
Mathias Gnida | Der Mann, der Turbulenzen den Schrecken nimmt
Mathias Gnida ist Flugzeugmechaniker, Maschinenbauingenieur, Verkehrspilot und Flugangstcoach. Er erklärt Menschen, warum ein Flugzeug nach dem Start nicht plötzlich „absackt“, weshalb Turbulenzen nicht mit einem Absturz gleichzusetzen sind – und warum ausgerechnet Ablenkung bei Flugangst oft nicht die beste Idee ist.
Folge 22 | 15. März 2024
Im Gespräch mit André Puchta
Er kennt den Moment ziemlich genau, in dem viele Menschen im Flugzeug unruhig werden. Der Start ist geschafft, die Maschine steigt, die Triebwerke sind laut, der Körper wird in den Sitz gedrückt. Dann passiert etwas scheinbar Unheimliches: Das Flugzeug wird leiser, die Nase senkt sich ein wenig, und im Bauch entsteht das Gefühl, die Maschine sacke plötzlich ab. Für Mathias Gnida ist das kein Notfall. Es ist ein ganz normaler Teil des Steigfluges.

Das Flugzeug steigt weiter. Nur eben nicht mehr ganz so steil. Weil dafür weniger Schub benötigt wird, werden die Triebwerke leiser. Das menschliche Gleichgewichtsorgan hat sich zu diesem Zeitpunkt aber bereits an den ersten Steigwinkel gewöhnt. Sobald sich dieser verändert, meldet der Körper eine Bewegung, die tatsächlich gar nicht stattfindet. „Wir fallen ja gar nicht“, sagt Mathias Gnida.
Ein Satz, der für Menschen mit Flugangst erstaunlich viel verändern kann. Denn genau hier liegt für ihn der Kern seiner Arbeit: Die Angst verschwindet nicht dadurch, dass man sie für albern erklärt. Sie verliert an Macht, wenn man versteht, was gerade passiert. Mathias Gnida weiß, wovon er spricht. Luftfahrt begleitet ihn seit seiner Kindheit. Seine Eltern arbeiteten in der Branche, und auch er wollte schon früh etwas mit Flugzeugen machen. Natürlich gab es zwischendurch die üblichen kindlichen Karrierepläne – Cowboy, Feuerwehrmann, Polizist. Der Pilot tauchte allerdings immer wieder auf.
Sein Vater riet ihm zunächst zu etwas Vernünftigem.
Also wurde Mathias Gnida Flugzeugmechaniker. Noch bevor die schriftlichen Abiturprüfungen vollständig hinter ihm lagen, hatte er bereits die Zusage für seine Ausbildung. Das wirkte sich, wie er selbstironisch erzählt, nicht unbedingt leistungssteigernd auf den Schulabschluss aus. „Ein gutes Pferd springt ja nur so hoch, wie es muss.“ Bei der Ausbildung blieb es nicht.
Mathias Gnida studierte Maschinenbau mit der Fachrichtung Flugzeugsystemtechnik und vertiefte damit das, was er zuvor praktisch gelernt hatte. Konstruktion, technische Systeme, Design – aus dem Schrauben am Flugzeug wurde ein noch genaueres Verständnis davon, weshalb es überhaupt fliegt. Später erwarb er die Verkehrspilotenlizenz. Wenn Mathias Gnida heute sagt, er habe „Kerosin im Blut“, klingt das deshalb weniger nach Werbespruch als nach einer ziemlich treffenden Kurzbiografie.
Trotzdem besteht sein Arbeitsalltag heute nicht primär daraus, Menschen von A nach B zu fliegen. Seit 2010 beschäftigt er sich professionell mit Flugangst. Er leitet Seminare, schreibt Bücher und erreicht über soziale Medien ein großes Publikum. Dass ausgerechnet ein Pilot den größten Teil seiner Arbeit damit verbringt, über Angst zu sprechen, wirkt zunächst widersprüchlich. Für Mathias Gnida ist es logisch. Flugangst sei nicht angeboren.
Natürlich bringe der Mensch evolutionär bestimmte Grundängste mit, doch die konkrete Angst vor dem Fliegen werde erlernt.
Häufig beginnt sie mit einem Erlebnis, das jemand nicht einordnen kann. Ein unruhiger Flug reicht manchmal. Turbulenzen, ungewöhnliche Geräusche, ein unerwartetes Manöver. Wer keine Erklärung dafür hat, beginnt womöglich, die Lücken mit Fantasie zu füllen. Beim nächsten Flug sitzt dann nicht mehr nur der Passagier im Sitz, sondern auch die Erinnerung an den vergangenen.
„Das Kopfkino kommt dazu“, sagt Mathias Gnida. Stress könne ebenfalls eine Rolle spielen. Dabei müsse es nicht einmal negativer Stress sein. Auch ein neuer Job, eine Hochzeit oder die Geburt eines Kindes verändert das Leben und erhöht zeitweise die innere Anspannung. In solchen Phasen können Ängste entstehen oder stärker werden. Hinzu kommt das, was Mathias Gnida „selektive Wahrnehmung“ nennt. Wer morgens überzeugt ist, dass ein Tag schlecht wird, findet im Laufe des Tages genügend Beweise dafür.
Wer sich hingegen ein bestimmtes Auto kaufen möchte, sieht genau dieses Modell plötzlich überall auf der Straße. Das Gehirn sortiert. Auf Flugangst übertragen bedeutet das: Wer schon am Flughafen denkt, Gewitter, schlechte Sicht, das wird heute furchtbar, beobachtet jede Kleinigkeit als Bestätigung der eigenen Befürchtung. Mathias Gnida empfiehlt deshalb keine Schönrederei, sondern eine andere Erwartungshaltung. Mit genügend Zeit zum Flughafen kommen.
Nicht gestresst im letzten Moment ins Flugzeug rennen.
Früh einsteigen, den Platz einrichten, sich an die Umgebung gewöhnen. Und ruhig mit dem Kabinenpersonal sprechen. „Ich habe Flugangst, mir geht es gerade nicht gut“ ist für ihn ein sinnvoller Satz. Wer mag, könne zusätzlich eine Kleinigkeit wie Schokolade mitbringen. Nicht als Bestechungsversuch, sondern als freundliche Geste. Menschen reagieren nun einmal auf Menschen.
Weniger sinnvoll findet Mathias Gnida hingegen, die eigene Sicherheit davon abhängig zu machen, ob der Pilot sympathisch aussieht. Menschen mit Angst suchen nach Sicherheitssignalen. Ein älterer Pilot wirkt erfahren. Ein junger vielleicht zu jung. Einer sieht ausgeschlafen aus, der andere nicht. Genau daraus könne ein neues Problem entstehen: Sicherheit wird plötzlich an Äußerlichkeiten geknüpft, die mit der tatsächlichen Qualifikation nichts zu tun haben.
Piloten, erklärt Mathias Gnida, werden ohnehin permanent überprüft. Mit dem Erwerb der Lizenz endet die Ausbildung nicht. Medizinische Untersuchungen, regelmäßige praktische Überprüfungen und Simulatortraining begleiten ein gesamtes Berufsleben. Im Simulator werden gerade jene Situationen trainiert, die im normalen Alltag möglichst nie eintreten sollen. Notfälle, technische Probleme, ungewöhnliche Bedingungen. Mathias Gnida vergleicht es mit einem Autofahrer, der jedes Jahr medizinisch untersucht würde, regelmäßig eine neue praktische Fahrprüfung ablegen müsste und zusätzlich im Simulator sämtliche denkbaren Notfälle trainiert.
Diese Redundanz ist für ihn ein Grundprinzip der Luftfahrt.
Auch bei der Kollisionsvermeidung gibt es mehrere Ebenen. Piloten beobachten den Verkehr, technische Systeme überwachen Annäherungen, zusätzlich kontrolliert die Flugsicherung den Luftraum. „Der Gürtel zum Hosenträger“, nennt Mathias Gnida das. Die Hose soll auf gar keinen Fall rutschen. Solche Bilder benutzt er häufig. Flugangst lässt sich schließlich schwer mit noch mehr abstrakter Technik behandeln. Menschen brauchen Vergleiche.
Turbulenzen etwa beschreibt er gern wie eine Fahrt über eine holprige Straße. Das Flugzeug wird bewegt, ja. Aber daraus folgt nicht, dass es plötzlich hunderte Meter abstürzt. Mathias Gnida widerspricht ausdrücklich dramatischen Medienberichten, in denen bei Turbulenzen schnell von riesigen Höhenverlusten die Rede ist. Überhaupt sieht er Medien als einen wichtigen Verstärker von Flugangst. Ein sicher gelandetes Flugzeug ist keine Nachricht. „350 Menschen nach tollem Flug entspannt in Frankfurt gelandet“ werde man kaum als Schlagzeile lesen.
Ein Zwischenfall hingegen schafft es sofort in die Öffentlichkeit. Wer selbst wenig über Luftfahrt weiß, bekommt dadurch zwangsläufig ein verzerrtes Bild. Die große Mehrheit unspektakulärer Flüge bleibt unsichtbar, während jeder außergewöhnliche Vorfall enorme Aufmerksamkeit erhält. Das gilt auch für vermeintlich besonders turbulente Flugstrecken. Mathias Gnida bestreitet nicht, dass bestimmte Regionen aufgrund von Topografie, Wind oder Wetter häufiger unruhige Luft aufweisen können.
Berge, Küsten, Temperaturunterschiede und atmosphärische Bedingungen spielen eine Rolle.
Garantien gibt es trotzdem nicht. Blauer Himmel bedeutet nicht automatisch ruhigen Flug. Schlechte Wolken bedeuten nicht automatisch Turbulenzen. Wer morgens aus dem Fenster schaut und daraus ableiten möchte, wie angenehm der Flug in mehreren Kilometern Höhe wird, hat also nur bedingt etwas gewonnen. Für Mathias Gnida ist Wissen deshalb ein Gegengewicht zum Bauchgefühl.
Ein zweites Beispiel: Schnee und Eis. Fliegen bei winterlichen Bedingungen sei nicht grundsätzlich gefährlich. Wichtig ist vielmehr, dass die aerodynamischen Flächen frei von Eis und Schnee sind. Liegt Eis auf einer Tragfläche, verändert sich deren Profil. Also wird enteist. Das Ziel ist denkbar einfach: Das Flugzeug soll bei minus 15 Grad dieselben bekannten aerodynamischen Eigenschaften besitzen wie bei sommerlichen Temperaturen.
Auch ein Blitzschlag ist für Mathias Gnida kein Grund zur Panik. Flugzeuge seien so konstruiert, dass sie ähnlich einem Faradayschen Käfig elektrische Energie über die Außenhülle ableiten. Wer solche Zusammenhänge kennt, kann eine Situation zumindest anders bewerten. Genau darauf baut Mathias Gnida seine Arbeit mit Flugangst auf. „Unwissenheit schürt Angst“, sagt er sinngemäß.
In seinen Seminaren geht es deshalb zunächst um die Frage: Woher kommt die Angst eigentlich?
Welche Gedanken tauchen auf? Wie verläuft der persönliche Angstkreislauf? Dann wird Wissen ergänzt. Aus „Wir stürzen gleich ab“ soll bei Turbulenzen nicht künstlich ein „Alles ist wunderschön“ werden. Stattdessen braucht es eine realistischere Bewertung: Das ist Wind. Flugzeuge sind dafür ausgelegt. Das Wackeln fühlt sich unangenehm an, bedeutet aber nicht automatisch Gefahr.
Durch Wiederholung könne sich eine neue gedankliche Verbindung bilden. Mathias Gnida vergleicht das mit Vokabellernen. Der Auslöser bleibt. Die Reaktion darauf verändert sich. Genau deshalb hält er überraschend wenig von einer der beliebtesten Empfehlungen gegen Flugangst: Ablenkung. Kopfhörer auf, Hoodie ins Gesicht, Augen zu, Lieblingsplaylist starten und hoffen, möglichst wenig vom Flug mitzubekommen – für Mathias Gnida ist das keine nachhaltige Lösung. Es ist Vermeidung.
Das gleiche Problem sieht er bei Alkohol oder Medikamenten, wenn diese ausschließlich dazu dienen, die Situation nicht wahrnehmen zu müssen. Sie können womöglich helfen, einen einzelnen Flug zu überstehen. Die Angst selbst lernt dabei aber etwas vollkommen anderes: Offenbar war die Situation tatsächlich so gefährlich, dass ich mich betäuben oder abschotten musste. „Ich will nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen“ sei genau die Botschaft, die langfristig problematisch werde.
Auch Alkohol betrachtet Mathias Gnida deshalb nicht als Therapie gegen Flugangst. Der kurzfristig entspannende Effekt kann täuschen. Wer jedes Mal etwas benötigt, um in ein Flugzeug zu steigen, stabilisiert womöglich genau das Verhalten, das eigentlich überwunden werden soll. Anders bewertet er Atem- und Entspannungstechniken. Angst findet schließlich nicht nur im Kopf statt. Herzklopfen, Schweiß, Darmreaktionen, Harndrang oder Zittern sind körperliche Bestandteile derselben Reaktion.
Wer körperlich regulieren lernt, kann deshalb auch auf dieser Ebene Einfluss nehmen.
Am stärksten wirke allerdings die Konfrontation. Menschen müssen erleben, dass die gefürchtete Situation ausgehalten werden kann. Mathias Gnidas Präsenzseminare können deshalb mit einem echten Linienflug enden. Er begleitet die Teilnehmer, fliegt aber nicht selbst die Maschine. Das Gelernte soll unter realen Bedingungen ausprobiert werden. Dabei versucht er gerade nicht, ständig beruhigend daneben zu sitzen. Die Menschen sollen selbst merken, dass es funktioniert.
Nur wenn jemand in alte Muster zurückfällt und nicht mehr herauskommt, greift Mathias Gnida ein. Denn später wird er schließlich auch nicht bei jedem Urlaubsflug auf dem Nachbarsitz sitzen. Wie weit Flugangst ein Leben bestimmen kann, erlebt er regelmäßig. Menschen lehnen Jobs ab, weil sie dafür fliegen müssten. Familien verbringen ihren Urlaub ausschließlich dort, wo sie mit dem Auto hinkommen. Partner diskutieren jedes Jahr dieselbe Frage. Traumziele bleiben unerreichbar. Mathias Gnida nennt das Vermeidungsstrategien.
Nicht jede davon sei automatisch behandlungsbedürftig. Wer vollkommen zufrieden damit ist, sein Leben lang ausschließlich mit dem Auto nach Österreich zu fahren, muss nicht plötzlich nach Bali fliegen. Entscheidend ist der Leidensdruck. Wenn jemand eigentlich reisen möchte, berufliche Möglichkeiten ausschlägt, bereits Wochen vorher schlecht schläft oder seine Entscheidungen immer stärker der Angst unterordnet, sei der Punkt erreicht, an dem professionelle Hilfe sinnvoll werden könne.
Hinzu kommt für Mathias Gnida ein weiterer Aspekt: Unbehandelte Ängste können sich ausweiten. Nicht zwingend. Aber die Wahrscheinlichkeit steige, dass neben einer Angst weitere entstehen. Seine Seminare dauern deshalb nicht zwanzig Minuten und bestehen nicht aus drei Tricks. Ein Online-Gruppenseminar kann bereits rund sieben Stunden dauern, Präsenzveranstaltungen noch länger. Es geht um Angst, Technik, Gedanken, körperliche Reaktionen und praktische Strategien.
Viele Menschen melden sich trotzdem erst einen Tag vor dem Flug.
„Ich muss morgen fliegen, hast du einen Tipp?“ Mathias Gnida kennt solche Nachrichten. Natürlich könne man kurzfristig ein paar Dinge tun. Eine echte Veränderung lasse sich aber schwer über Nacht herstellen. Die wohl häufigste Frage bekommt er ohnehin ständig gestellt: Sind Turbulenzen gefährlich? Eine andere lautet: Wo ist der sicherste Platz im Flugzeug? Mathias Gnidas Antwort auf die zweite ist fast noch hilfreicher als jede Sitzplatzempfehlung.
Einen sichersten Platz gebe es nicht. Denn die Frage suggeriere, dass es im selben Flugzeug auch unsichere Plätze geben müsse. Er rät deshalb, nach Komfort auszuwählen: Fenster oder Gang, mehr Beinfreiheit oder Nähe zum Ausgang. Nicht nach einer vermeintlichen Überlebensstatistik. Überhaupt zieht sich durch seine Arbeit ein erstaunlich nüchterner Gedanke: Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass absolute Sicherheit versprochen wird. Auch in Zukunft werde es Zwischenfälle und Flugzeugabstürze geben, sagt Mathias Gnida offen.
Genauso werde es Autounfälle geben. Null Risiko existiert nicht. Die Luftfahrt werde sich trotzdem weiterentwickeln, dichter, alltäglicher und internationaler werden. Für immer mehr Menschen werde Fliegen zu etwas so Normalem wie Bahn- oder Autofahren. Mathias Gnida selbst hat außerhalb dieser Welt noch einige andere Interessen. Er spielt Gitarre, kocht und besitzt eine UEFA-B-Trainerlizenz im Fußball. Nachdem der eigene Körper dem aktiven Fußball irgendwann Grenzen gesetzt hatte, wechselte er auf die Trainerseite. Das passt erstaunlich gut.
Ob Fußball oder Flugangst: Mathias Gnida interessiert offenbar weniger, jemanden einfach durch eine Situation hindurchzutragen. Er möchte erklären, was passiert, Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen so weit bringen, dass sie es irgendwann selbst können. Beim Fliegen beginnt das manchmal schon wenige Sekunden nach dem Start. Die Triebwerke werden leiser. Die Nase verändert ihren Winkel. Der Bauch sagt: Wir fallen. Und irgendwo im Kopf kann inzwischen eine zweite Stimme antworten: Nein. Wir steigen noch.