Nevio Passaro | Deutsche Ordnung, italienisches Chaos

Sahne in der Carbonara? Für Nevio Passaro geht das entschieden zu weit. Ananas auf Pizza ließe sich im äußersten Notfall noch als vollkommen anderes Gericht abheften, aber Sahne in Carbonara sei beinahe „Identitätsdiebstahl“. Wer zwischen Deutschland und Italien aufgewachsen ist, darf solche Fragen offenbar mit der nötigen kulturellen Autorität beantworten.

Folge 132 | 18. September 2026
Im Gespräch mit André Puchta

Nevio Passaro ist Sohn eines italienischen Vaters und einer deutschen Mutter, in Mittelfranken groß geworden, in beiden Ländern zu Hause und sprachlich ohnehin schwer in eine Schublade zu bekommen. Deutsch, Italienisch, Englisch und Französisch spricht er, dazu kommen Fränkisch und süditalienischer Dialekt. Der Vater war Italienischlehrer, die Mutter Musiklehrerin – Sprache und Musik wurden ihm also nicht nur metaphorisch in die Wiege gelegt.

Er studierte fünf Jahre in Italien moderne Fremdsprachen für Dolmetscher und Übersetzer, schloss als Simultandolmetscher ab und entschied sich anschließend dennoch für den Beruf, der längst auf ihn gewartet hatte: Musiker. Mehr als 25 Jahre später wirkt Nevio Passaro nicht wie jemand, der bedauert, seine akademische Ausbildung nie zum Hauptberuf gemacht zu haben. Im Gegenteil. Er übersetzt bis heute, nur anders: Gefühle in Songs, italienische Lebensart in deutschen Pop, Familienalltag in Musik und inzwischen auch das eigene Vatersein in eine Stilrichtung, die vor ihm noch kein Musiklexikon kannte.

„Papa Pop“ nennt er sie. Das klingt zunächst nach einem musikalischen Elternabend mit leicht erhöhtem Prosecco-Pegel, Nevio Passaro aber meint es ernst. Nicht bierernst, dafür ist der Begriff zu verspielt, aber ernst genug, um daraus ein ganzes Album entstehen zu lassen. Er mag Alliterationen und er mag keine Schubladen. Wenn die Musikindustrie dennoch unbedingt eine brauche, habe er sich eben selbst eine gebaut. Nach einem Vierteljahrhundert Italian Pop ist Papa Pop die Kategorie, in der er sich ausnahmsweise gern einsortieren lässt.

Popmusik aus dem Blick eines Mannes, der nicht mehr nur Sänger, Songwriter und Produzent ist, sondern Vater zweier Kinder und der erlebt, wie sehr sich dadurch die Perspektive auf Zeit, Liebe, Abschied und das eigene Leben verändert. Ideen dafür sammelt er obsessiv. Früher beschriftete Nevio Passaro Zettel, Papierstücke und irgendwann sogar Umzugskartons, weil er Angst hatte, einen Gedanken zu verlieren. Seine Partnerin Verena fand diese analoge Zettelwirtschaft offenbar irgendwann weniger romantisch. Heute übernimmt das iPhone.

Rund 2.800 Notizen hätten sich dort angesammelt, allein die Materialsammlung für das Familienalbum umfasse etwa 200 Seiten.

Darin steht Wichtiges neben Banalem, Beobachtung neben Satzfragment, Familienmoment neben Songidee. Nevio Passaro braucht dieses Archiv, weil seine Musik autobiografisch ist. Er schreibt nicht über eine abstrakte Vorstellung von Familie, sondern aus dem Leben heraus, das morgens, nachmittags und nachts tatsächlich um ihn herum stattfindet.

Ein Teil dieser Arbeit entsteht in Süditalien, im Haus der Familie mit Blick auf einen Olivenhain und das Tyrrhenische Meer. Seit mehr als zehn Jahren lädt er Songwriterinnen und Songwriter dorthin ein, teilweise bis zu zehn Menschen gleichzeitig. Eine Woche lang wird geschrieben, gesprochen, gegessen, gearbeitet, mitunter auch Limoncello getrunken. Nevio Passaro behauptet nicht, dass am Meer automatisch bessere Songs entstehen. Aber andere.

Menschen wachen dort anders auf, bewegen sich anders durch den Tag, betrachten Gewohntes aus größerer Entfernung. Für jemanden, der zwischen Ländern, Sprachen und Mentalitäten lebt, scheint dieser Ortswechsel fast folgerichtig. Nach 17 Jahren in Berlin ist Nevio Passaro mit seiner Familie zurück nach Bayern gezogen, braucht die Hauptstadt aber weiterhin regelmäßig. Italien wiederum ist für seine Kinder längst kein Urlaubsort mehr.

„Lass mal nach Hause nach Italien fahren“, sagen sie. Diesen Heimatbegriff im Plural empfindet ihr Vater als Privileg. Zwei Herzen trage er in der Brust, ein deutsches und ein italienisches; sein Kardiologe, scherzt Nevio Passaro, habe dagegen keine Einwände. Manchmal helfe sogar noch das fränkische Herz aus. Die Kulturen sind für ihn keine konkurrierenden Identitäten. Er möchte deutsche Ordnung und liebt italienisches Chaos, nimmt aus beiden Welten, was zu ihm passt, und wechselt spielerisch die Perspektive.

Sogar beim Fluchen sei Italienisch körperlicher: mehr Gestik, mehr Mimik, mehr Melodie.

Deutsch dagegen eigne sich hervorragend für präzise elterliche Ansagen. Aus dieser Mischung entsteht auch „Ciao Ragazzi“, ein Song, für den Nevio Passaro traditionelle süditalienische Tarantella, deutsche Texte und moderne Popproduktion zusammenführt. Bürger Lars Dietrich, Knossi und weitere Gäste machen mit. Nevio Passaro liebt solche Konstellationen gerade deshalb, weil sie auf dem Papier zunächst leicht eskalationsgefährdet wirken.

Tarantella fasziniert ihn als generationenübergreifende Musik: Vor einer Bühne in Süditalien tanzen Kinder, Eltern und Großeltern. Genau das möchte er mit seinem Familienprojekt ebenfalls erreichen. Er widerspricht der Vorstellung, Musik müsse sauber zwischen Kindern und Erwachsenen getrennt werden. Für ihn gibt es Emotion, Rhythmus und Geschichten – und die können mehrere Generationen gleichzeitig erreichen.

Hinter den spielerischen Titeln steckt deshalb deutlich mehr als Gelato, Mozzarella und italienische Lebensfreude. „Ciao Ragazzi“ erzählt auch vom Abschied. Nevio Passaro denkt an den Tag, an dem seine Kinder ausziehen werden. Als Vater möchte er sie am liebsten festhalten und ihnen gleichzeitig genau das Gegenteil ermöglichen: Freiheit, Erfahrungen, ein eigenes Leben. Ihnen Flügel geben, obwohl das Herz in dem Moment lieber die Tür abschließen würde. Genau dieser Widerspruch interessiert ihn.

Elternschaft hat seine Musik emotional nicht vorsichtiger, sondern offener gemacht.

Kitsch ist für ihn in der Liebe zu seinen Kindern ohnehin keine sinnvolle Kategorie. Wenn er sie liebt, sagt er es. Warum sollte er das stärkste Gefühl seines Lebens sprachlich zurückhalten, nur weil jemand es pathetisch finden könnte? Dass Nevio Passaro zugleich einen ausgeprägten Sinn für die vergängliche Seite seines Berufs besitzt, hängt auch mit seiner Karriere zusammen. Aufmerksamkeit kommt in Wellen.

Ein Fernsehauftritt sorgt dafür, dass ihn auf der Straße wieder mehr Menschen erkennen; ein Jahr konzentrierter Studioarbeit kann öffentlich dagegen wie Abwesenheit aussehen, obwohl gerade in dieser Zeit die eigentliche Musik entsteht. Jedes neue Album werde irgendwann als Comeback bezeichnet, ganz gleich, wie lange das vorherige zurückliege. Nevio Passaro nimmt das gelassen. Ruhm, roter Teppich und Autogramme gehören für ihn zum Beruf wie andere Dinge, die erledigt werden müssen. Er vergleicht Teile davon sogar mit der Steuererklärung. Entscheidend bleibt der Moment, in dem ein neuer Song den eigenen Körper verlässt und bei einem anderen Menschen etwas auslöst.

Dass dieser Satz nicht nur nach Künstlerromantik klingt, zeigt eines seiner jüngsten Projekte. Aus einer spontanen Idee entstand in seiner Heimatregion ein kostenloses Schulhofkonzert. Innerhalb von fünf Wochen telefonierte Nevio Passaro nach eigener Erinnerung nahezu ununterbrochen, aktivierte sein Netzwerk, gewann Partner und Dutzende ehrenamtliche Helfer. Daraus wurde ein vollwertiges Konzert für die ganze Familie, später mit mehr als 3.000 Besucherinnen und Besuchern.

Die wichtigste Reaktion kam trotzdem nicht von einem Sponsor oder aus den Medien.

Nach dem ersten Konzert trat ein Mädchen aus der dritten Klasse zu ihm und bedankte sich. Es sei das erste Konzert ihres Lebens gewesen. Nevio Passaro begriff in diesem Moment, was dieses Projekt neben Musik noch bedeutete: kostenlosen Zugang zu Kultur für Kinder, deren Familien sich Konzertkarten nicht selbstverständlich leisten können.

Ein Jahr später traf er das Mädchen wieder. Inspiriert von diesem Erlebnis hatte sie sich mithilfe von YouTube-Tutorials Gitarre und Gesang beigebracht und einen eigenen Song geschrieben. Sie spielte ihn Nevio Passaro vor. Für ihn reicht diese eine Geschichte bereits als Begründung, die Schulhofkonzerte fortzuführen und größer zu denken. Sein Publikum zu Hause ist ähnlich ehrlich. Spielt er seinen Kindern einen neuen Song vor, müssen sie keine höfliche Kritik formulieren. Wenn es ihnen nicht gefällt, verlassen sie einfach das Zimmer.

Ein effizienteres Marktforschungsinstrument dürfte selbst ein großer Musikkonzern schwer entwickeln können. Dass Nevio Passaro solche Momente heute intensiver wahrnimmt, verbindet er auch mit einer gesundheitlich schwierigen Zeit im Jahr 2018. Ein Tumor und mehrere Eingriffe führten nach seiner Schilderung zeitweise zu der Sorge, ob er weiter als Sänger arbeiten könne. Rückblickend will er diese Phase nicht dramatisieren, erinnert sich aber an die existenziellen Fragen, die plötzlich auftauchten: Was geschieht, wenn der Beruf nicht mehr möglich ist?

Wie verändert sich ein Leben, das so vollständig an Musik hängt? Heute glaubt er, dass solche Erfahrungen manche vermeintlich großen Probleme kleiner erscheinen lassen und seine Dankbarkeit für Familie, Musik und Gegenwart verstärkt haben. Der Moment ist für ihn wichtiger geworden. Seine Kinder dienen dabei als unfreiwillige Lehrmeister. Sie feiern das Jetzt, während Erwachsene über Vergangenheit grübeln oder Zukunftspläne optimieren. Zieht man das ganze „pseudo-wichtige Bla bla“ ab, sagt Nevio Passaro sinngemäß, bleiben Menschen, Liebe und gemeinsame Zeit.

Diese Haltung bedeutet bei ihm nicht, gesellschaftliche Konflikte auszublenden.

Besonders eindrücklich erzählt er von einer Situation vor einem Auftritt bei einer Sportveranstaltung in Magdeburg. Kurz bevor er die deutsche Nationalhymne singen sollte, wurde er nach eigener Schilderung auf einer Toilette rassistisch und nationalsozialistisch beleidigt.

Wenige Minuten später stand der Sohn eines italienischen Vaters auf der Bühne und sang als Deutscher die Hymne. Fast stärker als die Beleidigung beschäftigte ihn anschließend die Reaktion mancher Menschen, denen er davon berichtete: ein Schulterzucken, ein „Ist halt so“. Genau dieses Schweigen hält Nevio Passaro für gefährlich. Lange habe er Musik eher als Gegenpol zur Politik verstanden, als Raum für Emotion und Eskapismus. Inzwischen sieht er seine Rolle anders.

Wer vor tausenden Menschen steht und eine Community erreicht, könne nicht in jeder Situation so tun, als habe gesellschaftliche Entwicklung mit Kunst nichts zu tun. Seine Konsequenz daraus formuliert er als persönliche Haltung: Er möchte künftig deutlicher sprechen, wenn er rote Linien überschritten sieht. Das passt zu einem Musiker, dessen Leben ohnehin von Übersetzungsarbeit geprägt ist.

Zwischen Deutsch und Italienisch, Bühne und Familie, Olivenhain und Berlin, Aufmerksamkeit und Rückzug hat Nevio Passaro immer wieder eine Sprache für das gefunden, was ihn gerade beschäftigt. Nach mehr als 25 Jahren ist daraus nun Papa Pop geworden. Das mag nach einer charmanten Marketingidee klingen.

Tatsächlich beschreibt der Begriff ziemlich genau, wo Nevio Passaro heute steht: ein Musiker, der noch immer experimentieren will, aber nicht mehr so tun muss, als bestünde das wichtigste Leben ausschließlich aus Charts, Studios und Scheinwerfern. Manchmal steht es auch auf 200 Seiten iPhone-Notizen, sitzt mit am Frühstückstisch oder verlässt kommentarlos das Zimmer, wenn Papas neuer Song nicht überzeugt.

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