
Tara Mader | Der Tod wartet sowieso: Warum das Leben heute beginnt
Tara Mader ist Bestatterin, Trauerbegleiterin und Tischlerin. Sie glaubt, dass ein guter Abschied nicht mit einem Katalog beginnt, sondern mit der Frage, was einen Menschen ausgemacht hat – und dass Trauer mehr Raum braucht als schwarze Kleidung und ein festes Ritual.
Folge 32 | 15. Januar 2025
Im Gespräch mit André Puchta
Als ihre Großmutter starb, wollte Tara Mader am liebsten weglaufen. Sie war Anfang 20, saß am Bett einer Frau, die ihr viel bedeutete, und wusste zwar, dass deren Krebserkrankung tödlich verlaufen würde. Dass der Tod ausgerechnet in diesem Moment eintreten würde, hatte sie trotzdem nicht erwartet. Bis dahin hatte Tara Mader geglaubt, das Sterben eines Menschen sei etwas nahezu Unerträgliches, etwas, das man besser nicht sieht.

Dann saß sie da, ihre Großmutter starb – und der gefürchtete Augenblick fühlte sich vollkommen anders an. „Ich habe gemerkt: Das ist immer noch meine Oma, die jetzt gestorben ist“, sagt Tara Mader. Zur Angst gesellte sich etwas, mit dem sie nicht gerechnet hatte: Dankbarkeit. „Dass ich dabei sein durfte.“ Diese Erfahrung sollte Jahre später entscheidend werden. Nicht, weil sie den Tod plötzlich schön fand. Auch nicht, weil Trauer dadurch weniger schmerzhaft geworden wäre. Sondern weil sie begriff, dass Abschiednehmen etwas Aktives sein kann.
Etwas, das Menschen nicht nur widerfährt, sondern das sie mitgestalten können. Bei der Beerdigung ihrer Großmutter erlebte Tara Mader allerdings zunächst das Gegenteil. Die engste Familie organisierte die Trauerfeier weitgehend nach einem vertrauten Muster. Viel Mitsprache gab es aus ihrer Erinnerung nicht. „Tot, vorbei, weitermachen“, beschreibt sie den Umgang mit Sterben und Trauer, den sie in ihrem Umfeld erlebt hatte.
Die Feier war klassisch, konventionell, in vielem vorgegeben.
Für Tara Mader funktionierte das trotzdem, weil sie ihren persönlichen Abschied bereits am Sterbebett gefunden hatte. Sechs Jahre später starb ihr Vater. Diesmal kam der Tod plötzlich. Ein Herzinfarkt, Wiederbelebung, anschließend vier Tage Intensivstation. In diesen Tagen begriff die Familie, dass der Vater nicht mehr in das Leben zurückkehren würde, das zu ihm gepasst hatte.
Tara Mader beschreibt ihn als ausgesprochen selbstbestimmten Menschen. Ein Leben in dauerhafter Abhängigkeit von Pflege und Hilfe hätte er nach ihrer Überzeugung nicht gewollt. Die Situation brachte nicht nur Trauer, sondern Entscheidungen mit sich. Und dann trat Gabi in ihr Leben. Gabi war die Bestatterin ihres Vaters. Für Tara Mader wurde die Begegnung zum Gegenentwurf zu allem, was sie zuvor mit Beerdigungen verbunden hatte. Die Bestatterin arbeitete keinen Fragenkatalog ab. Sie hörte zunächst zu.
Sie fragte die Familie, wie es ihr ging, was sie brauchte, und machte Vorschläge, ohne sie aufzudrängen. Einer davon war die Abschiednahme am offenen Sarg. Ein Teil der Familie wollte davon zunächst nichts wissen. Schließlich hatten alle den Vater im Krankenhaus gesehen. Wozu noch einmal? Am Ende entschieden sie sich doch dafür. Für Tara Mader wurde dieser Moment prägend. „Du spürst: Das Leben ist aus diesem Körper verschwunden“, sagt sie.
Der kalte Körper machte den Tod begreifbar. Nicht schöner, aber realer.
Nach dieser Erfahrung formulierte sich in ihr erstmals ernsthaft der Gedanke, selbst Bestatterin zu werden. Es war einer jener Berufswechsel, die auf dem Papier vollkommen sprunghaft aussehen und sich aus der Biografie plötzlich erstaunlich logisch lesen. Denn Tara Mader hatte zuvor bereits einige Wege ausprobiert. Nach dem Abitur begann sie Jura zu studieren. Nicht aus großer Leidenschaft, sondern weil sie nicht genau wusste, wohin es gehen sollte, und Jura nach einer soliden Entscheidung klang.
Sie war mit dem Satz aufgewachsen, dass man beendet, was man angefangen hat. Also hielt sie durch, obwohl sie längst zweifelte. Nach acht Semestern zog sie schließlich die Konsequenz. „Es geht nicht. Das geht einfach nicht.“
Was ihr fehlte, waren körperliche und kreative Arbeit. Sie begann eine Ausbildung zur Tischlerin. Auch dort traf die Vorstellung auf die Wirklichkeit. Tara Mader hatte sich Möbelbau, Gestaltung und Kreativität ausgemalt und bekam einen Ausbildungsalltag, in dem der Chef bestimmte, welcher Arbeitsauftrag erledigt werden musste.
Wieder stellte sich Ernüchterung ein. Diesmal hielt sie durch und schloss die Ausbildung ab. Dass ihr handwerklicher Hintergrund heute in ihrem Beruf noch eine Rolle spielen kann, hat einen fast schwarzen Humor: Auch ein Sarg lässt sich gestalten. Vor der Bestattungsbranche kam aber zunächst die Gastronomie. Seit der Schulzeit hatte Tara Mader in einem Café gearbeitet, das für sie mehr war als ein Nebenjob.
„Das war mein Zuhause“, sagt sie. 2016 übernahm sie den Betrieb schließlich selbst.
Es war ein lange gehegter Wunsch. Dann starb ihr Vater, und die Erfahrung mit dessen Bestatterin verschob etwas. „Dieser Job ist ja wirklich sinnvoll“, dachte Tara Mader über Gabis Arbeit. „Unglaublich bereichernd und lebensbejahend.“ Lebensbejahend – ausgerechnet der Beruf, der sich permanent mit dem Tod beschäftigt. Tara Mader blieb zunächst in der Gastronomie, wurde Mutter von zwei Kindern und versuchte, Selbstständigkeit und Familie zusammenzubringen.
Der Plan, das alles „ganz easy“ nebeneinander laufen zu lassen, hielt der Wirklichkeit nicht stand. Saisonabhängige Gastronomie, zwei Kinder, Selbstständigkeit: Irgendwann war klar, dass dieses Modell für sie nicht mehr funktionierte.
Der Gedanke an die Bestattungsarbeit war dagegen geblieben. Sie hospitierte, machte Praktika und ging wieder zu Gabi. „Pass mal auf, das ist mein Wunsch. Ich will das wirklich, wirklich gerne“, sagte sie. Eine Sorge hatte sie aller-dings: Wie würde es sein, nicht den eigenen verstorbenen Vater oder die Großmutter zu sehen, sondern fremde Tote? Sie probierte es aus.
Heute arbeitet Tara Mader als Bestatterin und hat zusätzlich eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin absolviert. Die Formalitäten gehören für sie selbstverständlich zum Beruf: Standesamt, Friedhof, Rentenversicherung und, wenn gewünscht, weitere Abmeldungen. Trotzdem beschreibt sie das alles fast als den leichter erlernbaren Teil. Gesetze könne man nachlesen, Abläufe lernen. Schwieriger und wichtiger sei etwas anderes: „Die Familien sehen in all ihren Bedürfnissen, die dann da sind nach dem Tod eines geliebten Menschen.“
Darin unterscheidet sich für sie auch ein individueller von einem rein standardisierten Abschied.
Mit dem Begriff „alternative Bestattung“ fremdelt sie inzwischen. Denn eine Seebestattung, eine Beisetzung unter einem Baum oder eine klassische Erdbestattung sagen noch nichts darüber aus, wie persönlich die Begleitung war. Auch ein traditioneller Sarg kann Teil eines vollkommen individuellen Abschieds sein. Entscheidend ist die Haltung.
Tara Mader möchte keine Produktverkäuferin sein. In ihrem Grundangebot reicht ihr ein unbehandelter Kiefernholzsarg – gerade weil er sich später in alles Mögliche verwandeln lässt. Familien können ihn bemalen, beschreiben oder bekleben. Bei der Kleidung fragt sie nicht nach einem vermeintlich würdevollen Standard, sondern nach dem Menschen. Wer zu Lebzeiten fast ausschließlich Jogginghose trug, muss im Tod nicht plötzlich aussehen wie ein Bankdirektor.
„Man möchte sich ja von einer Person verabschieden, die man geliebt hat und immer noch liebt“, sagt Tara Mader „Dann möchte man da nicht einen verkleideten Körper sehen.“ Sie fragt deshalb nach Lieblingskleidung, Socken, Kissen, Musik, Fotos und Gewohnheiten. Der Satz, der ihre Haltung vielleicht am besten zusammenfasst, lautet: „Verrate mir, wie wir dein Leben feiern sollen.“ Dabei bedeutet Feiern nicht, Trauer wegzulächeln. Es bedeutet, den Menschen nicht hinter einer Konvention verschwinden zu lassen.
Tara Mader hat in ihrer eigenen Familie erlebt, wie stark solche Abschiede sein können. In Berlin darf ein verstorbener Mensch unter bestimmten Voraussetzungen noch einmal für eine gewisse Zeit nach Hause gebracht werden. Tara Mader hat das selbst organisiert. Rund 40 oder 45 Menschen kamen zusammen. Sie aßen, hörten Musik, umarmten einander, weinten und lachten. Für Tara Mader war das nicht pietätlos, sondern im Gegenteil: „Das war wirklich mal das Leben feiern.“
Auch Kinder würde sie aus solchen Situationen nicht grundsätzlich ausschließen.
Voraussetzung ist, dass eine stabile Bezugsperson sie begleitet. Kinder spürten ohnehin, dass etwas geschehen sei. Verunsicherung entstehe eher, wenn Erwachsene nicht erklären, warum alle traurig sind oder weshalb ein vertrauter Mensch plötzlich fehlt. Ähnlich denkt Tara Mader über Menschen mit Demenz. Seit 2024 ist sie zertifizierte demenzfreundliche Bestatterin.
Sie kritisiert, dass Erkrankte bei Abschieden oft vorschnell ausgeschlossen werden – etwa mit der Begründung, sie bekämen ohnehin nichts mehr mit. „Da geht ganz viel verloren in der Demenz, aber das Gefühl überhaupt nicht.“ Liebe und Bindung blieben. Wer einen dementen Menschen von der Beerdigung eines Ehepartners fernhält, nimmt ihm möglicherweise einen Abschied, nur weil seine Wahrnehmung nicht mehr der eigenen entspricht.
Tara Mader warnt ohnehin vor einem vermeintlichen Richtig und Falsch in der Trauer. Manchmal lehnen Angehörige einen Vorschlag zunächst entschieden ab und ändern ihre Meinung später. Manche stehen schließlich vor dem Raum, in dem der Verstorbene liegt, und entscheiden sich doch dagegen hineinzugehen. Auch das akzeptiert sie. „Das sagt nichts aus über den Grad der Liebe.“
Für sie ist gerade die Fähigkeit, eine eigene Grenze zu erkennen, kein Versagen.
Niemand muss einen offenen Sarg sehen, einen Sarg bemalen oder eine ungewöhnliche Trauerfeier gestalten, nur weil individuelle Abschiede gerade moderner wirken. Selbstbestimmung bedeutet auch, klassische Wege wählen zu dürfen. Zu dieser Haltung passt, dass Tara Mader kaum Regeln für die Trauerfeier aufstellen möchte. Fotos? Warum nicht. Eine Diashow? Natürlich.
Eine selbst zusammengestellte Playlist? Ebenso. Professionelle Dokumentarfotografie gibt es inzwischen auch für Beerdigungen. Selbst bei der Frage nach einem letzten Foto am offenen Sarg weigert sie sich, pauschal zu urteilen. Wenn eine Tochter ein letztes Bild mit ihrem Vater möchte, könne das für sie vollkommen stimmig sein. Entscheidend sei, wer handelt und warum.
Die besten Begleitungen seien für sie ohnehin diejenigen, „wo ich fast gar nichts zu tun habe“. Dann hätten Familien ihre eigene Kraft wiedergefunden und gestalteten den Abschied selbst. Ein Punkt frustriert sie dennoch: Die gesetzlichen Grenzen persönlicher Bestattung.
Sie würde sich wünschen, dass Menschen künftig größere Freiheiten erhalten.
Etwa die Möglichkeit, eine Urne für eine gewisse Zeit mit nach Hause zu nehmen und die Asche später an einem persönlich bedeutsamen Tag beizusetzen. Geburtstag, Hochzeitstag oder ein anderes Datum könnten für eine Familie wichtiger sein als eine administrativ bestimmte Frist. Ihr größerer Wunsch ist allerdings gesellschaftlicher. Tara Mader hofft auf eine Zeit, in der ein Gespräch über Bestattung nicht mehr außergewöhnlich wirkt.
In der Menschen früher darüber sprechen, wie sie sterben, betrauert und verabschiedet werden möchten. Denn für sie beginnt Vorsorge nicht mit einer ausgefüllten Checkliste. Sie kann beiläufig anfangen: ein Lied, das unbedingt gespielt werden soll; eine Blume, die jemand liebt; der Gedanke, lieber in den eigenen Kleidern als in einem Totenhemd zu liegen. Daraus kann ein Gespräch entstehen. Mit Angehörigen – oder, wie Tara Mader lieber sagt, mit Zugehörigen: Familie, Freunde, Nachbarn, Wahlfamilie, all jene Menschen, die sich wirklich kümmern.
Als ihre Großmutter 2010 starb, dachte Tara Mader noch, sie könne den Anblick des Todes kaum ertragen. Heute ist sie rund um die Uhr für Menschen erreichbar, wenn genau dieser Moment in deren Leben eintritt. Dazwischen liegen Jura, Tischlerei, Gastronomie, zwei Kinder, die Erfahrung mit dem Tod des eigenen Vaters und die Erkenntnis, dass Abschied nicht weniger traurig wird, wenn man ihn selbst gestaltet. Aber vielleicht etwas weniger fremd.