Orange Blue | Der Keller, die Kassette und das Herzklopfen

Beim ersten Treffen halten Volkan Baydar und Vince Bahrdt voneinander zunächst nicht besonders viel. Volkan Baydar fährt 1992 zu Vince Bahrdts Eltern nach Hause, sieht Einfamilienhäuser, lange Haare und einen jungen Mann, dessen Lebensumstände ihm deutlich komfortabler erscheinen als die eigenen. „Ich dachte, das ist ein reicher Schnösel“, erinnert er sich. Vince Bahrdt wiederum schaut auf den einen Kopf kleineren Sänger und fragt sich sinngemäß, ob ausgerechnet der wirklich zu ihm passen soll. Besonders herzlich klingt das im Rückblick nicht, dafür umso ehrlicher. Dann gehen die beiden in den Keller und machen Musik.

Folge 141 | 15. Oktober 2026
Im Gespräch mit André Puchta

Wenig später sind sämtliche Vorurteile erledigt. „Mir hat das Herz gepocht“, sagt Vince Bahrdt. „Ich habe gedacht: Das ist unfassbar. Das ist genau das.“ Vorsichtshalber zeichnet er die erste gemeinsame Probe heimlich mit einem Kassettenrekorder auf; die Aufnahme existiert bis heute. Volkan Baydar ist ebenfalls begeistert, möchte aber möglichst professionell wirken und bloß nicht den Eindruck erwecken, er sei zu leicht zu haben. Also antwortet er nach drei oder vier gemeinsamen Songs ungefähr: „Joa, mal sehen.“ Man müsse sich schließlich „ein bisschen wichtig machen“. Wie bei einem guten ersten Date, bei dem einer so begeistert ist, dass er sofort das nächste vereinbaren möchte, während der andere glaubt, ein wenig Distanz gehöre zum guten Ton.

Mehr als drei Jahrzehnte später können sie noch darüber lachen, und während sie die Geschichte erzählen, korrigieren sie sich gegenseitig bei Einzelheiten, fallen einander ins Wort und bestätigen unfreiwillig, weshalb diese Verbindung so lange gehalten hat. Vince Bahrdt denkt viel nach, bezeichnet sich selbst als perfektionistisch; Volkan Baydar reagiert stärker aus dem Bauch heraus. „Volkan ist viel unkomplizierter“, sagt Vince Bahrdt. „Er agiert viel intuitiver und spontaner und lässt sich treiben.“ Volkan Baydar hört das nicht nur als Kompliment: Es habe durchaus Situationen gegeben, in denen er besser „die Intuition weggelassen und den Kopf eingeschaltet“ hätte. Ihre unterschiedlichen Temperamente werden trotzdem zum Arbeitsmodell. Zu Beginn denken beide überhaupt nicht daran, mit Musik einmal ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Sie gründen eine Coverband, ziehen gemeinsam über den Hamburger Kiez, schreiben erste eigene Songs und entdecken Home-Recording.

„Es war einfach eine irre geile Zeit“, sagt Vince Bahrdt. Die Freundschaft muss niemand künstlich zusammenhalten, weil sie längst der Grund ist, weshalb beide weitermachen. Als die erste Single tatsächlich erfolgreich wird, müssen sie erst begreifen, dass aus dem Hobby plötzlich ein Beruf geworden ist. Ein Kontoauszug liefert schließlich den Beweis. Sie stehen gemeinsam bei der Bank, schauen auf die erste größere GEMA-Abrechnung und können die Zahl kaum glauben. Dieses Gefühl, sagt Vince Bahrdt, bekomme man später nie wieder, ganz gleich, wie viel Geld noch komme. Es sei wie der Moment, in dem man sich zum ersten Mal selbst im Radio hört: „Das erste Mal kommt nicht noch mal.“

Der Song, der Orange Blue um die Jahrtausendwende bekannt macht, wird später so groß, dass er die weitere Karriere bis heute begleitet. „She’s Got That Light“ läuft im Radio, im Supermarkt, auf Veranstaltungen und bei Konzerten, 26 Jahre nach der Veröffentlichung noch immer. Früher hätten sie beim ersten Radioeinsatz Freunde angerufen und wären „durchgedreht“. Heute schmunzelt Vince Bahrdt, sucht weiter sein Gemüse und freut sich, dass „die Jungs noch spielen“. Genervt sind sie von ihren alten Songs nicht. Im Gegenteil: Auf der kommenden Tour sollen die erfolgreichen Titel selbstverständlich dazugehören. „Wir mögen unsere Songs“, sagt Vince Bahrdt. Echte Instrumente, aufwendige Produktionen, Stücke, die für sie musikalisch noch immer funktionieren. Die Frage, ob ein großer Hit zum goldenen Käfig werden kann, beantworten Orange Blue damit ziemlich pragmatisch:

Wenn ein Lied nach einem Vierteljahrhundert noch Menschen erreicht und man es selbst gern spielt, muss man sich nicht künstlich davon distanzieren.

Dabei hätte einer der wichtigsten Karriereschübe beinahe nicht stattgefunden. Als „She’s Got That Light“ mit der damaligen ProSieben-Talkshow „Arabella“ verbunden werden soll, lehnen beide zunächst ab. Sie mögen solche Talkshows nicht und finden, der Song sei schließlich nicht dafür geschrieben worden. Produzenten bearbeiten sie nach ihrer Erinnerung tagelang. Irgendwann setzt sich die Erkenntnis durch, dass Reichweite nicht automatisch künstlerischen Verrat bedeutet. „Wir waren damals auch schon echt komische Typen“, sagt Volkan Baydar heute über diese Haltung.

Falsche Bescheidenheit erkennt Vince Bahrdt inzwischen auch in alten Fernsehauftritten. Statt stolz zu erzählen, dass sie ihre Songs selbst schreiben und produzieren, machen sie Witze, behaupten teilweise, gar nicht Orange Blue zu sein, oder stehen während einer Frage einfach auf und gehen weg. „Ich glaube, wir hätten mal lieber eine Rolle erfüllen sollen“, sagt Vince Bahrdt. Nicht, weil sie unehrlich hätten werden sollen, sondern weil ein Künstler durchaus sagen dürfe, was er geleistet hat. Heute sieht er deutlicher, dass Zurückhaltung ebenfalls eine Form von Inszenierung sein kann. Ihre musikalischen Prägungen unterscheiden sich ebenso wie ihre Charaktere. Vince Bahrdt krabbelt als kleines Kind zum Flügel seiner Großmutter, spielt später Klavier und entdeckt in der Schule das Schlagzeug, von dem er sofort überzeugt ist: „Ich werde der beste Schlagzeuger der Welt.“ Volkan Baydars Eltern wiederum ermöglichen ihrem Sohn Instrumente, obwohl das Geld keineswegs locker sitzt.

Ein Synthesizer kostet 4.000 Mark. Als Kind nimmt er das hin, weil er ihn eben zum Musikmachen braucht. Erst viele Jahre später versteht er, was sein Vater als Taxifahrer dafür leisten musste. Beide Eltern sind inzwischen verstorben. Mit zunehmendem Alter, sagt Volkan Baydar, denke er häufiger darüber nach, was sie möglich gemacht haben. Auch die türkische Musik seiner Kindheit hört er heute anders. Damals bekommt er davon nach eigener Erinnerung beinahe Kopfschmerzen, empfindet sie als schwer. Heute erkennt er genau in dieser Schwere die Qualität: Melancholie, „eine Menge Soul“, eine Art des Singens, die ihn mittlerweile fasziniert. Dass ein Sohn türkischer Eltern einmal einen großen englischsprachigen Popsong aus Hamburg heraus in die Charts singen würde, war in dieser Kindheit kaum planbar.

Ebenso wenig wie Vince Bahrdts spätere Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg.

Rund drei Jahre arbeitet Lindenberg in Vince Bahrdts Studio an Material für „Stark wie zwei“, singt Melodien ein, verwirft Songs, nimmt andere. Eine definitive Regel dafür, was einen guten von einem großen Song unterscheidet, hat Vince Bahrdt daraus nicht gewonnen. Beim Schreiben halte man einen Song zwangsläufig für gut, sonst würde man nicht weitermachen. Welche Stücke am Ende ausgewählt werden und welche erfolgreich sind, bleibe trotz aller Erfahrung zu einem großen Teil persönliches Empfinden. Heute schreiben Volkan Baydar und Vince Bahrdt wieder intensiv gemeinsam beziehungsweise nebeneinander. Jeder arbeitet in seinem Studio, spielt dem anderen Ideen vor, kritisiert, überarbeitet. Was verloren gegangen ist, benennen beide offen: Leichtigkeit. Früher entstand ein Song in wenigen Tagen, Englischfehler waren nebensächlich, die nächste Idee wartete bereits.

„Wir haben die Songs einfach gemacht.“ Heute hören zwei erfahrene Produzenten genauer hin, diskutieren Sounds, Arrangements, mögliche Singles und die Frage, ob etwas noch zu Orange Blue passt. Hinzu kommen Familie, Verpflichtungen und ein Alltag, der nicht mehr aus endlosen Nächten mit Musik besteht. „Man spaziert nicht mehr so fluffig durchs Leben“, sagt Vince Bahrdt. Auf die Frage, was er sich aus dem Jahr 2000 sofort zurückholen würde, muss er deshalb nicht überlegen: „Die Leichtigkeit.“ Volkan Baydar stimmt zu. Zeit sei heute ein Problem. Dafür können beide Dinge, die sie damals nicht konnten. Sie produzieren besser, wissen genauer, was sie tun, und haben nach Monaten gemeinsamer Arbeit offenbar wieder Lust auf genau jene Anstrengung, die Musik verlangt. Ein neues Album entsteht, für März 2027 ist eine Deutschlandtour angekündigt, ein Livealbum aus dem Hamburger St. Pauli Theater ist vorbereitet.

„Die Songs explodieren“, sagt Vince Bahrdt. Man telefoniere täglich, ständig sei „Action, Action, Action“ – und es mache wieder Spaß.

Gerade dieser Spaß ist für beide der Punkt, an dem sie eine klare Grenze zu künstlich erzeugter Musik ziehen. KI kann inzwischen Songs produzieren, Arrangements verändern und vorhandenes Material erstaunlich überzeugend weiterentwickeln. Volkan Baydar probiert solche Möglichkeiten selbst aus und findet die Ergebnisse technisch beeindruckend, bislang allerdings häufig „mittelmaß-schön“. Größere Sorgen macht ihm die Perspektive junger Musiker, die künftig mit Maschinen konkurrieren, die innerhalb von Sekunden Material liefern. Für Orange Blue selbst sehen beide die Bedrohung gelassener.

Ein Konzert lebe von etwas, das sich nicht aus einer Datei erzeugen lasse: Menschen auf einer Bühne, Menschen davor, Reaktionen, Fehler, Energie und jene Momente, in denen sich ein Abend verselbstständigt. „Dieses Geben und Nehmen, diese Symbiose“, beschreibt Vince Bahrdt das. Volkan Baydar sieht in Musik zudem einen Gegenraum zu einer Gesellschaft, die er zunehmend als angespannt erlebt. Künstler könnten verbinden, weil eine Melodie nicht zuerst danach frage, ob jemand politisch links oder rechts stehe, reich oder arm sei. Er selbst, Sohn türkischer Eltern, erzählt von Ausgrenzung und rassistischen Sprüchen, die er in seiner Jugend erlebt habe, will sich heute aber nicht in politische Lagerlogiken einordnen lassen. Gewalt und Ausgrenzung lehnt er ab, zugleich ist ihm wichtig, dass Menschen miteinander diskutieren können.

Beide empfinden die permanente Meinungsproduktion in sozialen Medien eher als Belastung.

Vince Bahrdt formuliert seine Beziehung dazu denkbar ungeschönt: Social Media finde er „zum Kotzen“, beruflich müsse er es trotzdem ein wenig betreiben. Nicht zu allem müsse man öffentlich sofort eine Haltung posten. Das unterscheidet sich deutlich von den Zwanzigjährigen, die einst bei Fernsehinterviews absichtlich Unsinn erzählten, weil sie sich selbst nicht zu wichtig nehmen wollten.

Ganz verschwunden sind diese beiden allerdings nicht. Gegen Ende des Gesprächs sollen sie sagen, was der jeweils andere endlich über sich selbst glauben sollte. Statt großer Freundschaftserklärung landet Vince Bahrdt bei einer Judo-Anekdote aus der Südsee und teilt Volkan Baydar mit, dass dieser gegen ihn nur eine Chance habe, wenn Vince Bahrdt betrunken sei. Irgendwo an einem Traumstrand hatte Volkan Baydar ihn zuvor im flachen Wasser mit einem Ippon auf die Seite befördert. Die Antwort auf die eigentlich tiefgründige Frage verschwindet zwischen Gelächter, Champagnererinnerungen und Kampfsport.

Genau das wirkt nach mehr als dreißig Jahren konsequent. Die beiden Männer aus dem Hamburger Keller haben Goldene Schallplatten bekommen, Musik für Hollywood geschrieben, eigene Wege eingeschlagen und gelernt, dass sich beruflicher Erfolg nicht wieder so anfühlt wie der erste Kontoauszug. Wenn sie heute wieder gemeinsam arbeiten, tun sie es nicht, um das Jahr 2000 nachzubauen. Die Leichtigkeit von damals bekommen sie selbst nach eigener Einschätzung nicht zurück. Aber die Kassette mit der ersten Probe existiert noch, die alten Songs funktionieren noch – und sobald sie gemeinsam Musik machen, ist offenbar auch dieses Herzklopfen noch nicht ganz verschwunden.

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