
Thomas Gehre | Zwei Tage vor der Mauer
In einer Novembernacht des Jahres 1989 verlässt Thomas Gehre gegen zwei Uhr seine Wohnung in Nordhausen. Seine Frau schläft, die gemeinsame Tochter ist drei Jahre alt. Thomas Gehre nimmt nicht viel mit, lässt sogar das Auto zurück und geht zum Bahnhof. Als er über die Schwelle tritt, sagt er sich einen Satz, der sich einprägt: Ab jetzt gibt es keinen Weg zurück. Seine Frau weiß nichts von der geplanten Flucht. Nicht wirklich.
Folge 124 | 1. September 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Thomas Gehre hatte mit ihr gesprochen, allerdings so verklausuliert, dass sie erst später verstehen sollte, was er gemeint hatte. Er fürchtete, sie würde versuchen, ihn aufzuhalten. Also entscheidet er allein – und nimmt in Kauf, Frau und Tochter womöglich nie wiederzusehen.
Wer heute dem Präsidenten der Handwerkskammer Hannover zuhört, einem Mann, der gern von Mut, Verantwortung, Unternehmertum und der Kraft guter Netzwerke spricht, versteht vieles davon besser, wenn man diese Nacht kennt. Thomas Gehre steigt in einen Zug, trifft unterwegs einen Mann mit demselben Ziel, läuft später kilometerweit zu Fuß, gelangt über die Grenze in die damalige Tschechoslowakei und wird dort von Männern aufgegriffen, die den Flüchtenden ihr Geld abnehmen, sie dafür aber Richtung bayerische Grenze bringen.

Es ist dunkel und neblig, als Thomas Gehre schließlich weiterläuft. Irgendwann ist er in Schirnding. Im Westen. Menschen empfangen ihn freundlich, er schläft in einer Turnhalle, und am nächsten Morgen tut er etwas, das für einen gelernten Elektriker offenbar ebenso naheliegend ist wie für andere der Gang zum Bäcker: Er besucht einen Baumarkt. Dort steht Thomas Gehre vor Regalen voller Lichtschalter und kann kaum glauben, wie viele Varianten eines Gegenstands existieren können, den er bisher vor allem nach Verfügbarkeit kannte. Zwei Tage später fällt die Berliner Mauer. Thomas Gehre sitzt bei seiner Schwester in Königstein in der Oberpfalz und sieht die Bilder im Fernsehen.
Seine erste Reaktion ist erstaunlich und aus heutiger Sicht vielleicht nur zu verstehen, wenn man weiß, warum er geflohen war. Sinngemäß denkt er: Was wollen die denn jetzt hier? Für ihn ging es nie nur darum, im Westen mehr kaufen oder verdienen zu können. Er wollte ein System verlassen, von dem er überzeugt war, dass es Eigeninitiative und Verantwortung erstickte. Aufgewachsen war er in einem Dorf bei Quedlinburg. Seine Großeltern hatten vor seiner Geburt als eine Art Lohnunternehmer gearbeitet und Land besessen, das ihnen in der DDR weggenommen wurde.
Wenn seine Großmutter mit ihm zum Garten fuhr, zeigte sie ihm Grundstücke und erzählte, dass diese einmal der Familie gehört hatten.
Für den Jungen waren das zunächst nur Geschichten. Später entstanden daraus Fragen. In der Schule fiel Thomas Gehre weniger durch mangelnde Leistung als durch mangelnde Bereitschaft auf, Dinge einfach hinzunehmen. Seine Kopfnoten sprechen für sich: Fleiß und Mitarbeit sehr gut, Betragen eher schwierig. Er fragte nach, auch dann, wenn Vertreter der Nationalen Volksarmee in der Schule für eine längere Verpflichtung warben.
Trotz sehr guter Leistungen durfte er kein Abitur machen. Später bewarb er sich bei der Deutschen Seereederei beziehungsweise für berufliche Wege, die ihm eine Perspektive eröffnet hätten, und dachte zeitweise sogar über eine Offizierslaufbahn bei der Marine nach. Die Antwort blieb hängen: Er sei „sozialistisch nicht tragbar“. Was das konkret bedeuten sollte, konnte der junge Thomas Gehre zunächst kaum greifen. Seine Mutter offenbar schon. Die Familie lebte nicht so, wie der Staat es von besonders linientreuen Bürgern erwartete. Thomas Gehre machte deshalb das, was ihm blieb: Er suchte sich eine gute Ausbildung.
Von 1982 bis 1985 lernte er Elektroinstallateur, eine begehrte Ausbildung mit nur wenigen Plätzen im Landkreis Quedlinburg. Das Handwerk passte zu ihm, weil es etwas verlangte, das ihm ohnehin lag: Probleme ansehen, verstehen, lösen. In der DDR kam noch eine zweite Fähigkeit hinzu. Wenn etwas fehlte, konnte man nicht einfach bestellen. Ein Fahrrad wurde repariert, Ersatzteile wurden irgendwoher beschafft, Lösungen improvisiert. Thomas Gehre nennt diese Prägung bis heute hilfreich. Wenn ihm jemand ein Problem beschreibt, beginnt sein Kopf zu arbeiten. Seine Frau kennt das.
Wenn Thomas sage, er habe einen Plan, sei dieser innerlich meistens schon ziemlich weit gebaut.
Genau diese Haltung machte ihm das Leben im DDR-System zunehmend schwer. Nach der NVA-Zeit lernte er seine heutige Frau kennen. Sie war anders sozialisiert, stärker im staatlichen Umfeld verwurzelt, ihre Eltern Funktionäre. Für Thomas Gehre war das gleichzeitig die Begegnung mit einer anderen DDR. Menschen konnten auch innerhalb der engen Grenzen des Systems zufrieden leben. Nur seine eigenen Grenzen empfand er als zu eng.
Als 1989 ein Bereitstellungsbefehl für ehemalige NVA-Angehörige eintraf, wuchs seine Sorge, die politische Situation könne eskalieren und die Grenzen könnten endgültig dichtgemacht werden. Seine Schwester war bereits ein Jahr zuvor über Ungarn in den Westen gelangt. Ein Telefonat mit dem Schwager genügte: Wenn du kommst, findest du Arbeit. Thomas Gehre ging. Eine Woche nach der Flucht telefoniert er mit seiner Frau. Sie erklärt, dass sie mit der Tochter nachkommen werde.
Nun erlebt er den nächsten jener Momente, die in einer Lebensgeschichte zu klein klingen, um erfunden zu sein. Thomas Gehre und sein Schwager wollen sie in Hof abholen. Die Frau ruft an und sagt: Sie sei gar nicht in Hof, sondern in Duderstadt. Also fährt man quer durchs Land. Wenig später ist die Familie wieder zusammen. Beim Besuch des Aufnahmelagers in Weiden gehen beide in ein Kaufhaus. Die Gerüche und die Warenfülle überwältigen sie. Seine Frau möchte sich draußen ein belegtes Brötchen kaufen, entscheidet sich dann aber dagegen: Dafür sei ihr das Westgeld zu schade.
Solche Erinnerungen sind bei Thomas Gehre keine Folklore, sondern kleine Markierungen eines radikalen Neuanfangs.
Er findet rasch Arbeit in einem Elektroinstallationsbetrieb bei Neuhaus an der Pegnitz, sammelt Erfahrung, zieht später mit seiner Familie nach Niedersachsen und arbeitet in einem größeren Elektrobetrieb in Nienburg an der Weser. Führungsaufgaben kommen hinzu.
Kollegen und Geschäftspartner spiegeln ihm, dass er mehr könne. Also entscheidet er sich für die Meisterschule – zunächst nicht, um sich selbstständig zu machen, sondern um als Meister in seinem Betrieb arbeiten zu können. Das Problem: Während er noch lernt, stellt sein Arbeitgeber bereits einen anderen Meister ein. Ein Bauunternehmer redet Thomas Gehre daraufhin immer wieder zu: Mach dich selbstständig. Thomas Gehre hält dagegen, dass ihm das Geld fehlt. Irgendwann kommt er nach Hause und sagt seiner Frau dennoch, dass er nach der Meisterschule genau das tun werde.
Für die Meisterausbildung selbst nimmt er einen Kredit auf, den er noch heute als teuersten seines Lebens bezeichnet: 29.000 D-Mark zu neun Prozent Zinsen. Für die Gründung braucht er erneut Geld, ein Fahrzeug, Material, Betriebsmittel. Er soll ein Markteinführungskonzept schreiben und vor einer Runde erklären, wie seine Firma funktionieren soll. Dann verlangt die Bank eine Bürgschaft. Thomas Gehre geht zu jenem Unternehmer, der ihn zur Selbstständigkeit gedrängt hatte. Dessen Antwort ist ebenso trocken wie lehrreich:
Bevor er für 20.000 Mark bürge, gebe er ihm das Geld lieber bar. Thomas Gehre versteht an diesem Tag etwas über Banken, Sicherheiten und Unternehmertum, das keine Meisterprüfung abfragt. Bei einer anderen Bank sitzen später zwei junge Mitarbeiter bei ihm auf der Couch, hören sich seine Pläne an und helfen bei der Finanzierung. Beide sind nach seiner Erzählung bis heute Freunde. Aus dem kleinen Elektrobetrieb wird über die Jahre ein Unternehmen mit einem Ruf, der Thomas Gehre erlaubt, auf Preisverhandlungen gelassen zu reagieren. Wenn ein Kunde fragt, ob am Preis noch etwas zu machen sei, lautet seine Antwort: Nein – dafür bekommen Sie sehr gute Arbeit.
Das klingt selbstbewusst, bei ihm aber nicht großspurig.
Für Thomas Gehre besteht der Deal aus zwei Teilen: Wer den Preis verteidigt, muss auch Qualität liefern. Eine schiefe Steckdose kann schließlich die Wahrnehmung eines ansonsten perfekt installierten Hauses bestimmen. Dieses Beispiel benutzt er gern auch für Deutschland. Vieles funktioniere gut, nur werde darüber kaum gesprochen. Eine kaputte Straßenlaterne, deren Reparatur anderthalb Jahre dauert, bleibt stärker im Gedächtnis als hundert Dinge, die geräuschlos erledigt werden.
Thomas Gehre gehört nicht zu denen, die Probleme kleinreden. Bürokratie und komplizierte Ausschreibungen ärgern ihn erheblich. Wenn bei öffentlichen Bauprojekten am Ende nur ein Betrieb ein Angebot einreicht, weil Anforderungen andere abschrecken, sieht er Handlungsbedarf. Gleichzeitig nimmt er das Handwerk selbst in die Pflicht.
Deutschland sei auch „Weltmeister im Normen“, und jede Branche verteidige gern genau jene Regel, die ihr selbst nützt. Bürokratieabbau funktioniert für ihn deshalb nicht allein durch Politiker, die Vorschriften streichen.
Verbände, Industrie und Handwerk müssten ebenfalls bereit sein, Verantwortung statt Absicherung zu übernehmen. Genau darin erkennt er den Wert des Meistertitels: irgendwann sagen zu können, dafür stehe ich ein. Thomas Gehre selbst blieb technisch nie bei dem stehen, was er während seiner Ausbildung gelernt hatte. Schon früh beschäftigte er sich mit programmierbaren Steuerungen, später intensiv mit Smart Home, KNX-Systemen und intelligenter Gebäudetechnik. Aus dem Elektroinstallateur wurde ein Systemintegrator, der Photovoltaik, Wärmepumpe, Batteriespeicher, Wallbox und Gebäudesteuerung miteinander verbindet.
Energie soll möglichst dann genutzt werden, wenn sie verfügbar ist, das Haus im Hintergrund selbst reagieren. Thomas Gehre kann Stunden vor dem Laptop verbringen und genau daran Freude haben. Künstliche Intelligenz betrachtet er folgerichtig nicht als Bedrohung. Er nutzt selbst eine kostenpflichtige Anwendung, prüft technische Informationen und Quellen und sucht nach Möglichkeiten, Kundenprobleme schneller zu lösen. Wenn KI bestimmte Oberflächen programmieren oder Informationen liefern kann, soll sie das tun.
Für ihn ist entscheidend, zu verstehen, wo die Maschine hilft und wo Fachwissen weiterhin erforderlich ist.
Diese Offenheit für Neues verbindet sich bei ihm mit einer fast altmodischen Vorstellung vom Wert einer guten Ausbildung. Akademische und berufliche Bildung will er auf Augenhöhe sehen. Wer sagt, er habe studiert, bekommt von Thomas Gehre gern die Nachfrage, ob er auch abgeschlossen habe. Nicht um Akademiker kleinzumachen, sondern weil er den gesellschaftlichen Reflex stört, allein das Studium als Statussymbol zu behandeln.
Ein Meister habe ebenfalls gelernt, geprüft, Verantwortung übernommen und könne seine Qualifikation weiter ausbauen. Gleichwertigkeit bedeutet für Thomas Gehre ausdrücklich auch Gleichwertigkeit zwischen Männern und Frauen und Respekt gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen. Überhaupt ist ihm wichtig, dass jeder Beruf Wertschätzung erhält – vom Müllfahrer bis zum hochqualifizierten Spezialisten. Diese Haltung trägt er heute in einem Ehrenamt, das ihn weit über den eigenen Betrieb hinausführt.
Als Präsident der Handwerkskammer Hannover vertritt er rund 19.000 Betriebe mit mehr als 110.000 Beschäftigten und tausenden Auszubildenden. Er besucht Innungen und Mitgliederversammlungen, spricht mit Unternehmern, versucht Netzwerke aufzubauen und Nachwuchs fürs Ehrenamt zu gewinnen. Nicht, indem er jungen Handwerkern erzählt, wie großartig Ehrenamt abstrakt sei, sondern indem er auftaucht.
Sie sollen sehen, dass der Präsident kein unnahbarer Funktionär ist, sondern einer, der selbst von der Baustelle kommt und weiß, wie eine Rechnung, ein Kunde oder ein kaputter Schalter aussehen. Nachwuchsgewinnung funktioniert für ihn ohnehin zunehmend dort, wo junge Menschen tatsächlich sind: in Sportvereinen, bei Feuerwehren, bei Veranstaltungen und Wettbewerben. Gleichzeitig warnt er davor, sich von steigenden Ausbildungszahlen beruhigen zu lassen.
Fachkräfte fehlen nicht nur im Handwerk, sondern in fast allen Bereichen. Der demografische Wandel wird das Problem nicht von allein lösen. Thomas Gehre setzt deshalb auf Berufsorientierung, Zuwanderung, gute Ausbildung und ein gesellschaftliches Klima, in dem praktische Arbeit nicht als zweite Wahl gilt. Dass er selbst mit sechzig Jahren nicht nach Rückzug klingt, passt in dieses Bild. Im Gegenteil: Wenn er sieht, welche technischen Möglichkeiten entstehen, hätte er gern noch zwanzig oder dreißig zusätzliche Berufsjahre – natürlich, wie er scherzt, mit dem Wissen von heute.
Seine zweite große Leidenschaft hilft ihm vielleicht dabei, dieses Wissen gelegentlich einzuordnen. Seit 2001 fährt er regelmäßig in die Alpen, später kam das Klettern hinzu. Wenn die Gruppe auf dem Weg Richtung Kufstein in die Berge eintaucht, läuft im Auto klassische Musik. Früher verdrehten die Mitfahrer darüber die Augen, irgendwann baten sie selbst darum. Berge zeigen Thomas Gehre, wie klein ein Mensch ist. Beim Klettern lernt er, sich auf andere zu verlassen und ebenso, dass nicht jeder Mensch in jede Seilschaft passt. Vor einem Anstieg wirkt das Ziel manchmal weit weg. Dann geht man einfach los, schaut nach einigen Schritten zurück und merkt, dass man bereits Strecke gemacht hat.
Es ist schwer, darin nicht auch das Muster seines Lebens zu erkennen. 1989 steht Thomas Gehre nachts vor einer Wohnungstür in Nordhausen und weiß nicht, ob er Frau und Tochter je wiedersieht. Er geht trotzdem los. Zwei Tage später fällt die Mauer. Jahre später steht er vor der Frage, ob er sich ohne eigenes Kapital selbstständig machen soll. Er macht es.
Heute steht er an der Spitze einer Handwerkskammer und wirbt dafür, nicht ständig nur über das zu sprechen, was nicht funktioniert. Seine Großmutter hatte ihm einen Satz mitgegeben, den er bis heute befolgt: „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ Thomas Gehre hat das nie als Aufforderung verstanden, stehen zu bleiben. Eher so: Finde heraus, was du kannst. Und dann mach es richtig.