
Wolfgang Leikermoser | Mit diesem Leiki klappt das nicht
Drei Stunden lang spricht Wolfgang „Leiki“ Leikermoser Texte ein. Satz für Satz, Tonfall für Tonfall, möglichst viel Material für eine künstliche Version seiner selbst. Die Aufnahmen gehen nach England, dort soll eine KI daraus einen digitalen Wolfgang Leikermoser bauen, einen Moderator, der im Idealfall genauso klingt wie das Original. Zwei Wochen später kommt die Rückmeldung der Entwickler: Mit anderen Stimmen habe das funktioniert, „aber mit diesem Leiki klappt das nicht“. Melodie, Modulation, Spontaneität – irgendetwas an diesem Mann widersetzt sich der Maschine.
Folge 134 | 20. September 2026
Im Gespräch mit André Puchta
Für jemanden, der seit fast vier Jahrzehnten davon lebt, morgens echt zu klingen, ist das eine ziemlich schöne Pointe. Wolfgang Leikermoser selbst zweifelt ohnehin daran, dass sein Publikum auf einen synthetischen Ersatz hereinfallen würde. Menschen hörten nicht nur eine Stimme, sagt er, sie spürten irgendwann, wer dahintersteckt. Und dazu hatten sie reichlich Gelegenheit. Seit August 1988 ist er bei Antenne Bayern, seit Jahrzehnten gehört er zur Morgensendung, seit 35 Jahren wacht er nach eigener Aussage um 3.30 Uhr auf und steht gegen 4.10 Uhr im Studio.

Ausschlafen hat er auf seiner offiziellen Wunschliste gleich mehrfach notiert, doch selbst nach drei oder vier freien Tagen wacht sein Körper weiterhin pünktlich zu jener Uhrzeit auf, zu der andere Menschen höchstens kurz auf die Toilette gehen. Das frühe Aufstehen sei dabei gar nicht das größte Problem. Schwieriger ist es, im Sommer schlafen zu gehen, wenn draußen noch das Leben stattfindet, Freunde im Garten sitzen und die Sonne scheint. Im Winter wiederum nagt der monatelange Lichtmangel.
Trotzdem klingt Wolfgang Leikermoser morgens nicht wie ein Mann, der sein Schicksal mit einem Radiowecker ausdiskutieren möchte. Er bezeichnet sich als „naturprall“, als jemand, der diese Energie offenbar von Haus aus mitbekommen hat. Seine Mutter erzählte ihm einmal, er sei gegen 4.20 Uhr geboren worden. Selbst sein Eintritt ins Leben lag damit auffällig nahe an seiner späteren Dienstzeit.
Dass ausgerechnet dieser Beruf aus ihm werden würde, war alles andere als vorgezeichnet.
Wolfgang Leikermoser wächst in Viehhausen bei Salzburg auf, damals ein Ort mit fünf Bauernhöfen, Feldern, Wiesen und viel Grün. Er nennt ihn den „Weltkuhort“. Im Frühjahr sei er einer der ersten Kinder gewesen, die draußen spielten, im Herbst einer der letzten, die barfuß wieder ins Haus kamen. Türen waren nicht abgeschlossen, man wusste, was die Mutter des Schulfreundes im Kühlschrank hatte, kannte die Kartoffeln des Nachbarn und musste niemandem erklären, woher Milch kommt. „Das Dorf hat die Kinder erzogen“, sagt er.
Für ihn war es ein Paradies, aus dem er vor allem Bodenständigkeit mitgenommen hat. Gleichzeitig suchte er schon früh die Bühne. Ein Kochlöffel wurde auf Kindergeburtstagen zum Mikrofon, mit zehn meldete er sich aus eigenem Antrieb bei den Salzburger Domkapellknaben und sang Kirchenrepertoire auf der Kanzel, bis der Stimmbruch diese Karriere beendete. Mit zwölf verdiente er bei den Salzburger Festspielen als Statist sein erstes eigenes Geld, später spielte er an einem kleinen Salzburger Kellertheater, unter anderem gemeinsam mit Harald Krassnitzer, arbeitete als Double und kurzzeitig als Stuntman.
Schauspiel hätte sein Weg werden können, doch Wolfgang Leikermoser merkte früh, dass er dafür nach eigener Einschätzung bereits zu viel eigene Persönlichkeit mitbrachte. Gute Schauspieler seien wie eine weiße Leinwand, auf die sich alles zeichnen lasse. Auf seiner Leinwand waren offenbar schon zu viele Farben. Auch eine Tanzkarriere endete bemerkenswert schnell. Mit dreizehn besucht er mit Schulfreundinnen eine Veranstaltung in Salzburg, entdeckt dort einen Disco-Tanzwettbewerb und lässt sich mit dem Satz provozieren, das traue er sich ohnehin nicht. Wolfgang Leikermoser geht auf die Bühne, tanzt allein und gewinnt.
Ein Juror schickt ihn zur nächsten Runde nach Wien.
Zwei Wochen später sitzt der Jugendliche im Zug, ohne seinen Eltern sonderlich detailliert erklärt zu haben, was er eigentlich vorhat. In einem angesagten Club tanzt er erneut, bis irgendwann jemand nach seinem Alter fragt. Vierzehn. Teilnahme erlaubt ab sechzehn. Damit endet, wie er sagt, seine „John-Travolta-Karriere für Arme“, immerhin als inoffizieller österreichischer Meister. Ein Muster ist bereits erkennbar: Erst machen, danach schauen, ob es überhaupt erlaubt oder vernünftig war. Diese Haltung führt ihn später auch zum Radio. Seine Schullaufbahn „fadete aus“, wie Wolfgang Leikermoser es formuliert.
Ein Freund der Familie, der unter anderem für Udo Jürgens geschrieben hatte, macht ihn auf die neuen privaten Radiosender in Deutschland aufmerksam. Wolfgang Leikermoser fährt mit dem Motorrad nach München, taucht an einem Samstagvormittag unangemeldet bei einem Sender auf und fragt, ob er mitarbeiten könne. Man schickt ihn nach oben, drückt ihm eine Kassette in die Hand, links und rechts stehen Plattenspieler, und er soll ein Demo aufnehmen. Seine Forderung ist ebenso selbstbewusst wie praktisch: Man müsse ihm sofort sagen, ob er Chancen habe, denn am nächsten Tag fahre er für drei Wochen nach Griechenland.
Die Antwort lautet sinngemäß: große Klappe, wir melden uns. Wolfgang Leikermoser fährt tatsächlich los. Irgendwann ruft er von unterwegs seine Mutter an und fragt, ob jemand angerufen habe. Ein Radiosender suche ihn. Er setzt sich wieder aufs Motorrad und fährt nach Nürnberg, um dort eine Station mit aufzubauen. „Goldgräberstimmung“ nennt er diese Jahre. Viele Beteiligte waren Autodidakten und mussten erst herausfinden, wie Privatradio überhaupt funktioniert. Wolfgang Leikermoser betrachtet genau das bis heute als Glück. Radiomachen lernte er nicht in erster Linie aus Lehrbüchern, sondern am Mikrofon.
Dabei entstand eine Vorstellung vom Medium, die er fast vier Jahrzehnte später energisch verteidigt:
Radio muss informieren und unterhalten, darf aber nie vergessen, dass auf beiden Seiten Menschen sitzen. Schon vor mehr als 25 Jahren provozierte er bei einer Mediendiskussion mit der Behauptung, klassisches „Beitragsradio“ sei tot – jene Form, bei der der Moderator einen vorbereiteten Text ansagt, einen Knopf drückt und anschließend mit dem Beitrag nichts mehr zu tun hat. Damals erntete er heftigen Widerspruch. Heute sieht er sich bestätigt.
Das Radio seiner Anfangsjahre vergleicht er mit einem Buch: Fünf Menschen hörten dieselbe Geschichte und stellten sie sich auf fünf unterschiedliche Arten vor. Das Medium hatte keine Bilder, kein Beweisvideo, kein Social-Media-Snippet. Gerade daraus entstand für ihn Magie. Heute muss Radio oft gleichzeitig TikTok, Fernsehen und Livestream sein. Trotzdem hält er den Kern für unverändert. Sobald der Regler oben ist, ist alles echt: Versprecher, Lacher und Tränen. Diese Unmittelbarkeit hält Wolfgang Leikermoser gerade in einer Zeit von Deepfakes, künstlich erzeugten Inhalten und permanentem Misstrauen für einen besonderen Wert. Dass ein Moderator persönliche Gefühle zeigt, wäre zu Beginn seiner Karriere noch verpönt gewesen. Heute erwartet das Publikum genau diese Nähe.
Wolfgang Leikermoser hat erlebt, wie stark sie sein kann. Beim Fall der Berliner Mauer verfolgt er im Studio die Bilder auf einem Monitor. Die Familie seiner Mutter stammt aus Leipzig, als Kind hatte er Pakete in die DDR geschickt. Als er erkennt, was gerade geschieht, kommen ihm live die Tränen. Er sagt den Hörern offen, dass er nicht weitersprechen kann, ohne seine Gefühle zu zeigen. Jahrzehnte später, kurz vor der Verleihung des Deutschen Radiopreises 2017, stirbt sein Vater. In einem seiner letzten wachen Momente hatte der an Alzheimer erkrankte Mann seinen Sohn gefragt: „Mögen dich die Leute noch?“
Als Wolfgang Leikermoser wenig später ausgezeichnet wird, steht er auf der Bühne und denkt genau an diese Frage.
Nichts davon war vorbereitet. Es musste heraus. Sein Vater hatte selbst eine Geschichte hinter sich, die in der Leichtigkeit des Sohnes zunächst kaum zu erkennen ist. Als Bauernsohn groß geworden, gehörte er als Jugendlicher zum letzten Aufgebot der Nationalsozialisten, wurde mit sechzehn zwangsrekrutiert, auf ein Kriegsschiff versetzt und erlebte, wie dieses auf der ersten Feindfahrt versenkt wurde. Freunde starben, er geriet in Gefangenschaft und floh nach Wolfgang Leikermosers Schilderung aus Heimweh, um sich zu Fuß wieder Richtung Salzburg durchzuschlagen.
Später entschied er sich bewusst gegen die Landwirtschaft, baute eine Immobilienfirma mit auf und fuhr selbst im hohen Alter noch mit seinem Sohn schwarze Skipisten. Von seinen Eltern übernimmt Wolfgang Leikermoser sehr unterschiedliche Dinge: von seiner Mutter Wortwitz und Humor, vom Vater Tatendrang und Beharrlichkeit. Hinzu kommt eine Erziehung, die er rückblickend als beinahe altmodisch streng beschreibt. Eine italienische Großtante und eine Urgroßmutter mit aristokratischem Hintergrund brachten ihm Handkuss, Tischmanieren und das Tür-Aufhalten bei.
Diese alte Schule habe ihm im Umgang mit Menschen geholfen. Gerade bei prominenten Gästen erlebt er, dass die vermeintlich Schwierigen oft die angenehmsten sind. Herbert Grönemeyer bleibt bei einem Interview so lange sitzen, bis sein Manager daran erinnern muss, dass das Flugzeug wartet. Reinhold Messner reagiert auf eine provokante Frage mit Selbstironie. Bei Mariah Carey dagegen erscheint zwei Tage vor dem Interview die Security, um den Weg ins Studio zu prüfen.
Der vorhandene Lastenaufzug sei unter ihrem Niveau, Treppen nehme „Miss Carey“ ebenfalls nicht. Also wird der Aufzug mit Teppich, Blumen und Spiegeln dekoriert. Radiogeschichte kann erstaunlich viel Innenausbau erfordern. Wolfgang Leikermoser selbst sucht seine Abenteuer lieber außerhalb des Studios. Er fuhr mit dem Tretboot durch Bayern, putzte Fenster am Olympiaturm, verbrachte eisige Nächte draußen und übernachtete erst kürzlich in einer Steilwand in den Allgäuer Alpen. Warum? „Ich möchte mir nie vorwerfen: Hätte ich doch.“ Einmal müsse man Dinge ausprobieren, um anschließend guten Gewissens sagen zu können, dass man sie kein zweites Mal brauche.
Altersgrenzen akzeptiert er dabei nur widerwillig.
Die Rubrik „Langeweile“ existiert in seinem Leben nicht, ein Tag hat ihm eher zu wenig Stunden. Passend dazu beschreibt er sich als Hütehund, der ständig um die Herde läuft, schaut, ob irgendwo ein Wolf auftaucht, und versucht, alle zusammenzuhalten. Genau darin steckt auch sein Verständnis von Morgensendung. Wenn er am Mischpult steht, sei er der Kapitän des Schiffes. Persönliche Befindlichkeiten bleiben grundsätzlich draußen, zugleich muss ein guter Moderator erkennen, wann Professionalität gerade bedeutet, nichts zu sagen.
„Die besten Moderatoren zeichnen sich in dem Moment aus, in dem sie genau wissen: Jetzt halte ich die Klappe.“ Nach fast vier Jahrzehnten hält er Routine deshalb sogar für gefährlich. Wer glaubt, etwas schon hundertmal gemacht zu haben und könne nicht mehr überrascht werden, habe in diesem Moment verloren. Lampenfieber will er sich bewahren, weil es die Konzentration schärft und aus hundert Prozent noch einmal zusätzliche Reserven herausholt. Prominent werden wollte er dagegen nie.
Nach zwei Jahren Lokalfernsehen hörte er auf, weil ihm die Sichtbarkeit eher lästig war. Radio gibt ihm bis heute mehr Freiheit. Menschen erkennen seine Stimme an der Supermarktkasse oder im Wirtshaus, doch er kann weitgehend derselbe Mensch bleiben, der morgens um 3.30 Uhr aufsteht, Kaffee braucht und sich über einen guten Arbeitstag freut. Sein Begriff dafür ist Loyalität. „Never change a winning team“, sagt er über Antenne Bayern. Er habe dort Menschen um sich, „die kann man sich nicht schnitzen“, und versteht seinen Vertrag fast wie ein Versprechen für gute und schlechte Zeiten.
Die Vorstellung, ihn irgendwann in der Horizontalen aus dem Studio tragen zu müssen, kursiert im Sender längst als Scherz. Bis dahin möchte er offenbar weiter ausprobieren, senden, reisen und morgens Bayern wecken. Nur die Maschine, die das eines Tages übernehmen soll, braucht noch etwas Entwicklungszeit. Drei Stunden Sprachmaterial haben jedenfalls nicht gereicht. Nach zwei Wochen Forschung blieb in England vorerst nur die Erkenntnis: Mit diesem Leiki klappt das nicht. Für Wolfgang Leikermoser dürfte es kaum ein schöneres technisches Kompliment geben.