
Sabrina Rizzo | Ein Mundwinkel ist erst einmal nur ein Mundwinkel
Ein hochgezogener Mundwinkel ist für Sabrina Rizzo zunächst einmal genau das: ein hochgezogener Mundwinkel. Nicht automatisch Verachtung, nicht der Beweis für eine Lüge und schon gar kein körpersprachlicher Geheimcode, mit dem sich nach einem Wochenendseminar sämtliche Menschen im eigenen Umfeld entlarven lassen. Wer Sabrina Rizzo gegenübersitzt und darauf wartet, dass sie aus einem Blinzeln, verschränkten Armen oder einem kurzen Blick zur Seite die komplette Lebensgeschichte rekonstruiert, dürfte deshalb enttäuscht werden.
Folge 140 | 14. Oktober 2026
Im Gespräch mit André Puchta
„Eine Lüge kann man nicht mit Hacks erkennen“, sagt sie. Jeder Mensch besitzt sein eigenes typisches Verhalten, eine Art persönliche Nulllinie. Erst wenn etwas davon abweicht, wird es interessant – und selbst dann ist eine Auffälligkeit noch keine Antwort. Sie ist eine Frage. Sabrina Rizzo nennt solche Reaktionen „Points of Interest“: Stellen, an denen genauer hingeschaut werden sollte. Gehen beispielsweise beide Augenbrauen nach oben, obwohl jemand behauptet, eine Information längst gekannt zu haben, kann die sichtbare Überraschung im Widerspruch zur Aussage stehen. Damit ist aber noch nichts bewiesen. Die Aufgabe beginnt für Sabrina Rizzo genau dort, wo viele populäre Körpersprache-Ratgeber bereits ihr Ergebnis verkünden würden.

Warum reagiert dieser Mensch so? Was ist der Kontext? Welche Beziehung besteht zwischen den Beteiligten? Was wurde unmittelbar vorher gesagt? Selbst verschränkte Arme, gern als universelles Zeichen für Ablehnung verkauft, können schlicht bedeuten, dass jemand bequem sitzt. Sabrina Rizzo verschränkt ihre eigenen Arme nach eigener Aussage besonders gern, wenn ein Gespräch spannend wird. Die Frau, die Menschen beruflich beobachtet, hat erstaunlich wenig übrig für schnelle Urteile über Menschen. Vielleicht liegt das daran, dass ihr eigener Weg in diesen Beruf alles andere als geradlinig verlief.
Sabrina Rizzo studiert zunächst Mediendesign, arbeitet bei einem Radiosender und stellt irgendwann fest, dass die geplante Medienlaufbahn doch nicht das Richtige ist.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verändert sich die Sicherheitswelt. Zurück in ihrer Heimat Würzburg arbeitet sie unter anderem in der EDV und als Dozentin, landet schließlich bei Sicherheitsaufgaben rund um amerikanische Einrichtungen und steht dort nach ihrer Schilderung mit einer Schusswaffe zwischen Fahrzeugen und militärischer Infrastruktur. Besonders wohl fühlt sie sich damit nicht. Interessanter findet sie etwas anderes: Menschen beobachten und erkennen, ob von ihnen möglicherweise eine Gefahr ausgeht.
Also sucht sie nach einem Ort, an dem genau diese Fähigkeit gebraucht wird, ohne dass sie dafür bewaffnet einen Panzer bewachen muss. Sie landet am Flughafen. In München arbeitet sie mehrere Jahre in der Luftsicherheit, später unter anderem als Ausbildungsleiterin und Auditorin. Der Flughafen wird zu einem Ort, an dem Beobachtung unmittelbare Konsequenzen haben kann. Nervosität allein macht dort niemanden verdächtig. Wer Flugangst hat, kann zittern, angespannt schauen oder auffällig wirken, ohne irgendetwas Verbotenes im Gepäck zu tragen. Eine Person, die wissentlich etwas mitführt, das nicht erlaubt ist, kann ganz andere Verhaltensmuster zeigen. Schwierig wird es, wenn dieselbe sichtbare Angst unterschiedliche Ursachen haben kann. Genau deshalb hält Sabrina Rizzo Kontext für unverzichtbar. „Jeder Mensch ist mein Trainingslager“, sagt sie.
Am Flughafen war der Einsatz nur ernster, weil Fehler dort größere Folgen haben können.
Später bildet sie selbst Sicherheitskräfte aus und versucht, etwas zu trainieren, das zunächst widersprüchlich klingt: maximale Konzentration bei gleichzeitiger Offenheit für Nebensignale. Während eine Kontrolle läuft, stellt sie beispielsweise zusätzlich Prüfungsfragen. Die Mitarbeitenden sollen lernen, nicht vollständig in einer einzigen Aufgabe zu verschwinden. Wer nur auf das Gepäck schaut, bekommt womöglich nicht mit, wie gleichzeitig sprachlich Einfluss genommen wird. Für Sabrina Rizzo ist das weniger eine angeborene Gabe als eine trainierbare Fähigkeit. „Man kann eigentlich alles lernen“, sagt sie, schränkt aber sofort ein, dass ein Seminar noch keinen Experten hervorbringt. Zwei Tage Fahrschule machen schließlich ebenfalls keinen sicheren Autofahrer.
Ihr eigenes Wahrnehmen beschreibt sie inzwischen trotzdem als außergewöhnlich schnell. Sabrina Rizzo sagt von sich, dass sie im autistischen Spektrum ist und in der Analyse menschlicher Verhaltensmuster eine Inselbegabung besitzt. In ihrem Kopf laufe das mitunter „wie ein Computerprogramm“. Menschenlesen sei ihr „Special Interest“; darüber könne sie zwanzig Stunden ohne Skript sprechen. Gleichzeitig produziert genau diese Konstellation kuriose Gegensätze. In einem fachlichen Interview braucht sie kaum Vorbereitung. Wird sie dagegen spontan auf der Straße von einem Menschen angesprochen, der sie aus sozialen Medien erkennt, kann die vermeintlich alltägliche Situation schwieriger werden: Was sagt man jetzt? Was erwartet die andere Person?
Berufliche Sicherheit und soziale Selbstverständlichkeit sind eben nicht dasselbe. Dass Sabrina Rizzo öffentlich gern als „menschlicher Lügendetektor“ bezeichnet wird, nimmt sie deshalb mit Abstand. Sie hält sich durchaus für trainierter als jemanden, der ausschließlich seinem Bauchgefühl folgt. Das Bauchgefühl vieler Menschen sei schließlich oft nichts anderes als unbewusst wahrgenommene Information. Sie selbst versucht, diesen Prozess analytisch zu machen. Unfehlbar macht sie das nicht. Eine Fernsehanfrage, bei der sie einem Schauspieler gegenüber herausfinden sollte, ob dieser ihr etwas vorspielt, lehnte sie ab. Ihre Begründung ist fast wohltuend unspektakulär:
Schauspieler sind Profis. Sie selbst kann einen schlechten Tag haben, der Schauspieler einen sehr guten – und dann liegt sie möglicherweise falsch.
„Meine Arbeit ist kein Spiel“, sagt sie. Wenn sie sich bei einer Einschätzung nicht sicher ist, möchte sie keine Meinung produzieren, nur weil gerade eine Kamera läuft oder jemand eine klare Antwort erwartet. Diese Zurückhaltung wird wichtiger, sobald ihre Arbeit den Unterhaltungsbereich verlässt. Sabrina Rizzo sagt, dass sie kriminalpolizeiliche Ermittlungen und Vernehmungen unterstützt und bei schweren Fällen beratend hinzugezogen wird. Die Verantwortung empfindet sie entsprechend groß. Ermittler hätten oft Monate oder Jahre gearbeitet, bevor sie an bestimmten Punkten zusätzliche Hinweise benötigten. In einem ihrer ersten Fälle sei sie als „i-Tüpfelchen“ bezeichnet worden. Entscheidend sei ihre Einschätzung vielleicht nicht allein gewesen, wichtig aber schon.
Gerade deshalb unterscheidet sie zwischen Hypothese und belastbarer Analyse. Ein Bauchgefühl genügt nicht. Bevor sie eine klare Aussage macht, prüft sie mehrfach. Bei Vernehmungen geht es für sie ebenfalls nicht um jene dramatische Manipulation, die Krimiserien gern zeigen. Vertrauen, Druck, Entlastung und das individuelle Wertesystem eines Menschen können zusammenwirken. Nicht jeder reagiert auf Schuld, schlechtes Gewissen oder moralische Appelle gleich. Ihre Arbeit besteht auch hier darin, Unterschiede wahrzunehmen, statt eine Technik auf jeden Menschen anzuwenden. Parallel hat sich Sabrina Rizzos fachlicher Blick längst aus der Sicherheitswelt in Beziehungen und Alltag verschoben.
Am 19. November 2026 erschien ihr Buch „Gegengift“, das sich mit toxischen Beziehungen, Macht und Manipulation beschäftigt.
Bemerkenswert ist dabei, dass sie den Fokus nicht ausschließlich auf jene Menschen legt, die manipulieren. Sie fragt vor allem, warum bestimmte Verhaltensweisen bei einem selbst so stark wirken. „Warum macht es etwas mit dir?“ ist für sie die interessantere Frage als die pauschale Diagnose des Gegenübers. Was einen Menschen erschöpft, kann einem anderen Energie geben. Kindergeschrei kann für den einen unerträglich sein, für den anderen Lebensfreude bedeuten. Toxizität beschreibt sie deshalb nicht als simple Checkliste, bei der drei angekreuzte Eigenschaften automatisch einen toxischen Partner ergeben. In Beziehungen sieht sie einen kritischen Punkt dort, wo jemand klar formuliert hat, dass ein Verhalten verletzt oder belastet, und der andere trotzdem dauerhaft nicht bereit ist, etwas daran zu verändern.
Auch ihre Erklärung dafür, warum Menschen in schädlichen Beziehungen bleiben, ist komplexer als der bekannte Satz, man suche sich eben unbewusst den Vater oder die Mutter aus der Kindheit. Wer von Anfang an erkennen würde, dass ein Partner exakt jene Eigenschaften besitzt, die man nie wieder erleben wollte, würde sich vermutlich nicht freiwillig darauf einlassen. Entscheidend seien vielmehr Bindungsprozesse, biochemische Reaktionen und Manipulationsmechanismen, die sich schrittweise entwickeln. Ihr Buch soll deshalb weniger Täter katalogisieren als den eigenen „Angriffspunkt“ verständlicher machen. Passend dazu lässt Sabrina Rizzo für das Buch nach eigener Darstellung auch ein digitales Tool entwickeln, in das Nutzer Verhaltensparameter oder Chatverläufe eingeben können, um mögliche Warnsignale einordnen zu lassen.
Ausgerechnet eine Menschenleserin arbeitet also mit künstlicher Intelligenz. Widersprüchlich findet sie das nicht. Bei Deepfakes und automatisierter Analyse setzt sie ebenfalls auf die Kombination beider Welten. Vor einigen Jahren seien künstlich erzeugte Gesichter noch leichter an kleinen Unstimmigkeiten erkennbar gewesen; inzwischen sei das deutlich schwieriger. Technik könne große Datenmengen durchsuchen und bei Veranstaltungen Auffälligkeiten markieren. Den entscheidenden nächsten Schritt sollte ihrer Ansicht nach trotzdem ein Mensch übernehmen. Bei wichtigen Verhandlungen würde sie auf ein persönliches Gespräch bestehen.
Wenn es wirklich um Wahrheit, Täuschung und hohe Konsequenzen gehe, sei Face-to-Face für sie nicht ersetzbar.
Dasselbe Grundmisstrauen gegenüber perfekten Bildern begleitet sie in sozialen Medien. Menschen zeigen dort den schönsten Urlaub, das beste Essen, den attraktivsten Partner und einen möglichst gelungenen Ausschnitt ihres Lebens. Problematisch wird es für Sabrina Rizzo nicht dadurch, dass schöne Dinge gezeigt werden, sondern wenn Betrachter diesen Ausschnitt mit ihrem kompletten Alltag vergleichen. Hinter ausgeschalteten Kameras stehen schließlich dieselben Menschen mit Fehlern, Streit, Müdigkeit und schlechten Tagen. Sabrina Rizzo selbst polarisiert mit ihrer Arbeit, wie sie sagt. Ein großer Teil ihrer Kundschaft und Workshopteilnehmenden sind Frauen; auch aus Unternehmen bekommt sie zunehmend Anfragen. Ihr Ziel beschreibt sie dabei weniger spektakulär, als Berufsbezeichnungen wie Kriminalforensikerin, Polizeicoach oder Verhaltensexpertin vermuten lassen:
Sie möchte Menschen mit ihrem Wissen etwas geben. Sie sei gern Pädagogin. Und wenn andere besonders genau hinschauen, möchte sie vor allem eines, dass sie in ihr erke-nen: „Dass ich authentisch bin. Dass ich die Wahrheit sage.“ Ihre Antworten könnten manchmal roh wirken, sagt sie, dafür seien sie ehrlich und klar. Das passt erstaunlich gut zu einer Frau, deren Beruf mit Zwischentönen, Mikrobewegungen und verborgenen Signalen verbunden wird. Sabrina Rizzo sucht nicht hinter jedem Mundwinkel eine Sensation. Manchmal ist ein Mundwinkel einfach nur ein Mundwinkel. Interessant wird es erst, wenn man bereit ist, noch einmal hinzuschauen.