
Markus Köhnlein | Vom Black Metal auf die Yogamatte
Köhnlein
Markus Köhnlein nennt den Abbruch seines Maschinenbaustudiums rückblickend „dumm“. Nicht ironisch, nicht weil er ihn bereut, sondern weil damals fast alles dagegen spricht. Er hat keinen neuen Studienplatz, keinen Arbeitsvertrag, keine Geschäftsidee und keine Ahnung, womit er später sein Geld verdienen will. „Ich wusste nur: Okay, ich will hier raus.“ Ein halbes Jahr lang kämpft er während seines Auslandsjahres in Barcelona gegen diese Erkenntnis an.
Folge 143 | 23. Oktober 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Der Kopf liefert vernünftige Argumente: Studium fertig machen, Abschluss sichern, danach weitersehen. Das Herz antwortet knapper: „Nee, nee, ich will nicht.“ Markus Köhnlein hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine Ausbildung zum Industriemechaniker gemacht, das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Ein gerader Weg, der nach Sicherheit aussieht. Genau deshalb hatte er ihn gewählt. „Eigentlich habe ich es nur gewählt, weil ich dort einen guten sicheren Job hab und viel Geld verdienen kann.“

Heute unterrichtet er Yoga, betreibt in Rothenburg ob der Tauber ein eigenes Studio, schreibt Bücher, sitzt an einem weißen Klavier und singt Mantras über Ganesha und Shiva. Davor stand ein junger Mann in schwarzen Klamotten mit umgedrehtem Kreuz auf der Bühne einer Black-Metal-Band und schrieb Texte über Blut, Tod und Teufel. Einer seiner Songs beschreibt das Leben als tristen Kreislauf mit kurzen Leuchtfeuern am Wegesrand, am Ende bleibe eine „Wanderung durch die Nacht“.
Markus Köhnlein fragt sich heute selbst, wie ein Zwölf- oder Dreizehnjähriger auf solche Bilder kommt. Der Wandel beginnt nicht in einem indischen Ashram, sondern ziemlich unspektakulär mit einem gebrochenen Schlüsselbein. Einige Wochen ist er weitgehend außer Gefecht und beginnt philosophische Bücher zu lesen. Danach kommt Barcelona. Dort trifft er Menschen, die mit dem Rucksack reisen, Yoga machen, ungewöhnliche Lebensmodelle ausprobieren und offenbar nicht ständig fragen, welcher Weg den sichersten Lebenslauf produziert.
Er wohnt zeitweise in einem Zimmer von ungefähr zweieinhalb mal zweieinhalb Metern ohne Fenster, eher Vorratskammer als Wohnung, für rund 300 Euro im Monat.
Komfort ist das nicht, aber Freiheit bekommt für ihn einen anderen Wert. „Lieber schlage ich mich auf eine Art und Weise durch mit Dingen, die mich glücklich machen, als dass ich etwas tue, was mich nicht glücklich macht und mir mehr Geld bringt.“
Dass dieser Satz einmal das Gegenteil dessen beschreibt, wonach er seine Ausbildung ausgewählt hatte, gehört zu den interessanteren Brüchen seiner Biografie. Eines Nachts kommt ihm in Barcelona „aus heiterem Himmel“ die Idee, einen Flug nach Indien zu buchen. Er schläft darüber. Am nächsten Morgen ist der Gedanke noch da. Also kauft er das Ticket. Auf dem Konto liegen nach seiner Erinnerung ungefähr tausend Euro, allein der Flug kostet rund 400. Mit etwa 500 Euro reist er sechs Wochen durch Indien.
Er besitzt keine Rücklagen, keine finanzielle Absicherung und noch immer keinen Plan für die Zeit danach. Ausgerechnet ein Telefonat mit seinem Bruder Frank verändert, was aus dieser Reise wird. Auch Frank ist mit seinem Beruf unzufrieden und denkt über eine Kündigung nach. Sein Arbeitgeber stellt ihm eine Abfindung in Aussicht: zwölfeinhalb Monatsgehälter. Markus Köhnlein freut sich und spricht zugleich eine Sorge aus, die viele vermutlich verschwiegen hätten.
Wenn einer von beiden plötzlich viel mehr Geld besitzt, könnte das beim gemeinsamen Reisen zu Spannungen führen. Frank antwortet, er habe darüber bereits nachgedacht und beschlossen, die Abfindung mit ihm zu teilen. Markus Köhnlein sagt heute: „Hätte mein Bruder dieses Geld nicht mit mir geteilt, dann wäre all das nicht entstanden.“ Vermutlich wäre er nicht so lange gereist, hätte womöglich keine Yogalehrerausbildung gemacht und wäre nie dort angekommen, wo er heute beruflich steht.
Für seinen Bruder sei die Entscheidung rückblickend ebenfalls richtig gewesen.
Zwei Brüder, zugleich beste Freunde, ziehen mehr als zwei Jahre durch Indien und Südostasien, sitzen neunzehn Stunden in Bussen, die sie durch den Himalaya schütteln, feiern, trinken und verballern in den ersten sechs Monaten ungefähr die Hälfte ihres Reisebudgets. Spirituelle Suche kann offenbar auch mit Party und Alkohol beginnen. Später ändern sie ihren Alltag.
Sie absolvieren eine Yogalehrerausbildung und arbeiten in Hostels gegen Unterkunft und Essen. Sind beides bezahlt, sagt Markus Köhnlein, könne man in Indien mit etwa 50 Euro im Monat auskommen. Die Ausbildung selbst räumt mit der Vorstellung auf, Yoga bestehe hauptsächlich aus entspanntem Atmen bei Räucherstäbchen. Morgens um fünf aufstehen, Praxis, Anatomie, Philosophie und weitere Unterrichtsfächer bis acht oder neun Uhr abends, sechs Tage pro Woche, 200 Stunden in einem Monat. „Hart“, sagt er. Körperlich und psychisch gehe das an Grenzen.
Aus dem früheren Black-Metal-Musiker wird trotzdem nicht schlagartig ein sanft lächelnder Erleuchteter. Markus Köhnlein erzählt seine Veränderung weniger glatt. Die früheren Texte gehören weiterhin zu ihm, seine alten Freunde ebenso. Als im Rothenburger Gruppenchat Jahre später die Frage auftaucht, wer eigentlich einen Tormesis-Pulli zur Altkleidersammlung gebracht habe, muss er sich melden. Nur fünf Exemplare hatte es von dem Bandpullover gegeben, ausschließlich für die Mitglieder.
Markus Köhnlein hatte seinen weggegeben; jemand anderes findet ihn später im örtlichen Secondhand-Laden und kauft ihn.
„Der Kreislauf des Lebens“, kommentiert er. Tormesis hört er übrigens noch immer gern. Die Band habe sich musikalisch stark entwickelt, sagt er. Sein früheres Ich möchte er nicht verleugnen. Er würde den Black-Metal-Markus sogar gern in seinem Yogastudio begrüßen. Nur andersherum hätte der vermutlich wenig Interesse: „Was ist denn das für ein Scheiß? Habe ich ja gar keinen Bock drauf!“
Eine Stunde Headbanging hält Markus Köhnlein heute sogar für anstrengender als eine Stunde Yoga, allerdings vor allem deshalb, weil früher „mindestens sechs bis acht Bier“ dazugehörten. Die größere geistige Herausforderung beginnt für ihn während seiner ersten Indienreise. In Auroville sitzt er in einem Meditationstempel. Zuvor hatte er „Ein Kurs in Wundern“ gelesen. Während der Meditation erlebt er nach eigener Beschreibung eine innere Stimme anders als gewohnt, fast wie eine Kommunikation mit jemandem oder etwas.
Die Botschaft lautet, er solle ein Buch schreiben: eine Romanhandlung, die spirituelle Ideen verständlich vermittelt und das kleine Selbst und das Ego wie spielende Kinder darstellt. Köhnleins Reaktion fällt nicht besonders mystisch aus. „Ich kann doch kein Buch schreiben!“ Er hatte Songtexte verfasst, aber in der Schule wegen schlechter Rechtschreibung einmal eine Vier in Deutsch bekommen. Er fühlt sich „nicht würdig“, ein Buch zu schreiben. Die Idee liegt zwei Jahre in seinem Kopf, später beginnt er in Südindien mit der ersten Fassung.
In einer abgelegenen Gemeinschaft zwischen Bananenplantagen, Lehmhütten und Dschungel steht er morgens auf, macht Yoga und setzt sich anschließend an den Laptop. Kaltes Wasser, nachts kaum Strom, keine urbane Ablenkung. Die Geschichte wächst. Danach verschwindet das Manuskript wieder in der Schublade. Markus Köhnlein schreibt neue Fassungen, gibt sie seinem Bruder und Freunden, lässt das Projekt erneut liegen.
Neun Jahre vergehen bis zur Veröffentlichung.
Nicht die reine Schreibarbeit dauert so lange. Er muss sich erst zutrauen, mit einer sehr persönlichen Weltanschauung öffentlich sichtbar zu werden. Ausgerechnet eine Technologie hilft dem Mann, der sich früher an seiner Rechtschreibung gestört hatte, über die letzte Hürde: Als ChatGPT verfügbar wird, nutzt er es für eine Rechtschreibkorrektur seines Manuskripts. Danach traut er sich, den Text an Verlage und Agenturen zu schicken. In „Das kleine Selbst und sein Freund namens Ego“ beschreibt Markus Köhnlein das Ego wie einen imaginären Freund, der irgendwann beginnt, sich daneben zu benehmen.
Es ist für ihn die Stimme, die „Ich, ich, ich“ sagt: Was springt für mich heraus? Wie kann ich mich erheben? Dem stellt er „Pneuma“ gegenüber, die Stimme des „wahren Selbst“, die nicht „Ich“, sondern „Wir“ sagt. Ob man diese spirituelle Vorstellung teilt oder nicht, Markus Köhnlein selbst warnt ausdrücklich davor, Lehrern blind zu folgen. Wenn jemand verspreche, sämtliche Probleme lösen zu können, solle man „hellhörig“ werden. Bei körperlichen Übungen sei der eigene Körper die höchste Instanz.
Tut die Schulter weh, wird der Arm eben nicht über den Kopf gehoben, selbst wenn der Yogalehrer es verlangt. Wer schwere Depressionen habe, brauche möglicherweise mehr als Yoga. Und wer behaupte, man müsse nur positiv denken, bekommt von Markus Köhnlein deutlichen Widerspruch. „Good Vibes Only“ hält er für einen der größeren Irrwege der spirituellen Szene. „Niemand kann nur glücklich sein.“
Negative Gefühle zu unterdrücken und einen traurigen Freund nicht einzuladen, weil er schlechte Stimmung verbreite, nennt er „unmenschlich“.
Gelassen ist er selbst ebenfalls nicht immer. Einmal fährt er mit einem Fahrrad und führt gleichzeitig ein zweites neben sich her zur Werkstatt. An einer Ampel brüllt ihn eine Autofahrerin an und droht mit der Polizei. Markus Köhnlein lacht zunächst über ihre Aufregung, was sie noch wütender macht. Später merkt er, dass ihn die Begegnung länger beschäftigt.
Die innere Mitte ist eben kein Dauerparkplatz. Inzwischen sagt Markus Köhnlein trotzdem, dass die große Suche vorbei sei. Seine Frage laute heute weniger, was er noch erkennen könne, sondern „wie ich wirken kann“. Er ist verheiratet, hat ein kleines Reihenhaus gemietet und freut sich über die Blumen im Garten. „Mich hat ja auch das Spießbürgertum eingeholt.“ Aus dem Jugendlichen, der eine „Wanderung durch die Nacht“ besang, ist damit kein Mensch geworden, der nur noch Licht sehen will.
Er hält diese Vorstellung sogar für gefährlich.
Aber er hat aufgehört, Sicherheit automatisch mit einem richtigen Leben zu verwechseln. Der Studienabbruch, den er damals selbst für dumm hielt, war dafür ziemlich entscheidend. Manchmal, sagt Markus Köhnlein, könne man eben nicht erst Plan B fertigstellen und anschließend Plan A verlassen. Man müsse springen und sehen, was passiert.
Bei ihm führte dieser Sprung über Barcelona, 500 Euro Reisekasse, die Großzügigkeit seines Bruders, sechzehnstündige Yogatage und neun Jahre mit einem Manuskript in der Schublade zurück nach Rothenburg ob der Tauber. Dort steht heute ein weißes Klavier in seinem Yogastudio. Der schwarze Pulli ist längst woanders. Seine Geschichte trägt er trotzdem weiter.