
Martin Frank | Der Hof war immer da
Martin Frank hat früher im Kuhstall klassische Arien gesungen. Ob die Kühe davon begeistert waren, lässt sich im Nachhinein nicht mehr klären; dass klassische Musik angeblich die Milchleistung steigere, hatte er jedenfalls irgendwo gehört, wobei es vermutlich eher um Mozart als um einen niederbayerischen Jungen mit Opernambitionen ging. Martin Frank vermutet deshalb selbst, seine Kühe hätten über ihn wohl gesagt: „Das ist ein Irrer, der uns da immer irgendwelche Arien vorsingt.“
Folge 133 | 19. September 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Der Stall war seine erste Bühne, lange bevor ausverkaufte Säle dazukamen, und er verbindet zwei Welten, die in seiner Biografie erstaunlich selbstverständlich nebeneinanderstehen. Martin Frank wächst auf einem kleinen Bauernhof im niederbayerischen Hutthurm auf, hilft bei den Tieren, singt im Chor, spielt Kirchenorgel, arbeitet später als Verwaltungsfachangestellter und Standesbeamter, besucht eine Schauspielschule, versucht sich an Musikhochschulen und landet schließlich dort, wo ihm weder Professoren noch Aufnahmejurys verbieten können zu singen: im Kabarett.

Dass aus ihm kein Landwirt werden würde, war in der Familie offenbar früh zu erkennen. Martin Frank selbst datiert die Erkenntnis ungefähr auf sein drittes Lebensjahr. Auf einem Foto rennt er mit einer Holzlatte herum, ohne dass daraus irgendeine handwerklich verwertbare Tätigkeit entstanden wäre. Als Jahre später eine Katze stirbt, möchte er ein würdiges Grabkreuz bauen. Das Resultat erinnert eher an ein halbes Andreaskreuz vom Bahnübergang.
Sein jüngerer Bruder habe sämtliche technischen Fähigkeiten bekommen, die ihm selbst fehlten, sagt Martin Frank. Er kümmerte sich lieber um Hühner und Kühe. Landwirtschaft bedeutete für ihn trotzdem nie Folklore. Wer auf einem Hof aufwächst, lernt schnell, dass Tiere keinen Sonntag kennen, schlechtes Wetter keine Entschuldigung liefert und eine kurze Nacht wenig daran ändert, dass morgens gefüttert und gemolken werden muss.
Diese Kindheit bezeichnet Martin Frank als „Charakterschule“.
Sie habe ihm Disziplin beigebracht, die ihm heute im Künstlerleben hilft, selbst wenn er sich zugleich einen gewissen Hang zur Prokrastination bescheinigt. Ist Arbeit nötig, kann ein Tag eben bis zehn oder elf Uhr abends dauern. So kennt er es vom Hof. Während der Ernte bedeutete Feierabend nicht zwingend Feierabend; wenn Heu oder Silage vor einem Unwetter eingebracht werden mussten, ging es nach der Stallarbeit wieder auf den Traktor.
Auch eine kalbende Kuh konnte den nächtlichen Zeitplan verändern. Der Bauernhof war Arbeitsplatz und Zuhause zugleich, vor allem aber eine Konstante. Genau deshalb traf das Ende des Familienbetriebs Martin Frank stärker, als er selbst erwartet hatte. Sein Vater hatte den Hof mit siebzehn übernehmen müssen, nachdem dessen eigener Vater früh gestorben war. Eigentlich hätte die Landwirtschaft bereits eine Generation früher auslaufen sollen.
Der Sohn führte sie weiter, nicht weil dies sein ursprünglicher Lebensplan gewesen war, sondern weil die Umstände es verlangten. Martin Martin Frank und sein Bruder sollten diese Verpflichtung nicht erben. Der Betrieb war klein, für eine wirtschaftliche Zukunft hätte investiert und vermutlich ausgesiedelt werden müssen. Trotzdem knabberte Martin Frank lange daran, dass mit seiner Generation eine Geschichte enden würde, die über viele Generationen zur Familie gehört hatte.
Am Ende waren es ausgerechnet die beiden Brüder, die ihrem Vater sagten, dass sie so nicht weitermachen wollten.
Neben ihren eigenen Berufen rasten sie teilweise quer durch Bayern nach Hause, weil Heu eingefahren werden musste oder Regen drohte. Irgendwann war die Belastung größer als der Wunsch, etwas künstlich am Leben zu halten.
Als sein Vater schließlich sagte, sobald das Fahrsilo leer sei, sei Schluss, veränderte sich die Perspektive schlagartig. Plötzlich wollten die Söhne konservieren, was sie zuvor beenden wollten. Martin Frank brauchte eine Weile, um zu verstehen, warum. „Der Hof und die Kühe waren immer da“, sagt er. Als sich die Eltern trennten, waren sie da. Als die Großeltern starben, waren sie da. Während Corona, als seine Auftritte von einem Tag auf den anderen verschwanden, waren sie da.
Der Stall lieferte Struktur in einer Welt, die sich verändern konnte. Dann kam der Tag, an dem der Viehwagen auf den Hof fuhr. Martin Franks Bruder konnte nicht dabei sein, weil er es nicht ertragen hätte, die Tiere aus dem Stall zu bringen. Martin blieb, weil er seinen Vater nicht allein lassen wollte. Beide saßen auf der Hausbank und warteten. Anschließend führten sie Kuh für Kuh zum Wagen. Martin Frank beschreibt seinen Vater als einen Mann aus Niederbayern, einer Gegend, die er nicht gerade für hemmungslose Gefühlsausbrüche bekannt sieht.
So emotional wie an diesem Tag habe er ihn kaum erlebt. Der Betrieb endete, gleichzeitig verschwand ein Teil der Familiengeschichte. Aus dieser Erfahrung entstand später sein Buch „Die Letzte macht das Licht aus – Eine Hofgeschichte“. Darin beschäftigt sich Martin Frank nicht nur mit Verlust, sondern auch mit dem Blick von außen auf Landwirtschaft. Das Klischee vom „dummen Bauern“ bringt ihn zuverlässig auf die Palme. Einen modernen landwirtschaftlichen Betrieb könne kein dummer Mensch erfolgreich führen: Man müsse Tiere verstehen, biologische Zusammenhänge kennen, wirtschaftlich rechnen, Maschinen bedienen und beträchtliche Bürokratie bewältigen.
Ebenso stört ihn die Vorstellung, Subventionen ermöglichten Landwirten ein bequemes Leben.
Der eigene kleine Hof bekam nach seiner Darstellung einen niedrigen vierstelligen Betrag, der weitgehend für Diesel verbraucht wurde. Auch beim Thema Tierwohl argumentiert er aus praktischer Erfahrung statt mit einfachen Antworten. Natürlich gebe es Haltungsformen, in denen Kälber länger bei den Mutterkühen bleiben könnten; zugleich bedeuteten bessere Bedingungen häufig mehr Platz, mehr Arbeit, geringere Milchmengen und damit höhere Preise.
Wer mehr Tierwohl verlangt, müsse akzeptieren, dass dieses finanziert werden muss. Dass Martin Frank dabei nicht in die nächste einfache Gegenposition kippt, zeigt eine Szene im Discounter. Dort sieht er eine Frau zur günstigsten Milch greifen und spürt zunächst den Impuls, über den Preis und die Landwirtschaft zu diskutieren. Dann denkt er weiter: Was, wenn sie alleinerziehend ist, drei Kinder versorgen muss und sich die teurere Milch schlicht nicht leisten kann? Genau diese zweite Überlegung ist ihm wichtig.
Empathie bedeutet für ihn nicht, eine eigene Position aufzugeben, sondern sich dafür zu interessieren, welche Geschichte hinter dem Verhalten eines Menschen steckt. Diese Haltung zieht sich auch durch seine gesellschaftlichen Beobachtungen. Martin Frank beklagt eine Debattenkultur, in der Menschen schnell in Lager sortiert werden und das Interesse am Gegenüber verschwindet. Er erzählt von politischen Nachrichten, die ihn nach einer öffentlichen Positionierung erreichten, und davon, dass er mit einigen Absendern bewusst länger schrieb.
Nicht mit jedem Gesprächspartner war ein Austausch möglich, aber bei manchen erfuhr er erst dadurch, welche Sorgen hinter deren Haltung lagen.
Im Gegenzug erklärte er, wie politische Forderungen sein eigenes Leben mit seinem Partner berühren würden. Nicht alle änderten ihre Meinung, aber Verständnis entstand dort, wo zuvor nur Zuschreibungen waren. Martin Frank erinnert das an den Wirtshausstammtisch seiner Heimat, an dem früher Menschen unterschiedlicher politischer Überzeugungen nebeneinandersaßen und sich trotzdem miteinander unterhielten.
Seine Schlussfolgerung ist nicht, dass jede Position gleichwertig sei, sondern dass eine Gesellschaft kaum weiterkommt, wenn bereits eine abweichende Meinung genügt, um einander grundsätzlich abzuschreiben. Auch seine Comedy lebt von diesem Misstrauen gegenüber einfachen Lagern. Mit seinem Programm „Grüße aus Allegro Süd“ hat er einen Ort erfunden, den einige Menschen tatsächlich für ein Reiseziel hielten. Sogar ein Reisebüro bekam Anfragen und musste erst googeln, wo dieses Allegro Süd eigentlich liegt.
Die Antwort: ausschließlich in Martin Franks Kopf. Dort entstand es aus dem Wunsch nach einem Platz, an dem für zwei Stunden weder Krisen noch Spritpreise, Wahlkämpfe oder Dauerempörung regieren, sondern wieder unbeschwert gelacht werden darf. „Allegro“ bedeutet in der Musik schnell, lebhaft und heiter – eine ziemlich präzise Beschreibung für einen Mann, der rasend schnell sprechen kann und zugleich findet, dass das Leben ohnehin bereits mehr als genug Tempo besitzt.
Soziale Medien informieren permanent darüber, was gerade irgendwo schiefläuft. Martin Frank spricht von einer „katastrophensüchtigen Gesellschaft“, die sich so sehr im Pessimismus eingerichtet habe, dass mitunter sogar die Motivation verloren gehe, etwas zu verbessern. Sein Kabarett soll Probleme deshalb nicht leugnen. Er möchte sie zuspitzen, darüber lachen und anschließend wieder differenzieren. Lautstärke und Polarisierung erlebt er dabei zunehmend als Ersatzwährungen für Bedeutung.
Auf der Bühne spielt er bewusst damit: Er formuliert etwas maximal zugespitzt, erhält dafür Applaus und bricht die Aussage anschließend wieder auf, um zu zeigen, wie schnell ein Publikum selbst in populistische Mechanismen geraten kann. Hinter dieser Bühnenfigur steckt ein Mann, dessen eigener Berufsweg alles andere als geradlinig verlief.
Dass er einmal Standesbeamter werden würde, hätte sein fünfzehnjähriges Ich vermutlich am wenigsten geglaubt.
Eigentlich wollte er zum Radio und etwas Kreatives machen, landete durch ein Schulpraktikum aber in der Gemeindeverwaltung und wurde später nach eigener Erinnerung einer der jüngsten Standesbeamten Bayerns.
Sechs Paare traute er insgesamt, blutjung und selbst Single, während er ihnen von der großen Liebe erzählen sollte. Musikalisch versuchte er ebenfalls Umwege. Als Kind scheiterte er an der Trompete, später nahm er klassischen Gesangsunterricht und bewarb sich in München und Salzburg an Musikhochschulen.
In Salzburg kam er bis in die letzte Runde und sang eine Mozart-Arie auf Italienisch, obwohl er kein Italienisch konnte. Mitten im Vortrag vergaß er den Text und improvisierte in tiefstem Niederbayerisch weiter, in der Hoffnung, die Vokale würden als italienische Lautmalerei durchgehen. Sie taten es nicht. Die Absage traf ihn. Eine Zeit lang steckte er in einem Loch, weil er gern mit anderen Sängerinnen und Sängern studiert hätte.
Dann kam die pragmatische Erkenntnis: In seinem eigenen Kabarettprogramm kann ihm niemand das Singen verbieten. Also sang er dort weiter. Diese Mischung aus Scheitern, Beharrlichkeit und Selbstironie erklärt viel von Martin Frank. Auch Süßspeisen helfen offenbar. Er raucht nicht, trinkt kaum Alkohol, dafür betrachtet er Kaiserschmarrn, Germknödel, Apfelstrudel und Vanilleeis als durchaus kompatible Bestandteile einer gemeinsamen Mahlzeit.
Sein größeres Bedürfnis bleibt allerdings das Lachen.
Auf die Frage, was am Ende eines guten Tages passiert sein müsse, braucht er keine komplizierte Antwort: Irgendjemand müsse gelacht haben – das Publikum oder jemand aus seiner Familie. Dann habe er sein Tagesziel erreicht. Für einen Mann, dessen erster Publikumsraum nach Heu und Kühen roch und dessen Familie im vergangenen Jahr einen jahrhundertealten Abschnitt ihrer Geschichte beendet hat, ist das ein erstaunlich unsentimentaler Maßstab.
Der Hof ist heute nicht mehr derselbe, die Kühe sind fort, ein Hühnermobil hält noch ein wenig Landwirtschaft am Leben. Was geblieben ist, lässt sich ohnehin nicht auf einem Viehwagen abtransportieren: die Disziplin, die Geschichten, der niederbayerische Blick auf die Welt – und offenbar auch die Angewohnheit, selbst dann noch zu singen, wenn niemand sicher sagen kann, ob es die Milchleistung verbessert.