Stefan Dudzus | Zwischen Indizien und Intuition: Wie Wahrheit entsteht

Stefan Dudzus ermittelt seit mehr als 40 Jahren für Privatpersonen und Unternehmen. Er beschafft Beweise, lehnt Stalking-Aufträge ab, schützt mitunter sogar die Zielperson – und setzt lieber auf Menschenkenntnis als auf Waffen. „Der erste Fall in Stefan Dudzus’ Leben war kein Fall für die Polizei, jedenfalls nicht in seiner Vorstellung. Eine Katze war in der Siedlung überfahren worden, der zwölfjährige Stefan wollte wissen, wer am Steuer gesessen hatte.

Folge 6 | 15. November 2022
Im Gespräch mit André Puchta

Während die Eltern abends unterwegs waren, schlich er sich mit seinem Bruder Olaf und einer Taschenlampe aus dem Haus. Zwei Stunden lang suchten sie nach einem Wagen mit Blutspuren, bis sie ihn fanden. Die Ermittlungsarbeit war damit beendet, die kindliche Strafaktion begann: Die Brüder ließen die Luft aus einem Reifen. „Von dem Augenblick an hat es mich immer so ein bisschen fasziniert, Geheimnisse aufzuklären, hinter die Kulissen zu gucken“, sagt Stefan Dudzus. Mehr als vier Jahrzehnte als Privat- und Wirtschaftsdetektiv später ist die Neugier geblieben. Der Umgang mit Schuld, Beweisen und Grenzen ist komplizierter geworden.

Stefan Dudzus gründete 1981 gemeinsam mit seiner damaligen Lebenspartnerin und späteren Ehefrau eine Detektei in Berlin-Moabit. Zuvor hatte er in der Versicherungsbranche gearbeitet. Ein Betrüger soll sieben Gesellschaften um insgesamt rund 150.000 D-Mark Provision gebracht haben. Stefan Dudzus wollte verstehen, wie sich Mitarbeiter besser überprüfen und solche Schäden verhindern ließen, kam mit einer Detektei in Kontakt und begann nebenbei selbst zu ermitteln.

Sein Vater, ein Oberstudiendirektor, reagierte auf die angekündigte Selbstständigkeit so, wie ein sicherheitsbewusster Beamter vermutlich reagieren musste: Wovon wolle der Sohn leben, und wie sehe es mit der Krankenversicherung aus? Stefan Dudzus antwortete: „Vati, ich werde es nie erfahren, wenn ich es nicht probiere.“ Ein geradliniger Bildungsweg war ohnehin nicht sein Plan gewesen. Er hatte das Abitur abgebrochen, wollte Geld verdienen und hinaus in die Welt. Zeitweise dachte er daran, als Matrose zur See zu fahren. In Hamburg beschied man ihm sinngemäß, ein Auszubildender mit derart guten Schulnoten passe nicht recht in die Mannschaft.

Stefan Dudzus kehrte nach Berlin zurück. Seine Detektei entwickelte sich dagegen zügig. Erste Presseberichte erschienen bereits 1984, unter anderem über einen Mann, den man heute als Stalker bezeichnen würde und der die Reifen seiner früheren Freundin zerstach. Aufträge kamen, mit den Fällen wuchs die Erfahrung – und mit der Erfahrung die Einsicht, dass ein Detektiv keineswegs automatisch auf der Seite desjenigen steht, der die Rechnung bezahlt. Wer Stefan Dudzus engagieren will, muss ein berechtigtes oder rechtliches Interesse nachweisen. Ein Mann, der lediglich wissen möchte, was seine frühere Freundin in Berlin macht, nachdem sie ihn blockiert hat, bekommt von ihm keine Observation.

In solchen Situationen müsse man mitunter „auch seine Zielperson beschützen“, sagt er.

Besonders ernst wird diese Abwägung, wenn Familien nach einer volljährigen Tochter suchen und sich hinter dem angeblichen Vermisstenfall möglicherweise die Absicht verbirgt, sie gegen ihren Willen in eine Ehe zu drängen. Stefan Dudzus würde nach eigener Darstellung versuchen, die junge Frau zu finden, ihren Aufenthaltsort aber nicht an die Familie weitergeben. Ein Gespräch könne an einem neutralen, abgesicherten Ort stattfinden. Zur unfreiwilligen Rückkehr werde er nicht beitragen.

Damit entfernt sich sein Berufsalltag weit von der Vorstellung, Detektive seien käufliche Augen für jede Form von Misstrauen. Stefan Dudzus sieht sich bei manchen Anfragen eher als Korrektiv. Einer Frau, die den Betriebsausflug ihres stets pünktlich heimkehrenden Mannes überwachen lassen wollte, riet er, die Sache ruhen zu lassen. Selbst wenn dort ein Flirt stattfinde, sitze der Ehemann am nächsten Morgen wieder mit ihr am Frühstückstisch. Die Auftraggeberin begann zu schmunzeln. „Es ist nicht wichtig, das zu wissen“, sagt Stefan Dudzus. Ein bemerkenswerter Satz für jemanden, der davon lebt, Dinge herauszufinden.

In anderen Fällen ist Wissen sehr wohl entscheidend. Privatkundinnen suchen häufig nach einem früheren Partner, der keinen Unterhalt zahlt, sich offiziell mittellos rechnet und zugleich schwarzarbeitet. Unternehmen wollen klären, ob Beschäftigte während einer Krankschreibung auf einer anderen Baustelle Geld verdienen, Spesen abrechnen, die nie entstanden sind, oder sich beim Einkauf mit einer Rolex, einer Reise oder Zahlungen an Angehörige gefügig machen lassen.

Die Schäden können nach Stefan Dudzus’ Schilderung von einigen Tausend bis zu Millionenbeträgen reichen.

Was nach Wirtschaftskrimi klingt, beginnt in der Praxis oft mit Belegen, Uhrzeiten, langen Wartephasen und der Frage, ob ein Verdacht überhaupt belastbar genug ist, um jemanden beobachten zu dürfen. Einen seiner spektakuläreren Fälle erzählt Stefan Dudzus aus dem Umfeld einer bundesweit bekannten Erotik-Filialkette. Waren verschwanden dort „lastwagenweise“, während Testkäufe in den Geschäften zunächst keine Auffälligkeiten ergaben. Die Ermittler änderten ihre Methode, näherten sich Filialverantwortlichen in deren privatem Umfeld und gaben vor, größere Mengen pornografischen Materials für Kunden in Russland zu benötigen. Mehrfach konnten sie Ware deutlich unter dem regulären Preis kaufen.

Sieben Filialleiter gerieten ins Visier, schließlich führte die Spur nach Stefan Dudzus’ Erinnerung zu einem hochrangigen Prokuristen, der Warenpapiere gefälscht und genug Material beiseitegeschafft haben soll, um zwei eigene Märkte auszustatten. Die Berliner Polizei durchsuchte mehrere Orte, ein Lastwagen transportierte die sichergestellte Ware ab. Stefan Dudzus bewahrt nach eigener Aussage bis heute ein Schreiben des Berliner Polizeipräsidenten von 1989 auf, das die Zusammenarbeit würdigte.

Solche Geschichten liefern die Bilder, die man von einem Detektiv erwartet. Die eigentliche Professionalität zeigt sich für Stefan Dudzus jedoch nicht in der Menge beschlagnahmter Kartons, sondern in der Art, wie Erkenntnisse gewonnen werden. „Die Beweise, die wir sammeln, müssen auf legale Art und Weise zusammengetragen werden“, sagt er. Telefonate abhören, Wohnungen verwanzen, heimlich Gespräche aufnehmen oder beliebig Kameras installieren: all das scheidet aus. Selbst Fotos seien nicht automatisch ein gerichtsfester Beweis.

Entscheidend sei häufig die Aussage des Observanten darüber, was er wahrgenommen hat.

Bilder könnten dokumentieren, dass ein Mitarbeiter am Ort war, seien aber wegen Datenschutz, Persönlichkeitsrechten und möglicher unbeteiligter Personen mit Bedacht zu behandeln. Die digitale Technik hat das Geschäft nicht nur erleichtert. „Wir sind selber Knechte unserer eigenen Technik“, sagt Stefan Dudzus. Ein ungeschütztes Smartphone könne zum Einfallstor werden. Er berichtet von einer Frau, die das Telefon ihres Mannes über Jahre ausspioniert und die gewonnenen Informationen später in einem Sorgerechtsstreit verwendet habe.

Mandanten, die vermuten, mit einer App überwacht zu werden, rät er bei konkreten Anhaltspunkten zur Polizei und bisweilen zu einem neuen Gerät, statt ihnen eine filmreife Gegenüberwachung zu versprechen. Der moderne Detektiv muss offenbar ebenso oft erklären, was nicht erlaubt oder nicht sinnvoll ist, wie er tatsächlich observiert. Auch die praktische Arbeit besitzt wenig von der Eleganz eines Fernsehkommissars. Stefan Dudzus nennt Zähigkeit, Ausdauer, Menschenkenntnis und körperliche Belastbarkeit als Voraussetzungen.

Matula fahre im Fernsehen von Frankfurt nach Wiesbaden hinter einer Zielperson her, ohne entdeckt zu werden. Nicht zu sehen seien die zehn Stunden zuvor im aufgeheizten Auto, der unvermeidliche Toilettengang oder der Müllwagen, der ausgerechnet im entscheidenden Moment die Ausfahrt blockiert. Wer verdeckt ermittelt, muss sich zudem in fremde Milieus einfügen: als Vertreter, Kellner, Versicherungsfachmann oder zufällige Bekanntschaft in einer Kneipe. „Du musst einen zweiten Kopf haben zum Lügen“, formuliert Stefan Dudzus drastisch. Eine Legende müsse über Jahre konsistent bleiben, damit man jederzeit in diese Identität zurückkehren könne.

Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wählt er deshalb nicht nach dem Bild des sportlichen Einzelkämpfers aus.

Eine damals 72-jährige Kollegin sei besonders wertvoll gewesen, weil Menschen ihr schnell vertrauten. Stefan Dudzus selbst trainierte früher Judo bis zum braunen Gürtel, möchte körperliche Auseinandersetzungen aber gerade vermeiden. Waffen trägt er nicht. Bewachung und Personenschutz seien nicht sein Feld. „Lieber Gehirnschmalz“, sagt er. Manchmal gehört dazu auch, den eigenen Fehler einzugestehen.

1987 half er, Instrumente der Berliner Beatles-Revival-Band Penny Lane wiederzufinden, die zusammen mit einem Tourbus gestohlen worden waren. Unter den verschwundenen Stücken befand sich ein seltenes Schlagzeug, das dem von Ringo Starr entsprechen sollte. Ein Hinweisgeber verriet seinen Nachbarn – nicht aus staats-bürgerlichem Pflichtgefühl, sondern weil dieser ihm einmal die Freundin ausgespannt hatte. Stefan Dudzus gelangte zu den Instrumenten, legte einem Verdächtigen Handschellen an und brachte ihn zur Polizei. Später wurde gegen ihn selbst ermittelt.

Die Festnahme nach dem Jedermannsrecht sei nicht gerechtfertigt gewesen; Stefan Dudzus erhielt nach seiner Schilderung 20 Tagessätze. Die Episode passt schlecht zum Mythos vom unfehlbaren Ermittler und gerade deshalb gut zu seinem Porträt. Wer beruflich Grenzen prüft, kann sie auch überschreiten. Mit James Bond teilt Stefan Dudzus immerhin die Vorliebe für Herausforderungen. Seit 1997 besitzt er einen Pilotenschein, absolvierte später in Florida die Ausbildung zum Berufspiloten und erwarb sogar eine Musterberechtigung für die Boeing 747. Seine frühere Partnerin habe über ihn gesagt, er verwirkliche permanent, was er sich in den Kopf setze.

Stefan Dudzus widerspricht nicht. Der entscheidende Unterschied zum Geheimagenten liege ohnehin anderswo: „Wir retten nicht die Welt.“ Seine Fälle handelten von „den Schicksalen der kleinen Menschen“ – von Eltern, die sich um einen Jugendlichen sorgen, von einer Mutter, die Unterhalt durchsetzen muss, oder von einem Unternehmer, der wissen will, weshalb Geld und Waren verschwinden. An Ruhestand denkt Stefan Dudzus nicht. Am Wochenende entspannt er auf einem Golfplatz nördlich von Berlin, doch selbst dort arbeitet der Kopf weiter.

„Ich schlafe nicht, ich werde nur manchmal ohnmächtig zwischendurch“, sagt er. Aus dem Büro, fügt er hinzu, werde man ihn wohl „mit den Füßen zuerst“ hinaustragen. Der Zwölfjährige mit der Taschenlampe wollte damals nur herausfinden, welches Auto die Katze überfahren hatte. Der erfahrene Detektiv stellt heute vor jeder Suche eine schwierigere Frage: Wer hat überhaupt ein Recht auf die Antwort – und was könnte geschehen, wenn er sie bekommt?

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