
Ralf König | Als die Langeweile Geschichten erfand
Ralf König steht als junger Mann in einer westfälischen Möbelfabrik an einer Bohrmaschine und bohrt Klötzchen. Immer dieselben Klötzchen, immer dieselben Löcher, Stunde um Stunde. An einer anderen Maschine schiebt er Tischplatten aus einem Hobel und stapelt sie. Mit einer Ausbildung zum Schreiner hat er sich einmal einen soliden Beruf ausgesucht, zumindest in der Theorie. Praktisch lernt er bei diesen Tätigkeiten wenig über Möbelbau und viel über Langeweile.
Folge 123 | 29. August 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Heute hält Ralf König genau das für einen Glücksfall. Weil die Arbeit derart eintönig war, schaltete er sein „Kopfkino“ ein und erzählte sich selbst Geschichten. Irgendetwas musste schließlich passieren, während die Hände mechanisch weiterarbeiteten. „Langeweile finde ich unterschätzt“, sagt er mehr als vier Jahrzehnte später. Kinder und Jugendliche hätten heute durch Smartphones kaum noch Gelegenheit, sich wirklich zu langweilen, dabei könne genau diese Leere Fantasie erzeugen. Bei Ralf König wurde aus ihr ein Beruf, für den es damals weder in seiner Familie noch in seinem Heimatdorf ein überzeugendes Vorbild gab.

Die Eltern konnten mit Kunst wenig anfangen, seine Schwestern lasen später nicht einmal unbedingt seine Bücher, und Ralf König selbst hatte nach der Hauptschule zunächst auch keine klare Vorstellung davon, wie man mit Zeichnungen seinen Lebensunterhalt verdienen sollte. Mathe lag ihm überhaupt nicht, ebenso wenig jene Fächer, in denen Formeln eine Rolle spielten. In Religion, Deutsch oder Englisch konnte er gut sein, doch das half im damaligen Schulsystem nur begrenzt. Also vermittelte der Vater über Bekanntschaften einen Ausbildungsplatz in einer großen Tischlerei im Nachbarort.
Dort entstanden Möbel in einem Stil, den Ralf König rückblickend nicht eben liebevoll beschreibt. Künstlerisch war das alles weit entfernt von dem, was ihn schon als Kind beschäftigt hatte. Gezeichnet hatte er nämlich immer. Noch bevor er lesen konnte, zog er Wilhelm Busch aus dem Regal seiner Eltern und verstand anhand der Bilder, was dort geschah. Dass ein Affe einer Katze den Schwanz abbeißt oder andere Figuren einander auf ziemlich drastische Weise begegnen, faszinierte ihn. Später kamen Asterix, Lucky Luke, Robert Crumb und andere dazu. In der Grundschule zeichnete Ralf König Lehrer unter der Bank, zur Freude der Mitschüler und weniger zur Freude der porträtierten Erwachsenen.
Seine Mutter bewahrte viele dieser frühen Zeichnungen auf.
Erst nach ihrem Tod entdeckte Ralf König sie wieder und war selbst überrascht, wie viel Fantasie der kleine Junge bereits entwickelt hatte. Trotzdem bezeichnet er sich heute lieber als Autor denn als Zeichner. Die Zeichnung sei für ihn „Mittel zum Zweck“. Entscheidend sind Dialoge, Figuren und der Rhythmus einer Geschichte. Ein Comic funktioniert für ihn dann, wenn Bild und Text gemeinsam etwas erzählen, das keines von beiden allein leisten könnte. Dass seine Figuren trotzdem unverwechselbar aussehen, beginnt für Ralf König mit einem Sekundenbruchteil. Er zeichnet zuerst die Augen. Ein sehr dünner Fineliner, möglichst schon halb leer, damit der Strich fein bleibt. Sitzen die Augen nicht sofort, beginnt er von vorn.
Danach kommt die Nase, dann der Rest. Gezeichnet wird ungefähr in der Größe, in der später gedruckt wird. Aus wenigen Linien entstehen Männer, die auf Sofas hängen, im Café streiten, im Bett liegen, Sex haben, sich verlieben, altern, eifersüchtig werden und selten so souverän durchs Leben gehen, wie sie selbst gern glauben würden. Gerade Schwächen findet Ralf König sympathisch. Unsicherheit, Komplexe, Eitelkeit und das Älterwerden liefern ihm mehr Stoff als makellose Körper und heldenhafte Charaktere. Während andere Comics Männer mit Muskeln, perfekten Gesichtern und beneidenswert unkompliziertem Sex ausstatteten, wollte Ralf König Menschen zeigen, bei denen eben nicht alles glattläuft. Wer seine Figuren betrachtet, erkennt deshalb weniger Idealtypen als jene kleinen Katastrophen, aus denen Alltag besteht:
Einer führt ein ernstes Gespräch, während der andere plötzlich fragt, ob er sich den Bart gefärbt habe. Danach geht es wieder um etwas völlig anderes, bis die Frage zurückkehrt und das Gegenüber endgültig aus dem Konzept bringt. Ralf König liebt diese zweite Ebene in Dialogen, weil wirkliche Gespräche ebenfalls selten einem sauberen Drehbuch folgen. Gerade deshalb stören ihn viele Film- und Fernsehdialoge. Man höre, dass sie am Schreibtisch geschrieben wurden. Menschen sprächen so nicht. Bei ihm entstehen die Antworten häufig beinahe automatisch, als würde die eine Figur die nächste Reaktion bereits in sich tragen. Das funktioniert besonders gut bei Konrad und Paul, seinem seit 1990 gezeichneten schwulen Paar.
Die beiden kennt Ralf König inzwischen so genau, dass sich ihre Sprechblasen beinahe von allein füllen.
Konrad ist eher kulturell interessiert, Paul wesentlich unmittelbarer und sexueller unterwegs. Würden beide heute Anfang zwanzig sein, hätte Paul vermutlich sofort ein Datingprofil, während Konrad sich zurückhaltender an die Sache herantasten würde. Ralf König selbst empfand digitale Datingmöglichkeiten durchaus als Fortschritt. Kneipen waren nie sein bevorzugter Ort. Stundenlang Bier trinken, das ihm nicht schmeckte, zu Musik, die er nicht mochte, um irgendwann übermüdet jemanden anzuschauen, der zurückschaute, fand er wenig verlockend. Als Onlineplattformen aufkamen, erleichterte ihm das die Kontaktaufnahme erheblich. Dass Ralf König so offen über schwules Leben schrieb und zeichnete, wird im Rückblick häufig als mutig bezeichnet. Er selbst widerspricht. „Ich glaube, ich bin eher naiv als mutig.“
Als er in den frühen Achtzigern schwule Comics zeichnete, dachte er nicht darüber nach, welche gesellschaftliche Wirkung sie einmal haben könnten. Er war schwul, zeichnete gern und wollte Geschichten für seine Freunde und die Szene machen. Vorbilder für Comics für Erwachsene hatte er bei Robert Crumb gefunden; nun sollten darin eben Männer miteinander schlafen, lieben, streiten und sich lächerlich machen. Einen pädagogischen Auftrag hatte Ralf König nie. Er wollte niemanden aufklären oder belehren. Gerade darin lag vermutlich ein Teil seiner Wirkung.
Heute erzählen ihm Männer nach Lesungen, seine Bücher hätten ihnen beim Coming-out geholfen oder seien für sie die ersten Geschichten gewesen, in denen schwules Leben nicht ausschließlich problematisiert wurde. Ralf König erfuhr davon damals kaum etwas.
Es gab kein Social Media, Leserreaktionen erreichten ihn nur sporadisch. Er sah lediglich, dass sich die Bücher immer besser verkauften. Inzwischen bekommt er die Rückmeldungen direkt und merkt, dass er etwas geschaffen hat, dessen Bedeutung ihm selbst lange nicht vollständig bewusst war. Kurz vor dem Gespräch erhielt er in Düsseldorf den Landesverdienstorden. Ralf König beschreibt den Moment mit einer Mischung aus Freude und Unglauben: Vor 45 Jahren habe er einen billigen Filzstift genommen und „lustige kleine versaute schwule Männchen“ gezeichnet, nun schüttele ihm der Ministerpräsident die Hand. Es fühlt sich für ihn an, als fahre er gerade eine Ernte ein, mit der er nie gerechnet hatte.
Erfolg hat seine wichtigste Arbeitsweise offenbar nicht verändert.
Ralf König recherchiert ungern Lebenswelten, die ihm fremd sind. Er schreibt lieber über das, was er kennt, und weigert sich, gesellschaftliche Gruppen nur deshalb abzubilden, weil Vollständigkeit erwartet wird. Seine schwulen Figuren speisen sich aus seinem eigenen Leben und Umfeld. Über trans oder nichtbinäre Erfahrungen beispielsweise möchte er keine Geschichten konstruieren, wenn ihm der persönliche Einblick fehlt. Lieber lässt er etwas weg, als so zu tun, als könne er für andere sprechen. Selbst Menschen aus seinem realen Umfeld überträgt er nur selten direkt auf Papier. Ein frühes Erlebnis in Dortmund hat ihn dabei geprägt.
Damals zeichnete er einen Mann aus der schwulen Szene so erkennbar, dass dieser sich selbst und auch andere ihn in der Figur wiederfanden. Ralf König hatte die Wirkung unterschätzt und merkte, dass sich Humor verändert, sobald nicht mehr über einen Typus gelacht wird, sondern über eine konkret erkennbare Person. Seitdem müssen reale Vorbilder, wie er sagt, erst „durch den Humorwolf gedreht“ werden. Seine Nasen sollen allgemeingültig bleiben. Wenn viele sich ertappt fühlen, funktioniert der Witz. Wenn nur einer bloßgestellt wird, nicht. Diese Grenze beschäftigt ihn heute umso mehr, weil Humor empfindlicher verhandelt wird als früher. Ralf König findet Teile der gesellschaftlichen und auch der queeren Debatten humorloser geworden. Selbstironie fehlt ihm häufig. Wer sich selbst grundsätzlich vom Witz ausnimmt, ist für ihn anstrengend.
Gleichzeitig weiß er, dass manche seiner älteren Arbeiten heute anders gelesen werden und dass auch er manches nicht mehr genauso zeichnen würde. Sensibilität hält er nicht grundsätzlich für falsch, nur dürfe sie Humor nicht unmöglich machen. Für junge Zeichner sieht er darin eine Schwierigkeit, die er selbst zu Beginn nicht kannte. Ralf König konnte seine ersten Arbeiten in kleinen schwulen Verlagen veröffentlichen und hatte einen überschaubaren Leserkreis, vor dem er seinen Stil entwickeln durfte. Heute landet ein unfertiger Versuch sofort im Internet und kann öffentlich zerlegt werden. Der geschützte Raum zum Scheitern fehlt. Ausgerechnet das Internet ist für ihn deshalb zugleich Fluch und Segen.
Während der Corona-Pandemie begann Ralf König, täglich kurze Konrad-und-Paul-Comics auf Facebook und Instagram zu veröffentlichen.
Alle saßen zu Hause, alle kannten dieselben absurden Regeln, Unsicherheiten und Gespräche. Die Reaktionen waren enorm, Ralf König genoss die unmittelbare Resonanz und machte weiter. Aus den Posts wurde später das Buch „Vervirte Zeiten“. Jahre später schaut er selbst hinein und staunt darüber, wie fremd inzwischen Situationen wirken, die damals Alltag waren: Abstand halten, Kontaktregeln, Kuchen so herumreichen, dass niemand zu nahe kommt. Comics wurden ungewollt zum Zeitdokument. Gleichzeitig zwingen soziale Plattformen Ralf König zur Selbstzensur. Nacktheit und Sexualität, die in seinen gedruckten Büchern selbstverständlich vorkommen, können Reichweite kosten oder Sperren auslösen. Also klebt er digital schon einmal einen Balken über einen gezeichneten Penis, damit der Algorithmus Ruhe gibt.
Dass ausgerechnet amerikanische Plattformregeln Jahrzehnte nach sexueller Liberalisierung bestimmen, welche Körperteile er zeigen darf, findet Ralf König absurd. Papier erscheint ihm deshalb wieder erstaunlich frei. Bei seinem Verlag sagt niemand, ein Penis sei zu groß und müsse weg. Vielleicht liegt darin eine schöne Pointe für einen Mann, dessen Medium oft totgesagt wurde: Der Comic auf Papier ist plötzlich der Ort, an dem niemand den Filzstift kontrolliert. Ralf König arbeitet derweil an den Nibelungen und kämpft ausgerechnet mit einer Geschichte, die viel größer ist als jene kleinen Alltagsbeobachtungen, in denen er sich zu Hause fühlt. Siegfried, Kriemhild, Brünhild, Walküren, ein Epos voller Figuren und Handlungen – Ralf König hat nach eigener Aussage die Geschichte unterschätzt und sich überschätzt.
Dass er das lachend korrigiert, passt zu seiner Vorstellung von Selbstironie.
Gleichzeitig zeigt die Arbeit, worin sein eigentliches Talent liegt: Er macht lieber kleine Geschichten groß als große klein. Zwei Männer auf einem Sofa können ihm näher sein als ein germanisches Heldenepos. Dort sitzt schließlich das Leben, das ihn seit Jahrzehnten interessiert. Menschen reden aneinander vorbei, möchten geliebt werden, finden sich zu dick, altern, haben Sex, sind peinlich, egoistisch, großzügig und verletzlich. Ralf König muss dafür nicht auf der Straße systematisch Beobachtungen sammeln. Vieles nimmt er auf, vergisst es scheinbar wieder und findet es später in einer Sprechblase.
Wenn in fünfzig Jahren jemand seine Comics liest, hofft er, dass darin noch etwas davon erkennbar ist, wie Menschen zu seiner Zeit miteinander gesprochen und worüber sie sich Gedanken gemacht haben. Dann wird eine heutige Pointe unverständlich sein, vielleicht eine andere überraschend vertraut. Dass Comics überhaupt noch gelesen werden, bezweifelt Ralf König in seinen pessimistischeren Momenten. Doch genau darin steckt eine letzte Ironie: Ein Mann, der einst in einer Möbelfabrik Geschichten erfand, um die Langeweile auszuhalten, hat längst tausende Seiten hinterlassen, auf denen man nachlesen kann, wie sich das Leben in den vergangenen Jahrzehnten angefühlt hat. Und wahrscheinlich wird man dabei auch in fünfzig Jahren zuerst lachen – und erst danach merken, wie viel Wahrheit in diesen dicken Nasen steckt.