
Peter Frimberger | Der Porsche-Schlüssel bleibt im Spind
Ein Porsche-Schlüssel kann bei einem Date durchaus Eindruck machen. Peter Frimberger kennt die Geschichte eines Mannes, der angeblich Skoda fährt, für Verabredungen aber demonstrativ einen Porsche-Schlüssel auf den Tisch legt. In Peter Frimbergers Arbeitswelt würde dieser Trick wenig bringen. Wer seinen Club betritt, verstaut Autoschlüssel, Uhr und Straßenkleidung im Spind.
Folge 128 | 11. September 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Der Bankdirektor steht anschließend neben dem Bauarbeiter, die Millionärin neben jemandem, dessen Beruf niemand kennt, und es interessiert erstaunlich wenige, wer draußen welchen Status besitzt. Genau das ist für Peter Frimberger eine der schönsten Erfahrungen aus mehr als einem Jahrzehnt in einer Branche, über die öffentlich noch immer gern mit hochgezogener Augenbraue gesprochen wird.

Er betreibt im niederösterreichischen Seisenegg die Erlebnissauna Karibik, einen Swingerclub mit rund 4.000 Quadratmetern Fläche, und wenn man ihm länger zuhört, wird ausgerechnet Sex irgendwann zum weniger überraschenden Teil seiner Geschichte. Interessanter sind die Regeln drum herum: Freiwilligkeit, Diskretion, Kommunikation, ein gutes Bauchgefühl und die ziemlich simple Erkenntnis, dass Offenheit niemals Verfügbarkeit bedeutet.
Geplant hatte Peter Frimberger diesen Beruf nicht. Er war Gastronom, führte ein eigenes Restaurant und träumte eher davon, irgendwann eine größere Diskothek zu betreiben. Den damaligen Besitzer der Karibik kannte er bereits, als dieser eines Abends kurzfristig jemanden für Bar und Grill suchte. Peter Frimberger fragte seine Frau, ob er einspringen solle. Ihre Antwort war knapp: Mach das.
Also fuhr er hin, grillte für die Gäste und landete in einer Welt, die ihm bis dahin weitgehend fremd gewesen war.
Das ist ungefähr dreizehn oder vierzehn Jahre her. Seine erste Erkenntnis: Wer neu in einem Swingerclub arbeitet, wird mindestens so aufmerksam gemustert wie ein neuer Gast. Manche Besucher testen scherzhaft, ob das Personal womöglich mehr anbietet als Getränke und Essen. Bei Peter Frimberger gilt jedoch eine klare Grenze: Das Team ist tabu. Die Mitarbeitenden kümmern sich um Gastronomie, Sauberkeit, Sicherheit und Atmosphäre.
Was die Gäste miteinander tun oder nicht tun, bleibt deren Sache. Peter Frimberger fand die Arbeit überraschend angenehm. Aus gastronomischer Sicht seien die Menschen dort oft entspannter als in einem normalen Restaurant. Der damalige Betreiber erkannte zugleich, dass der Club jünger werden musste. Eine Facebook-Seite gab es noch nicht, von Instagram ganz zu schweigen.
Peter Frimberger baute die Onlinepräsenz auf, organisierte eine Party für jüngere Gäste und musste dabei zunächst selbst herausfinden, wie man eigentlich eine Veranstaltung für eine Szene plant, die man gerade erst kennenlernt.
Es funktionierte. Aus der Aushilfe wurde mehr Verantwortung, später die Geschäftsführung und schließlich der eigene Betrieb. Das Restaurant trat in den Hintergrund.
Seisenegg selbst liefert dazu eine Kulisse, die man kaum besser erfinden könnte.
Der Ort gehört zur Gemeinde Viehdorf im Bezirk Amstetten und zählt nur wenige hundert Einwohner. Lange war das Schloss Seisenegg die Sehenswürdigkeit. Wer heute nach dem Ort fragt, erntet nach Peter Frimbergers Erfahrung nicht selten ein wissendes Lächeln und die Gegenfrage, ob es wohl „zur Karibik“ gehe.
Der Club liegt zurückgesetzt von der Straße, geografisch günstig zwischen Wien, Linz und Salzburg und nahe der Autobahn. Gäste kommen aus einem entsprechend großen Einzugsgebiet, manche verbinden den Besuch sogar mit Urlaubsreisen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Menschen aus der näheren Umgebung zu. Früher, erzählt Peter Frimberger, seien manche lieber weiter weggefahren, um bloß keinem Nachbarn zu begegnen.
Inzwischen werde das Thema offener behandelt. Ganz verschwunden ist die Sorge natürlich nicht. Manche Gäste stellen ihr Auto lieber etwas abseits ab. Andere fahren direkt auf den großen Parkplatz. Und dann passiert gelegentlich genau das, was viele beim ersten Besuch heimlich befürchten: Hinter der nächsten Ecke steht der Arbeitskollege, die Nachbarin oder – besonders ungünstig – die Schwiegermutter.
Peter Frimberger hat erlebt, dass Menschen in solchen Situationen ziemlich schnell wieder Richtung Umkleide unterwegs waren.
Seine Empfehlung ist einfacher: miteinander reden. Beide seien schließlich aus demselben Grund am selben Ort. Also könne man klären, ob man sich aus dem Weg geht, darüber spricht oder sich darauf verständigt, dass an diesem Abend offiziell keiner von beiden dort gewesen ist.
Eine negative berufliche Konsequenz nach einer solchen Begegnung ist Peter Frimberger aus all den Jahren nicht bekannt. Diskretion gehört zur ungeschriebenen Hausordnung. Auch er selbst hält sich daran. Trifft er im Urlaub oder irgendwo im Alltag einen Menschen, den er möglicherweise aus dem Club kennt, wartet er ab, ob dieser ihn begrüßt.
In Thailand kam ihm einmal ein Gast entgegen, der sofort das Gespräch suchte. Dann ist Smalltalk kein Problem.
Ist Peter Frimberger dagegen unsicher, schweigt er lieber. Schließlich könnte jemand gerade mit einem anderen Partner unterwegs sein oder schlicht nicht erklären wollen, woher man sich kennt. Der Beruf schult offenbar nicht nur Offenheit, sondern auch die Kunst des Wegsehens. Dabei gehört Nacktheit für Peter Frimberger längst zum Normalsten seiner Arbeit.
Er vergleicht es mit einem Bankangestellten, der am ersten Tag von den Geldmengen beeindruckt ist und wenige Wochen später darin vor allem Arbeitsmaterial sieht. Ähnlich verschwinde auch die Aufregung über nackte Körper. Das Klischee, in einem Swingerclub liefen ohnehin alle nackt herum, stimmt für die Karibik allerdings nicht. Einen reinen FKK-Abend gibt es einmal im Monat.
An normalen Abenden gehört Kleidung ausdrücklich dazu, wenn auch häufig weniger davon als beim Restaurantbesuch:
Dessous, Shorts, Röcke, Fetischmode, Lack, Leder oder Latex. Das Team trägt ohnehin ganz normale gebrandete Shirts oder Polos. Noch hartnäckiger ist ein zweites Vorurteil: Wer hineingehe, müsse zwangsläufig mit anderen Sex haben.
Peter Frimbergers Grundsatz lautet das Gegenteil: „Alles kann, nichts muss.“ Ein Abend kann vollständig an der Bar stattfinden. Menschen essen, trinken, reden, beobachten oder lernen andere Gäste kennen. Wer Fantasien ausleben möchte, kann das tun – ausschließlich mit dem Einverständnis aller Beteiligten. Genau an diesem Punkt wird Peter Frimberger sehr klar.
Ein Eintritt ist kein Anspruch auf einen anderen Menschen. Wer mit der Vorstellung hereinkommt, die Anwesenheit anderer Gäste bedeute automatisch sexuelle Verfügbarkeit, hat das Prinzip nicht verstanden. Solche Einstellungen versucht er bereits an der Tür zu erkennen. Er verlässt sich dabei stark auf Menschenkenntnis und Bauchgefühl. Passt jemand aus seiner Sicht nicht in den Club oder benimmt sich nach dem Einlass problematisch, kann der Abend ziemlich schnell wieder beendet sein.
Darin sieht Peter Frimberger keinen Widerspruch zur sexuellen Freiheit, sondern deren Voraussetzung.
Grenzen müssen geschützt werden, damit Menschen sie freiwillig erweitern können. Alkohol wird deshalb ebenfalls begrenzt. Wer bereits deutlich alkoholisiert erscheint, kommt gar nicht erst hinein. Im Club kann getrunken werden, aber nicht grenzenlos.
Peter Frimberger sieht darin einen wichtigen Unterschied zu manchen Diskotheken, in denen sich Menschen erst stark betrinken und anschließend Dinge tun oder sagen, die sie nüchtern möglicherweise anders entschieden hätten. Auch die Musik bleibt bewusst auf einer Lautstärke, bei der Gespräche möglich sind. Überhaupt spielt Kommunikation in seiner Erzählung eine deutlich größere Rolle, als es das gängige Swingerclub-Klischee erwarten lässt.
Besonders Paare sollten vor einem Besuch sehr genau darüber sprechen, was für sie in Ordnung ist und was nicht. Welche Grenzen gelten? Darf jeder allein unterwegs sein? Möchte man gemeinsam bleiben? Was passiert, wenn Eifersucht auftaucht? Peter Frimberger hält wenig von der Vorstellung, eine offene Beziehung könne einseitig beschlossen werden.
Wenn eine Person sagt, sie wolle eine offene Beziehung, der Partner widerspricht und die erste Person macht trotzdem, was sie möchte, ist das für ihn keine Offenheit: „Dann bescheißt er einfach seine Partnerin.“ Eine offene Beziehung setzt für ihn voraus, dass beide dem Modell zustimmen; ob beide die Möglichkeiten tatsächlich nutzen, steht auf einem anderen Blatt.
Ähnlich verhält es sich mit einem Clubbesuch.
Peter Frimberger sieht durchaus Paare, bei denen einer deutlich begeisterter wirkt als der andere. Solange kein Zwang erkennbar ist, kann er das nicht für sie lösen. Manchmal sitzt eine Person lange an der Bar, während die andere durch den Club zieht. Gerade beim ersten Besuch können zuvor vereinbarte Situationen emotional völlig anders wirken, sobald sie Realität werden.
Den eigenen Partner mit jemand anderem zu sehen, lässt sich theoretisch leichter besprechen, als es sich möglicherweise anfühlt. Deshalb hält Peter Frimberger das Gespräch danach für mindestens ebenso wichtig wie das davor. Ein Swingerclub kann eine stabile Beziehung bereichern – und Schwierigkeiten sichtbar machen, die bereits vorhanden waren.
Dass viele Erstbesucher zunächst stundenlang nur reden, überrascht ihn nicht. Er rät Neulingen sogar, möglichst ohne konkreten Erlebnisplan zu kommen. Wer mit einer gedanklichen Bestellung erscheint, was an diesem Abend alles passieren müsse, kann eigentlich nur enttäuscht werden. Wer sich dagegen umsieht und erst einmal ankommt, erlebt oft mehr.
Manchmal braucht es zwei oder drei Besuche, bis Nervosität verschwindet. Peter Frimberger erkennt sie am Eingang: unsicherer Blick, hektisches Umherschauen, kaum Augenkontakt. Dann führt jemand aus dem Team in Ruhe durch die Räume, erklärt die Regeln, setzt den Gast vielleicht erst einmal an die Bar und sorgt für ein Getränk. Stammgäste helfen gelegentlich beim Ankommen.
Das klingt weniger nach wilder Parallelwelt als nach erstaunlich klassischer Gastfreundschaft.
Über die Jahre hat Peter Frimberger zugleich beobachtet, dass die Szene jünger und offener geworden ist. Besonders jüngere Frauen kämen häufiger allein oder mit wechselnden Begleitern. Er interpretiert das als wachsendes Selbstverständnis, eigene Wünsche nicht zwangsläufig in einer gewöhnlichen Bar oder Diskothek ausleben zu müssen.
Im Club könnten sie sich auffällig oder sexy kleiden, ohne dass daraus automatisch eine Einladung zum Anfassen werde. Gerade dieser geschützte Rahmen macht den Ort für manche interessant. Am FKK-Abend wiederum erkennt Peter Frimberger Unsicherheiten bisweilen ausgerechnet bei Männern: daran, ob das Handtuch auf dem Weg durch den Club lässig über der Schulter liegt oder doch lieber an strategischer Stelle gehalten wird.
Auch nackt verschwinden Komplexe eben nicht automatisch. Was dagegen schneller verschwindet, sind gesellschaftliche Statussymbole. Niemand erkennt am Körper, welches Auto auf dem Parkplatz steht. Die Rolex liegt im Spind, der Beruf kann ebenso gut erfunden wie echt sein, manche Gäste benutzen jahrelang einen falschen Namen und erzählen konsequent dieselbe erfundene Lebensgeschichte.
Peter Frimberger interessiert das nicht. Man darf im Club preisgeben, was man preisgeben möchte.
Das mag ausgerechnet an einem Ort, an dem Menschen körperlich sehr viel von sich zeigen, paradox erscheinen.
Tatsächlich ist es ziemlich logisch: Intimität bedeutet nicht, dass jeder alles über einen wissen muss.
Nach vielen Jahren zwischen Bar, Sauna, Umkleide und Spielzimmern sagt Peter Frimberger deshalb über Menschen etwas, das mit Sex erstaunlich wenig zu tun hat: Im Club seien sie „mehr oder weniger gleich“. Genau darin unterscheidet sich seine Karibik womöglich weniger von der Welt draußen, als man zunächst denkt – und zugleich sehr grundsätzlich.
Draußen kann einer beim ersten Date einen Porsche-Schlüssel auf den Tisch legen und hoffen, dass die Inszenierung funktioniert. Bei Peter Frimberger muss er ihn vorher im Spind einschließen. Dann bleibt nur noch der Mensch übrig.