
Olaf Ihlefeldt | Zwischen Gestern und Heute: Warum Erinnern wichtig bleibt
Olaf Ihlefeldt leitet seit mehr als 30 Jahren den Südwestkirchhof Stahnsdorf. Zwischen Kriegsgräbern, Netflix-Fans und dem Besuch der Queen zeigt sich, warum ein Friedhof für ihn vor allem ein Ort der Lebenden ist. Die gelbe Regenjacke ist das Erkennungszeichen. Trägt ein junger Besucher sie unter dem Arm über den Südwestkirchhof Stahnsdorf, muss Olaf Ihlefeldt nicht lange überlegen, wohin der Weg führt. Zur hölzernen Kapelle, die nach dem Vorbild norwegischer Stabkirchen gebaut wurde und durch die Netflix-Serie „Dark“ einem weltweiten Publikum bekannt geworden ist. Dort werden jene Stellen gesucht, an denen die Hauptfiguren standen oder saßen, dann beginnt der „Selfie-Alarm“, wie Olaf Ihlefeldt es nennt. Manche kommen wegen einer Fernsehserie und finden statt einer Kulisse einen echten Friedhof: reale Gräber, Trauernde, Geschichte.
Folge 2 | 15. Juli 2022
Im Gespräch mit André Puchta
Olaf Ihlefeldt sieht darin keinen geschmacklichen Unfall. Er sieht eine Gelegenheit. Sein Beruf lässt sich mit einem Wort benennen, das bei anderen gern ein kurzes Schweigen produziert: Friedhofsleiter. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet Olaf Ihlefeldt auf dem rund 206 Hektar großen Gelände südwestlich von Berlin. Kindern erklärt er die Dimension mit mehr als 200 Fußballfeldern. Rund 130.000 Tote sind dort bestattet, ihre Grabkarten werden in seinem Büro aufbewahrt. Wer zum ersten Mal durch die waldartige Anlage mit ihren Sichtachsen, Kreuzungen und moosbedeckten Wegen läuft, kann sich leicht verlieren. Olaf Ihlefeldt nicht. Er kennt den Ort nach eigener Aussage bis in die letzte Ecke, auch bei Dunkelheit.

Die Größe allein erklärt jedoch nicht, weshalb dieser Arbeitsplatz zu seinem Leben geworden ist. „Man hört Friedhof, man denkt an Tod, an Trauer und hakt es damit ab“, sagt er. „Aber nein, es ist unglaublich lebendig an diesem Ort.“ Das klingt zunächst wie ein Widerspruch, beschreibt aber ziemlich genau den Alltag. Seine Gärtner sind keine bloßen Grünpfleger. Sie tragen Menschen zu Grabe, schneiden Bäume, harken Laub und werden mitunter zu Seelsorgern, wenn Besucher zwischen zwei Wegen ein Gespräch beginnen. Olaf Ihlefeldt selbst kümmert sich um Denkmalschutz und Fördermittel, stimmt sich mit Behörden und Botschaften ab, begleitet Trauernde und sucht mit ihnen nach einem Platz für den verstorbenen Partner, das eigene Kind oder einen anderen nahen Menschen. Sein schönster beruflicher Lohn sei es, wenn jemand trotz der Schwere der Situation mit einem Lächeln wieder gehe.
Der Südwestkirchhof ist ein kunst- und kulturhistorisches Gedächtnis.
Werner von Siemens liegt dort in einer großen Familienanlage, ebenso finden sich die Gräber des Komponisten Engelbert Humperdinck und weiterer bekannter Persönlichkeiten aus Technik, Musik, Literatur und Unterhaltung. Olaf Ihlefeldt wehrt sich trotzdem gegen das Etikett eines Prominentenfriedhofs. Etwa 90 bekannte Namen stehen mehr als 130.000 Lebensgeschichten gegenüber. Die Berühmten helfen, Aufmerksamkeit und politische Unterstützung für die gesamte Anlage zu gewinnen. Die Bundesregierung erkannte den Friedhof als Denkmal von nationaler Bedeutung an – für Olaf Ihlefeldt nicht nur wegen der finanziellen Folgen ein wichtiges Signal. Entscheidend ist ihm, dass der Ort als Ganzes gesehen wird und nicht als Ansammlung berühmter Grabsteine.
Auch die Filmbranche hat ihn längst entdeckt. Internationale Produktionen, Regisseure und Schauspieler drehten auf dem Gelände, doch „Dark“ veränderte das Publikum besonders sichtbar. Plötzlich kamen Jugendliche, Familien und Serienfans, die zuvor kaum einen Friedhof freiwillig besucht hätten. Olaf Ihlefeldt räumt ein, dass man bei Friedhöfen ungern über Werbung spricht. Doch genau diese Wirkung interessiert ihn: Wer die Kapelle als Drehort sucht, setzt sich zwangsläufig mit einem realen Bestattungsort auseinander. Der Friedhof wird nicht zum Freizeitpark, aber er verliert für manche seine abschreckende Fremdheit.
Seine besondere Atmosphäre ist das Ergebnis einer wechselvollen Geschichte.
Das Großbürgertum der 1920er-Jahre hinterließ prächtige Anlagen, die Weltkriege große Gräberfelder. Nach dem Mauerbau 1961 kamen die West-Berliner Gemeinden, für die der Friedhof einst angelegt worden war, nicht mehr nach Stahnsdorf. Der Ort fiel, wie Olaf Ihlefeldt sagt, in einen „Dornröschenschlaf“. Nach dem Mauerfall streiften Berliner neugierig und abenteuerlustig durch das Gelände und entdeckten hinter Büschen Grabmale, verwunschene Brunnen und überwachsene Wege. Olaf Ihlefeldt nennt es „ein Stückchen Märchenwald“. Seine Begeisterung für diese Wildromantik ist ansteckend, aber sie verdeckt nicht die schwereren Kapitel.
Auf dem Gelände befinden sich unter anderem britische und italienische Soldatenfriedhöfe. Wenn Olaf Ihlefeldt bei Führungen vor den Gräbern junger Kriegsopfer steht, schnürt es ihm bis heute die Kehle zu. Als das Gespräch 2022 geführt wird, spricht er unter dem Eindruck des Krieges in der Ukraine. Noch wenige Monate zuvor, sagt er, habe er stolz davon erzählt, dass in Europa kein Krieg herrsche. Nun müsse er jungen wie älteren Besuchern umso eindringlicher zeigen, wohin Krieg führen kann. Erinnerungskultur ist für ihn keine dekorative Ergänzung des Friedhofsbetriebs, sondern eine Verpflichtung. „Beruf und Berufung, das ist eins“, sagt er. Einen erheblichen Teil dieser Arbeit leistet er ehrenamtlich.
Wie weit Erinnerung über Gräber hinweg verbinden kann, erlebte Olaf Ihlefeldt am 3. November 2004.
Königin Elizabeth II. und Prinz Philip besuchten den britischen Soldatenfriedhof in Stahnsdorf. Dem Besuch gingen sechs Monate Vorbereitung für wenige streng getaktete Minuten voraus. Olaf Ihlefeldt hatte einem britischen Militärattaché zuvor von den Menschen aus der DDR erzählt, die jedes Jahr zum britischen Gedenktag an die Gräber kamen, obwohl staatliche Stellen ihre Anwesenheit nicht wünschten und sie mit unangenehmen Gesprächen rechnen mussten. Nach Olaf Ihlefeldts Erinnerung wurde diese Geschichte an die Queen weitergetragen und war ein Grund für ihren Besuch.
Mit Königshäusern, sagt er, habe er bis dahin wenig anfangen können. Die Begegnung beeindruckte ihn trotzdem. Die Queen habe nachgefragt, die historische Situation verstanden und das Verhalten der ostdeutschen Besucher als Zeichen von Versöhnung und Verständigung gewürdigt. Später war Olaf Ihlefeldt bei einem Empfang in der Berliner Philharmonie zu Gast. Als Elizabeth II. durch die Reihen ging, steuerte sie nach seiner Erinnerung gezielt auf ihn zu und erkundigte sich, wie er den anstrengenden Tag überstanden habe. Eine protokollarische Begegnung bekam dadurch einen persönlichen Nachsatz. Prinz Philip wiederum sprach mit Menschen aus Stahnsdorf auf Deutsch und sorgte mit kleinen Scherzen für Gelächter. Beide hinterließen ihre Unterschriften im Besucherbuch des Friedhofs.
Tradition bewahren heißt für Olaf Ihlefeldt nicht, in alten Formen stehen zu bleiben.
Bereits 2007 führte der Friedhof einen digitalen Hörführer ein, 2014 folgte eine App, mit der Besucher ausgewählte Gräber und ihre Geschichten finden können. Friedhof digital – auch das klingt zunächst ungewohnt. Für Olaf Ihlefeldt ist es schlicht ein weiterer Zugang zu Menschen, die allein über das Gelände gehen oder außerhalb einer Führung mehr erfahren möchten. Innovation bedeutet hier nicht, den Tod moderner zu verpacken, sondern Hemmschwellen abzubauen. Das gilt ebenso für die Bestattung selbst. Olaf Ihlefeldt erlebt, dass sich immer mehr Menschen für eine Urne und eine pflegeleichte Grabform entscheiden.
Doch auch unter einem Rhododendron oder auf einer Wiese suchen Angehörige einen persönlichen, würdigen Ort. „Jeder Tote bekommt einen Namen“, sagt er. Und: „Für mich ist nichts 08/15.“ Er versucht, Abschiede so zu ermöglichen, wie die Hinterbliebenen sie brauchen – still oder heiter, mit Tränen, Musik oder sogar Tanz, soweit der Ort und die Regeln es zulassen. Als Leiter eines evangelischen Friedhofs kennt er Satzungen und gesetzliche Grenzen genau. Er könnte sich, wie er selbst sagt, hinter ihnen verstecken. Stattdessen formuliert er sein berufliches Selbstverständnis in einem Satz:
„Ich bin Verwaltungsmensch, aber ich bin ein Herzmensch.“
Gerade bei Kindern wird deutlich, was er damit meint. Olaf Ihlefeldt lädt sie bewusst zu Führungen ein. Nicht erst Menschen „ab 70 aufwärts“ sollen über Tod, Verlust und Erinnerung sprechen. Kinder fragten direkt, wollten wissen und seien häufig erstaunlich klar im Umgang mit dem Thema. „Der Tod gehört zum Leben“, sagt er. Deshalb müsse man ihn erklären, statt ihn aus dem Familienalltag zu verbannen. Auf dem Friedhof organisiert er mit einem Förderverein zudem Kulturnächte, Sommerabende, Gesang, Tanz und Konzerte. Manchmal trifft er dort Menschen wieder, die er wenige Tage zuvor bei einer Beisetzung begleitet hat. Sie sitzen dann in der Nähe des Grabes, hören Musik und wirken für einen Moment gelöst. Für Olaf Ihlefeldt ist genau das die gewünschte Begegnungsstätte: kein Ort, an dem Trauer ver-schwinden soll, sondern einer, an dem sie nicht allein bleiben muss.
Was ihm fehlt, ist mehr öffentliche und politische Akzeptanz für diese Arbeit. Friedhofskultur werde noch zu häufig als exotisches Randthema betrachtet. Dabei gehe es um Denkmalschutz, Bildung, Geschichte, seelische Begleitung und die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Toten und den Menschen, die um sie trauern, umgeht. Olaf Ihlefeldts Forderung dafür fällt angenehm untheoretisch aus: Es brauche in vielen Bereichen „eine deutliche Schippe Herz mehr“.
Vielleicht ist die gelbe Regenjacke deshalb kein Fremdkörper auf diesem Friedhof. Sie steht für einen jungen Menschen, der wegen einer Serie kommt und dabei unversehens mit Geschichte, Abschied und Erinnerung in Berührung gerät. In Olaf Ihlefeldts Büro lagern die Daten von rund 130.000 Toten. Seine eigentliche Arbeit besteht jedoch darin, Verbindungen unter den Lebenden zu schaffen – zwischen Generationen, Nationen, Trauernden und Neugierigen. Der Tod bleibt dabei, was er ist. Aber das Leben darf ihn begleiten, Fragen stellen, Musik hören und vor einer alten Holzkapelle gelegentlich auch ein Selfie machen.