Maya Singh | Mehr als entweder oder: Warum das Leben ein „Und“ verdient

Maya Singh schrieb Songs für bekannte Künstler, studierte in Boston und bekam ihr Diplom von David Bowie überreicht. Dann stellte eine seltene Krebserkrankung ihr Leben auf den Kopf. Statt sich auf eine Patientenrolle reduzieren zu lassen, begann sie, Medizin, Musik und Lebensfreude zusammenzubringen.

Folge 20 | 15. Januar 2024
Im Gespräch mit André Puchta

Als Maya Singh auf der Dernière einer großen Show im Berliner Friedrichstadt-Palast steht, feiern um sie herum fast 2.000 Menschen. Die Vorstellung ist vorbei, die Stimmung gut, eigentlich wäre jetzt der Moment für Erleichterung, Umarmungen und ein Glas auf die gemeinsame Arbeit. Maya Singh hält ein Wasser in der Hand und nimmt die Party nur noch wie durch Watte wahr. Kurz zuvor hat sie erfahren, dass in ihrem Körper etwas nicht stimmt. „Scheiße, sterbe ich jetzt oder was ist los?“, erinnert sie sich an ihre Gedanken.

Während um sie herum Menschen einen schönen Abend beenden, ist ihr eigener Lebensentwurf plötzlich nicht mehr sicher. Familie, Musik, Arbeit, Zukunft – alles, was wenige Tage zuvor selbstverständlich erschien, steht unter Vorbehalt. Es ist ein bemerkenswerter Bruch in der Biografie einer Frau, deren Leben bis dahin ohnehin wenig geradlinig verlaufen war. Maya Singh ist Musikerin, Komponistin, Songwriterin und Produzentin.

Ihre Lieder wurden unter anderem von Sarah Connor, Christina Stürmer, Gitte Haenning, Giovanni Zarrella und anderen Künstlern veröffentlicht. Bevor sie für andere schrieb, probierte sie sich selbst als Sängerin aus. Noch früher spielte sie den siebten Zwerg von Schneewittchen, jobbte auf einem Friedhof, fuhr mit 15 Jahren allein per Interrail durch Europa und studierte später am Berklee College of Music in Boston.

Der Tod war ihr also schon lange vor der Diagnose begegnet.

Nur eben zunächst als Ferienjob. Maya Singh brauchte als Jugendliche Geld für neue Gitarren-Pickups und fragte kurzerhand beim Friedhof an, ob sie dort arbeiten könne. Sie bekam den Job und stellte schnell fest, dass schlechtes Herbstwetter und ein Friedhof keine ideale Kombination für ein nervöses Gemüt sind. Sie hörte während der Arbeit Musik und bekam trotzdem „Gruselanfälle“.

Es ist eine jener Geschichten, die bei ihr beiläufig fallen und erklären, wie selbstverständlich sie schon früh Dinge ausprobierte, an denen andere vermutlich länger überlegt hätten. Musik spielte von Anfang an die größere Rolle. Maya Singh wuchs in Oberbayern auf, als Tochter eines indischen Vaters und einer Berliner Mutter. In der Familie selbst sei eigentlich niemand musikalisch gewesen, erzählt sie.

Trotzdem saß sie als Kind auf dem Spielplatz in einem kleinen Holzhäuschen und sang Nachbarskindern Nina-Hagen-Songs vor. Die damaligen Zuhörer seien ihr bis heute Freunde geblieben – ein erstaunliches Zeugnis ihrer Geduld, scherzt Maya Singh. Mit acht begann sie, eigene Lieder zu schreiben. Zunächst auf der Blockflöte, später auf der Gitarre. Klavier hätte sie lieber gelernt, doch ihre Eltern fanden das Instrument zu groß für die Wohnung. Also wurde es eben die Gitarre.

Mit zehn wollte sie unbedingt das blaue Beatles-Album haben.

Ihre Tante versuchte noch, ihr zeitgemäßere Musik schmackhaft zu machen. Maya Singh bestand auf den Beatles und hörte die Platte anschließend zwei Jahre lang. Ihre erste Band hieß später „The Desmonds“, abgeleitet von der Textzeile „Desmond has a barrow in the marketplace“ aus „Ob-La-Di, Ob-La-Da“. Dass sie irgendwann professionell Musik machen würde, überrascht rückblickend kaum.

Trotzdem sammelte sie vorher reichlich Stoff für eine Biografie, die auch ohne Plattenvertrag funktioniert hätte.
Da war zum Beispiel ihre Tätigkeit für Disney. Eine Freundin war angesprochen worden, weil sie klein genug für bestimmte Figurenkostüme war. Die Freundin hatte keine Zeit und empfahl Maya Singh. Mit 1,55 Meter Körpergröße eignete sie sich hervorragend für den Job. Maya Singh wurde der siebte Zwerg von Schneewittchen.

Das hatte praktische Vorteile. Während sich die Darsteller der anderen Zwerge mühsam in ihre voluminösen Kostüme zwängen mussten, konnte sie ihres einfach überwerfen. Noch wichtiger: Wenn Veranstalter nur ein kleines Budget hatten, wurden bevorzugt Schneewittchen und der siebte Zwerg gebucht. Die beiden galten als besonders eng verbunden, die übrigen sechs konnten zu Hause bleiben.

„Deswegen war dieser siebte Zwerg in meinem Leben sehr, sehr wichtig“, sagt Maya Singh.

Später steckte sie auch in den Kostümen von Bernhard und Bianca. Bei einem Auftritt sang Rex Gildo vorne auf der Bühne „Fiesta Mexicana“, während Maya Singh und eine Kollegin in riesigen Mäusekostümen dahinter tanzten. Die eingeschränkte Sicht hätte beinahe dazu geführt, dass eine der beiden von der Bühne fiel.

Parallel sparte Maya Singh für ein Ziel, das sie bereits mit 16 fest im Kopf hatte: das Berklee College of Music in Boston. Sie jobbte, legte Geld zurück, erhielt ein Stipendium und verkürzte das Studium später drastisch, indem sie Prüfungen ablegte, ohne sämtliche dazugehörigen Kurse zu besuchen. Einen auf acht Semester ausgelegten Studiengang absolvierte sie nach eigener Darstellung in vier.

Bei der Abschlussfeier stand dann David Bowie vor ihr. Er überreichte ihr das Diplom und sagte: „Well done, Maya.“
Für Maya Singh hatte diese Begegnung eine besondere Bedeutung. Sie war selbst großer Bowie-Fan gewesen, hatte ihn als Jugendliche live gesehen und war bei einem Konzert sogar ohnmächtig geworden. Ein amerikanischer Soldat namens Eddie habe sie damals wieder zu sich gebracht.

Ausgerechnet Bowie Jahre später bei ihrem Studienabschluss gegenüberzustehen, gehört zu jenen unwahrscheinlichen Kreisen, die ihre Geschichte immer wieder zieht.

Nach dem Studium unterschrieb Maya Singh einen Vertrag bei Virgin. Ihre erste Maxi-CD hieß „Prinzessin“. Eigentlich hatte sie den Song für jemand anderen geschrieben. Der Chef des Labels interessierte sich jedoch zunehmend dafür, wer auf dem Demo sang – und am Ende wurde aus der Songwriterin selbst eine Künstlerin.

Glücklich machte sie diese Rolle nicht. Maya Singh merkte nach kurzer Zeit, dass ihr die permanente Präsenz als Interpretin nicht lag. Deutschsprachige Popmusik jenseits des Schlagers war damals zudem schwerer zu positionieren. Sie ging zum Plattenfirmenchef und erklärte, sie wolle nicht mehr Künstlerin sein. Lieber wollte sie für andere arbeiten. Genau dort fand sie ihre Nische. Sie schrieb Songs für unterschiedlichste Künstler und Projekte, von Pop über Schlager bis zu Kindermusik und Film.

Mit Gitte Haenning ist sie bis heute in Kontakt. Für Produktionen mit Kindern müsse man anders arbeiten als für Erwachsene, erzählt sie. Bei einem Projekt könne die Vorgabe beispielsweise lauten: Blumenwiese und Nachhaltigkeit müssen inhaltlich vorkommen, gleichzeitig soll der Song tanzbar sein. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Anspruch, Zielgruppe und musikalische Idee so zusammenzubringen, dass es am Ende nicht nach pädagogischer Pflichtübung klingt.

Auch Helene Fischer tauchte einmal in Maya Singhs Studioleben auf. Ihr Mann arbeitete an einem neuen Arrangement von „Atemlos“, und nachts um zwei sollte Maya Singh schnell ein Demo einsingen. Das Problem: Ausgerechnet sie gehörte offenbar zu den wenigen Menschen in Deutschland, die den Text nicht auswendig konnten. Sie musste ihn erst ausdrucken. Die Karriere lief, die Familie war da, die Musik sowieso. Dann kam 2018.

Was zunächst als Zufallsbefund begann, entwickelte sich zur medizinischen Odyssee.

Maya Singh hat eine sehr seltene Genfusion, die bei ihr einen Tumor ausgelöst hatte. Zunächst wurde sie nach einer Fehldiagnose operiert. Erst während der Operation sei erkannt worden, dass tatsächlich ein Tumor vorlag. „Die falschen Leute, die falsche OP, alles falsch“, fasst sie diese Phase zusammen.

Ihr Mann begann daraufhin, weltweit nach Spezialisten zu suchen. E-Mails gingen bis nach Boston, wieder zurück an jenen Ort, an dem Maya Singh Jahre zuvor studiert hatte. Schließlich landete sie an der Berliner Charité bei Fachleuten, die ihre Erkrankung genauer einordnen konnten. Doch auch dort war der Weg nicht sofort klar. Eine Chemotherapie und Bestrahlung standen bereits im Raum. Einen Tag vor dem geplanten Beginn änderte sich alles erneut.

Ein Professor wies auf eine Studie hin, für die genau eine Patientin mit Maya Singhs seltener Genfusion gesucht wurde. Das neue Medikament zielte auf den molekularen Fehler ihrer Erkrankung. Maya Singh wurde Studienpatientin Nummer eins. Inzwischen hatten sich bereits Metastasen in der Lunge gebildet. Ärzte sprachen mit ihr zeitweise über palliative Situationen. Maya Singh reagierte auf ihre eigene Weise. Bei den MRT-Kontrollen erklärte sie den Medizinern wiederholt: „Mein MRT wird schwarz sein.“

Schwarz bedeutete in ihrer Vorstellung: keine hell sichtbaren Metastasen mehr. Die Ärzte bremsten ihren Optimismus. Es wäre doch bereits großartig, wenn die Erkrankung stabil bliebe und sie eine gute Lebensqualität habe. Maya Singh blieb bei ihrer Version: „Ich werde gesund.“ Zunächst wurden die Metastasen kleiner. Rund ein Jahr später war auf den Aufnahmen kein Krebs mehr sichtbar. „Wir lagen uns in den Armen“, erzählt sie. „Ich habe recht gehabt.“

Sie weiß selbst, dass Optimismus kein Medikament ersetzt.

Ihre Geschichte erzählt sie deshalb nicht als Beweis dafür, dass positives Denken Krebs heilen könne. Im Gegenteil: Ein zentraler Punkt ihrer heutigen Arbeit besteht darin, medizinische Expertise ernst zu nehmen, Zweitmeinungen einzuholen und bei seltenen Erkrankungen Spezialisten zu suchen. Maya Singh nimmt das Studienmedikament weiterhin morgens und abends.

Die genetische Veränderung ist Teil ihres Lebens geblieben. Genau deshalb ist ihr ein kleines Wort so wichtig: „und“. „Ich lebe mit meiner Diagnose und bin glücklich“, sagt sie. Nicht: Ich lebe mit meiner Diagnose, aber ich bin glücklich.
Für Maya Singh verändert dieses „und“ den gesamten Gedanken. Die Krankheit soll weder verleugnet noch zur alleinigen Identität werden. Regelmäßige Untersuchungen, ihre „Professorensammlung“, wie sie die behandelnden Fachleute scherzhaft nennt, und die Medikamente gehören heute zu ihrem Alltag.

Genauso gehören Familie, Musik, Freunde und Zukunft dazu. Aus dieser Haltung entstand ihr Projekt „Celebration“. Der Name verbindet für Maya Singh Education, Entertainment und Empowerment. Am Anfang wollte sie mit ihrer Erkrankung öffentlich überhaupt nichts anfangen. Sie wollte ihre Tabletten nehmen und möglichst normal weiterleben. Einer ihrer Professoren riet ihr sogar ausdrücklich davon ab, „noch so ein depressives Buch“ über Krebs zu schreiben, und schlug stattdessen etwas Unterhaltsameres vor.

Maya Singh fand den Rat zunächst „dämlich“. Beim Fasten kam später die Idee. Warum wissenschaftliche Informationen über Krebs nicht so vermitteln, wie sie selbst Musik vermittelt: verständlich, persönlich und mit einer gewissen Leichtigkeit? „Zelebriere dein Leben“ bedeutet dabei ausdrücklich nicht, dass Krebskranke gefälligst fröhlich sein sollen. Für einen gesunden Menschen könne Lebensfreude ein Glas Wein oder eine Party bedeuten.

Für jemanden kurz nach einer Diagnose vielleicht etwas völlig anderes: die eigene Situation verstehen, Informationen sammeln, psychologische Hilfe finden, Behandlungsmöglichkeiten prüfen. Maya Singh führt dafür Gespräche mit Ärzten, Wissenschaftlern, Musikern und anderen Betroffenen. Mit Gregor Meyle sprach sie etwa über die Angehörigenperspektive, weil dessen Mutter an Brustkrebs gestorben war.

Sie möchte auch vermitteln, welche Sätze Erkrankten helfen – und welche weniger.

„Du schaffst das schon, du bist so stark“ gehört für sie nicht automatisch in die hilfreiche Kategorie. Manchmal brauche ein kranker Mensch etwas anderes: „Komm, erzähl mal. Lehn dich mal an. Du darfst schwach sein. Ich bin hier.“ Diesen Unterschied kennt Maya Singh selbst. Sie rät Betroffenen, früh psychoonkologische Unterstützung zu suchen.

Auch dabei müsse man aber den Mut haben weiterzusuchen, wenn die Chemie mit einem Therapeuten nicht stimmt. Von ihrem ersten Psychoonkologen sei sie weinend weggegangen. Später fand sie eine Psychologin, die ihr enorm half. Dasselbe Prinzip gilt für Ärzte. Eine Zweitmeinung einzuholen sei keine Beleidigung des ersten Mediziners, sondern im Zweifel eine lebenswichtige Entscheidung. Gerade ältere Menschen erlebe sie manchmal als zu zurückhaltend.

Manche trauten sich nicht nachzufragen, andere seien vom medizinischen Fachvokabular überfordert.
„Es kann nicht sein, dass jemand anderes die Verantwortung über dein Leben bekommt“, sagt Maya Singh. Selbstverantwortung bedeutet bei ihr allerdings nicht, alles allein schaffen zu müssen. Im Gegenteil: Ihr eigenes Überleben verbindet sie ausdrücklich mit einem Team – mit ihrem Mann, Ärzten, Professoren, Freunden und psychologischer Unterstützung.

Maya Singh kämpft nicht nur. Sie recherchiert, fragt nach, akzeptiert Hilfe, produziert Videos, komponiert weiterhin Musik und erlaubt sich, gleichzeitig Patientin und glücklicher Mensch zu sein. Früher musste sie sich einmal kleiner machen, damit sie in das Kostüm des siebten Zwergs passte. Heute weigert sie sich, ihr Leben auf eine Diagnose zurechtzustutzen.

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