
Minino Ack | Drei von fünf Sternen für die Erde
Minino Ack reist ungefähr zwölf Lichtjahre bis zur Erde. Die eigentliche Strecke verläuft angenehm: bequeme Sitze, gutes Essen, kostenloses WLAN. Probleme bekommt der intergalaktische Besucher erst kurz vor dem Ziel. Sein Navigationssystem verwechselt Frankfurt am Main mit Frankfurt an der Oder, anschließend versucht er, mit der Deutschen Bahn nach Berlin zu gelangen.
Folge 147 | 1. November 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Danach steht für ihn fest, dass die Menschheit ihre Raumfahrtambitionen noch einmal überdenken sollte: „Ihr solltet die Raumfahrt erst weiterentwickeln, wenn ihr das mit den Regionalzügen verstanden habt.“ Mino, wie er sich der Einfachheit halber nennen lässt, stammt vom Planeten Miminon im Sternensystem Nini-7, ist 412 Erdenjahre alt und arbeitet als intergalaktischer Beobachter für menschliche Verhaltensauffälligkeiten.

Sein vollständiger Name besteht aus 47 Silben, drei Pfeifgeräuschen und einem kurzen Stromausfall, der Nachname Ack bedeutet übersetzt ungefähr „Der, der versehentlich den falschen Knopf gedrückt hat“. Der Ursprung dieser Familienbezeichnung sei ein Zwischenfall während seiner Ausbildung; seitdem gebe es auf seinem Heimatplaneten einen Mond weniger. Darüber rede die Familie nicht gern. Auch Mino selbst wirkt nicht wie jemand, der einen fremden Planeten mit martialischer Überlegenheit besucht.
Er ist schüchtern, sogar ausgesprochen schüchtern. Als Jugendlicher habe er 18 Erdenjahre gebraucht, um ein anderes Wesen nach der Uhrzeit zu fragen. Nüchtern sei er dagegen selten, weil die Atmosphäre auf Miminon einen Zustand erzeuge, den Menschen als leicht beschwipst bezeichnen würden. Wenn dort jemand vollständig nüchtern werde, schicke man ihn vorsichtshalber zum Arzt. Auffälligstes äußeres Merkmal ist eine lange Locke auf dem Kopf, die zugleich als Kommunikationsantenne funktioniert.
Auf der Erde empfängt sie allerdings eher mäßig relevante Signale.
Drei Stunden Wetterbericht aus Bielefeld gehörten bereits dazu, gelegentlich komme Schlager Radio Paradies durch. Wer 412 Jahre alt ist, darf über solche Empfangsprobleme vermutlich gelassener hinwegsehen. Sein Großvater hatte die Erde schon besucht und sie als „wunderschön, aber schlecht organisiert“ beschrieben. In intergalaktischen Reisebroschüren werde unser Planet unter „Abenteuerurlaub mit erhöhtem Konfliktpotenzial“ geführt.
Kriege, Autobahnen und Menschen, die ungefragt Urlaubsfotos zeigen, gelten als besondere Risiken. Mino reist trotzdem an, weil ihn gerade jene Spezies interessiert, die technisch erstaunlich viel beherrscht und gleichzeitig an erstaunlich einfachen Dingen scheitert. Seine erste größere Irritation gilt den kleinen leuchtenden Rechtecken, auf die Menschen morgens, beim Essen, auf der Toilette und sogar beim Überqueren von Straßen starren.
Dass man anderen Menschen dabei zusieht, wie sie essen, schlafen oder Wohnungen aufräumen, hält er für erklärungsbedürftig. Auf Miminon schlafe man, wenn man schlafen wolle, einfach selbst. Noch kurioser erscheint ihm, dass Erdbewohner ständig über Zeitmangel klagen und gleichzeitig stundenlang durch soziale Netzwerke scrollen. Auch die Beziehung zu Haustieren beschäftigt sein Institut.
Offiziell besitzen Menschen Hunde und Katzen.
Nach Minos Beobachtung spricht einiges für die gegenteilige Machtverteilung. Wer morgens um sechs aufsteht, weil ein kleines Fellwesen Frühstück verlangt, dem Hund Winterkleidung kauft und schließlich selbst auf die Couch ausweicht, während die Katze das Bett übernimmt, sollte die Besitzverhältnisse vielleicht neu bewerten. Katzen hätten die Menschheit „offenbar längst unterworfen, ohne dass es jemand bemerkt hat“.
Auf Miminon werde diese Entwicklung aufmerksam untersucht. Gedankenlesen beherrscht seine Spezies zwar ebenfalls, nutzt die Fähigkeit nach eigener Aussage aber nur mit Zustimmung. Ein versehentlicher Versuch im Supermarkt habe gereicht: Innerhalb weniger Minuten dachte ein Mensch über seine Ehe nach, ein anderer über Tiefkühlpizza, eine Frau über einen verschwundenen Haustürschlüssel. Danach musste Mino sich hinlegen. „Eure Gedanken sind deutlich anstrengender als eure Gespräche.“
Auch Fitnessstudios geben ihm Rätsel auf. Menschen heben schwere Dinge hoch, stellen sie wieder ab, bezahlen dafür und sind anschließend erschöpft. Mino hat trotzdem eine Mitgliedschaft abgeschlossen. Bislang geht er allerdings nur in die Sauna. Beruflich sollte er an absurdes Verhalten gewöhnt sein. Sein Vorgesetzter verfügt über sieben Gehirne und benutze „keines davon regelmäßig“.
Jede Woche findet eine Konferenz statt, in der besprochen wird, warum die vorherige Konferenz zu lange gedauert hat.
Als Mino vorschlägt, Meetings abzuschaffen, wird eine zwölfköpfige Arbeitsgruppe gegründet, die seit 63 Jahren über den Vorschlag berät. Intergalaktische Verwaltung unterscheidet sich offenbar weniger von irdischer Bürokratie, als man hoffen könnte. Auch Beziehungen sind auf Miminon keineswegs konfliktfrei. Wenn sich Bewohner verlieben, verändert sich ihre Hautfarbe, was erste Dates schwerer macht, weil Desinteresse kaum glaubwürdig gespielt werden kann.
Hochzeiten dauern drei Tage; am zweiten Tag beleidigt traditionell die Verwandtschaft des einen Partners die andere Seite, angeblich als Vorbereitung auf das spätere Zusammenleben. Mino selbst ist seit 87 Erdenjahren mit Luma zusammen. Kennengelernt haben sie sich bei einer Verkehrskontrolle. Sie stoppte sein Raumschiff wegen überhöhter Lichtgeschwindigkeit und gab ihm statt eines Bußgeldbescheids ihre private Frequenz. Wegen ihrer Berufe führen beide häufig eine Beziehung über verschiedene Sternensysteme hinweg.
Vorteil: kaum Streit über herumliegende Socken. Nachteil: Auf eine Nachricht kann die Antwort sechs Monate später eintreffen. Kulinarisch sammelt Mino auf der Erde ebenfalls Erfahrungen. Auf Miminon ernährt man sich von mineralischen Nebelschwaden und fermentiertem Sternenstaub. Seine erste Currywurst hält er zunächst für ein medizinisches Präparat, bestellt nach der Aufklärung aber drei Portionen. Das Verdauungssystem reagiert darauf mit zwei Tagen „Alarmstufe Rot“ im Raumschiff.
Die grüne Soße findet er sympathisch, weil sie ihn farblich an seine Tante erinnert.
Deutsches Fernsehen beobachtet er mit ähnlicher Neugier. Ein Format wie das Dschungelcamp habe es auf Miminon vor zweihundert Jahren ebenfalls gegeben, allerdings mit Politikern, die ohne Berater Entscheidungen treffen und ihre Lebensmittel selbst organisieren mussten. Nach drei Folgen wurde die Sendung eingestellt, weil niemand wusste, wie man eine Konservendose öffnet. Die Erde sei als Unterhaltungsprogramm ohnehin kaum zu schlagen.
Niemand auf seinem Planeten würde ein Drehbuch mit unseren Nachrichten einreichen, weil es als unrealistisch abgelehnt würde. Auch künstliche Intelligenz ist für ihn kein futuristisches Thema. Miminon habe sie vor Jahrtausenden entwickelt. Anfangs erledigten Maschinen die Arbeit, später beschwerten sie sich über ihre Besitzer; schließlich forderte ein Kühlschrank ein eigenes Büro und ein Staubsauger wollte Betriebsratsvorsitzender werden. Seither übernehmen die Bewohner wieder einige Aufgaben selbst.
Minos Fazit klingt trotz aller Satire vernünftig: KI könne sinnvoll sein, „aber sie sollte nicht das Denken ersetzen. Besonders nicht bei Wesen, die das Denken ohnehin schon weitgehend eingestellt haben.“ Seine härteste Diagnose über die Erde richtet sich allerdings nicht gegen Technik, Medien oder Bürokratie, sondern gegen unseren Umgang mit dem Planeten. Auf die Frage, was er Politikern in einem Satz erklären würde, antwortet er:
„Ihr behandelt euren einzigen bewohnbaren Planeten wie ein Hotelzimmer, das ihr morgen sowieso verlassen wollt.“
Ein zweiter Satz folgt doch noch: Menschen redeten erstaunlich viel darüber, wer schuld sei, und erstaunlich wenig darüber, wie Probleme gemeinsam gelöst werden könnten. Bei der intergalaktischen Vergleichsstudie landet die Menschheit deshalb auf Platz 438 von 440 intelligenten Zivilisationen. Technisch seien wir begabt, könnten Raumsonden bauen, Krankheiten behandeln und Kunst schaffen, stritten aber gleichzeitig darüber, wer im Supermarkt zuerst an die Kasse dürfe. Immerhin gibt es noch zwei schlechter platzierte Zivilisationen.
Eine davon leugnet seit 800 Jahren die Existenz ihres eigenen Mondes. „Ihr habt also durchaus noch Luft nach unten.“ Die Erde bekommt von Mino dennoch drei von fünf Sternen. Landschaft, Meere, Wälder, Berge, Essen und Kultur gefallen ihm, Verkehr, Bürokratie und der Zwang, für praktisch alles ein Passwort zu benötigen, kosten Punkte. Einen Zusatzstern verdient die menschliche Hilfsbereitschaft: Als sein Raumschiff einmal liegenbleibt, helfen zwei Fremde, obwohl sie nicht einmal wissen, was sie da reparieren.
Das beeindruckt ihn mehr als vieles andere. Ebenso die Musik. Miminoner können Gedanken übertragen, Musik aber nicht so unmittelbar empfinden wie Menschen. Beim ersten großen Orchester habe Mino etwas verstanden, ohne dass ihm jemand etwas erklären musste. Und noch eine Fähigkeit beneidet er: Menschen können über sich selbst lachen. Auf anderen Planeten könne ein einfacher Witz bereits diplomatische Krisen auslösen.
Mino selbst beherrscht diese Kunst ziemlich gut. Sogar beim Toilettengang, über den er nur widerwillig Auskunft gibt.
Seine Spezies scheidet viele Stoffe über die Haut aus und reinigt sich in Energiefeldern. Ein Onkel habe dabei telefoniert und sei anschließend drei Wochen durchsichtig gewesen. Die Menschen dagegen hätten „für vergleichsweise einfache biologische Vorgänge erstaunlich viel Keramik verbaut“.
So absurd seine Beobachtungen klingen, am Ende landet Mino bei einem ziemlich menschlichen Wunsch. Er möchte als jemand in Erinnerung bleiben, der neugierig geblieben ist. Auf seinen Reisen habe er gelernt, dass Wesen oft zunächst Angst vor dem haben, was sie nicht verstehen. Erst im Gespräch entdecke man Gemeinsamkeiten. Das Universum sei „viel zu groß, um immer nur unter seinesgleichen zu bleiben“.
Kurz darauf verabschiedet er sich mit einem mehrfachen „Mininini-Ack-Ack“, das angeblich zugleich „Vielen Dank“ und „Wo ist mein Parkticket?“ heißen kann. Sein Raumschiff soll Berlin am selben Abend verlassen haben. Der Start verzögert sich um 47 Minuten.
Auf dem Bordcomputer erscheint nur die Meldung: „Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Zwölf Lichtjahre Anreise, 412 Erdenjahre Lebenserfahrung und ein intergalaktischer Beobachterauftrag reichen offenbar nicht aus, um der Erde zu entkommen, ohne vorher noch eine kleine Verspätung mitzunehmen.