Manuel Ostermann | Die Uniform bleibt nicht im Spind

Manuel Ostermann ist sechs Jahre alt, als sein Onkel ihn mit auf eine Polizeiwache nimmt. Für andere Kinder wäre das vielleicht ein aufregender Nachmittag gewesen, für ihn wird daraus ein Berufswunsch, der sich nicht mehr erledigt. „Da war es um mich geschehen“, sagt er. Feuerwehrmann, Pilot oder irgendeine jener Karrieren, die Kinder im Laufe der Jahre ausprobieren, kommen für ihn nicht infrage. Polizei. Nichts anderes.

Folge 115 | 10. August 2026
Im Gespräch mit André Puchta

Seine Eltern sehen den Ehrgeiz des Sohnes mit einer gewissen Sorge, schließlich hängt die Eignung für den Polizeidienst auch von gesundheitlichen Voraussetzungen ab, die man nur begrenzt beeinflussen kann. Doch Manuel Ostermann hält an der Idee fest. Er wächst behütet in einem kleinen Dorf auf, ist Messdiener, spielt Fußball und Tennis, macht nach eigener Aussage selbstverständlich auch Blödsinn und gehört noch zu jener Generation, für die eine elterliche Zeitangabe ungefähr lautete: Du kommst nach Hause, wenn die Straßenlaternen angehen. Seine Eltern legen Wert auf Höflichkeit, Zuverlässigkeit und darauf, dass ein gegebenes Wort etwas zählt. Fleiß hätten sie ebenfalls vermitteln wollen, räumt Manuel Ostermann ein, nur sei er in seiner Jugend nicht unbedingt immer der überzeugendste Beweis für den Erfolg dieser Erziehungsmaßnahme gewesen.

Am 1. September 2010 steht er schließlich in Walsrode und zieht zum ersten Mal die Polizeiuniform an. An diesen Moment erinnert er sich detailliert. Uniformen werden ausgegeben, Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, alles ist neu. Dann steht er da in jener Kleidung, auf die er seit seiner Kindheit gewartet hat, und kann kaum glauben, dass es tatsächlich so weit ist. Auch Jahre später spricht er darüber nicht abgeklärt. Die Uniform bedeutet ihm noch immer etwas. Sie ist für ihn keine Arbeitskleidung, sondern sichtbarer Ausdruck des Eides, den er geleistet hat, und der Verpflichtung, für andere Menschen einzustehen. Dass genau dieselbe Uniform zur Projektionsfläche werden kann, lernt er im Dienst schnell.

Wer sie trägt, steht nicht nur als Manuel Ostermann an einem Bahnhof, bei einer Demonstration oder in einem Zug. Er repräsentiert in diesem Moment Polizei, Gesetz, Staat und für manche Menschen gleich noch Bundesregierung, Bürokratie und alles andere, worauf sie gerade wütend sind. Manuel Ostermann glaubt, dass Gewalt und Aggression gegen Polizeibeamte deshalb häufig nicht nur der konkreten Person gelten. Die Uniform werde zum greifbaren Stellvertreter für Institutionen, die ansonsten abstrakt bleiben. Er erinnert sich an eine Nachtschicht am Kölner Hauptbahnhof, damals für ihn bereits ein harter Einsatzort mit Schlägereien und Gewalt.

Ein Mann spuckte ihm in den Mund.

Manuel Ostermann kannte dessen gesundheitliche Vorgeschichte und beschreibt diesen Moment rückblickend als eine der widerwärtigsten Erfahrungen, die er bis dahin erwartet hatte. Was damals eine maximale Eskalation schien, empfindet er heute als Sinnbild dafür, wie stark sich der Polizeialltag seiner Wahrnehmung nach verändert hat. Solche Erlebnisse bleiben nicht automatisch auf der Dienststelle. „Das nimmt man alles mit nach Hause“, sagt Manuel Ostermann. Polizisten seien Menschen, keine Roboter. Wer regelmäßig Gewalt, Armut, Kriminalität, menschliche Schicksale und Situationen erlebt, die andere vielleicht nur aus Nachrichten kennen, kann nicht nach Dienstende einfach einen Schalter umlegen.

Deshalb spricht er von „Polizeifamilien“. Kolleginnen und Kollegen verbringen je nach Dienstplan enorme Teile ihres Lebens miteinander, vertrauen sich in Situationen, in denen Fehlentscheidungen Folgen haben können, und verarbeiten gemeinsam das, was passiert ist. Gleichzeitig braucht es nach Manuel Ostermanns Erfahrung Menschen zu Hause, die verstehen, warum jemand manchmal stiller, gereizter oder gedanklich noch im Einsatz ist. Ausgerechnet jene kleinen Begegnungen, die kaum in einer Einsatzstatistik auftauchen, gehören für ihn dagegen zu den schönsten Seiten des Berufs. Bei einer Begleitung von Fußballfans war Manuel Ostermann einmal mit Anhängern des FC Schalke 04 unterwegs, einer Szene also, mit der Polizeibeamte nicht immer freundschaftliche Erfahrungen verbinden. Statt Auseinandersetzungen entwickelte sich ein Gespräch, am Ende stiegen beide Seiten lachend aus dem Zug.

Ostermann erwähnt lieber nicht, dass er selbst leidenschaftlicher Dortmund-Fan ist. Interessanter als die Fußballrivalität ist für ihn ohnehin etwas anderes: Für einen Moment begegneten sich nicht Polizei und Fans, sondern Menschen. Wenn jemand anschließend denke, Polizisten seien vielleicht doch nicht grundsätzlich Gegner, habe sich bereits etwas verändert. Manuel Ostermann interessiert dieses Vertrauen, weil er Sicherheit nicht ausschließlich als Polizeiaufgabe versteht. Für ihn beginnt sie früher – in Erziehung, Bildung, gesellschaftlichen Regeln und in der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Auch „der Staat“ ist für ihn nicht nur Finanzamt, Steuern, Verwaltung oder eine abstrakte politische Macht. Eine Erzieherin in einer Kita und eine Lehrkraft in einer Schule sind ebenfalls Teil staatlicher Strukturen. Gerade deshalb stört ihn, dass öffentliche Diskussionen häufig in vereinfachten Gegensätzen geführt werden. Seine eigene Sprache ist trotzdem oft zugespitzt. Als Gewerkschafter hat er daraus fast ein Arbeitsinstrument gemacht.

Fachvorträge, Stellungnahmen und Gespräche mit Politikern seien das eine, sagt er, manchmal brauche es zusätzlich den „rhetorischen Hammer“.

Freundliche Briefe allein veränderten im politischen Betrieb wenig. Seit 2015 engagiert sich Manuel Ostermann intensiver gewerkschaftlich und öffentlich. Als Wendepunkt beschreibt er die Migrationsbewegung jenes Jahres und seine Einsätze an der deutsch-österreichischen Grenze, unter anderem im Raum Simbach am Inn und Passau. Dort habe er Situationen mit jungen Männern erlebt, die er als gewalttätig und respektlos wahrnahm. Für Manuel Ostermann war das der Moment, in dem er glaubte, sicherheitspolitische Folgen frühzeitig erkennen zu können.

Seine Aussagen über Migration gehören bis heute zu den Positionen, für die er besonders Zustimmung und besonders heftige Kritik erhält. Er weist den Vorwurf zurück, pauschal über Migranten oder Muslime zu urteilen, und betont, zwischen Gruppen und radikalen beziehungsweise extremistischen Strömungen unterscheiden zu wollen. Gleichzeitig formuliert er seine Einschätzungen zu Kriminalität und bestimmten Herkunftsgruppen sehr deutlich. Gerade diese Mischung aus Zuspitzung und dem Anspruch auf begriffliche Differenzierung prägt seine öffentliche Rolle. Wörter sind für ihn keine Nebensache. „Rechts“ sei nicht automatisch extremistisch, „links“ ebenfalls nicht; Muslime seien keine Islamisten, Grenzkontrolle sei etwas anderes als Grenzschließung. Besonders beim Begriff „Nazi“ verlangt er Zurückhaltung.

Ein historisch derart belastetes Wort verliere nach seiner Auffassung Bedeutung, wenn es inflationär für jede politisch unliebsame Position verwendet werde. Demokratische Debatte brauche Streit, aber eben auch die Fähigkeit, Unterschiede sauber zu benennen. Manuel Ostermann glaubt nicht, dass die Deutschen das Streiten verlernt haben. Eher hätten viele Menschen lange befürchtet, für bestimmte Aussagen gesellschaftlich sanktioniert zu werden. Gleichzeitig sieht er ein zweites Problem: die Bereitschaft, die Meinung des anderen überhaupt noch zu prüfen. Für ihn darf ein gutes Argument dazu führen, dass jemand sagt: Darüber muss ich noch einmal nachdenken. Diese Haltung beansprucht er auch für Kritik an der Polizei. Sachorientierte Kritik empfindet er nicht als Angriff, sondern beinahe als Wertschätzung.

Schließlich hat jemand Zeit investiert, sich mit einer Entscheidung auseinanderzusetzen.

Polizei müsse kritisch begleitet werden, gerade weil sie tief in Grundrechte eingreifen und im Rahmen des Gesetzes Gewalt anwenden dürfe. Dass Außenstehende bestimmte taktische Entscheidungen nicht verstehen, gehöre dazu. Nicht jede Einsatzmaßnahme lasse sich in einem kurzen Video erklären. Genau darin sieht Manuel Ostermann ein wachsendes Problem durch soziale Medien. Polizisten fahren heute nach seiner Beschreibung nicht mehr ausschließlich mit der Frage zu einem Einsatz, wie sie eine gefährliche Lage beenden und Beteiligte schützen können. Im Hinterkopf laufe mit, dass jemand filmen wird, dass möglicherweise nur ein Ausschnitt ins Netz gelangt, dass Namen ermittelt oder Beamte persönlich angegriffen werden könnten.

Eine kurze Sequenz kann beginnen, nachdem die entscheidenden Sekunden bereits vorbei sind. Daraus entsteht anschließend eine öffentliche Erzählung, die mit der gesamten Situation wenig zu tun haben muss. Manuel Ostermann nennt Teile dieser digitalen Welt drastisch ein „Güllefass“. Und nutzt genau dieselbe Welt täglich selbst. Er widerspricht Politikern öffentlich, veröffentlicht Zahlen und Stellungnahmen und setzt Social Media ein, um seine sicherheitspolitischen Positionen zu verbreiten. Fluch und Segen, sagt er. Auch bei der häufig geforderten Klarnamenpflicht vertritt er eine differenziertere Position, als man vielleicht erwarten würde. Menschen sollten seiner Ansicht nach weiterhin unter Pseudonym diskutieren dürfen – etwa Lehrer oder Personen in exponierten Positionen, die ihre gesellschaftliche Meinung äußern möchten, ohne ihren vollständigen Namen öffentlich zu präsentieren.

Entscheidend sei vielmehr, dass Plattformen Nutzer verifizieren und Ermittlungsbehörden im Fall von Straftaten auf diese Daten zugreifen können. Anonymität nach außen, Verantwortlichkeit gegenüber dem Rechtsstaat. Dass Manuel Ostermann heute ständig über Sicherheit spricht, bedeutet nicht, dass er sein Land ausschließlich als Ansammlung von Gefahren betrachtet. Im Gegenteil. Hinter vielen seiner schärfsten Aussagen steckt die Vorstellung, dass Deutschland eigentlich ein ausgesprochen lebenswertes Land ist und es wieder stärker werden könne. Was ihn beunruhigt, ist ein von ihm wahrgenommener schleichender Freiheitsverlust. Wenn Weihnachtsmärkte, Stadtfeste, Demonstrationen oder Kinderflohmärkte nur noch mit aufwendigen Sicherheitskonzepten stattfinden können, betrachtet er nicht die Absperrung als eigentliche Normalität, sondern fragt, weshalb sie überhaupt notwendig geworden ist.

Ein Kinderflohmarkt, der mit schweren Fahrzeugen gegen mögliche Angriffe geschützt werden muss, ist für ihn ein irritierendes Bild.

Die Sorge dahinter: Menschen gewöhnen sich an Sicherheitsmaßnahmen, meiden bestimmte Orte und ziehen sich aus öffentlichen Räumen zurück. Damit verändert sich Freiheit, ohne dass sie formal abgeschafft wird. Manuel Ostermann verbindet damit auch seine Forderungen an Politik und Sicherheitsbehörden. Mehr Personal, bessere Ausstattung, funktionierende Digitalisierung, schnellere Beschaffung, weniger Bürokratie und angemessene Bezahlung gehören zu seiner gewerkschaftlichen Agenda. Besonders wichtig sind ihm jene Beschäftigten, die öffentlich kaum vorkommen. Eine Bundespolizeiliegenschaft funktioniere nicht allein durch uniformierte Beamte.

Tarifbeschäftigte organisieren Verwaltung und Infrastruktur, und wenn Menschen in solchen Funktionen trotz Vollzeitbeschäftigung staatliche Unterstützung benötigen könnten, hält Manuel Ostermann das für ein strukturelles Versagen. Die Polizei werde im Wettbewerb um Nachwuchs künftig noch stärker mit anderen Arbeitgebern konkurrieren. Wenn qualifizierte junge Menschen fehlen, wird aus einer Personalfrage für ihn irgendwann eine Demokratiefrage. Denn Polizei ist in seinem Verständnis nicht nur eine Organisation, die Straftäter festnimmt, sondern eine Institution, die den demokratischen Rechtsstaat praktisch absichert. Dass er dabei keinerlei Zweifel an seiner Berufswahl erkennen lässt, ist bemerkenswert. Andere Kindheitswünsche verlieren ihren Glanz, sobald man ihren Alltag kennenlernt. Bei Manuel Ostermann scheint das Gegenteil passiert zu sein.

Er kennt Schichtdienst, Gewalt, Beschimpfungen, politische Auseinandersetzungen und die Erfahrung, dass ein Mensch einen anspucken kann, nur weil man die falsche Uniform trägt.

Trotzdem spricht er noch immer von Stolz und Dankbarkeit, wenn er diese Uniform anzieht. Vielleicht erklärt das auch seinen Optimismus am Ende des Gesprächs. Deutschland befinde sich aus seiner Sicht gerade in einem Tief, sagt er, aber Tiefpunkte seien nicht dauerhaft. Er wünsche sich ein Land, in dem Kinder bessere Chancen bekommen, öffentliche Plätze sicher sind, Veranstaltungen wieder selbstverständlicher stattfinden können und Schwarz-Rot-Gold nicht mit politischem Extremismus verwechselt wird, sondern als Symbol der freiheitlich-demokratischen Ordnung verstanden werden kann.

Man kann viele seiner politischen Diagnosen teilen, andere zurückweisen oder über ihre Zuspitzung streiten. Schwieriger zu bestreiten ist die Konsequenz, mit der Manuel Ostermann diesen Beruf gewollt hat. Mit sechs Jahren betritt er eine Polizeiwache und entscheidet im Grunde, wo er hinwill. 2010 zieht er zum ersten Mal die Uniform an. Und selbst heute, nach allem, was er darin erlebt hat, klingt es nicht so, als hätte er je ernsthaft eine zweite Option gebraucht.

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