Tim Kreutzfeldt | Der Friseur, der seinen eigenen Weg schneidet

Tim Kreutzfeldt ist seit vier Jahrzehnten Friseur, seit 25 Jahren selbstständig und hat in seinem Berliner Salon mehr gehört als mancher Therapeut. Seine Geschichte handelt von Handwerk, Stil, Krisen, Identität – und von der ziemlich eleganten Frage, wie man auf Respektlosigkeit antwortet, wenn man gerade eine Schere in der Hand hält.

Folge 33 | 15. Februar 2025
Im Gespräch mit André Puchta

Die Kundin hatte Tim Kreutzfeldt homophob beleidigt. Ausgerechnet in seinem eigenen Salon, jenem Ort, den er als seinen „Safe Space“ beschreibt. Tim Kreutzfeldt war getroffen. Er ging kurz weg, atmete durch und überlegte, was nun die angemessene Reaktion sein könnte. Laut werden? Den Termin abbrechen? Die Frau sofort hinauswerfen? Er entschied sich anders.

„Ich mache ihr jetzt den allerallerschönsten Haarschnitt, den sie jemals voraussichtlich in ihrem Leben bekommen wird“, dachte er. Genau das tat er. Bezahlen musste die Kundin anschließend nicht. Dafür bekam sie eine andere Konsequenz mitgeteilt: Sie dürfe nie wiederkommen. Die Pointe gefällt Tim Kreutzfeldt bis heute. Seine einzige „Bestrafung“ bestand darin, der Frau einen großartigen Haarschnitt zu schenken, den sie später nicht bei ihm erneuern lassen konnte.

„Wenn der irgendwann mal rauswächst, denkt die: Mist, ich kann da einfach gar nicht mehr hingehen.“ Man muss einen Menschen vermutlich länger kennen, um beurteilen zu können, ob diese Geschichte seinen Charakter vollständig beschreibt. Für seinen Beruf verrät sie jedenfalls einiges. Tim Kreutzfeldt reagiert selten impulsiv mit der Schere. Erst wird geschaut, gesprochen, abgewogen. Dann geschnitten. Und selbst wenn ihm jemand gehörig gegen den Strich geht, soll am Ende wenigstens die Frisur sitzen.

Seit 1999 betreibt er seinen Salon im Berliner Friedrichshain.

Friseur ist er seit rund 40 Jahren. Damit gehört er zu jenen Menschen, denen ständig fremde Köpfe anvertraut werden und mit ihnen häufig auch ein beachtlicher Teil fremder Lebensgeschichten. Tim Kreutzfeldt weiß, was sich modisch verändert hat, welche Wünsche sich wiederholen und weshalb der Satz „nur die Spitzen“ beim Friseur gelegentlich eine ausgesprochen flexible Bedeutung besitzt.

Bei ungefähr der Hälfte der Kundschaft, schätzt er, steckt hinter dem vermeintlich kleinen Wunsch dann doch Lust auf Veränderung. Oder wie Loriot es sinngemäß formulierte: Hier ein bisschen weg, und schon sitzt alles anders. Dass Tim Kreutzfeldt einmal Friseur werden würde, war keineswegs vorgesehen. Sein erster Berufswunsch war Pfarrer.
Was ihn faszinierte, war weniger die Theologie als die Inszenierung.

Sonntags stand vorne einer, alle hörten zu, keiner redete dazwischen – und dazu gab es beeindruckende Gewänder. „Das will ich werden“, dachte der Junge. Parallel entwickelte sich eine zweite Leidenschaft: Pferde. Tim Kreutzfeldt ritt und beschäftigte sich dadurch früh mit Haaren, zunächst allerdings mit Mähne und Schweif. Pferdehaar, erklärt er, werde nicht einfach geschnitten. Die Mähne werde „verzogen“: Haare werden mit einem Kamm eingedreht und herausgezupft, weil abgeschnittene Pferdehaare sonst „abstehen wie ein Besen“.

Später kam die Punk- und Grufti-Szene hinzu.

Tim Kreutzfeldt begann, seinen Freunden die Haare zu machen. Aus Ausprobieren wurde Können, aus Können der Gedanke, dass darin vielleicht ein Beruf stecken könnte. Seine Familie hatte andere Vorstellungen. Baustoffkaufmann oder Tischler wären naheliegender gewesen, auch mit Blick auf den Familienbetrieb. Tim Kreutzfeldt ging zur Berufsberatung.

Dort wurden ihm unter anderem Stuckateur und Friseur vorgeschlagen. Er bekam drei Adressen von Friseursalons und betrieb seine eigene Form der Marktanalyse: Er stellte sich auf die jeweils andere Straßenseite, betrachtete die Läden und entschied sich für denjenigen, der am modernsten aussah. So begann die Ausbildung. Wer Friseurhandwerk auf Föhnen, Schneiden und freundliches Plaudern reduziert, unterschätzt den Beruf.

Tim Kreutzfeldt spricht über Chemie und Mathematik, über Mischungsverhältnisse bei Farben und Winkel beim Herausziehen von Haarpartien. Wer sauber schneidet, arbeitet geometrisch. Wer färbt, braucht chemisches Verständnis. Der sichtbare Teil des Berufs ist Kreativität. Darunter liegt Handwerk. Das zeigt sich besonders dann, wenn Kunden Bilder mitbringen. Brad Pitt zum Beispiel. Tim Kreutzfeldt hat nichts dagegen.

Ein Promifoto ist zunächst eine Inspiration.

Die meisten Menschen wüssten schließlich selbst, dass ein Friseur das Gesicht nicht gleich mit austauscht. Entscheidend sei, ob die vorhandenen Haare das gewünschte Ergebnis überhaupt zulassen. Besonders optimistisch seien dabei gelegentlich Männer, die oben kaum noch Haare hätten und trotzdem mit aufwendigen Frisurenfotos vor ihm säßen. Tim Kreutzfeldt wundert sich dann über die Diskrepanz zwischen Wunsch und Material. „Wo nichts ist, kannst du ja auch nichts machen.“

Das Thema kennt er selbst. Mit 16 bekam Tim Kreutzfeldt Geheimratsecken. Für einen angehenden Grufti-Punk war das nach Einschätzung seiner Freunde beinahe ein soziales Problem. In dieser Szene gehörten Haare damals schließlich zum Erscheinungsbild. Später rasierte Tim Kreutzfeldt sie ab. Heute trägt er ein Haarteil. Im Gespräch erwähnt er das so selbstverständlich, dass die Überraschung auf der anderen Seite größer ausfällt als bei ihm.

Genau darin steckt ein interessanter Unterschied zu vielen Diskussionen über Haarausfall: Für Tim Kreutzfeldt ist ein Haarteil weder Geheimnis noch Makel. Wer seinen „letzten Rest“ retten wolle, könne es einfach wie er machen. Vielleicht kommt diese Gelassenheit auch aus vier Jahrzehnten Arbeit mit menschlicher Eitelkeit. Haare sind für viele Menschen wichtiger, als sie zugeben würden. Sie bedeuten Jugend, Identität, Zugehörigkeit, manchmal einen Neuanfang.

Tim Kreutzfeldt kennt die Bilder, mit denen Menschen in seinen Salon kommen, und die Hoffnung, die darin steckt.

Nicht jedes Bild hilft. Mit der Verbreitung künstlich erzeugter oder stark bearbeiteter Fotos tauchen inzwischen Vorlagen auf, deren Frisuren mit realem Haar kaum umzusetzen sind. Tim Kreutzfeldt berichtet von Kundinnen und Kunden, die mit KI-Bildern in den Salon kommen. Besonders häufig zeigten diese perfekt inszenierte Personen mit Haarstrukturen, die wenig mit dem Haar der Person auf dem Stuhl zu tun hätten. Dann beginnt die eigentliche Beratung.

Nicht: Nein, geht nicht. Sondern: Was genau gefällt dir an diesem Bild? Welche Form? Welche Bewegung? Welche Farbe? Was davon lässt sich auf deinen Kopf übersetzen? Zu seinem Beruf gehört deshalb auch, Erwartungen zu begrenzen, ohne Menschen kleinzumachen. Ein Berliner Phänomen kann Tim Kreutzfeldt dagegen problemlos bedienen: den „Keta-Pony“. Gemeint ist ein sehr kurzer Pony, der weit in die Seiten läuft, während Partien Richtung Ohr oder Oberkopf teilweise abrasiert werden.

Bei einem Branchengespräch stellte Tim Kreutzfeldt fest, dass Kolleginnen und Kollegen außerhalb Berlins mit dem Begriff teilweise wenig anfangen konnten. Für ihn ist der Schnitt stark mit Friedrichshain und der Berliner Szene verbunden. Andere Trends könnte er eher verabschieden. Nicht unbedingt einen Schnitt, sondern die Dominanz der Balayage.

Seit Jahren werden bei dieser Färbetechnik Längen und Spitzen heller gestaltet, Ansätze bleiben dunkler.

Weil die Technik besonders bei langen, weitgehend gleichmäßigen Haaren funktioniert, sieht Tim Kreutzfeldt darin einen Grund dafür, dass viele Frauen über Jahre ähnliche Frisuren tragen. Ein bisschen mehr Experimentierlust bei Frauen um die 30 würde ihn nicht stören. Sein eigener Salon trägt den Namen „Ponyclub“. Und wer dort einen Pony schneiden lässt, darf erwarten, dass Tim Kreutzfeldt diesen Teil seines Handwerks ernst nimmt. Der Pony müsse sitzen, sagt er.

Schließlich kämen manche Menschen ausdrücklich nur deshalb zu ihm. Reden müssen sie dabei nicht. Der sogenannte „Silent Cut“ ist in Teilen der Branche zum Thema geworden. Manche Salons lassen Kunden sogar per Karte entscheiden: Gespräch oder Ruhe. Tim Kreutzfeldt hält das für völlig legitim. Das Friseurklischee vom pausenlosen Smalltalk geht ihm ohnehin zu weit.

Er schnackt gern, wie er sagt. Aber ab einem bestimmten Moment möchte er sich auf die Arbeit konzentrieren. Ein Friseur müsse erst lernen, gleichzeitig zuzuhören und präzise zu schneiden. Jungen Kolleginnen und Kollegen rät er deshalb durchaus: „Bitte erstmal den Mund halten“ und den Haarschnitt beherrschen. Denn die Gespräche können anspruchsvoll genug werden. Im Salon erfährt Tim Kreutzfeldt Geschichten, die andere Menschen vermutlich nie hören. Eine davon hat er bis heute nicht vergessen.

Ein Kunde erzählte ihm von einer älteren Nachbarin in Kreuzberg, die plötzlich verschwunden war.

In ihrer Wohnung gingen anschließend Punks ein und aus. Später seien diese verhaftet worden. Nach der Erzählung des Kunden hätten sie die Frau getötet, ihren Körper in das Sofa eingenäht und die Couch anschließend auf die Straße gestellt. Die Tote sei später nie gefunden worden, weil das Möbelstück entsorgt worden sei. Tim Kreutzfeldt erzählt diese Geschichte noch Jahre später mit erkennbarem Unbehagen.

Nicht alles, was Menschen im Friseurstuhl offenbaren, möchte man unbedingt wissen. Der Satz, Friseure seien halbe Psychologen, gefällt ihm trotzdem nur bedingt. Er versteht darunter weniger, dass er permanent Lebensberatung geben müsse. Erfahrung mache ihn vielmehr gut darin, Menschen zu lesen. Wer seit Jahrzehnten Kundinnen und Kunden beobachtet, erkennt schnell, ob jemand nervös, anspruchsvoll, skeptisch oder mit unrealistischen Erwartungen gekommen ist.

Manchmal fragt eine Neukundin, die aufgrund einer Empfehlung gekommen ist, ob Tim Kreutzfeldt überhaupt noch gut Haare schneiden könne. Dann denkt er sich seinen Teil. Schließlich habe er sie nicht angerufen und gebeten, sich bei ihm auf den Stuhl zu setzen. Der Salon ist für ihn längst mehr als Arbeitsplatz. Nach 25 Jahren nennt er ihn sein Lebenswerk. Wie fragil ein solches Lebenswerk sein kann, erfuhr er im Frühjahr 2020.

Mit der Corona-Pandemie mussten Friseursalons schließen.

Tim Kreutzfeldt beschäftigte damals nach eigener Erinnerung ungefähr zehn Mitarbeiter. Der Umsatz brach weg, Fixkosten und Verpflichtungen liefen weiter. Er machte die finanzielle Lage seines Betriebs öffentlich, Stammkunden unterstützten ihn. Während andere im Lockdown neue Hobbys entdeckten, tat Tim Kreutzfeldt etwas, das gleichzeitig absurd und vollkommen nachvollziehbar klingt: Er ging jeden Morgen in seinen geschlossenen Salon.

Acht Stunden saß oder arbeitete er dort. Kunden gab es keine. Also frisierte er Puppenköpfe, verschickte Haarpflegeprodukte und brachte Bestellungen persönlich kontaktlos zu Kunden in Friedrichshain. „Ich habe keinen Yogakursus gemacht, auch keinen Online-Kochkursus“, sagt er. Stattdessen fing er an, Kaffee zu trinken. Normalerweise trank Tim Kreutzfeldt keinen. In der Pandemie hielt ihn das Getränk zusätzlich auf „180“.

Morgens gegen sechs sei er teilweise „wie von der Tarantel gestochen“ aufgewacht, mit dem Gefühl, sofort in den Salon zu müssen, obwohl dort eigentlich niemand sein durfte. Die Krise hinterließ Spuren. Ein zweiter Lockdown folgte, staatliche Hilfen waren kompliziert, Tim Kreutzfeldt nahm schließlich einen Corona-Kredit auf, den er noch Jahre später zurückzahlen musste. Aus dem großen Team wurde ein deutlich kleinerer Betrieb.

Was sich ebenfalls verändert hat, ist der Arbeitsmarkt.

Viele junge Friseurinnen und Friseure absolvieren schnell die Meisterschule und machen sich anschließend selbstständig oder mieten einen Stuhl in einem bestehenden Salon. Erfahrene Gesellen zu finden, sei dadurch schwieriger geworden. Tim Kreutzfeldt hat erlebt, wie sich sein Beruf gewandelt hat: bei Ausbildung, Kundenerwartungen, Selbstständigkeit, sozialen Medien und Schönheitsbildern.

Gleich geblieben ist für ihn offenbar ein Grundsatz: Kommunikation ist Teil des Handwerks. Nach dem Beratungsgespräch und dem Haarewaschen wiederholt er deshalb noch einmal, was vereinbart wurde. Diese Routine hat er sich über Jahrzehnte angewöhnt. So lässt sich überprüfen, ob beide tatsächlich dasselbe verstanden haben. Wenn Tim Kreutzfeldt merkt, dass jemand mit dem Ergebnis nicht glücklich ist, verzichtet er im Zweifel zunächst auf die Bezahlung.

Die Person solle zu Hause prüfen, wie sie sich mit dem Haarschnitt fühlt, und später wiederkommen. Vertrauen ist ihm wichtiger als eine Diskussion an der Kasse. Neben dem Salon besitzt Tim Kreutzfeldt noch eine zweite kreative Welt. Sein Drag-Charakter heißt Gulasch. Der Name passt schon deshalb, weil Tim Kreutzfeldt keine klassische Beauty Queen darstellen möchte. Gulasch sei eher punkig.

Während der Pandemie schaute er eine Drag-Show und beobachtete, wie Teilnehmer ihre Kostüme selbst nähten.

So wie andere nach einer Kochsendung plötzlich Rezepte ausprobieren, kaufte Tim Kreutzfeldt Tüll und begann zu nähen. Inzwischen besitzt er eine Nähmaschine und arbeitet immer wieder an neuen Outfits. Vom Kind, das Pfarrer werden wollte, über Punkfrisuren und Pferdemähnen bis zum Friseurmeister mit Drag-Figur ist das eine Laufbahn, die sich vermutlich keine Berufsberatung ausgedacht hätte.

Tim Kreutzfeldt möchte seinen Salon weiterführen, solange Kraft und Gesundheit es erlauben. Er wünscht sich Zufriedenheit, eine gute Ehe und mehr Zeit für sich selbst. In seinem Beruf hat er über Jahrzehnte daran gearbeitet, wie andere Menschen aussehen, wenn sie in den Spiegel schauen. Vielleicht ist der letzte Wunsch deshalb der interessanteste.

Denn ausgerechnet einer, der ständig fragt, was zu anderen passt, möchte künftig häufiger darauf achten, was ihm selbst guttut. Und wenn doch wieder jemand seinen Safe Space mit Respektlosigkeit betritt, dürfte zumindest eines sicher sein: Ein schlechter Haarschnitt wird daraus nicht.

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