
Phil Weinmann | Der Spender, der selbst Danke sagen würde
Drei Tage nach seinem 18. Geburtstag erfuhr Phil Weinmann, dass seine Stammzellen in Italien gebraucht wurden. Aus dem stillen Schüler wurde ein Fahrradnomade, der Menschen zusammenbringt – notfalls mit einem Kniffelblock ohne Würfel. Würde der unbekannte Mensch aus Italien plötzlich neben ihm sitzen, müsste Phil Weinmann nicht lange überlegen. „Ich würde mich einfach nur bedanken“, sagt er.
Folge 109 | 30. Juli 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Eigentlich scheint die Rollenverteilung eindeutig: Phil Weinmann war der Spender, irgendwo in Italien wartete ein an Blutkrebs erkrankter Mensch auf passende Stammzellen. Doch für den damals 18-Jährigen war die Spende nicht nur Hilfe für einen Fremden. Sie wurde auch zum Ausgangspunkt eines anderen eigenen Lebens. Der Empfänger, den er nicht kannte, habe ihm ein neues Kapitel ermöglicht. Während vermutlich der andere dankbar sei, eine Chance auf neues Leben erhalten zu haben, ist Phil Weinmann dankbar dafür, nicht länger derjenige geblieben zu sein, der er bis dahin war.

Mit 17 hatte er sich bei einer Schulaktion der DKMS registrieren lassen. Eine Lehrerin hatte selbst schon einmal gespendet, die Schülerinnen und Schüler, die alt genug waren, machten mit. Phil Weinmann beschreibt die Entscheidung auffallend unsentimental: ein wenig Gruppendynamik, ein wenig die Haltung, es könne schließlich nicht schaden. Sein Vater war seit Jahrzehnten registriert, ohne je gebraucht worden zu sein. Also ging auch der Sohn davon aus, dass nach der Registrierung vermutlich nichts weiter geschehen würde.
Drei Tage nach seinem 18. Geburtstag klingelte das Telefon.
Phil Weinmann steckte mitten im Abitur, als aus einer theoretischen Bereitschaft plötzlich eine konkrete Verantwortung wurde. Er könne möglicherweise spenden, erklärte die DKMS; alles sei freiwillig, ein Rückzug jederzeit möglich. Es folgten Blutuntersuchungen beim Hausarzt, Voruntersuchungen und schließlich die Spende an der Freiburger Uniklinik. Die Organisation kümmerte sich um Termine, Zugfahrt und Hotel. Phil Weinmann erinnert sich an Fragen, die wohl jeder hätte: Für wen sind die Stammzellen bestimmt? Wie alt ist der Mensch? Wo lebt er? Ist die Spende für ihn selbst gefährlich? Die transparente Begleitung habe ihm Sicherheit gegeben. Entscheidend blieb am Ende ein schlichter Gedanke: „Man versucht einfach, das Richtige zu tun.“
Das Wort Held mag er trotzdem nicht. Es macht aus einer freiwilligen Entscheidung ein Podest, auf dem sich Phil Weinmann unwohl fühlt. Er räumt ein, dass dieser Wunsch nach Zurückhaltung nicht ganz widerspruchsfrei ist. Wer seine Geschichte über Instagram und andere Plattformen verbreitet, zeigt zwangsläufig auch sich selbst. Phil Weinmann versucht deshalb, die Aufmerksamkeit weiterzuleiten: zur DKMS, zu Menschen mit Blutkrebs, zu anderen Spendern und zu jenen, die sich durch seine Geschichte registrieren lassen. Als Vorbild könne er sich inzwischen bezeichnen, sagt er. Als Held lieber nicht.
Vor der Spende war er nach eigener Beschreibung „der kleine Phil“, ein guter Schüler, der lieber träumte, als vor einer Gruppe zu stehen. „Ich war immer im Hintergrund. Ich wollte nie Verantwortung übernehmen.“ Erst als die DKMS ihn fragte, ob er bei Schulaktionen über seine Erfahrung sprechen und Registrierungen begleiten wolle, begann sich das zu verändern. Vor Gleichaltrigen erzählen, Fragen beantworten, Unsicherheit nehmen – ausgerechnet die Spende, die einen fremden Menschen unterstützen sollte, zwang auch Phil Weinmann aus der eigenen Deckung. Heute sagt er: „Ich übernehme super gern Verantwortung.“
Sein beruflicher Weg spiegelt diese Verschiebung.
Als Kind wollte er Fußballprofi werden, erkannte aber früh, dass der Wunsch größer war als das Talent. Nach dem Abitur ließ er sich zum Mechatroniker ausbilden. Handwerkliche Arbeit lag ihm, die Fertigungshalle auf Dauer weniger. Es fehlten die Menschen, die Kundschaft, das Gespräch. Inzwischen studiert er Sportmanagement. In einem Stuttgarter Fahrradgeschäft arbeitete er im Marketing, half im Verkauf aus, schaute in der Werkstatt vorbei und beriet Kundinnen und Kunden. Für das, was er heute tut, schwankt er zwischen zwei selbst erfundenen Berufsbezeichnungen: „Botschafter für positive Nachrichten“ und „Berufsabenteurer“.
Beides passt zu einer Reise, die ihn monatelang gegen den Uhrzeigersinn durch Deutschland führt. Alle 16 Landeshauptstädte und die jeweils höchsten Erhebungen der Bundesländer stehen auf dem Plan. Aus anfangs kalkulierten 6.000 Kilometern dürften nach seiner damaligen Schätzung etwa 7.000 werden. Nach knapp acht Wochen hatte Phil Weinmann rund 2.800 Kilometer zurückgelegt. Täglich fährt er meist 50 bis 70 Kilometer, mit Zeit für Pausen und Gespräche.
Die gefährlichste Begegnung der ersten Wochen hatte vier Beine und Nachwuchs. Auf einem Weg standen plötzlich Wildschweine, darunter eine Bache mit Frischlingen. Rund 20 oder 25 Meter Abstand, Geduld und die Hoffnung, dass die Tiere zuerst verschwinden würden: Mehr konnte Phil Weinmann in diesem Moment nicht aufbieten. Die Schweine zogen schließlich in den Wald, der Radfahrer fuhr weiter. Mehr als von körperlichen Schmerzen erzählt er allerdings vom Heimweh. Viereinhalb Monate unterwegs zu sein bedeutet, Familie, Freundin und Freunde lange nicht in den Arm nehmen zu können. Gerade in den ersten beiden Wochen fragte er sich, ob die Tour wirklich die richtige Entscheidung gewesen sei. Abends machte ihn die Hitze mitunter so müde, dass, wie er sagt, „die letzten zwei Stunden nichts mehr mit mir anzufangen“ war.
Sein mobiles Schlafzimmer besteht aus Zelt, Schlafsack und Isomatte.
Wild campen will er nicht, also fragt er Menschen, ob er im Garten übernachten darf: an der Haustür, am Gartenzaun oder bei einer Begegnung im Dorf. Mit wachsender Reichweite kamen immer mehr Einladungen von selbst. Fremde bieten ihm eine Wiese, eine Ferienwohnung, eine Dusche, Frühstück oder einen Platz am Grill an. Tagsüber sitzt er häufig allein auf dem Fahrrad, abends landet er bei Familien, deren Geschichten er ebenso gern hört wie sie seine. In Jena erkannte ihn eine Frau auf einem Supermarktparkplatz an der Deutschlandfahne am Rad. Sie folgte ihm bereits in den sozialen Medien, hatte überlegt, ihm zu schreiben, und stand nun zufällig vor ihm. Nach einem kurzen Gespräch umarmten sich beide. Phil Weinmann glaubte, ihren Tag ein wenig besser gemacht zu haben. Seiner war es danach ebenfalls.
Wie bewusst er solche Begegnungen sucht, zeigt ein Kniffelblock. Den kaufte er spontan im Supermarkt und bemerkte erst eine halbe Stunde später, dass ihm die Würfel fehlten. Statt welche zu kaufen, beschloss er, Fremde danach zu fragen. Zwanzig oder dreißig Menschen sprach er in den nächsten Tagen an. Nicht jeder hatte einen Würfel, fast jeder aber eine Rückfrage zum voll beladenen Fahrrad. Der fehlende Würfel wurde zum Gesprächsöffner. Phil Weinmanns Diagnose des gesellschaftlichen Alltags lautet, dass viele Menschen zu schnell die Kopfhörer einsetzen und dadurch jene kleinen Kontakte verpassen, aus denen Gemeinschaft entstehen könnte. Seine Gegenprobe: jemanden grüßen, gemeinsam lachen – oder nach einem Würfel fragen.
Seine Behauptung, eigentlich seien alle Menschen nett, wenn man selbst nett auf sie zugehe, dürfte nicht jede Großstadtprüfung bestehen. Als Arbeitsprinzip seiner Reise scheint sie jedoch erstaunlich tragfähig zu sein. Phil Weinmann sammelt keine pittoresken Orte, sondern Begegnungen. „Am Ende geht es gar nicht darum, was ich erlebe, sondern mit wem ich das Ganze erlebe“, sagt er. Die Route wird zum sozialen Feldversuch: Wie viel Vertrauen entsteht, wenn ein Fremder am Gartenzaun um ein Stück Rasen für sein Zelt bittet?
Die Öffentlichkeit verstärkt diese Wirkung.
Ein oder zwei Videos gingen viral, mehr als 100.000 Menschen folgten ihm zum Zeitpunkt des Gesprächs. Täglich erreichten ihn 20 oder 30 Nachrichten: Schlafplatzangebote, Dank, Berichte über Angehörige, die an Blutkrebs erkrankt oder daran gestorben waren. In den ersten acht Wochen der Tour kamen nach seiner Angabe fast 18.000 Euro für die DKMS zusammen. Phil Weinmann nennt die Zahl der Follower „nur eine Zahl“ und sagt: „Ich sehe mich selbst nicht als Influencer oder Content Creator.“ Ganz ohne Einfluss geht es allerdings nicht. Seine Stärke liegt gerade darin, dass er die Mechanik der sozialen Medien nutzt, ohne seine Reise wie eine makellose Heldenerzählung zu inszenieren.
Denn die Zweifel fahren mit. An einem Pausentag in Erfurt saß Phil Weinmann allein in einer Ferienwohnung und fragte sich, was er da eigentlich tue und wofür. Solche Momente lassen sich nicht mit einer schönen Landschaft wegfiltern. Kraft bekommt er von seinen Eltern, der Familie, seinem besten Freund und seiner Freundin; von Menschen, die ans Telefon gehen und entweder einen Rat geben oder einfach zuhören. Manchmal hilft auch ein Tag am See, ohne Handy und ohne den Trubel, den seine wachsende Bekanntheit erzeugt.
Die Spende hat seinen Blick auf Gesundheit verändert. Vieles werde als selbstverständlich behandelt, sagt Phil Weinmann, bis Krankheit alles auf einen einzigen Wunsch reduziere: wieder gesund zu werden. Ihm fehle in der Gesellschaft mitunter eine gewisse Demut. Das klingt bei einem jungen Mann schnell feierlicher, als es bei ihm gemeint ist. Phil Weinmann leitet daraus keinen Lebensratgeber ab. Er hat nach eigener Aussage nicht einmal einen Fünfjahresplan. „Was soll im schlimmsten Fall passieren?“, fragt er stattdessen. Dann müsse man eben den Mut haben, zu sagen: „Ich mach’s.“
Zu seiner Vorstellung von Glück gehört ebenfalls weniger Schicksalsromantik als Bereitschaft. „Man muss auf Glück vorbereitet sein“, sagt er. Eine günstige Möglichkeit nütze nichts, wenn man sie nicht erkenne oder nicht den Mut habe, sie anzunehmen. Drei Tage nach seinem 18. Geburtstag bekam Phil Weinmann eine solche Möglichkeit. Er nahm sie an – und setzte eine Bewegung in Gang, deren Reichweite sich heute in Schulklassen, geöffneten Gartentoren, Spendengeldern und einem Kniffelblock ohne Würfel zeigt. Sollte der unbekannte Empfänger eines Tages tatsächlich neben ihm sitzen, will Phil Weinmann deshalb nicht zuerst erzählen, was er geleistet hat. Er möchte Danke sagen. Vielleicht schulden sich in dieser Geschichte einfach zwei Menschen gegenseitig Dank.