanklich zurück in eine bestimmte Zeit ihres Lebens.

Musik kann das besser als fast alles andere. Ein Lied konserviert keine objektive Vergangenheit, sondern eine sehr persönliche: eine Beziehung, eine Autofahrt, eine Wohnung, einen Sommer, jemanden, den es vielleicht längst nicht mehr gibt. Genau deshalb entschied sich Laith Al-Deen zum 25-jährigen Jubiläum gegen ein bequemes Best-of. Fünfzehn Songs nahm er neu auf, veränderte Arrangements, machte manches größer, anderes reduzierter und versuchte, den Klang seiner heutigen Band und seines heutigen Lebens in Stücke zu bringen, die teilweise vor Jahrzehnten entstanden waren.

Er hatte dafür einen einfachen Grund. Seit Jahren sagten ihm Menschen, seine Songs gefielen ihnen live besonders gut. Laith Al-Deen selbst fühlt sich auf der Bühne ohnehin stärker zu Hause als im Studio. Also wollte er festhalten, was aus diesen Liedern im Laufe zahlloser Konzerte geworden war. Das bedeutete allerdings auch eine Begegnung mit dem Mann, der sie einst geschrieben und gesungen hatte. Bei manchen Liedern sei das „katastrophal“, sagt er lachend. Wer mit fünfzig über Beziehungen, Verliebtheit und Sehnsucht singt, die ein Dreißigjähriger formuliert hat, begegnet einem früheren Ich, das sich nicht einfach aktualisieren lässt.

Laith Al-Deen führt kein Tagebuch. Seine Alben übernehmen diese Aufgabe.

Er kann sie anhören und hören, wer er einmal war. Gerade das macht die Neuaufnahmen für ihn wertvoll. Nicht jeder alte Song hätte diese Prüfung bestanden. Auf das Jubiläumsalbum schafften es bewusst Stücke, zu deren Aussagen er heute noch stehen kann. „Ich will nur wissen“, der Titelsong seines ersten Albums, berührt ihn nach eigener Aussage heute sogar stärker. Die Musik ist gealtert, ohne zwangsläufig alt zu werden. Ähnlich persönlich ist „Familie“, ein Lied über seine eigene Lebenswirklichkeit.

Seit mehr als zehn Jahren lebt Laith Al-Deen mit seiner Partnerin und deren drei Kindern zusammen. Als die Beziehung begann, war sie noch verheiratet – gesellschaftlich keine Konstellation, die sich in einen besonders ordentlichen Lebensratgeber einfügt. Beim Schreiben des Songs saß Laith Al-Deen mit Menschen zusammen, die selbst aus ganz unterschiedlichen Familiengeschichten kamen. Innerhalb kurzer Zeit wurden Erfahrungen geteilt, die normalerweise nicht sofort auf den Tisch kommen: Trennungen, Scheidungen, Brüche, Verletzungen.

Genau diese Offenheit wünscht er sich häufiger. Nicht ständig Stärke spielen, nicht jeden Tiefpunkt als persönliches Versagen behandeln. Laith Al-Deen erinnert sich an frühe Medientrainings, in denen ihm geraten wurde, möglichst nicht mit „Nein“ zu antworten. Freundlich bleiben, positiv wirken, gute Laune vermitteln. Er hat auch noch Talkshows erlebt, in denen Menschen rauchten, tranken, sich offen widersprachen und einander ziemlich deutlich sagten, wenn sie etwas für Unsinn hielten. Später wurde öffentliche Kommunikation glatter. Probleme verschwanden natürlich nicht, sie sollten bloß weniger sichtbar sein.

Laith Al-Deen hält es für falsch, Tiefphasen automatisch als Schwäche zu betrachten. Menschen müssten wieder mehr darüber sprechen, wenn es ihnen nicht gut gehe. Auch sein Song „Paket Hoffnung“ kreist um diese Frage, allerdings größer gedacht. Was hält Menschen zusammen, wenn Informationsflut, politische Lager und permanente Kommentare sie auseinanderziehen? Laith Al-Deen hat keine fertige Antwort.

Vielleicht, sagt er sinngemäß, wird das Paket Hoffnung gar nicht irgendwann zugestellt.

Vielleicht muss man es immer wieder selbst packen. In seinem lägen weniger Bildschirmzeit und mehr reale Gespräche, Zeit mit Familie und Freunden, Toleranz gegenüber Menschen, die anders denken, und die Bereitschaft, nicht jede Meinungsverschiedenheit zum moralischen Endkampf aufzublasen. Er selbst ist nicht getauft, nennt Nächstenliebe trotzdem einen Wert, der ihm wichtig ist. Menschen unterschiedlicher Auffassung gut zu finden, sei nicht immer leicht.

Genau deshalb beginne Toleranz erst dort, wo sie etwas kostet. Dass ausgerechnet ein Musiker über zu viel mediale Dauerpräsenz klagt, besitzt eine gewisse Ironie. Früher musste ein Künstler vor allem Songs schreiben, Platten aufnehmen und Konzerte spielen. Heute soll er gleichzeitig TikTok, Instagram, Facebook und YouTube bedienen, regelmäßig Content produzieren, Trends erkennen und dem Algorithmus möglichst zuverlässig gefallen. Laith Al-Deen ist davon spürbar wenig begeistert.

Nach einer Stunde Scrollen fühle er sich häufig eher leer als inspiriert. Er vermisst die Zeit, in der Künstler noch etwas Geheimnis behalten durften. Seine Partnerin und Managerin übernimmt einen großen Teil der Social-Media-Arbeit und muss ihn für manches Video offenbar mit sanftem Nachdruck vor die Kamera bewegen. Tanztrends oder standardisierte Einstiege nur für mehr Reichweite sind nicht seine Welt. Lieber macht er sich darüber lustig, als sich selbst zum Algorithmusprodukt umzubauen. Gleichzeitig weiß er, dass genau diese Plattformen neue Generationen zu seiner Musik bringen.

Junge Musiker covern seine Songs, Menschen entdecken Titel, die erschienen sind, bevor sie geboren wurden, und ein junger Tontechniker nimmt bei einer Veranstaltung Videos für seine Mutter auf, weil die Laith-Al-Deen-Fan ist. Früher war man der junge Künstler. Irgendwann ist man der Künstler, den die Mutter kennt. Laith Al-Deen nimmt auch das mit Humor. Mit fünfzig hat er ohnehin wenig Interesse daran, so zu tun, als wäre er noch dreißig. Sollte er noch einmal einen völlig anderen Beruf wählen müssen, würde er wahrscheinlich etwas Handwerkliches oder Physiotherapie machen – eine Tätigkeit, die praktisch, sinnvoll und in möglichst vielen Ländern einsetzbar ist.

Das Reisen reizt ihn bis heute. Neuseeland besonders.

Dort wartet außerdem eine persönliche Rechnung auf ihn: Dreimal wollte er über dem Lake Taupo mit dem Fallschirm abspringen, dreimal machte ihm das Wetter einen Strich durch die Planung. Der Sprung steht weiterhin auf seiner „Lebens-To-do-Liste“. Vielleicht passt das ganz gut zu einem Mann, dessen Karriere aus mehreren Dingen entstanden ist, die ursprünglich anders geplant waren. Der Gitarrist musste singen, weil niemand anders wollte. Der junge Musiker, den Radios zunächst kaum spielen wollten, wurde mit einem Song bekannt, der ihn 25 Jahre später noch begleitet.

Und der Sänger, der sein Jubiläum zum Anlass hätte nehmen können, die alten Erfolge einfach noch einmal sauber zu verpacken, hat sie lieber auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Manchmal, könnte man aus der Geschichte von Laith Al-Deen lernen, besteht ein Neustart eben nicht darin, alles hinter sich zu lassen. Man hört noch einmal genau hin – und findet heraus, was davon immer noch zu einem gehört.

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