
Peyman Amin | Die Augen funktionieren noch
Peyman Amin braucht keine Peitsche, um seinem Beruf nachzugehen. „Aber meine Augen funktionieren noch“, sagt er, nachdem es um die Frage geht, ob ein Modelagent auch privat ständig Menschen scannt. Nach rund dreißig Jahren im Geschäft lässt sich dieser Blick offenbar nicht vollständig abschalten. Supermarkt, Kino, Einkaufsstraße – wenn ihm ein Gesicht begegnet, in dem er Potenzial erkennt, springen die beruflichen Sensoren an. Nicht ständig, nicht mit Tunnelblick, denn dafür sei das Leben zu kurz. Aber der Reflex ist geblieben.
Folge 139 | 9. Oktober 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Er sucht Menschen, die auffallen, ohne sich zwangsläufig darum zu bemühen. Er entdeckt sie, baut sie auf, vermittelt sie, verhandelt für sie, erlebt Karrieren beginnen und manchmal wieder versanden. Schönheit ist dabei nur ein Teil der Gleichung. Ein Model müsse heute aus einer großen Masse herausstechen, sagt er, eine Persönlichkeit besitzen, im besten Fall noch etwas können, das im Gedächtnis bleibt.

Klavierspielen, besondere Bewegungen, irgendeine Fähigkeit, die aus einem hübschen Gesicht einen Menschen macht, den man ein zweites Mal buchen möchte. Dass Peyman Amin einmal vor allem dafür bekannt wurde, Menschen in einer Fernsehshow zu beurteilen, hat sein öffentliches Bild stärker geprägt als die unzähligen Stunden, in denen er tatsächlich als Agent arbeitet.
„Germany’s Next Topmodel“ machte ihn zum prominenten Juror, zu einem Mann, der in wenigen Sätzen über Auftritte, Fotos und Chancen entschied. Der Berufsalltag sieht weniger glamourös aus. Peyman Amin sitzt am Rechner, telefoniert, beantwortet Nachrichten, erhält nach eigener Aussage täglich mehr als zwanzig Bewerbungen, schaut sich Bilder an und sortiert aus. Die meisten Bewerbungen führen zu nichts. Bei wenigen bleibt der Blick hängen.
Dann folgen Gespräche, Polaroids, erste Jobs und der Versuch, aus Potenzial eine Karriere zu entwickeln.
Parallel telefoniert Peyman Amin mit Partneragenturen in Paris, Mailand oder New York. Internationale Modewelt klingt nach Blitzlicht. Tatsächlich beginnt der Tag erst einmal mit Kaffee und ziemlich viel Büroarbeit. Peyman Amin hat Betriebswirtschaft studiert, arbeitete bereits lange vor seiner Fernsehbekanntheit als Modelagent und war in Paris mit internationalen Models tätig.
An diesem Beruf fasziniert ihn bis heute weniger der rote Teppich als der Aufbau eines Menschen. „Es gibt einfach nichts Schöneres“, sagt er sinngemäß über den Moment, jemanden zu entdecken und zu beobachten, wie sich die Person entwickelt. Dazu gehört allerdings auch die unangenehme Gegenseite. Nicht jedes Model wird gebucht. Man kann jemanden an Fotografen, Redaktionen und Kunden schicken, von dem eigenen Urteil überzeugt sein und trotzdem feststellen, dass der Markt anders entscheidet.
Dann muss Peyman Amin das Gespräch führen, das kein junger Mensch gern hört: Wir haben es versucht, aber es funktioniert nicht so, wie wir gehofft hatten. Festhalten will er niemanden. Möchte ein Model die Agentur wechseln, versucht er nicht, es mit Gewalt zu binden. Die Zeit beider Seiten sei dafür zu wertvoll. Überhaupt klingt Peyman Amin wesentlich nüchterner über Schönheit, als man es bei einem Mann erwarten könnte, der beruflich seit Jahrzehnten mit ihr handelt. Wer am Ende gebucht wird, entscheidet nicht der Agent allein. „Der Kunde ist König“, sagt er.
Modeunternehmen, Werbekunden, Fotografen und Redaktionen bestimmen, welches Gesicht zu einer Kampagne passt.
Der Agent kann empfehlen, überzeugen, Einfluss nehmen. Die letzte Entscheidung bleibt beim Auftraggeber. Das relativiert auch die Vorstellung, ein Modelagent sitze in seinem Büro und definiere im Alleingang, wer schön sei. Schönheit ist in dieser Welt weniger philosophische Kategorie als Nachfrage – und diese Nachfrage verändert sich.
Diversität habe den Markt geöffnet, sagt Peyman Amin. Unterschiedliche Hautfarben, Typen und Altersgruppen seien stärker gefragt, gerade bei älteren Models gebe es noch interessante Chancen. „Best Ager“ sind für ihn keineswegs Auslaufmodelle, sondern teilweise ein Markt mit zu wenig guten Gesichtern. Gleichzeitig steigen die Anforderungen.
Einfach nur gut auszusehen reiche immer seltener.
Genau darin steckt ein Widerspruch, den die Branche kaum auflösen kann: Sie lebt vom Äußeren und verlangt zunehmend Persönlichkeit; sie produziert perfekte Bilder und soll gleichzeitig glaubwürdig wirken; sie verkauft Schönheit und muss aufpassen, dass aus beruflicher Optimierung keine gesundheitliche Gefahr wird. Bei dieser Grenze wird Peyman Amin deutlich. Wenn er merkt, dass ein Model zu dünn wird oder sich in eine ungesunde Richtung bewegt, müsse ein seriöser Agent eingreifen.
Dann werden Jobs gestoppt, Aufträge abgelehnt und die Karriere vorübergehend eingefroren. Gesundheit gehe vor. Nicht nur aus Menschlichkeit, sondern auch aus professioneller Verantwortung. Ein Model zu einem Job zu schicken, obwohl man fürchten müsse, dass es dort zusammenbricht, sei weder seriös noch wirtschaftlich vernünftig. Diese Klarheit passt zu einem Mann, der im Fernsehen lange als besonders streng wahrgenommen wurde.
Bei „Die Verräter“ bekam dieses Bild einen Riss – und Peyman Amin scheint darüber nicht unglücklich zu sein.
Nach längerer Fernsehpause hatte er viele Anfragen abgelehnt, insbesondere Formate, die ihm zu stark in Richtung Trash-Reality gingen. Das Spiel in einem belgischen Schloss reizte ihn dagegen. Achtzehn Menschen sitzen dort an einem Tisch, einige lügen berufsmäßig für das Spiel, niemand weiß genau, wem er trauen kann.
Für jemanden, dessen Beruf seit Jahrzehnten auch auf Menschenkenntnis basiert, klingt das fast wie ein Versuchslabor. Peyman Amin gewinnt die Staffel gemeinsam mit Ann-Kathrin Bendixen. Entscheidender als der Sieg ist für ihn rückblickend eine andere Erfahrung: Das Publikum sieht nicht nur den kontrollierten Modelagenten, sondern einen Mann, der unter Druck gerät, zweifelt und weint. Er selbst sagt, viele hätten ihn erstmals als jemanden erlebt, der Gefühle zeigt – und nicht nur als den „eisernen Juror“, der kühle Kommentare abgibt.
Gerade diese Erfahrung relativiert auch den Mythos von der perfekten Menschenkenntnis. Im Finale schließen Peyman Amin und Ann-Kathrin Bendixen Nina Moghaddam aus, obwohl sie loyal ist. Für Peyman Amin war die Entscheidung in der Spielsituation nachvollziehbar, weil ihr Verhalten Misstrauen ausgelöst habe und niemand hundertprozentige Sicherheit besaß. Nach der Ausstrahlung verteidigt er sie gegen öffentliche Angriffe.
Ein Spiel dürfe nicht zur nachträglichen Demütigung werden. Menschen könnten in einer extremen Situation Fehler machen, sich verrennen oder unter Stress anders verhalten. Dafür hätten sie keinen Shitstorm verdient. Der Mann, der beruflich Menschen beurteilt, zieht hier eine bemerkenswerte Grenze zwischen Urteil und Verurteilung. Professionalität bedeute für ihn ohnehin, respektvoll zu bleiben. Auch wenn jemand optisch beeindruckt und im Gespräch enttäuscht, müsse niemand abgewertet werden.
Entweder Potenzial ist vorhanden und man arbeitet damit – oder eben nicht.
Den Menschen kleiner zu machen, gehört nicht zum Geschäft. Dieser Gedanke bekommt zusätzliche Bedeutung, weil sich die gesamte Branche gerade grundlegend verändert. Peyman Amin beschäftigt die Frage, ob Models künftig überhaupt noch in jeder Kampagne physisch anwesend sein müssen. KI-generierte Menschen und digitale Abbilder echter Models können Kleidung präsentieren, ohne Flug, Hotel, Studio und einen kompletten Shootingtag zu benötigen.
Für Unternehmen liegt der wirtschaftliche Reiz auf der Hand. Peyman Amin nennt mögliche Kosteneinsparungen von erheblichem Umfang und sieht gleichzeitig die Gefahr, dass reale Models verdrängt werden. Sein Ansatz ist nicht, künstliche Intelligenz wegzuwünschen. Er sucht nach Mischformen: reale Gesichter, digital weiterverwendet, verbunden mit einer fairen Vergütung und der Kontrolle darüber, für welche Produkte und in welchen Zusammenhängen das eigene Abbild eingesetzt wird.
Darin liegt eine der großen Fragen seiner Branche: Wem gehört ein Gesicht, wenn es sich beliebig reproduzieren lässt? Ein Model könnte künftig Geld verdienen, ohne am Set zu stehen – zugleich könnte genau diese Technologie den Beruf aushöhlen, von dem es lebt. Peyman Amin glaubt nicht, dass KI wieder verschwinden wird. Also müsse man lernen, mit ihr zu arbeiten, ohne den Menschen vollständig aus dem Bild zu rechnen. Ausgerechnet das Persönliche vermisst er ohnehin immer stärker.
Social Media habe das Modelgeschäft und die Aufmerksamkeit junger Menschen vollständig verändert. Früher wurde Peyman Amin nach seinen Fernsehjahren häufig auf der Straße angesprochen und gefragt, ob jemand Modelpotenzial besitze. Heute passiert das seltener. Karrieren, Trends und Selbstbilder entstehen auf Instagram und TikTok, Kontakt wird digitaler, Bilder schneller konsumiert. Peyman Amin hält diese Entwicklung für problematisch, weil menschliche Begegnung verloren gehe.
Selbst seine frühere Fernsehwelt betrachtet er inzwischen kritisch.
„Germany’s Next Topmodel“ lebe nach seiner Einschätzung heute weniger von echtem Modelpotenzial als früher; manche Teilnehmer wechselten anschließend eher in Reality-Formate, statt dauerhaft im Modelgeschäft zu arbeiten. Aufmerksamkeit ist kurzfristiger geworden.
Wer in einer Staffel bekannt ist, kann ein Jahr später bereits von der nächsten Generation überlagert werden.
Dass Peyman Amin selbst noch einmal in eine große Fernsehproduktion zurückkehrt und ausgerechnet dort eine emotionalere Seite zeigt, passt zu dieser veränderten Phase seines Lebens. Er ist Mitte fünfzig und Vater eines dreijährigen Sohnes. Auf die Frage, was er als später Vater besser könne als mit dreißig, antwortet er herrlich unromantisch: „Die Miete zahlen.“ Auch Essen und Urlaub könne er heute finanziell entspannter ermöglichen. Dafür melden sich Nacken und andere Körperteile, wenn er mit seinem Sohn auf allen vieren spielen soll. Beides gehört zur Wahrheit.
Sein Kind verändert vor allem den Umgang mit Zeit. Früher wäre Peyman Amin abends häufiger ausgegangen, heute richtet sich die Uhr nach einem kleinen Menschen, der morgens wenig Verständnis für einen Hangover aufbringt. Gemeinsam mit seiner Frau versucht er ihm Werte beizubringen, die mit Modelmaßen nichts zu tun haben: Respekt gegenüber anderen Menschen und Tieren, Grenzen, Rücksicht.
Wenn der Dreijährige davon spricht, ein Tier schlagen zu wollen, greifen die Eltern sofort ein. Niemand wird geschlagen, weder Mensch noch Tier noch Insekt. In solchen Momenten ist es vollkommen nebensächlich, ob der Vater Modelagent, Bauarbeiter oder Bankangestellter ist. Auch beim Fußball setzt Peyman Amin Grenzen. Er ist leidenschaftlicher Bayern-Fan, ein schlechtes Spiel bringt ihn nach eigener Aussage sogar schneller aus der Ruhe als eine schlechte Vertragsverhandlung, weil er bei letzterer noch selbst eingreifen kann.
Sein Sohn möchte mit ins Stadion, muss aber warten.
Drei Jahre sind Peyman Amin zu jung für Lautstärke, Menschenmassen und die Emotionen auf den Rängen. Mit fünf könne man neu verhandeln. Zukunftspläne macht Peyman Amin derzeit ohnehin weniger als früher. Er möchte stärker im Moment leben. Der dreijährige Sohn macht die Gegenwart konkreter als jede Karriereplanung. Nur einen alten Traum hat er nicht vollständig begraben. Als Kind wollte Peyman Amin Astronaut werden.
Weltraum, Planeten und die Vorstellung, die Erde einmal von oben zu sehen, faszinieren ihn noch immer. Wenn private Raumfahrt irgendwann erreichbar wird, würde er gern dabei sein, bevor es zu spät ist. Es wäre eine ziemlich passende Perspektivverschiebung für jemanden, der seit dreißig Jahren beruflich Gesichter betrachtet: einmal weit genug wegzufliegen, dass von all den Schönheitsidealen, Modelmaßen und perfekten Bildern nichts mehr zu erkennen ist. Bis dahin bleibt Peyman Amin auf der Erde und schaut weiter genau hin. Die Peitsche braucht er dafür nicht. Die Augen funktionieren schließlich noch.