Mario Langner | Wie verhaftet man eigentlich Vorurteile? Warum Uniformen manchmal Brücken bauen

Mario Langner scheiterte zweimal am Einstellungstest der Polizei Berlin. Heute beantwortet er als Corporate Influencer die Fragen des Nachwuchses – persönlich, geduldig und ohne Beamten-Deutsch. Wer in der Keibelstraße nahe dem Alexanderplatz auf den Einstellungstest der Polizei Berlin wartet und kurz vorher die Nerven verliert, kann Mario Langner eine Nachricht schicken.

Folge 8 | 15. Januar 2023
Im Gespräch mit André Puchta

Vielleicht antwortet er noch rechtzeitig, vielleicht findet er ein paar aufmunternde Worte für die dreieinhalb Stunden vor Deutschaufgaben, Logiktests, Merkfähigkeit und jenem Bereich, den Mario Langner lieber „Zahlenverständnis“ nennt, weil schon das Wort Mathematik bei manchen Bewerberinnen und Bewerbern leichte Fluchtreflexe auslöst. Er versucht, wie er sagt, „die letzten Worte zu finden, damit derjenige seinen PC-Test vielleicht besteht“.

Dass ausgerechnet er heute anderen Mut vor diesem Test macht, gehört zu den besseren Wendungen seiner Biografie: Mario Langner selbst ist zweimal daran gescheitert. Er verschweigt das nicht, weder im persönlichen Gespräch noch vor Schülerinnen und Schülern, die über eine Karriere bei der Polizei nachdenken. Im Gegenteil: Seine beiden erfolglosen Versuche sind zu einem wesentlichen Bestandteil dessen geworden, was er jungen Menschen vermitteln möchte.

„Ich war halt einfach noch nicht reif genug für die Polizei Berlin“, sagt er. Das klingt weder nach Ausrede noch nach nachträglicher Abwertung des damaligen Jugendlichen. Mario Langner betrachtet das Scheitern als Hinweis darauf, dass zwischen Berufswunsch und beruflicher Eignung manchmal noch ein Stück Leben liegt. Dieses Stück führte ihn zunächst in die Fitnessbranche.

Dort begrüßte er Menschen, motivierte sie und half ihnen, Übungen richtig auszuführen.

Er stand kurz davor, ein Studio zu leiten, merkte jedoch nach zwei oder drei Jahren, dass er diese Arbeit vermutlich nicht bis zum 60. Lebensjahr machen wollte. Die berufliche Sicherheit des öffentlichen Dienstes reizte ihn, vor allem aber ließ ihn der Wunsch nach dem Polizeiberuf nicht los. Beim dritten Anlauf erzielte er ein so gutes Ergebnis, dass er nach eigener Aussage sogar für den gehobenen Dienst infrage gekommen wäre – hätte er mit seinem mittleren Schulabschluss die formalen Voraussetzungen für das Studium erfüllt.

Der dritte Versuch führte ihn in den mittleren Polizeivollzugsdienst. Der Wechsel aus dem Fitnessstudio in den Einsatz war allerdings größer, als es Uniform und Dienstgrad erkennen ließen. In seinem früheren Beruf kamen die Menschen freiwillig zu ihm, ließen sich freundlich begrüßen und wollten Unterstützung. Bei den ersten Demonstrationen begegneten ihm Menschen, die ihn nicht kannten, aber allein wegen der Uniform anschrien, beschimpften oder ablehnten.

„Da musste ich das erste Jahr bei der Polizei tatsächlich so ein bisschen kämpfen“, erinnert er sich. Das positive Denken der Fitnesswelt traf auf Situationen, in denen ein freundliches Auftreten keine freundliche Reaktion garantierte. Mario Langner musste lernen, dass er in Uniform nicht nur als Mario wahrgenommen wird. Für manche steht vor ihnen nicht der einzelne Mensch, sondern eine Institution, gegen die sich Wut, Misstrauen oder schlechte Erfahrungen richten.

Dass es Menschen gibt, die ihn allein wegen seines Berufs kritisieren oder sogar zu hassen scheinen, fällt ihm bisweilen noch immer schwer.

Er versucht trotzdem, nicht jede Reaktion persönlich zu nehmen. Polizeiarbeit bringt ihn mit Menschen zusammen, denen er im privaten Alltag möglicherweise aus dem Weg gegangen wäre. Genau darin liegt ein Teil ihres gesellschaftlichen Auftrags: Polizistinnen und Polizisten können sich ihre Gegenüber nicht nach Sympathie aussuchen.

Heute beginnt ein erheblicher Teil von Mario Langners Dienst nicht mit einem Einsatzwagen, sondern mit dem Öffnen eines Postfachs. Seit Februar 2022 ist er eines der Gesichter der digitalen Nachwuchsgewinnung der Polizei Berlin. Als „Corporate Influencer“, wie die Funktion bezeichnet wird, beantwortet er Fragen auf Instagram und TikTok, berichtet von Berufsmessen und besucht unterschiedliche Polizeieinheiten. Rund 30 Nachrichten erreichen ihn an einem durchschnittlichen Tag.

Jeden Montag geht er live, anschließend kommen häufig weitere 20 oder 30 hinzu. Die Fragen reichen von Einstellungsvoraussetzungen über den PC-Test bis zum Vorstellungsgespräch. Viele Interessierte unterschätzten, dass Letzteres ein echtes Auswahlgespräch sei und man auch dort scheitern könne. Mario Langners Rat klingt unspektakulär, wird aber offenbar gebraucht: sich über den künftigen Arbeitgeber informieren, die Internetseite und die Social-Media-Kanäle studieren – und ordentlich angezogen erscheinen.

Andere möchten wissen, ob eine Mindestgröße gilt, ob eine Brille erlaubt ist oder wie sie sich auf das Diktat vorbereiten können. Ein besonders oft aufgerufenes Video erklärte, dass es keine Mindestgröße mehr gebe. Danach sei die Frage in seinem Postfach nahezu verschwunden. Aufklärung lässt sich bisweilen daran messen, welche Nachricht nicht mehr täglich eintrifft. Zwischen den sachlichen Anfragen landen auch Botschaften, die eher zu einem Flirtportal oder zur Internetwache passen würden.

Mario Langner versucht trotzdem zu antworten, sofern sich daraus ein sinnvolles Gespräch entwickeln kann.

Vielleicht könne er jemandem weiterhelfen und zugleich zeigen, „dass die Polizei halt umgänglich ist“. Diese Nahbarkeit ist kein Nebeneffekt, sondern Teil des Konzepts. Auf seinen Kanälen wird geduzt, der Ton ist persönlich, die Sprache möglichst frei von jener behördlichen Steifheit, an der selbst einfache Informationen gelegentlich unverständlich werden.

„Ich bin das tatsächlich“, sagt Mario Langner über die Person, die online zu sehen ist. Er antworte dort so, wie er auch einem Menschen antworten würde, den er persönlich kennt. Genau das macht seinen Auftritt glaubwürdig, erzeugt aber zugleich eine besondere Verantwortung. Ein offizieller Polizeikanal darf nicht wie ein privates Profil behandelt werden, und eine Uniform ist keine beliebige Kulisse für Reichweite. Mario Langner betont, dass Beiträge der Behörde nicht schaden dürfen.

Werbung in Uniform sei tabu. Auch Kolleginnen und Kollegen, die auf eigenen Profilen Polizeibilder veröffentlichen, müssten verstehen, dass private Posts und dienstliche Darstellung miteinander verbunden werden. Sobald die Uniform auftaucht, wird aus einem einzelnen Bild schnell die Botschaft: So ist die Polizei Berlin. Die Inhalte entstehen deshalb nicht spontan zwischen zwei Einsätzen. In der Nachwuchsgewinnung arbeitet Mario Langner in einem kleinen Team, das Ideen entwickelt, Trends beobachtet, Videos produziert und schneidet.

In regelmäßigen Kreativrunden wird geprüft, was zur Polizei passen könnte – und was besser unterbleibt.

Zwischen TikTok-Ästhetik und Amtspflicht verläuft eine schmale Linie. Die Behörde möchte jung, zeitgemäß und ansprechbar wirken, ohne ihren Auftrag in eine Unterhaltungsshow zu verwandeln. Mario Langner darf für einen Clip auch einmal als Pirat auftreten. Die freie demokratische Grundordnung bleibt davon unberührt.

Dass diese Form der Kommunikation Menschen erreicht, erlebt er außerhalb des Bildschirms. Auf Berufsmessen wird er erkannt, Besucherinnen und Besucher möchten Fotos mit ihm machen oder bei einem seiner Live-Formate dabei sein. Mit dieser Resonanz hatte er nicht gerechnet. Jugendliche markieren die Polizei Berlin in Videos und nehmen den Account offenbar nicht nur als regionalen Behördenkanal, sondern mitunter als Stimme der Polizei insgesamt wahr. Das schmeichelt, vergrößert jedoch den Anspruch an jedes veröffentlichte Wort.

Mario Langner nutzt seine Bekanntheit nicht nur, um Bewerbungsfristen und Testanforderungen zu erklären. Er möchte zeigen, wie vielfältig der Beruf tatsächlich ist. „Polizei sind 100 Berufe in einem“, lautet eine Formulierung, die er gern verwendet. Er besucht die Wasserschutzpolizei, berichtet über technische Einheiten, die mit schwerem Gerät Türen öffnen, begleitet die Brennpunkt- und Präsenzeinheit und spricht über das Studium für die Kriminalpolizei. Er erklärt aber auch weniger spektakuläre Dinge: Wohnmöglichkeiten für Auszubildende, die in Berlin keine Unterkunft finden, oder einen Tagesdienstzug, der Polizeiarbeit besser mit Kinderbetreuung und der Pflege von Angehörigen vereinbaren soll.

So entsteht ein Bild des Berufs, das nicht nur aus Blaulicht, Zugriffen und Spezialeinheiten besteht.

Nachwuchsgewinnung bedeutet für Mario Langner auch, Erwartungen zu korrigieren. Wer eine Polizeikarriere ausschließlich wegen des SEK interessant findet, wird irgendwann mit Diktat, Gesetzen, Schichtdienst und schwierigen Gesprächssituationen konfrontiert. „Es kann halt nicht jeder Polizist werden“, sagt er. Das ist für ihn keine elitäre Abgrenzung, sondern eine nüchterne Feststellung.

Polizistinnen und Polizisten kämen regelmäßig „in Situationen, wo andere die Polizei rufen“. Für die betroffenen Menschen seien das Ausnahmemomente, voller Angst, Wut oder Verzweiflung. Darin neutral und ruhig zu bleiben, verlange körperliche, geistige und charakterliche Eignung. Auch deshalb will Mario Langner jungen Menschen nicht einreden, jeder nicht bestandene Test sei bloß ein ärgerliches Hindernis. Sie sollten sich fragen, woran sie gescheitert sind.

Vielleicht war es das Diktat. Vielleicht fehlte Vorbereitung. Vielleicht passt der Beruf tatsächlich nicht. Und manchmal, wie bei ihm selbst, fehlt noch die Reife, die erst mit anderen Berufen und Erfahrungen entsteht. Scheitern ist in seiner Erzählung weder endgültiges Urteil noch automatische Aufforderung zum nächsten Versuch. Es ist zunächst eine Information, mit der man ehrlich umgehen muss.

Bei der Frage nach Respekt vermeidet Mario Langner einfache Antworten. Zum Zeitpunkt des Gesprächs arbeitete er bereits seit zwei Jahren im Zentralen Service und wollte deshalb nicht so tun, als könne er die aktuelle Lage auf der Straße aus täglicher Erfahrung beurteilen. Aus seinen früheren Einsätzen habe er jedoch gelernt, dass das eigene Auftreten wesentlich mitentscheidet, wie eine Situation verläuft.

„Das Auftreten von einem selber entscheidet darüber, ob man Respekt bekommt oder nicht“, sagt er.

Dazu gehören Fingerspitzengefühl, gute Vorbereitung und die Bereitschaft, einen Einsatz im Nachhinein kritisch zu betrachten: War der Umgang richtig? Was hätte besser laufen können? Was sollte beim nächsten Mal genauso gemacht werden? Kompetenz ist für ihn keine Frage möglichst großer Härte. Wer die Rechtslage kennt und in einer angespannten Situation weiß, was zu tun ist, müsse sich Respekt nicht erkämpfen. Mario Langner spricht lieber von ruhigem Auftreten und fachlicher Sicherheit.

Gleichzeitig weiß er, dass selbst ein korrekt geführter Einsatz belastend bleiben kann. Vor seiner Polizeilaufbahn arbeitete er bereits als Rettungssanitäter und wurde früh mit schwierigen Situationen konfrontiert. Seine Methode der Verarbeitung ist denkbar untechnisch: „Ich persönlich rede recht viel.“ Er spricht mit seiner Familie über Einsätze, die aufregend waren oder ihn beschäftigt haben, und versucht, Erlebtes nicht vollständig an sich heranzulassen.

Sein heutiger Arbeitsplatz wirkt auf den ersten Blick weit entfernt von diesen Erfahrungen. Ein Smartphone, ein Livestream und ein Piratenkostüm scheinen harmloser als Demonstrationen oder Rettungseinsätze. Doch die Aufgabe dahinter bleibt ernst: Mario Langner soll Vertrauen herstellen, ohne Schwierigkeiten zu verschweigen; Nähe schaffen, ohne die notwendige Distanz der Institution aufzugeben; junge Menschen begeistern, ohne ihnen den Beruf als Abenteuerkulisse zu verkaufen.

Für die Zukunft wünscht er sich, in diesem für ihn besonders fortschrittlichen Bereich der Polizei weiterarbeiten und etwas verändern zu können.

Vor allem möchte er Bewerberinnen und Bewerber auf ihrem Weg begleiten. Einmal sprach er mit einem Interessenten, der sich über den höheren Dienst informierte – also über jene Laufbahn, die theoretisch bis an die Spitze der Behörde führen kann. Mario Langner formulierte daraufhin ein ungewöhnliches Karriereziel: „Das wäre natürlich ein Traum, wenn ich da jemanden anwerben würde, der am Ende mein Vorgesetzter wäre.“

Vielleicht sitzt dieser künftige Vorgesetzte eines Tages tatsächlich nervös vor dem PC-Test in der Keibelstraße und schreibt Mario Langner noch schnell eine Nachricht. Dann würde ihm ausgerechnet jener Polizist Mut machen, der selbst zwei Anläufe brauchte. Beim dritten Mal passte Langner zur Polizei. Heute besteht seine Arbeit darin, anderen dabei zu helfen, ehrlich herauszufinden, ob die Polizei auch zu ihnen passt.

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